Drei Frauen: Georges Simenon. Rez.: Peter Kaiser

Peter Kaiser
Bis jetzt alles falsch gemacht

 

Drei Frauen
Georges Simenon

Ausgewählte Romane Band 41
Aus dem Französischen: Linde Birk
Titel und Erscheinungsjahr der Originalausgabe:
„La vieille“, 1959
Zürich: Diogenes, Neuauflage Mai 2013. 198 S.
ISBN 978-3-257-24141-9

„Es war noch zu früh, um alles zu rekonstruieren, alles zu verstehen, eines jedoch war schon jetzt Gewissheit: Juliette Viou war gefährlich.“ Schon bald nachdem ihre Großmama Juliette unter dubiosen Umständen bei ihr eingezogen war, war Sophie Émel zu dieser Erkenntnis gelangt. Aber was konnte eine alte Frau, die sie selbst als Verwandte vor langer Zeit nicht einmal richtig wahrgenommen hatte, dem Leben, dass Sophie sich eingerichtet hatte, anhaben? Sie, eine bekannte und reiche Autorennfahrerin sowie Fallschirmspringerin? Und doch geriet ihr Leben plötzlich aus den Fugen; es schien mehr Gemeinsamkeiten zwischen ihnen zu geben als die Sucht nach Alkohol, wie ihre Großmutter angedeutet hatte. War es die Beziehungsunfähigkeit, die Sophie sich mit gestrandeten Mädchen umgeben ließ und Juliette die Männer wechseln? Oder war es nicht vielmehr das Gefühl der Entfremdung zur Umwelt, das im folgenden Satz der Großmutter über ihre sogenannte erste große Liebe gipfelte: „Ich entdeckte, dass ich einen Fremden neben mir hatte und dass ich mit einem Fremden leben würde.“ Jedenfalls hatten sie beide in ihrem Leben immer alles getan, was man (frau) nicht tun soll, „…alles wovor man uns immer warnt.“

Sätze wie diese, waren es, die die radikal lebende Sophie zuerst mit ihrer Gespielin Lélia brechen, und sie selbst schließlich zu etwas Schrecklichem hinreißen ließen, und das nur um den Kampf mit der Alten zu gewinnen. Theodor Adornos Sentenz „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ mag einem dazu vielleicht noch einfallen…
Simenons reiner Frauenroman: Intim, schonungslos, alkoholgeschwängert und ein Zeugnis von seiner famosen Kenntnis weiblicher Kriegsführung.
Warum Linde Birk den Originaltitel (La vieille – Die Alte) in „Drei Frauen“ geändert hat, bleibt ein Rätsel.

LitGes, April 2013

 
Sonntag: Georges Simenon. Rez.: Peter Kaiser

Peter Kaiser
Arsen und Tintenfisch

 

Sonntag
Georges Simenon

Ausgewählte Romane Band 40
Aus dem Französischen: Hansjürgen Wille & Barbara Klau
Titel und Erscheinungsjahr der Originalausgabe:
„Dimanche“, 1959
Zürich: Diogenes, Neuauflage April 2013. 177 S.
ISBN 978-3-257-24140-2

„La Bastide“, hieß das an der Côte gelegene Terrassenrestaurant – und wie ein typisches Landgasthaus in der Provence sah es auch aus. Roter Fliesenboden, von Ziegel eingefasste Fenster, ockergelbe Mauern und bauchige Keramikvasen. Seit mehreren Jahren – genauer seit Émiles Heirat mit Berthe - tobte ein stiller wie erbitterter Kampf um dieses inzwischen ertragreich gewordenes Restaurant.

Beide stammten sie aus Wirts- und Viehhändlerfamilien aus der Vendée, aber Émile war es schließlich gewesen, der nach Lehrjahren als Koch in Paris das Lokal auf Vordermann gebracht hatte. Die Heirat, so sein immer gewisser werdende Verdacht, war von Berthe und ihrer Mutter, von seiner Einstellung als Koch weg und damit von langer Hand, geplant gewesen. Sie hatten ihn gekauft, davon war er bald überzeugt. Seine amourösen Abenteuer machten die Sache nicht einfacher, und als er schließlich ein Verhältnis mit dem animalischen Dienstmädchen Ada begann, beschloss er die scheinbar ausweglose Situation auf seine Art zu lösen.

„Bisweilen fragte er sich mit einem Stolz, der ihm berechtigt erschien, ob je ein Mensch einen Mord so nüchtern und minutiös vorbereitet hatte, wie er es tat.“

Simenon schrieb mit „Dimanche“ einen Psychothriller im klassischen Sinn. Er verzichtet auf tiefer gehende Psychologisierung der Figuren. Berthe, an der Côte eine Fremde geblieben, überwacht ihren Mann, dieser fühlt sich bedenklich oft von ihr an seine misstrauische Mutter erinnert, übt sich in Ausbruchsversuchen. Doch eines wollen beide nicht: „La Basitde“ aufgeben und so entbrennt ein Kampf auf Leben und Tod, dessen Ende eine böse Überraschung bereit hält.

LitGes, März 2013

 
Der Präsident: Georges Simenon. Rez.: Peter Kaiser

Peter Kaiser
Intime Memoiren

 

Der Präsident
Georges Simenon

Ausgewählte Romane Band 39
Aus dem Französischen: Renate Nickel
Titel und Erscheinungsjahr der Originalausgabe:
„Le président“, 1957
Zürich: Diogenes, Neuauflage Feber 2013.
177 S.
ISBN 978-3-257-24139-6

„Dieses Werk, das geheimste von allen, das nur ihn anging, hätte er gerne vollendet, bevor er starb, denn er wollte nichts im Dunkeln lassen, alles gründlich geprüft haben.“

Der 1903 in Lüttich (Belgien) geborene Georges Simenon schreibt diese Zeilen in der Vaud, im Herbst 1957, also im Alter von vierundfünfzig Jahren. „Der Präsident“ ist ein Kammerspiel, welches sich auf zwei Örtlichkeiten konzentriert: auf einen umgebauten Bauernhof, den Altersitz des ehemaligen Politikers, Diplomaten und Ministerpräsidenten Frankreichs. Eine Figur, deren Geschichte Ähnlichkeiten mit der von Charles de Gaulle aufweist. Der zweite Handlungsort ist ein innerer: die Erinnerungen des über Achtzigjährigen. Die handelnden Personen: Eine Krankenpflegerin (Madame Blanche), ein Diener und Chauffeur (Émile), eine Sekretärin (Madame Milleran), eine Köchin (Gabrielle), drei Doktoren, drei Polizisten und – die Geister der Vergangenheit. Zwei von diesen aus der Kindheit, viele aus der Politik, Staatsmänner. Allen voran Philippe Chalamont, der ehemalige Sekretär und politische Wegbegleiter des Präsidenten. Eine sogenannte Staatskrise scheint Chalamont (André Malraux?) den Weg zur Spitze zu ebnen. Doch der alte Präsident ist im Besitz eines kompromittierenden Dokuments, das diesen vernichten könnte.

„Der Präsident“ ist auch eine Meditation über die Macht und eine über das Alter oder einfacher gesagt, eine über die Vergänglichkeit. Sie enthält einige der schönsten Sätze über die Abwendung vom Diesseitigen, über die Eitelkeit der Mächtigen und ihre kindischen Empfindlichkeiten und nicht zuletzt über den Verlust der Würde, wenn der eigene Körper zu entgleiten beginnt. Sie zeigt den letzten Versuch eines alten, einstmals wichtigen Mannes, Ordnung in sein Gelebtes zu bringen, Verantwortung zu übernehmen und vor dieser Bestehen zu können.
„Eine sanfte Loslösung, die ihn so erleichtert hatte, dass er am liebsten wie ein Kind, das einen roten Luftballon aufsteigen sieht, sein entzücktes „Oh!“ ausgerufen hätte."

LitGes, Februar 2013

 
Der Buchhändler von Archangelsk: Georges Simenon. Rez.: Peter Kaiser

Peter Kaiser
Von der Unmöglichkeit des Ankommens

 

Der Buchhändler von Archangelsk
Georges Simenon

Ausgewählte Romane: Band 38
Aus dem Französischen: Alfred Kuoni
Titel und Erscheinungsjahr der Originalausgabe:
„Le petit homme d'Arkhangelsk“, 1956
Zürich: Diogenes Verlag, Neuauflage Dezember 2012. 206 S.
ISBN 978-3-25724138-9

„Sie ist nach Bourges gefahren.“ Jonas Milk ist sich selber nicht ganz klar, warum er diesen Satz eigentlich zur Rechtfertigung seiner ausgebüchsten Frau Gina Fernand Le Bouc, dem Wirt seines Stammcafés, sagt. Er spürt nur im selben Moment, dass es ein nicht wieder gut zu machender Fehler ist. Ein Lüge, die weitere nach sich ziehen wird, bis ein Netz aus Halbwahrheiten und Erklärungen entstanden ist, in dem er sich selbst verheddern wird.

Jonas Milk kam als Zweijähriger mit einer Welle von Emigranten im Zuge der russischen Revolution nach Frankreich. Seine drei Schwestern, darunter die in vager Erinnerung bewahrte und geliebte Dussja, blieben durch die Kriegswirren in Moskau zurück. Seine Mutter und sein Vater, die sich in einer Kleinstadt in der Provinz Berry nahe Bourges ein Fischgeschäft aufgebaut haben, kehrten einer nach dem anderen in die neu entstandene Sowjetunion zurück – und blieben verschollen.

Jonas Milk, oder Monsieur Jonas, wie er von den Bewohnern des Städtchens genannt wird, lernt Buchhändler in Paris, um sich später nahe dem Fischgeschäft des verschwundenen Vaters ein Antiquariat einzurichten. Seinen Unterhalt finanziert er aber mit seinem spezialisierten Briefmarkenhandel. Der rotblonde Jude ist angepasst und von der einheimischen Bevölkerung akzeptiert. Er führt an der Place du Vieux-Marché das geregelte und geordnete Leben eines Junggesellen, bis er auf Anraten der Gemüsehändlerin deren Tochter Gina, als Haushälterin nimmt und diese schließlich heiratet. Die Bewohner des Marktplatzes atmen auf, als das triebhafte Mädchen unter der Haube ist. Milk beginnt sich an die Eskapaden seiner Frau zu gewöhnen, bis sie eines Tages mit seinen wertvollsten Briefmarken verschwindet.

„Der Buchhändler von Archangelsk“ ist Simenons packende Studie über die Unmöglichkeit, eine neue Heimat zu finden und die Bösartigkeit einer im Unrecht verschworenen Gemeinschaft. Und – ein melancholisches Meisterstück!

LitGes, Dez 2012

 
Im Falle eines Unfalls: Georges Simenon. Rez.: Peter Kaiser

Peter Kaiser
Les liaisons discrètes de la bourgeoisie

 

Im Falle eines Unfalls
Georges Simenon

Ausgewählte Romane: Band 37
Aus dem Französischen: Hansjürgen Wille und Barbara Klau
Titel und Erscheinungsjahr der Originalausgabe:
„En cas de malheur“, 1956
Zürich: Diogenes Verlag, Neuauflage Dezember 2012. 211 S.
ISBN 978-3-257-24137-2

Wie in einem seiner letzten Romane („Der große Bob“) ist es auch im vorliegenden Buch ein Mann im mittleren Alter, der sich bemüßigt fühlt Rechenschaft abzulegen. (Simenon selbst ist zum Zeitpunkt der Niederschrift zweiundfünfzig Jahre alt.)

Der Strafverteidiger Lucien Gobillot legt eine Akte über sein gegenwärtiges Leben an. Er macht daraus, wie es seinem Beruf entspricht, einen Fall, den er mit Offenheit und Nüchternheit protokollieren will. Bald merkt er, dass er die Eindeutigkeit, die er von seinen Klienten fordert, sich selbst nur schwer abringen kann. Das Leben verläuft eben sowenig folgerichtig wie geradlinig.
Was treibt ihn zu seinem Verhältnis mit einer blutjungen Kleinkriminellen, für die er einen Freispruch erwirkt hat und die sich ihm von der ersten Minute an angeboten hat? Man könnte aber auch fragen, was ihn noch bei seiner Frau hält, deren Ehrgeiz und Beziehungen er schließlich seine Karriere verdankt? Nicht einen Anflug schlechten Gewissens empfindet er dieser Frau gegenüber, die einst die Gattin seines Chefs war.
Obwohl aus bürgerlichen Verhältnissen bleibt der froschgesichtige Mann ein Fremder in der Welt der oberen Zehntausend in Paris. Sie ödet ihn an. Die Kreise in denen er sich bewegt sind, was sexuelle Abenteuer betrifft, ausgesprochen liberal – allerdings nur solange es zu keinem Skandal kommt. Als Gobillot für seine Geliebte eine großzügige Wohnung mietet, rückt dieser Eklat immer näher. Die Trennung von seiner gefühlskalten und berechnenden Frau Viviane scheint unausweichlich.
Und dann gibt es da noch den jungen Mazetti, der in die ausgehaltene Yvette verliebt ist und um sie kämpft…

„Im Falle eines Unfalls“ zeigt eine Oberschicht, die ohne jede Moral nach Macht und Reichtum strebt – ein Kreis, in den man nur mit Beziehungen gelangen kann. Die sinnliche und völlig geistlose Welt Yvettes scheint ein faszinierendes Zwischenreich für den erfolgreichen Anwalt zu sein. Am unteren Ende der Gesellschaftsleiter finden sich die Clochards am Quai d'Anjou, welche er mit großem Interesse beobachtet. Simenons Figuren in diesem Roman bleiben fremd und werden mit kaltem Blick seziert. Sein berühmtes Einfühlungsvermögen würde wohl eher Sympathie für die in Zeitungen gewickelten Gestalten unter der Seine-Brücke hervorrufen.

LitGes, Dezember 2012

 
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