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Portrait: Clemens Gadenstätter. Rez.: Peter Kaiser |
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Peter Kaiser
Keine Gefangenen
Portrait
Clemens Gadenstätter
Div. Interpreten
Wien: col legno, 2012
1 Audio-CD
WWE 1CD 20408
Erfrischend kompromisslos ist das Portrait Clemens Gadenstätters bei col legno ausgefallen. Das ist gut. Kompromisslosigkeit (im Zögern, im Marschieren, im Klappern, im Trompeten, im Scheitern, im Zupfen, im Schlagen, im Zaudern, im Wimmern, im Brausen, im Singen,…) könnte auch der Schlüssel zum Werkverständnis des in Salzburg 1966 geborenen Komponisten sein. Hier folgt (endlich wieder einmal!) jemand einem bestimmten, selbstgefassten Plan, ohne gefallen zu wollen und sich in vorauseilendem Gehorsam den Zeitgeist anzupassen. Ein Plan mag heißen: Fluchten/Agorasonie I, ein weiterer auf takt – for full orchestra und ein dritter ballade I. Erfordert der Plan Gewalt anzuwenden (zu zaudern usw.), dann wird Gewalt angewandt (gezaudert usw.). Nicht kopflastig; völlig unverkrampft; ganz Spiel (und daher auch gern witzig); ohne Rücksicht auf Verluste (oder Hörer). Dass tut gerade gut, wenn sich ein Komponist nichts um Schubladen pfeift, um die Sonatenform, um die Gelehrsamkeit. Die Unverwechselbarkeit ist es doch, wonach jeder Künstler strebt. Einer der gefallen will, erreicht sie nie, Gadenstätter hat sie.
Die Mitwirkenden in den Klang- und Raumorgien Fluchten/ Agorasonie I und auf takt (das ORF Radio Symphonie Orchester Wien und die Solisten) lassen sich vom zärtlich-brachialen Notenmaterial nicht einschüchtern und glänzen. Die herzerfrischend intelligente und innige ballade I (nach dem Text von Lisa Spalt) wird von Anna Maria Pammer (Stimme) und Florian Müller (Klavier) zum Besten gegeben.
Im Ganzen ein spannender, belebender und gescheiter Ohrenschmaus ohne künstliche Weichspüler.
LitGes, etcetera Nr. 51/ März 2013/ viel-leicht |
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Shadow Walker: Steven Daverson. Rez.: Peter Kaiser |
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Peter Kaiser
Globale Tendenzen
Shadow Walker
Steven Daverson
ensemble recherche, Ensemble Modern, Solisten
Wien: col legno, 2012, 1 Audio-CD
WWE 1CD 40401
Die Portrait-CDs von col legno, diesmal dem 1985 in Nordhampton geborenen Steven Daverson gewidmet, entstehen in Zusammenarbeit mit der Ernst von Siemens Musikstiftung (siehe: www.evs-musikstiftung.ch). „Jede CD versteht sich als individuelles Porträt eines Preisträgers, dessen künstlerisches Selbstverständnis dem internationalen Publikum durch einführende Kommentare, Analysen und Hintergrundinformationen nahegebracht wird“, so ist im Beiheft unter anderem zu lesen: „Nach und nach soll sich […] ein breit angelegtes Panorama der zeitgenössischen Ernsten Musik entfalten, das aktuelle Tendenzen aufspürt und dokumentiert.“
Dies ist höchst lobenswert, aber aufgrund des etwas uniformen zeitgenössischen Musikschaffens keine leichte Aufgabe. Der globale musikalische Austausch, der sich, wie auch bei Daverson, in den englisch-deutsch-japanischen Titeln der Musikstücke widerspiegelt, ist keineswegs eine Garantie für dokumentierbare Tendenzen oder Originalität. Eher scheint dieser Austausch zu einer Austauschbarkeit der musikalischen Inhalte zu führen. So gesehen wiederum ist Steven Daversons Zyklus Elusive Tangibility (etwa: Flüchtige Fassbarkeit) geradezu ein (kalkulierter?) Spiegel für eine Generation junger Komponistinnen und Komponisten, die vor der Tradition, den Volksmusiken und der Flut zeitgenössischer Musiken scheinbar in Angststarre verfallen sind. Die Flüchtigkeit, das Fragmentarische sind Ausdruck für das Meiden der großen Formen, das Fehlen der Sehnsucht nach der Überwindung der Tradition durch Reibung und Aufsässigkeit. Fehlt es an relevanten kritischen oder ideellen Inhalten, die die neuen, zeitgemäßen Formen erst entstehen lassen würden?
Eschers's Pharmacy und Schattenwanderer (beide 2011) von Daverson sind wesentlich geerdeter und werfen einen zerstörerischen und intelligenten Blick zurück auf die musikalischen Entwicklungen zu Beginn des 20 Jahrhunderts.
Wie immer garantieren das ensemble recherche und das Ensemble Modern exaktes Musikerleben.
Litges, September 2012 |
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Fremd: Hans Thomalla. Rez.: Peter Kaiser |
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Peter Kaiser
Kampf der Kulturen
Fremd
Hans Thomalla
Staatsopernchor Stuttgart
Anette Seiltgen – Sopran, Stephan Storck – Bass
Staatsorchester Stuttgart, Johannes Kalitzke
Wien: col legno, 2012, 2 SACD
WWE 2SACD 40403
Von weit her weht die Kunde über die Argo, ihrer Besatzung und ihrer abenteuerlichen Fahrt. Weit zurück und weg liegt auch die Kolchis, das für die Griechen geheimnisvolle Land am schwarzen Meer mit seinen Ungeheuern und – dem goldenen Vlies, welches es zu erringen gilt. Errungen wird aber auch die Tochter des Herrschers von Kolchis, Medea. Oder wirft sie sich nicht vielmehr an Jasons Hals? Jason, der Grieche, der ebenfalls Fremde, der ein Loskommen verspricht von diesem dunklen Ort. Eine Flucht der sogar Medeas Bruder geopfert wird – zerstückelt! - und also den Fluch schon von Beginn an auf das Kommende lädt. Die Geschichte mit Jasons Verrat in Korinth oder dem Schicksal der Kinder des Paares wird dann je nach Gusto von den Autoren und Autorinnen anders erzählt: Euripides, Seneca, Franz Grillparzer oder Christa Wolf.
Medea als weiblicher Mythos ist Projektionsfläche, vielfältiger als der getriebene Jason, der wenig psychologische Facetten zu bieten hat. Die Fahrt der Argo ist nicht mehr als ein Beutezug. Das Fremde ist und bleibt Medea (in Hans Henny Jahnns erotischem Spektakel ist sie eine Schwarze). Sie ist die Barbarin, die unbedingt liebt und den Intrigen des zivilisierten Griechenlands nicht gewachsen ist. Ihre Flucht ist misslungen, der Austausch und das Miteinander der Kulturen finden nicht statt.
Die musikalische Umsetzung der Tragödie ist vielfältig: Luigi Cherubini, Mikis Theodorakis, Aribert Reimann usw. Das Libretto von Hans Thomallas Medea-Version Fremd basiert hauptsächlich auf Franz Grillparzers Interpretation oder Neuschöpfung, auf Apollonios von Rhodos und dem Libretto Luigi Cherubinis. Musikalisch setzt Thomalla konsequent auf die und das Fremde sowohl in zeitlicher wie auch geographischer Sicht: Nicht Harmonie sondern Klang in archaischer Anmutung und sparsamer bis eruptiver Instrumentierung. Das Live-Erlebnis und damit die Verteilung der Instrumentengruppen im Publikum und den damit entstehenden Raumklang versucht die Aufnahme auf SACD zu vermitteln. Nach der ungewöhnlichen Vorstellung der Besatzung der Argo, „der Helden“, entrollt sich die Tragödie rasant, zerrissen und wie sie ist: schicksalshaft. Eine Demontage von Heroentum mit Anspielungen auf die Finanzkrise findet sich ebenso wie stereotype Versatzstücke des Opernrepertoires. Bei Jasons Konfrontationen mit der Sopranistin Medea, findet er Unterstützung von 16 Bässen und stellt so das Ungleichgewicht in der Begegnung der Kulturen klar. Hans Thomallas Oper Fremd beleuchtet nicht nur die Medea-Sage, sondern glänzt auch durch subtile Zeitkritik. Eine Oper also von welcher man sich nur eines mehr als sie zu hören wünschen würde: Sie zu sehen!
LitGes, September 2012 |
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Eine Alpensinfonie: Richard Strauss. Rez.: Peter Kaiser |
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Peter Kaiser
Glasklare Gebirgsluft
Eine Alpensinfonie
Richard Strauss
Orchester der Tiroler Festspiele Erl
Gustav Kuhn, Dirigent
Wien: col legno, 2012, 1 Audio-CD
WWE 1CD 60022
Richard Strauss (1864 – 1949) schrieb die „Alpensinfonie“ bis zum Jahr 1915. Uraufgeführt wurde sie in Berlin von der Dresdner Hofkapelle unter dem Dirigat des Komponisten (so Bodo Hell in seiner Einführung in Dialogform). Wie schon bei seinem „Also sprach Zarathustra“ dürfte wiederum der Einfluss von Friedrich Nietzsches Geisteswelt und dessen Bergerlebnis in Sills Maria keine geringe Rolle gespielt haben. Metaphysik schwingt über Naturalistisches hinaus mit bei Satzbezeichnungen wie „Am Wasserfall – Erscheinung“ oder „Vision“.
1915 beginnt nicht nur der musikalische Aufstieg auf einen idealen Berg (welcher eher in der Vergangenheit verortet zu sein scheint), sondern es beginnt auch das industrielle Einackern lebendigen Fleisches in die ausgehobenen Furchen eines wahnsinnigen Stellungskriegs, dessen Saat aufgehen wird in einer nächsten, noch apokalyptischeren Schlächterei. Von Blut und Fleisch, fette Erde und zerstörte Opernhäuser werden die Apotheose der Gipfelsturms der „Alpensinfonie“ im Jahre 1945 zu Strauss' „Metamorphosen“ gerinnen lassen. Dem (Stahl-)Gewitter des alpin-bombastischen Wetterleuchtens folgt also viele Jahre und Schlachten später eine resignierte und todtraurige Elegie für 23 Solostreicher und zwei Jahre danach ein weiteres Alterswerk und vielleicht das schönste des Komponisten überhaupt: „Vier letzte Lieder“* nach Gedichten von Hesse und Eichendorff.
Die „Alpensinfonie“ schildert programmatisch und mit einem monumentalen Orchesterapparat eine Wanderung inklusive Natur- und Wetterbericht von der endenden bis zur hereinbrechenden Nach in ganzer spätromantischer Breite und an- und absteigender Bergwelt.
Während Strauss noch mit geschwellter Brust über die Gipfel blickt, voll Erscheinung und Vision, arbeiten im Berg bereits die Mineure der sogenannten „Zweiten Wiener Schule“ und am Berghang die Sprengmeister der Kriegsparteien.
Dass der Wanderer noch einmal den ungetrübten und verklärten Blick von der Höhe und über die geblümten Almen (inklusive Kuhglocken) genießen kann, verdanken sie der gebirgsklaren Interpretation von Gustav Kuhn und seinem Orchester der Tiroler Festspiele Erl in einer Live-Aufnahme aus dem Jahre 2012.
*Referenzaufnahmen “Vier letzte Lieder“:
Gundula Janowitz/Herbert von Karajan/Berliner Phil., 1974 (inkl. „Metamorphosen“)
Soile Isokoski/ Marek Janowski/ Rundfunk-Sinfonieorch. Berlin, 2002 (inkl. Orchesterlieder).
LitGes, September 2012 |
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Wonderful Two-Headed Nightingale: Luke Bedford. Rez.: Peter Kaiser |
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Peter Kaiser
Programmmusik
Wonderful Two-Headed Nightingale
Luke Bedford
Diverse Interpreten
Wien: col legno, 2012, 1 Audio-CD
WWE 1CD 40404
Eine weitere Portrait-CD von col legno, diesmal dem 1978 geborenen Luke Bedford gewidmet. Das Beiheft ist wie immer bei col legno vorbildlich und zwar die Informationen über die Interpreten, als auch der einführende Essay. Ob die Abbildungen des Komponisten oder der Komponistin in dieser Portrait-Reihe tatsächlich in der Häufigkeit notwendig sind, ist Geschmackssache.
Die fünf eingespielten Werke stammen aus den Jahren 2002 bis 2011. Die Interpreten: Das Scottish Ensemble, das Ensemble Modern, das Fidelio Trio, die London Sinfonietta, verschiedene Solisten und die hervorragende Sopranistin Clair Booth, deren Ausdrucksmöglichkeiten den Anforderungen von Or Voit Tout En Aventure souverän gewachsen sind.
Bildhafte und thematische Ausgangspunkte bilden die Nabe um welche sich Bedfords Kompositionen drehen. Das musikalische Material ist sparsam gewählt. Solistische Klangfiguren werden vom Ensemble umrankt oder von diesem konkurriert. Im Falle von Wonderful Two-Headed Nightingale sind es die kuriosen siamesischen Zwillinge Millie und Christine McCoy aus dem 19. Jahrhundert, die im Zentrum Bedfords Interesse stehen. Seine Musik führt die interpersonalen Spannungen des unfreiwilligen Paares vor Augen – ein musikalisches Stoßmich-Ziehdich sozusagen. Hier durch Violine (Jonathan Morton) und Viola (Lawrence Power) veranschaulicht. In By the Screen in the Sun at the Hill on the Gold finden sich die Reflexionen rund um ein verlassenes Autokino in Johannesburg wieder, sowie Problematiken ausgebeuteter Landschaft. Man Shoots Strangers from Skyscraper kreist um die experimentellen Versuchsanordnungen von Luis Buñuels Film Le phantôme de la liberté.
Beim Hören dieser Aufnahmen werden Bilder und musikalische Motive von Michael Nyman (z.B. The cook,…) und Philip Glas (Koyaanisqatsi) wachgerufen. Doch von Minimal Music unterscheiden sich Bedfords Kompositionen durch das Fehlen von Patterns, polyrhythmisch-hypnotischer Harmonien und Klangteppichen. Geringe harmonische Komplexität lässt aber nach längerem Hören dennoch den Wunsch nach tatsächlicher Illustration des musikalischen Programms auftreten, welche die innere Sparsamkeit der Werke bereichern würde. In der Abhängigkeit vom Inspirationsmaterial liegt letztlich auch das Risiko von programmhafter Musik.
LitGes, September 2012 |
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