Ghost Writer: Andreas Gruber. Rez.: Thomas Fröhlich

Thomas Fröhlich
DER ALBTRAUMFABRIKANT

 

GHOST WRITER
Andreas Gruber
Erzählungen
Berlin: Shayol, 2011. 226 S.

ISBN 978-3-926126-96-2

„Der Herbst des Jahres 1840 tauchte Leipzig schon tagelang in bleigrauen Nebel. Am frühen Morgen standen die Milchflaschen noch vor den Toren der Häuser, und der matte Schein der Gaslaternen spiegelte sich auf dem feuchten Kopfsteinpflaster. Ebenso im Blut – meinem Blut.
An diesem Tag starb ich. In der Menschenmenge vor der Thomaskirche wurde ich angerempelt und ausgerechnet vor die Kutsche des Leichenbestatters gestoßen. Die Pferde gingen durch und ich kam unter die Räder. Mein Rückgrat wurde zermalmt.
Welch Ironie!
Kein weißes Licht, kein Tunnel, keine wohlige Wärme … und vor allem kein Glücksgefühl. Wer das behauptet hatte, wusste nicht, wovon er sprach. Vermutlich wollte er sich nur wichtig machen.
Ich muss es wissen, denn erst nach einer Stunde transportierten sie meinen Leichnam ab.“

Andreas Gruber ist ein Phänomen. Seit Jahren schreibt er Genreliteratur: Horror, Thriller, ein wenig Fantasy. Was in Österreich eigentlich gar nicht sein darf, wenn nicht wenigstens ein sozial- oder gesellschaftskritisches Mäntelchen drüber gestülpt wird, um das Ganze „salonfähig“ zu machen. Gruber bezeichnet sich selbst als das, was in unseren Landen eigentlich „pfui“ ist (wenn man den kanonisierten, angeblichen Auskennern Glauben schenkt): als einen Unterhaltungsschriftsteller. Einer, der sein pt. Publikum weder belehren (und schon gar nicht bekehren) will, sondern einfach gute Stories erzählen möchte. Was ihm auch meistens gelingt. Einer, der „lesbar“ ist. Also sein Publikum ernst nimmt. Und es, also das Publikum, daher aus seiner Erzählhaltung heraus mit Wahrheiten konfrontiert, die über den Gehalt dessen, was in der handelsüblichen „Literaturpreisliteratur“ geliefert wird, mitunter weit hinaus geht. Schafft er es schon in seinen Romanen jedes Mal, den Gänsehautfaktor ziemlich hoch zu halten (bis auf seinen letzten, „Rachesommer“, der dem Schreiber dieser Zeilen nicht gar so gefiel, weil er – seiner Meinung nach – schon ein wenig zu kalkuliert rüber kam, womit aber besagter Zeilenschreiber, ehrlich gesagt, ziemlich alleine da steht), so ist Gruber wohl auch der einzige österreichische Autor, der mit seinem Meisterwerk „Der Judas-Schrein“ einen mustergültigen (und sauspannenden) Eintrag ins H. P. Lovecraft-Universum verfertigt hat. Doch so sehr in Grubers Romanen und längeren Erzählungen der letzten Jahre eine etwas mainstreamige Ausrichtung feststellbar ist (was die abgebissenen Nägel aber auch nicht rettet), so wenig scheißt er sich in seinen Kurzgeschichten um irgendwas. Da geht’s ans Eingemachte, da lässt er die Sau raus; und die ist mitunter recht blutrünstig und ziemlich krank. Also mit einem Wort: eh klass’!
Wie auch in seinem Kurzgeschichtenband „Ghost Writer“.

20 „shocking shorts“ erwarten die Leserschaft. Und Gruber beweist wieder einmal, dass er durchaus die ein wenig an Roald Dahl gemahnende feine Klinge beherrscht, sich aber auch nicht scheut, Splatter-Szenarios zu kreieren, die sogar einem Richard Laymon gut zu Gesicht gestanden wären.
Dabei beginnt „Ghost Writer“ ja so harmlos. Mit einem hübschen, einlullend-ironischen Vorwort, einer witzigen Satire über Fernreisen … und irgendwann findet man sich (unter anderem nach den Stationen Wien, Venedig, New Orleans und Leipzig) dann buchstäblich in der Hölle wieder. Dass vereinzelt ein paar der Geschichten für Genrefans (also jene, die sich zuvor schon Tonnen an derlei „Schmutz und Schund“ rein gezogen haben) etwas vorhersehbar erscheinen, tut dem Vergnügen wenig Abbruch. Und mit (um exemplarisch zwei zu nennen) dem „Puppenmacher von Leipzig“ oder „Hier ist dein Geschenk“, letzteres aufmerksamen „etcetera“-Lesern übrigens nicht unbekannt, schleust er Bilder in die Köpfe der Lesenden, die diese garantiert so schnell nicht mehr raus bekommen. „Hier ist dein Geschenk“ zählt überhaupt zum Grauslich-Fiesesten und zugleich erzählerisch Elegantesten, was dem Rezensenten jemals unter gekommen ist, und dass, obwohl sich in der Story – scheinbar – überhaupt nichts tut.

Also: wenn Sie wieder einmal Appetit auf ein paar gepflegte Albträume haben: Hier sind sie.
Zum Therapeuten können Sie nachher immer noch gehen.

LitGes, September 2011

 
Pat Connor - Leichen reden nicht. Rez.: Thomas Fröhlich

Thomas Fröhlich
WHISKEY BRUTAL

 

PAT CONNOR - LEICHEN REDEN NICHT
Pat Connor - Band 10
Köln: Bastei – Lübbe, 2010.
68 S.

 

„Der Tag fing schon nicht gut an. Ich wollte in meinem treuen Plymouth zum Büro fahren, doch irgendjemand hatte in der Nacht Gefallen an der alten Kiste gefunden. Dann stellte sich auch noch heraus, dass er zu einem Raubüberfall benutzt worden und ich aus irgendwelchen Gründen der Hauptverdächtige war ...“

Chikago in den wilden Zwanzigern. In den USA herrscht Prohibition, doch eine – nur scheinbar – trocken gelegte Nation tschechert mehr als jemals zuvor. Man begibt sich dazu vornehmlich in so genannte „Speakeasies“, Lokale, in denen offiziell Kaffee, Tee und andere Absonderlichkeiten kredenzt werden. In den meisten Fällen läuft’s auf Whiskey (und zwar genau in dieser Schreibweise, mit e) hinaus, der guten Kunden zu recht anständigen Preisen im Kaffeehäferl abgefüllt wird. Für den Nachschub sorgen nachhaltig organisierte Gangsterbanden, gegen die die Polizei einen aussichtslosen Kampf führt. Nicht zuletzt, weil auch sie oft genug selbst am Alkoholschmuggel verdient. Die Sitten sind rau und ein Menschenleben zählt wenig, wenn es um etwas mehr als nur eine Handvoll Dollars geht. Die Gangsterbosse unterhalten ihre Privatarmeen von Killern und leben wie Könige in Frankreich.

Und genau an jenem Ort zu jener Zeit versucht der Privatdetektiv Pat Connor, sein Leben zu fristen und nicht zwischen die Fronten zu geraten. Und dabei trotzdem der Gerechtigkeit Geltung zu verschaffen. Wobei sein Gerechtigkeitssinn nicht unbedingt deckungsgleich mit jenem der Polizei oder der Gerichte ist. Eher mit dem von Dirty Harry. Aber den gab’s damals noch nicht. Um in einem Haifischbecken zu überleben, muss man halt auch selbst Zähne zeigen. Was Connor ausgiebig tut. Auch wenn er den einen oder anderen Zahn dabei einbüßt. Muss ja nicht der eigene sein.

Im vorliegenden „Leichen reden nicht“ – wie bei Romanheftreihen üblich von einem unbekannten Autor verfasst –  bekommt es Connor mit einer recht abgefeimten Partie zu tun, die sein Auto stiehlt, um mit und in diesem alle möglichen Verbrechen zu begehen, die dann – erraten – dem zumeist abgebrannten Privatdetektiv in die Schuhe geschoben werden sollen. Und so prügelt, schießt, trinkt, raucht und flirtet sich der bullige Connor wieder einmal hemmungslos durch ein zum Teil wunderschön düster gehaltenes Chicago-noir, wie wir es so schon lange nicht mehr serviert bekommen haben.

 

 

Das heißt: Es gab derlei schon 2006, als einige der Connor-Heft-Romane unterm Reihentitel „Chicago“ unters Publikum gebracht werden sollten: mit ansprechender Covergestaltung, aber leider unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Warum das so war, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Tatsache ist jedenfalls, dass Pat Connor die Antithese zum Verlagskollegen und inzwischen (in den neueren Auflagen) politisch korrekten Jerry Cotton darstellt. Hier, im Hause Connor, wird Whiskey schon zum Frühstück getrunken; geraucht wird dabei wie ein Schlot; Frauen tauchen entweder als femme fatale oder als Sekretärin auf (ins Bett kriegt er beide); und die flapsige Ich-Berichterstattung des Herrn Connor scheut auch nicht vor Klischeezuweisungen, die sich dann im Laufe der Story allesamt als völlig richtig erweisen: DER rotschädelig-aufbrausende Ire, DER schmierig-brillantinierte Italiener, DER hintergründig-hinterhältige Chinese. Was vielleicht in Zeiten der selbst ernannten Tugendwächter auch nicht immer so gut ankommt.
Spannend sind die Connor-Romane allemal.
Dass Heftromane derzeit generell in der Krise sind, ist bekanntlich nichts Neues (obwohl sich beispielsweise die „Jerry Cotton Classics“, also jene kleinen Meisterwerke aus den 50ern bis 70ern, recht gut verkaufen). Doch haben sich die Freizeitgewohnheiten des Volkes (was auch immer das ist) dahin gehend geändert, dass nachwachsende Generationen lieber ihre Zeit damit verbringen, aufs Handy zu starren, dabei „Oida!“ zu grunzen und vor sich hin zu spucken als gar etwas zu lesen. Und sei’s ein Heftroman. Und von den juvenilen Anhängern oberg'scheiter Literaturpreisliteratur brauchen wir auch erst gar nicht zu reden – die nähern sich derlei „Schund“-Phänomenen sowieso nur mit der Ironiebrille an, die letztendlich allem den Wert nimmt und ausschließlich schleimige Beliebigkeit übrig lässt (schlimmer noch, als es Bully/Tramitz und Co. in ihren fürchterlichsten Leinwand-Momenten jemals zu schaffen imstande sind).
Bleiben also nur jene als Zielpublikum über, die von ProRTLVox und artverwandten Hirnerweichern als nicht werbewirtschaftsrelevant eingestuft werden: die Über-49-Jährigen, vom Hackler bis zum Hochschulprofessor. Aber ob sich die jetzt bei „Pat Connor“ alle angesprochen fühlen?
Denn dass die lieblose Heftgestaltung der „Pat Connor“-Reihe mit ihren nichts sagenden, austauschbaren Titelbildern dazu beiträgt, neue Leserschaften anzusprechen (oder alte zu mobilisieren), darf bezweifelt werden. Im schlimmsten Fall verwechselt man sie mit den üblicherweise am selben Kiosk-Display geparkten „Jerry Cotton“-Heften, denen sie von der Aufmachung her sehr ähnlich sehen – nur schlechter. Vielleicht steckt da von Verlagsseite aber auch eine Absicht dahinter, um die Cotton-Leser damit zu ködern. Wenn dem tatsächlich so ist, darf man mit Fug und Recht von einem Schuss ins Knie sprechen. Dabei gäbe es doch die alten „Chikago“-Covers, die man revitalisieren könnte und die Pulp-Freunden zumindest ein erfreutes Grinsen entlocken.

Das alles ist verdammt schade: Gerade bei Connor (und auch seinem literarischen partner in crime, Jerry Cotton) kommt man in guten Momenten durchaus auch einmal in den Genuss einer Blaupause für stringent-ökonomisches Erzählen. Und manchmal steckt in den 66 Heftseiten mehr Substanz als in irgendwelchen 700 Seiten-Krimi-Schmökern à la mode.

Also, Herrschaften: „Pat Connor“ erscheint alle 14 Tage: Geben Sie ihm eine Chance – trotz der missglückten Aufmachung. Trauen Sie sich. Springen Sie über Ihren Schatten, gehen Sie forschen Fußes in den Bahnhofskiosk Ihres Vertrauens, erstehen Sie eines der Hefte („Leichen reden nicht“ ist nur eines von vielen – allerdings ein sehr gutes). Danach lenken Sie Ihre Schritte in ein Beisl Ihrer Wahl, in dem noch geraucht werden darf, bestellen Sie einen Bourbon (mit Eis – wir sind hier nicht im Degustations-Seminar in Boboville) und beginnen Sie zu lesen.

Cheers darauf! Am besten gleich mit einem Doppelten.
Aber im Kaffeehäferl.

LitGes, September 2010

 
The Nazi Island Mystery: r.evolver. Rez.: T. Fröhlich

 

 

 

 

Thomas Fröhlich
MRS. BLANCHARD, SIE WERDEN GEBRAUCHT!

 

THE NAZI ISLAND MYSTERY
r.evolver

Wien: Evolver Books, 2010. 136 S.
ISBN
978-3-9502558-0-5

 

 

„Irgendwas musste hinter der Demarkationslinie im Busch sein. Etwas Gefährliches, Tödliches …“
(Kay Blanchard)

In einer nicht übermäßig weit entfernten Zukunft. Die Topagentin des britischen MI6, Kay Blanchard, sieht sich in London ihrem gefährlichsten Auftrag gegenüber: nämlich den Mord an Dr. Braven Dreyer zu untersuchen, einem nicht nur für Englands Sicherheit höchst wichtigen Fachmann für psychotrope Kampfstoffe. Die Spur führt nach Wien, das sich inmitten des von der Nationalsozialistischen Europäischen Konföderation errichteten Vierten Reiches befindet und als Drehscheibe für Spione und artverwandtes Gelichter jeglicher irdischer und extraterrestrischer Art fungiert. Die Drogen- und Sex-Fanatikerin Blanchard reist umgehend (mit jeder Menge LSD im Gepäck und von knackigen Miet-Körpern umflort) in die Hauptstadt der Ostmark, um im Riefenstahl-Tower unweit des Stephansdoms erstmals auf einen sinistren Gegner zu treffen, dessen Kraft alles übersteigt, womit sexy Kay jemals zu tun hatte. Kommunistische Aliens, impotente Skipper sowie blut- und überhaupt körpersaftrünstige Glibbermonster, die selbst H. R. Giger die Schamesröte ins Gesicht zaubern würden, pflastern ihren Weg zum ultimativen Grauen, in die Hölle der Schmerzen und Lederstiefel-Fetischisten: eine Insel unweit der Stadt Triest, die namenlosen Schrecken, Peitschen schwingende Dominas, Adolf Hitler reloaded und verrückte (was sonst) Wissenschaftler beherbergt, die gerade dabei sind, Dr. Moreaus Insel zum Freiluft-Kindergarten zu degradieren – das legendenumwobene Nazi Island.

Und dort geht’s dann erst so richtig los ...

Kay Blanchard: Stellen Sie sich eine Mischung aus Modesty Blaise, Emma Peel und meinetwegen Barbarella vor. Auf Acid. Dann haben Sie’s zwar immer noch nicht, aber vielleicht eine Ahnung davon, wer auf Sie zutritt (im wahrsten Sinne). Dazu gibt’s einen Plot, der die Quintessenz von Mr Dynamit / James Bond / Mit Schirm, Charme und Melone / Alien / The Blob / den notorischen Ilsa-Filmen usw. darstellt. „The Nazi Island Mystery“ von r.evolver (alias Robert Draxler) lässt es (Sie haben’s vielleicht schon geahnt) auch nicht an einer ordentlichen Dosis Sex, Drugs & Rock’n’Roll fehlen. So wird jedes Kapitel von passenden Soundtrack-Empfehlungen (von den Pretty Things über die Ramones bis Frank Sinatra) eingeleitet. Dennoch haben wir es hier nicht mit selbstreferenziellem Studentenulk à la Tarantino oder gar einer Parodie zu tun: Spielerisch, aber auf gar keinen Fall „ironisch“, werden hier geliebte Genreelemente und -schnipsel in einem wahnwitzigen Tempo zer- und gehackt und flugs wieder aneinandergefügt, was – durchaus zitatefreudig – so was wie den ultimativen Trash-Roman ergibt. Und man muss auch nicht jede der charmant dargebotenen popkulturaffinen Zitat-Petitessen als solche erkennen, um das Ganze schlichtweg saugut zu finden.
Dass das Ganze politisch hochgradig unkorrekt und völlig unpädagogisch ist, darf man ebenfalls auf der Haben-Seite verbuchen. Zudem (geben wir’s doch zu) ist’s einfach immer fein, wenn coole Spioninnen blöden Nazis nachhaltig den Arsch versohlen.


Lesern des Webzines EVOLVER ist Kay Blanchard ja sowieso keine Unbekannte mehr: 1999 erblickte die weibliche 1-Mann-Armee, die sich von Drogencocktails jeder Art zu ernähren scheint, erstmals im Rahmen einer Online-Fortsetzungsgeschichte das fahle Licht der Bildschirme. Das nun erschienene Buch „The Nazi Island Mystery“ ist gleichsam der Director’s Cut der WWW-Variante: härter, schneller, sexier, schriller, lauter und überhaupt.
Der in Wien lebende Herr Draxler hat übrigens auch schon eine Fortsetzung angekündigt. Eine Steigerung scheint da zwar schwer möglich, aber man darf Mrs. Blanchard ruhig vertrauen:
Die Welt ist nicht genug – und die Lizenz zu töten noch lange nicht aufgebraucht!

„Ich will den Atem des Gegners im Gesicht spüren, bevor ich ihn töte … mit dem Stilett. Andere Waffen sind indiskutabel.“
(Kay Blanchard)

Na dann.

LitGes, Juli 2010

 
Lemmy schießt nicht auf Blondinen: Peter Cheyney. Rez.: T. Fröhlich

 

 

 

 

 

 

Thomas Fröhlich
FRÜHLINGSROLLE, BLUTIG

 

LEMMY SCHIESST NICHT AUF BLONDINEN
Peter Cheyney

Mit einem Nachwort von Thomas Ballhausen
Wien: Milena Verlag, 2010. 220 S.
ISBN 978-3-85286-193-7

 

 

Sein Name ist Caution. Lemmy Caution. Er ist FBI-Agent, Frauenheld, Bourbontrinker und – wenn’s sein muss – eine veritable 1-Mann-Armee. In seinem aktuellen Fall scheint das alles – zumindest zu Beginn – aber keine Rolle zu spielen. Denn die Dame, Marella Thorensen, die in einem Brief einen FBI-Mitarbeiter angefordert hat, um diesem einen „Verdacht“ mitzuteilen, befindet sich zum geplanten Zeitpunkt des Treffens gar nicht in ihrem protzigen Zuhause. Lemmy, der selbstverständlich ohne Genehmigung in besagtes Gebäude eindringt, um nach dem Rechten zu sehen, findet nur eine Nachricht an die Köchin vor, die darauf hin deutet, dass die Hausherrin erst später zurückzukehren gedenkt.
Ein Scherz auf Kosten der honorigen Bundesbehörde?
Mitnichten.

Marella ist nämlich nicht nur die Gattin eines übel beleumundeten Anwalts, der seine Brötchen hauptsächlich damit verdient, einem chinesischen Gangsterboss namens Lee Sam juristische Spitzfindigkeiten aus dem Weg zu räumen. Nein, zeitgleich zu Cautions Spaziergang durchs Haus erscheint die eiskalte und wunderschöne Berenice, Lee Sams Tochter, auf der Bildfläche, was, wie Lemmy ahnt, nur eins bedeuten kann: sehr, sehr viel Ärger. Und der lässt nicht lange auf sich warten: Auch Mrs. Thorensen taucht ein wenig später auf – als übel zugerichtete Wasserleiche, deren Schädel so aussieht, als wäre ein 100.000-Tonnen-Gewicht, wie wir es aus Monty Python-Filmen so lieben, auf den ehemals hübschen Schädel gekracht. Die Ahnung, dass da die Chinesen- und restliche Mafia ihre gelblich-schmutzigen Finger im Spiel hat, verdichtet sich. Und dass Berenice jemand ist, für deren Augenaufschlag (geschweige denn noch ganz Anderes) nicht nur labile Gemüter sämtliche Untugenden der Welt an den Tag zu legen bereit sind, macht die Sache für den hartgesottenen Lemmy auch nicht leichter ...

Dem seit einiger Zeit auch in der Genreliteratur umtriebigen Milena Verlag ist es zu verdanken, dass einer der zentralen (und inzwischen nahezu völlig vergessenen) Pulp-Helden wieder sein Unwesen auf bedrucktem Papier treiben darf: der G-Man Lemmy Caution, den man hierzulande eher über seinen filmischen Auftritte in den 50ern und 60ern kennt, kongenial verkörpert von Knautschgesicht Eddie Constantine. Die literarischen Vorlagen dazu stammen allerdings noch aus den 30ern und 40ern vom 1951 verstorbenen Krimiautor Peter Cheney, von dem kein Geringerer als der Regisseur Jean-Luc Godard meint: „Cheney ist der unumstößliche Großmeister des Kriminalromans.“ Godard muss es ja wissen, errichtete er doch dem schieß-, prügel- und trinkfreudigen Liebewicht Caution 1965 mit dem zum Klassiker gewordenen Film „Alphaville – une étrange aventure de Lemmy Caution“ ein die Jahrzehnte überdauerndes Denkmal. Und auch der (nicht nur ab September eifrigen Metro-Lesern) nicht ganz unbekannte Georges Simenon zählte sich zeitlebens zu den bekennenden Cheyney-Fans.

Dass die dichterischen Hervorbringungen dieses Mannes meilenweit entfernt von allem sind, was heutzutage als politisch korrekt gilt, macht die Sache nur umso lesenswerter. Cheyneys Bild der Chinesen beispielsweise, wie er es uns im vorliegenden als „Can Ladies Kill?“ 1938 erstmals erschienenen Roman vermittelt, würde heute wahrscheinlich die Triaden auf den Plan rufen, erfrechte sich doch ein Zeitgenosse, Vergleichbares ohne ironische Brechungen zu Papier zu bringen. Nun gut: Muss ja auch nicht sein.
Doch ist’s erfrischend, Cheyneys trotz aller stilistischen Holprigkeiten raffiniert aufgebauten Krimi unzensiert und in einer von Vanessa Wieser adäquat ausgeführten Übersetzung genießen zu dürfen. Wer zudem jede Menge alkoholgetränkter Schnoddrigkeiten (deren Dichte sogar bisweilen die der „Die 2“-Synchronisation übersteigt) zu schätzen weiß, ist mit „Lemmy schießt nicht auf Blondinen“ bestens versorgt.

Dass der G-Man Lemmy Caution übrigens an die wohl einzige literarische Pop-Ikone Deutschlands gemahnt, die Ende der 50er das Licht der Groschenheft-Welt erblickt hat, ist auch kein Zufall. Nur dass Caution um einiges brutaler, hinterhältiger und mitmenschenfeindlicher agiert als es der Wirtschaftswunder-Saubermann Cotton jemals auch nur in Erwägung gezogen hätte.

Ein die Nachkriegs-Rezeption der Gestalt des Lemmy Caution behandelndes Nachwort von Thomas Ballhausen sowie die wunderbar stimmungsvolle Covergestaltung von Jörg Vogeltanz runden ein Pulp-Vergnügen ab, von dem man sich eigentlich nur eines wünscht: eine ehest mögliche Fortsetzung.


Milena, übernehmen Sie!

LitGes, Juli 2010

 
The Cutie: Donald E. Westlake. Rez.: T. Fröhlich

 

 

 

 

Thomas Fröhlich
GEHT’S DER WIRTSCHAFT GUT …

 

THE CUTIE
Donald E. Westlake

New York: Hard Case Crime, 2009. 250 S.
ISBN 0-8439-6114-7

 

 

 

Clay ist jemand, der für Ordnung sorgt. Beispielsweise unliebsame Mitarbeiter der „Organisation“ seines Bosses Ed Ganolese zu kündigen. Indem er ihnen „Unfälle“ angedeihen lässt. Und wenn’s sein muss, helfen da eben ein paar Kugeln nach. Clay ist jedoch kein Unmensch. Er macht schließlich nur seinen Job. Und Leute wie ihn braucht jedes funktionierende Großunternehmen. Denn geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns ja bekanntlich allen gut. Auch damals, in den frühen 60ern, als dieser Roman geschrieben wurde. Und dass ihm sein Boss irgendwann einmal den Arsch vorm Gefängnis gerettet hat, lässt Clays Loyalität erst recht nicht wanken. Obwohl er sich mit der schönen Ella erstmals in seinem Leben vorstellen könnte, bürgerlich zu werden. Oder so. Doch zuvor hat er noch einen Auftrag zu erledigen: Das Starlet Mavis St. Paul wurde nämlich erstochen. Und weil sie die Geliebte von jemand Hochgestelltem war, ist nun jeder New Yorker Cop auf der Suche nach dem Mörder, den man in dem kleinen Dealerjunkie Billy-Billy ausgemacht zu haben glaubt, dessen Fingerabdrücke in der Wohnung der Toten gefunden wurden. Nur passt das eigentlich gar nicht zu dem stotternden Verlierer, der zudem zur Tatzeit so stoned war, dass er es eigentlich gar nicht gewesen sein konnte. Wie auch immer: Auch Billy-Billy scheint Bekannte an wichtigen Stellen zu haben, die nicht wollen, dass er in die Hände der Polizei fällt. Und so schickt die „Organisation“ Clay los, um den wahren Killer zu finden, den „Cutie“, der offenbar alle reinzulegen gedenkt, indem er falsche Fährten auslegt. Clay sticht bei seiner Suche gleich in ein ganzes Rattennest aus Korruption, Gewalt und guter, sauberer amerikanischer Doppelmoral. Wie üblich, geht er das Ganze recht cool und emotionslos an. Einzig Ella bringt ihn dazu, über manches scheinbar Selbstverständliche in seinem Leben nachzudenken.
Und damit fangen Clays Probleme erst so richtig an.

 

Dass ausgerechnet der im US-amerikanischen Hard Case Crime-Verlag erschienene Reprint des aus dem Jahr 1960 stammenden Krimidebüts von Donald E. Westlake den ersten Eintrag in unserer Pulp Fiction-Station ausmacht, ist kein Zufall. „The Cutie“ (früher unter dem Titel „The Mercenaries“) ist ein schnörkelloser, sprachlich ökonomisch auf den Punkt zielender Thriller, der gleichsam als Blaupause für gute, schnelle Krimiunterhaltung mit toughen Männern, schönen Frauen und sauspannenden Settings gelten mag. Und dass – so ganz nebenbei – das betrieben wird, was man andernorts vielleicht als System- oder Kapitalismuskritik bezeichnet, soll hier einmal kurz erwähnt und anschließend – wie die Annahme des Kriminalromans als moralische Anstalt – gleich wieder vergessen werden. Nutzlose Sozialstudien werden Sie auf diesen Seiten nämlich ganz bestimmt nicht finden.
Die durchgehende Qualität der seit 2004 erschienen Hard Case Crime-Bücher hat übrigens auch der linke deutsche Rotbuch-Verlag erkannt, der eine Auswahl davon in guten Übersetzungen auf den deutschsprachigen Markt gebracht hat – mit all den berückenden Originalcovers, die die gute alte Zeit der Pulps wieder aufleben lassen.
Wir empfehlen Ihnen jedoch in diesem Fall das Original. Westlakes knappe Lakonik kommt auf Englisch gleich doppelt so gut daher – und Englisch werden Sie ja doch einigermaßen beherrschen, oder? Wenn nicht, wird’s eh Zeit.

„… ‚Do you have to go right away?’ she asked me. ‚Couldn’t you stay here for a few minutes?’
The troubled expression was gone from her face now, and she was smiling at me, letting me know everything was all right again.
‚I guess I don’t have to leave right this minute,’ I said ...”

Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen.

LitGes, Juli 2010