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Werkausgabe 4: Arkadi & Boris Strugatzki. Rez.: Peter Kaiser |
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Peter Kaiser
DAS UNIVERSUM STRUGATZKI IV
WERKAUSGABE – VIERTER BAND
Arkadi und Boris Strugatzki
Fluchtversuch¹
Es ist schwer, ein Gott zu sein²
Unruhe³
Die dritte Zivilisation⁴
Der Junge aus der Hölle⁵
Aus dem Russischen: Dieter Pommerenke¹, Arno Specht², David Drevs³, Aljonna Möckel⁴ und Erika Pietraß⁵
Herausgegeben von Sascha Mamczak und Erik Simon
Titel und Erscheinungsjahr der Originalausgaben:
„Попытка к бегству“, 1962
„Трудно быть богом“, 1964
„Беспокойство“, 1965
„Малыш“, 1971
„Парень из преисподней“, 1974
München: Heyne, 2012. 878 S.
ISBN 978-3-453-52686-0
Fluchtversuch
„Wir starten!“, warnte Anton. Mit einem leichten Ruck hob das Schiff vom Boden ab – Wadim schaffte es gerade noch, sich mit dem Fuß von der Erde abzustoßen. Dann schwebte das Schiff zum Himmel. „Wadim!“, rief Anton. „Mach die Luke dicht. Es zieht.“ Wadim winkte Onkel Sascha ein letztes Mal zu, stand auf und ließ die Luke zuwachsen. (Aus: Fluchtversuch)
Der Start des Raumschiffs von Anton weist auf ein revolutionäres Element dieses Romans von den Brüdern Strugatzki aus dem Jahre 1962 unmissverständlich hin: Auf technische Erklärungen oder Wahrscheinlichkeiten der Machbarkeit wird kein Wert gelegt. Einzig die narrative Botschaft des Romaninhalts steht im Mittelpunkt. Der Leser hat sich mit der präsentierten Situation abzufinden.
Dieses stilistische Element wird ab sofort das Science-Fiction-Genre ganz wesentlich beeinflussen, wenn nicht sogar ausmachen: Lesend werden wir blitzartig in eine fremde Welt versetzt und haben uns darin zurechtzufinden. Wie die raumfahrenden Protagonisten, wenn sie eine unbekannte Welt betreten.
Die zweite Revolution bedeutete die hemmungslose Übereinanderlegung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die im Laufe der Erzählung sichtbar wird. Eine futuristische Superzivilisation, Die Wanderer, die aber in der Vergangenheit existiert haben; die 250 Jahre in die Zukunft verlegte sowjetische Gegenwart; die Erkundung eines Planeten mit mittelalterlichen Gesellschaftsstrukturen; und schließlich ein Deserteur aus der Hölle des 3. Reiches, der unerklärt Mitspieler im Präsens des Romans wird.
Wie gesagt die Botschaft zählt und diese beleuchtet im Fluchtversuch das Problem inwieweit sich eine rückständige Gesellschaft von außen modernisieren und humanisieren lässt.
Kein kleines und unwichtiges Problem im Jahre 1962 als die Sowjetunion noch an ihren kommunistisch-missionarisch Auftrag glaubte. Dargestellt wird dieses Problem im vorliegenden Fall (und in seiner ganzen Ambivalenz) anhand von zwei blauäugigen Sowjetpionieren, des oben angedeuteten Deserteurs und einer außerirdischen feudalistischen Gesellschaftsordnung in seiner ganzen Drastik.
Es ist schwer, ein Gott zu sein
Man kann in diesem Roman zweifellos den im Fluchtversuch aufgegriffenen Gedankens weiterspinnen: Wie verhält man sich als aufgeklärter (hier: kommunistischer) Mensch angesichts von grausamer Rückständigkeit? Verpackt in eine Huldigung an Dumas´ Musketier-Trilogie wird in Mantel-und-Degen-Manier ein lichter und hehrer Sowjetmann als Historiker von einem irdischen Institut beauftragt, die Geschehnisse auf einem fernen mittelalterlich-feudalistischen Planeten zu dokumentieren. Doch dieser Art Übermensch wird so heillos wie emotional in die Wirrnisse von Adel, Königshaus, Klerus und holder Weiblichkeit verstrickt, dass ihm die Rolle des neutralen Beobachters zunehmend schwer fällt.
Ein Beobachter ist im Gegensatz zum Missionar zur objektiv-neutralen Untätigkeit verurteilt. Die Reflexionen, in wie weit ein solcher Status überhaupt realistisch umsetzbar ist, bilden das ethisch-philosophische Rückrad dieses Buches und sollten angesichts so manches UNO-Desasters dringend weiter verfolgt werden.
Die Verfolgung und Ausrottung jeder Intelligenz und diskursiver Kunst ist das Ziel des kirchlichen Ordens, der schließlich im Roman die Herrschaft grausam an sich reißt. Hier spiegelt sich wiederum das Ende des Tauwetters Anfang der 60er Jahre in der Sowjetunion wieder, als die Künstler wieder stärker vor den Parteikarren gespannt werden sollten.
Um die damaligen Einstellungen der Strugatzkis unter sowjetischen Verhältnissen verständlich zu machen, ein Zitat aus den Anmerkungen von Boris: Nur eins wurde uns, wie man sagt, schmerzlich bewußt. Nur keine Illusionen. Keine Hoffnungen auf eine lichte Zukunft. Wir werden von Lumpen und von Feinden der Kultur regiert … Und wenn für uns der Kommunismus die Welt der Freiheit und des Schöpfertums ist, dann ist es für sie eine Gesellschaft, wo die Bevölkerung unverzüglich und voller Lust alles ausführt, was Partei und Regierung vorschreiben.
Der mit Dreck und Gestank, Saufereien und Raufereien, Lust und Qual prallgefüllte Roman ist einer der erfolgreichsten der Brüder Strugatzki.
Unruhe
Der Roman Unruhe entstand zeitgleich und als Variation des Buches Die Schnecke am Hang etwa 1965. Da der Handlungsstrang, welcher im Wald spielt, beinahe unverändert ist, kann auch nur der Text über die Wissenschaftler auf dem Planeten Pandora gelesen werden. Weiters wird auf den Kommentar zur Werkausgabe Band 3/ Die Schnecke am Hang verwiesen.
Wesentlich ausführlicher werden in der vorliegen Variation des Themas die seltsamen Metamorphosen des Waldes geschildert: Das absolut Fremde. Unverkennbar die Nähe Stanislaw Lems Solaris aus dem Jahr 1968, wo die gleichermaßen faszinierende wie bedrohliche Wesenheit des Waldes mit der eines Meeres vertauscht wird und zum eigentlichen Thema des Buches mutiert.
Die dritte Zivilisation
Die Kapitelüberschriften des 1970 begonnenen Romans Die dritte Zivilisation der Brüder Strugatzki sind Programm: Leere und Stille, Leere und Stimmen, Stimmen und Phantome, usw. Sie verweisen auf die existentielle und klaustrophobe Grundstimmung eines der spannendsten Bücher des Autorenpaares.
Ein Team von Kosmonauten soll einen Planeten für die Evakuierung einer bedrohten galaktischen Rasse vorbereiten. Allem Anschein nach ist der Planet unbewohnt und aus unbekannten Gründen nekrotisch.
Mit der Entdeckung einer abgestürzten Rakete der Mission Freie Suche ändert sich die Sachlage und plötzlich sehen sich die hemdsärmeligen und bedenklich emotional agierenden Wissenschaftler mit unheimlichen Phänomenen konfrontiert und letztlich mit der Frage: Wie weit kann sich ein Mensch verändern, um noch als Mensch gelten zu können?
Die notwendige Einschaltung der, den Strugatzki-Lesern schon bekannten, KomKon rund um Leonid Adrejewitsch Gorbowski, stellt schließlich die gesamte Mission in Frage.
Faszinierend ist, wie übrigens in allen Erzählungen des Bandes, die hochtechnisierte Raumfahrt der (sowjetischen) Menschheit und ihre hehre Gesinnung sowie die in Wahrheit heillose psychische und emotionale Überforderung der Kosmonauten.
Die Kernaussage: Das fundamentale Interesse der Menschheit, vernünftige Aliens zu entdecken und zu erforschen, sieht sich ausschließlich darin begründet, sich selber besser verstehen zu lernen. Das Fremde wird zum Spiegel des eigenen Selbst.
Der Junge aus der Hölle
Diese längere Erzählung ist, nach Boris Strugatzki, in einer auf politische Repressalien zurückzuführenden Schaffenskrise 1973 entstanden.
Die menschliche Kampfmaschine Gagh wird von einem rückständigen Planeten auf die Erde in die Welt des Mittag versetzt. In dieser irdischen und zukünftigen Welt sind alle Aufgaben, die sich die Menschheit gestellt hat (siehe Karl Marx) gelöst. Für den westlich sozialisierten Leser ist es nicht immer ganz leicht, sich das lichte Bild einer von Krieg und Unvernunft befreiten Menschheit auf höchstem technischen Niveau vorzustellen oder auch nur darauf zu hoffen.
Auch in dieser Erzählung interessiert die Brüder Strugatzki der Weg dorthin. D.h. vom kriegerischen, tumben Befehlsempfänger zum kultivierten und mitfühlendem Menschen.
Nebenbei ist das Buch eine klare Absage an den Ehrenkodex der Soldateska und wohl das, was man einen Antikriegsroman nennen kann. Das die Behörden das Erscheinen des Buches und seine Verwendung als Drehbuch verhindert haben, nimmt nicht wunder.
LitGes, März 2012 |
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Werkausgabe 3: Arkadi & Boris Strugatzki. Rez.: Peter Kaiser |
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Peter Kaiser
DAS UNIVERSUM STRUGATZKI III
WERKAUSGABE – DRITTER BAND
Arkadi und Boris Strugatzki
Herausgegeben von Sascha Mamczak und Erik Simon
München: Heyne Verlag, 2011. 896 S.
ISBN 978-3-453-52685-3
Die Schnecke am Hang¹
Die zweite Invasion der Marsmenschen²
Die Last des Bösen³
Aus dem Leben des Nikita Woronzow⁴
Ein Teufel unter den Menschen⁵
Aus dem Russischen:
Hans Földeak¹, Thomas Reschke², Kurt Baudisch³, Edda Werfel⁴ und Erik Simon⁵
Titel und Erscheinungsjahr der Originalausgaben:
„Улитка на аклоне“, 1966
„Второе нашествие марсиан“, 1976
„Отягощенные Злом“, 1988
„Подробности жиэни Никиты Воронцова“, 1984
„Дьявол среди людей“, 1993
Die Schnecke am Hang
„Es ist der Wunsch zu verstehen,… Das ist es, woran ich so leide: an der Sehnsucht zu verstehen.“ (Pfeffer)
Der evolutionäre Erfolg von staatenbildenden Insekten - wie den meisten Arten von Ameisen oder Bienen - ist ihre Fähigkeit zur Kommunikation. Der Erfolg des staatenbildenden Säugetiers der Spezies Homo Sapiens scheint manches Mal eher trotz dieser Fähigkeit zu existieren.
Eine Problemstellung, welche in Science Fiction Romanen immer wieder auftaucht, ist die Schwierigkeit mit Aliens 1. zu kommunizieren und 2. das Ausgetauschte auch richtig zu verstehen. Wir dürfen das Misstrauen der Autoren ruhig auf die Unfähigkeit der Spezies zur missverständnisfreien Kommunikation untereinander zurückführen.
Wie wir nicht zuletzt aus der Philosophie wissen, sind es oft Begriffe und ihre verschiedenen Deutungsmöglichkeiten, welche uns zu schaffen machen. Die Schnecke betreibt zusätzlich so etwas wie eine Entropie der Sprache und führt uns ihre Neigung zur Redundanz vor Augen.
In Die Schnecke am Hang wird uns eine zweigeteilte Welt präsentiert: Die Welt auf der weißen Klippe, welche wir die Verwaltung (als böses Synonym für Zivilisation) nennen wollen und die des Waldes.
Ein Mensch, Pfeffer, sitzt am Rande der Klippe, lässt die Beine baumeln und blickt mit Sehnsucht auf die grüne, schwammige Weite des Waldes hinab. In diesem Wald lebt unruhig Kandid (vgl. Voltaires Candide) und strebt zur Klippe hin, zur Stadt.
Beide Protagonisten sind durch nicht erklärte Umstände in die jeweilige Welt geworfen, sind Fremde dort und wehren sich auch gegen die vollständige Assimilation. Ihre Streben geht höher hinaus: Etwas anderes wie die Verwaltung/den Wald muss es ja noch geben und sei es nicht jetzt, so muss zumindest ein Weg in eine bessere Zukunft erkennbar sein.
Beide Welten funktionieren parallel und vollkommen unterschiedlich. Ist der Wald von tiefem Aberglauben, unverständlichen Naturgesetzen durchdrungen und von degenerierten Menschen bewohnt, so ist die, von den Direktiven der Verwaltung regierte und von Beamten bewohnte Stadt in ihren Aktivitäten ebenso unverständlich. Eine heillose Verwirrung der Begriffe, der Vorstellungen und des Denkens allgemein scheint den ganzen Planeten erfasst zu haben. Aber eben nur für den Außenstehenden. Für beide Lebenswelten gilt: Für jemanden, welcher nicht bereit ist sich bedingungslos in das System einzufügen, wird die jeweilige Welt unverständlich bleiben, er wird nicht darin ankommen.
Ein wunderbarer und herausfordernder Text der Brüder Strugatzki, der durch seine kafkaeske Absurdität zu heilsamen Momenten der Einsicht führt.
Die tiefe Philosophie und Ambivalenz der Schnecke ist schon dem Motto und wunderbaren Haiku von Kobayashi Issa geschuldet:
Ja, Schnecke, / besteig den Fuji, aber / langsam, langsam!
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Kabayashi Issa (1763-1827) |
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Vergrabener Marsianer mit
sehnsüchtigem Blick zur Erde. |
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Die zweite Invasion der Marsmenschen ist bezeichnender Weise eine Lieblingsgeschichte der Brüder Strugatzki: Groteske und Fabel mit philosophischem Hintergrund, die uns vor Tatsachen stellt, ohne nur im mindesten auf Wahrscheinlichkeiten Rücksicht zu nehmen.
Eine Invasion hat stattgefunden. Vom bewiesenermaßen unbelebten Mars. Woher auch sollen die Fremden, die den Vorstadtbewohnern der nahegelegenen Großstadt verblüffend ähneln, auch sonst kommen?
Was zählt ist einzig und allein, was der Machtwechsel für die Bewohner der beschaulichen Kleinstadt bedeutet. Die Farmer müssen statt Weizen, blaues Korn anbauen und zu Geld wird als Parallelwährung Magensaft eingeführt. Eigentlich kann man mit Beidem leben - und das besser als zuvor.
Will nicht das Volk vor allem ein ruhiges und gesichertes Leben ohne große Anstrengung? Die idealistischen Partisanen, welche Überfremdung und Kulturverlust befürchten sind eindeutig die größere Bedrohung.
Die Last des Bösen trägt den Untertitel Vierzig Jahre später, der eine Vision der Sowjetunion vier Jahrzehnte nach dem Beginn der Perestrojka meint. Boris Strugatzki schreibt, im Ende der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts verfassten Nachwort, dass aber dann alles unvorstellbar anders gekommen sei. Oder doch nicht? Der zweite Untertitel des Buches könnte also lauten: Es war alles anders. Ganz anders.
Boris Strugatzki setzt fort: …und den letzten Punkt in der Reinschrift setzen wir am 18. März 1988. Es war der letzte Roman der Strugatzkis und der komplizierteste von allen – vielleicht sogar zu kompliziert -, der ungewöhnlichste und sicherlich der am wenigsten populäre.
Die Last des Bösen ist zwei- oder dreigeteilt und in vielem eine Paraphrase auf den großen Roman Der Meister und Margarita von Michail Bulgakow (1891-1940).
Der eine Teil äußert Vermutungen über die gesellschaftlichen Entwicklungen der Sowjetgesellschaft (s.o.) und stellt dem etablierten Teil dieser, die Flora gegenüber: Eine lose Vereinigung von naturverbundenen und anarchistischen Jugendlichen, die sich enttäuscht vom Establishment abgewandt haben und einer eigenen Wahrheit verbunden fühlen. Die Konflikte (und auch deren „Lösung“) sind vorprogrammiert. Dieser, in Tagebuchform, von einem Schüler des Lehrers G.A. Nossow aufgezeichnete Teil ist auch eine Geschichte des Lehrens und der Pädagogik im Allgemeinen: Wo Herzensgüte existiert, findet Erziehung statt. Wo Herzensgüte fehlt … findet Dressur statt.
Der zweite mythische und phantastische Teil, erzählt die Wiederkehr eines völlig entstellten Jesus Christus, der mit seinem obskuren Gehilfen Ahasver Lukitsch (der Ewigen Jude) die Entwicklung der Menschheit zweitausend Jahre nach seinem Tod prüfen will und darum wieder den Menschfischer spielt. Die Handelsware ist wie seit zwei Jahrtausenden eine besondere immaterielle Substanz, die unabhängig vom Körper existiert (lt. dem Großen Sowjetischen Wörterbuch).
In diesen Teil wiederum eingewoben sind höchst amüsante und geistreiche Deutungen, sowohl aus der christlichen Apostelgeschichte (köstlich: Johannes und Judas), als auch aus der islamischen Entstehungsmythen.
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Holzschnitt von Albrecht Dürer |
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Der Roman stößt mit seinen 250 Seiten tatsächlich an die Grenzen der Komplexität und jeder Teil, könnte so, wie er auch geschrieben wurde, für sich bestehen (und damit mit Vergnügen um vieles länger sein).
Unter dem Pseudonym S. Jaroslawzew erschienen drei Erzählungen. Aus dem Leben des Nikita Woronzow ist die zweite davon. Geschrieben wurden sie, laut Boris Strugatzki, zu neunzig Prozent von Arkadi und zu zehn Prozent von Arkadi und Boris gemeinsam.
Geschrieben als klassische Erzählung könnte man thematisch und stilistisch als Autor auch Mircea Eliade vermuten, der unheimlich-magische Hintergrund spräche in einigen Punkten dafür.
Die Erzählung stützt sich auf den Bericht eines Untersuchungsrichters über den plötzlichen Tod eines eigentlich unscheinbaren Mannes. Das aufgefundene Tagebuch gibt allerdings einige Rätsel auf. Der Mann hat seinen Tod auf die Minute genau vorausgesehen.
Was tun, wenn man um die zukünftigen Ereignisse weiß und diese aber nicht beeinflussen kann? Wie reagieren die Mitmenschen auf dieses Wissen? Was gilt der Prophet im eigenen Land?
Die abschließende Erzählung Ein Teufel unter den Menschen ist ebenfalls unter S. Jaroslawzew erschienen. Sie erzählt die Geschichte von Kim Sergejewitsch Woloschin und gibt ein Sittenbild der kleinen Stadt Taschlinsk am Ende der Sowjetära. Dieser Kim Woloschin wird im Laufe der Geschichte unheimliche und unsägliche Fähigkeiten entwickeln. Verblüffend ist die Ähnlichkeit dieses Antihelden mit einem berühmten Mutanten aus einem anderen Science Fiction-Universum: Iwan Iwanowitsch Goratschin, dem Doppelkopf-Mutanten aus der Perry Rhodan-Serie.
Beide sind durch mentale Fähigkeiten bemächtigt ihre Umwelt in Angst und Schrecken zu versetzen. Bei Arkadi Strugatzki führt das aber naturgemäß zu tieferschürfenden Überlegungen.
Muss man der christlichen Hölle entsprungen sein, um seine Angst und seinen Hass in eine grausame Waffe umwandeln zu können, oder genügt dazu die ganz reale irdische Hölle?
Interessant ist, dass dieser mutmaßliche Teufel, in der Umkehrung zu dem faustischen Goethe, stets das Gute will und doch das Böse schafft. Wird es (das Böse) letzten Endes besiegt, ist also keineswegs klar, welche der beiden Mächte den Sieg davon getragen hat.
Ebenso bemerkenswert an Ein Teufel unter den Menschen ist eine erste Verarbeitung und Darstellung der Schrecken der Tragödie von Tschernobyl.
Der Kampf zwischen der russisch-christlichen Mystik und dem sowjetischen Materialismus wird an einer zentralen Stelle der langen Erzählung wie folgt zusammengefasst:
„Und Sie, Moissej Naumowitsch, glauben Sie an Gott?“
„Wohl kaum, meine liebe Alissa Igorewna. Ich glaube an das unergründliche Schicksal – eine Funktion von Temperament, Umständen und Taten.“
LitGes, Juni 2011 |
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Werkausgabe 2: Arkadi & Boris Strugatzki. Rez.: Peter Kaiser |
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Peter Kaiser
DAS UNIVERSUM STRUGATZKI II
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WERKAUSGABE – ZWEITER BAND
Arkadi und Boris Strugatzki
Picknick am Wegesrand¹
Eine Milliarde Jahre vor dem Weltuntergang²
Das Experiment³
Aus dem Russischen von Aljonna Möckel¹, Welta Ehlert² und Reinhard Fischer³
Herausgegeben von Sascha Mamczak und Erik Simon
Titel und Erscheinungsjahr der Originalausgaben:
„Пикник на обочине“, 1972
„За мнллиард лет до конца света“, 1976
„Град обреченный“, Manuskript 1968-72, 1989
München: Heyne Verlag, 2010. 909 S.
ISBN 978-3-453-52631-0
Die Erzählung Picknick am Wegesrand ist die im „Westen“ bekannteste Geschichte der Strugatzkis und dies nicht zuletzt durch Andrej Tarkowskis kongeniale Verfilmung unter dem Titel Stalker im Jahr 1978. Fast unmöglich ist es die Bilder aus dem Film beim Lesen des Buches nicht vor Augen zu haben. Es sei also zunächst versucht diese Besprechung von der Vorlage her zu beginnen.
Sechs Zonen gibt es auf der Erde in denen die Besucher ihre Spuren hinterlassen haben. Eine davon ist Harmont, wohl irgendwo in England gelegen. Nahe der Stadt ist ein riesiges Gebiet von außerirdischen Artefakten und seltsamen Phänomenen verseucht. Die unbedeutende Stadt ist durch die Zone zum Militärstützpunkt, Tourismusziel und Zentrum von halblegalen Schiebereien aller Art geworden. Wissenschaftlicher Alltag und die Kunst des Kapitalismus tatsächlich alles verkaufen zu können, prägen die, unmittelbar nach der „Invasion“ desolate, und jetzt aufstrebende Stadt.
Vorweg: Der Leser, welcher auf eine Erklärung der stattfindenden Sensationen wartet, wird mit Brosamen abgespeist. Zwar werden manche Artefakte und die Vorgänge in der Zone und der Stadt (die Belebung der Toten u.a.) beschrieben, der Zweck des Besuchs aber bleibt Spekulation. Erfreuen können wir uns an den schönen Bezeichnungen derselben: Fliegenklatsche, Hexensülze, Schwarze Spritzer usw. Diese unwissenschaftlichen „Spitznamen“ stammen von denen, die den Dingen und Phänomenen auch am nächsten kommen: den Stalkern.
Eines der originellsten Elemente der Erzählung ist ihr Blickwinkel: Während die übrige Welt von der Zone fast unberührt bleibt und sich mit der Vermarktung begnügt, erlebt der Leser sie über die Erfahrungen, welche die Stalker in und mit ihr machen. Diese sind Außenseiter, die ihr Geld damit verdienen, die außerirdischen Artefakte aus der, von der UNO schwer bewachten Zone zu bergen und an den Meistbietenden zu verschachern. Die zentrale Figur ist der Stalker Roderic Schuchart, dessen illegale Tätigkeit wir über ungefähr ein Jahrzehnt mitverfolgen dürfen. Soweit, stark reduziert, der Inhalt.
In der Suhrkamp-Ausgabe des Picknick aus dem Jahre 1981 findet sich ein Nachwort von Stanisław Lem, der die Erzählung nach streng wissenschaftlichen Maßstäben seziert. Wie meist, sagt diese Arbeit mehr über den Autor aus, als über die Untiefen der Erzählung und ist nebenbei eine der schönsten Hymnen an die Science-Fiction überhaupt. Schade, dass sie sich nicht in der Werkausgabe des Heyne Verlags als das Dokument, welches es ist, wiederfindet.
Um sich dem Phänomen Tarkowski anzunähern, sei auf Die versiegelte Zeit¹ und eine kleine Annäherung im etcetera 4/2000² verwiesen.
Das Picknick nur wissenschaftlich zu deuten, verkleinert es. Es als symbolistischen Märchen zu verstehen, verkennt die Strugatzkis, welche auch in ihren utopischen Erzählungen einen möglichst genauen Realismus pflegen. Die Bildmagie Tarkowski macht aus ihr ein eigenständiges Kunstwerk, welches zwar die Armut und Tristesse der Lebenswelt der Zone nachzeichnet, aber ansonsten ein Universum für sich bildet (s.o.).
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Filmstill aus Stalker. |
1975 schreiben die Brüder Strugatzki ihre Erzählung Picknick am Wegesrand zum Drehbuch für Andrej Tarkowskis Stalker um.
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Die drei Hauptdarsteller auf der
fliegenden Galosche, die Tarkowski
mit einer Draisine realisiert. |
Andrej Tarkowski bei den
Dreharbeiten zu Stalker.
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(Fotos aus Die versiegelte Zeit)
Es ist ein alter Trick, irdische Probleme in Si-Fi zu verpacken und dem unverbesserlichen Leser quasi in extrapolierter Form vor die Nase zu halten. Die Strugatzkis hatten die heile Welt des Sowjet-Kommunismus tagtäglich vor Augen, ohne sie direkt kritisieren zu dürfen. Aber nicht nur die Sowjetunion treibt Raubbau an Mensch und Erde: Der Kapitalismus, welcher die Menschen tagsüber in Arbeits- und Konsumtempel hetzt und abends vor den Fernseher bannt und mit unersättlicher Gier die Ressourcen plündert und die natürlichen Lebensräume zerstört, bietet das gleiche hässliche Antlitz, nur stark geschminkt. Vielleicht ist ja das Picknick eine Vernunft- und Wissenschaftskritik, welche mit allerlei bizarren Einfällen, dem Fortschritt mit der verseuchten Zone den Spiegel vorhält. Ist es möglich nach Tschernobyl das bepelzte Kind Schucharts nicht als Opfer von verantwortungslosem Leichtsinn zu lesen? Sind die „Wunder“, welche die Zone angeblich bereit hält, vielleicht wirklich nur die tödlichen Fallen, als welche sie sich im ersten Eindruck zu erkennen geben?
Schucharts letzter Besuch in der Zone, wird ein Weg in sein Innerstes. Das selbstbestimmte Leben, welches er glaubte geführt zu haben, war in Wahrheit diktiert von den Wissenschaftlern und den Hehlern und versperrte ihm die Sicht auf seine wahren Wünsche, genauso wie die Hexensülze.
Vielleicht ist die Zone eine Warnung auf der Hut zu sein, wenn sich die angebliche Erfüllung aller Wünsche („Glück für alle!“), nur auf Kosten von zerstörter Natur und unbegreiflicher Technologie erreichen lässt.
Eine Milliarde Jahre vor dem Weltuntergang ist eines der seltsamsten Stücke Phantastik, welches von den Brüdern Strugatzki geschrieben wurden. Ein Leningrader Kammerspiel, aufgeführt in einem Wohnblock und davon zu 90% in der Wohnung des Wissenschaftlers Maljanow.
Eine unbekannte und geheimnisvolle Macht hindert den Astrophysiker Maljanow und seine Kollegen auf perfide Weise ihre Arbeiten fortzusetzen. Dass diese Macht über scheinbar unbegrenzte und zweifellos übernatürliche Mittel und Möglichkeiten dazu verfügt, ist offensichtlich, nur, wer ist diese Macht und welche Ziele verfolgt sie? Die, aus dieser Situation resultierende, eigentliche Frage ist aber: Wie verhalte ich mich, angesichts einer diffusen Bedrohung, welche mich daran hindern will, meine Forschungen zu betreiben?
Diese Satire über Verschwörungstheorien und kafkaesker Gedankenpolizei lässt sich als Kritik einer Intelligenzija in Fesseln lesen, oder als Kleinod pointierter und lebensnaher sowjetischer Science-Fiction.
Das Experiment ist das Experiment. Dieser Satz begleitet den Leser während des ganzen Romans. Er fällt, wenn etwas geschieht, wofür es keine vernünftige Erklärung gibt. Er ist eine Doktrin, und er kommt von Schriftstellern der Sowjetunion, welcher Doktrinen (die, der Partei selbstverständlich) heilig waren.
Bunt zusammen gewürfelt, finden sich Menschen aller Nationen und Hautfarben in einer Versuchsanordnung an einem unbestimmten Ort (Aquarium? Fremder Planet?) wieder. Der Inhalt oder Zweck des Experiments ist unbekannt, scheint aber die Suche nach der idealen Gesellschaftsform zu sein. Aber, als wäre in den Versuchspersonen nicht persönliches Interesse, Wahn, Bösartigkeit und Kadavergehorsam genug vorhanden, um das Experiment zum scheitern zu bringen, brechen immer wieder chaotische Zustände von „außen“ über sie herein. Die Radikalität im Ansatz des Experiments zeigt sich schon allein daran, dass Nazi-Schergen mit Juden und Sowjetsoldaten ihr Auskommen finden müssen.
Ein wunderbarer Wesenszug der sowjetischen Künstler ist die hehre und beinahe verzweifelte Suche nach dem besseren und damit dem Neuen Menschen. Dieses Ringen um die bestmögliche Form des sozialen Zusammenlebens der Menschen findet sich im Experiment zu einer Zeit, wo im Westen nach den richtigen Wegen des Miteinander längst keine Fragen mehr gestellt wurden: Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied.
Das Experiment (Die verdammte Stadt im treffenderen Original) ist Lehrstück und Erklärung warum der Neue Mensch aus weiter Ferne winkt. Klar wird aber, was er sein müsste, um dafür reif zu werden: Ein soziales Wesen, dass diese Bezeichnung verdient.
¹Andrej Tarkowski: Die Versiegelte Zeit. Berlin, 1996.
²Peter Kaiser: die kunst des formalismus oder Tarkowskis Reise durch die Zone. etcetera 4/ Dez. 2000.
LitGes, Januar 2011 |
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Werkausgabe 1: Arkadi & Boris Strugatzki. Rez.: Peter Kaiser |
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Peter Kaiser
DAS UNIVERSUM STRUGATZKI I
WERKAUSGABE – ERSTER BAND
Arkadi und Boris Strugatzki
Die bewohnte Insel¹
Ein Käfer im Ameisenhaufen²
Die Wellen ersticken den Wind²
Aus dem Russischen von Erika Pietraß¹ und Mike Noris²
Herausgegeben von Sascha Mamczak und Erik Simon
Titel und Erscheinungsjahr der Originalausgaben:
„Обитаемый остров“, 1969, 1971
„Жук в муравейнке“, 1979-80
„Волны гасяат ветер“, 1985-86
München: Heyne Verlag, 2010. 906 S.
ISBN 978-3-453-52630-3
Arkadi Natanowitsch Strugazki (*1925 Batumi, Georgien; †1991 Leningrad) und Boris Natanowitsch Strugatzki (*1933 Leningrad), ein Schriftsteller-Brüderpaar, welches sein Hauptwerk zu Sowjetzeiten schuf, ist in seiner Komplexität und Wirkungsmächtigkeit nicht zu überschätzen. Nur wenige Autoren aus den Bereichen Fantastik und Science-Fiction haben neben ihnen bestand: Stanisław Lem, Philip K. Dick, Isaac Asimov, Robert A. Heinlein, Ray Bradbury, Arthur C. Clark, Iain Banks. Zur Not ließe sich diese Aufzählung auf Stanisław Lem und Philip K. Dick reduzieren. Vergleichbar sind sie durch ihre Vielschichtigkeit und ihre literarischen Qualitäten mit niemand. Der Heyne Verlag begeht nun die Großtat die Strugatzkis mit einer Werkausgabe zu würdigen, wozu der Suhrkamp Verlag (in dessen Phantastischen Bibliothek die Romane und Erzählungen im Westen erstmals erschienen) nicht fähig oder willens war. Dass sich die Bände vielleicht eine etwas liebevollere Aufmachung verdient hätten, sei hintan gestellt: Vorwort, Anhänge und Anmerkungen trösten darüber hinweg.
Bezüglich der Bedingungen in einem totalitären Regime wie dem Sowjet-Kommunismus, Romane schreiben und tatsächlich veröffentlichen zu können, soll hier auf das Vorwort von Dimitry Glukhovsky und auf die Anmerkungen Boris Strugatzkis verwiesen werden.
Die wunderbaren Blüten welche der psychische und physische Staatsterror bei den Künsten gezeitigt hat, entschuldigen nichts, sind aber dennoch einzigartig. Es ist als hielten die vielen wunderbaren Schriftsteller und Komponisten den kommunistischen Ignoranten und Banausen, mit ihrer hohen Kunst ein unvergängliches UND DENNOCH entgegen. Eine aktuelle Biografie der beiden zur Ergänzung der Edition ist jedenfalls wünschenswert.
Вселенная Стругацкий
Die bewohnte Insel, eine zu Beginn der 70er Jahre vollendet SiFi-Satire, zeichnet eine, an totalitären Machtsystemen und Kadavergehorsam schwer krankende Welt. Ideen, wie ein sich selbst reparierendes Schiff, ein Mensch der fähig ist, seine Eigenzeit zu erhöhen, über wundersame Heilkräfte verfügt und welcher ein höchst humanes und dennoch naives Wesen besitzt, beeinflusste zweifelsfrei viele Autoren. Der mit seinem Kultur-Zyklus davon Beste unter den Modernen ist Iain Banks.
Maxim Kammerer, welcher ursprünglich Maxim Rostislawski hieß, und der uns in den nächsten Romanen wieder begegnen wird, strandet auf dieser verkommenen Welt und versucht sich in ihr zurecht zu finden. Seine Erfahrungen vermitteln uns sozusagen die Metaebene der herrschenden Gesellschaftsstrukturen.
Es ist nicht immer nur der Plot, welcher uns fesselt, sondern auch die feine bis bösartige Ironie, die es immer wieder schafft, bestehendes zu hinterfragen oder lächerlich zu machen und sich doch nicht als Kritik am faschistischen System (siehe Zensur) dingfest machen lässt. Köstliche Karikaturen in Uniform, rumpelnde und stinkende Panzerwagen aus Alteisen verkörpern eine Militärdiktatur, welche gegen den Rest der Welt kämpft und alles vernichten will, was nicht ihrem Grad an Stupidität und Grausamkeit entspricht. Mentale Beeinflussung (Massenmedien?), Hysterische Gesänge und Verherrlichung der Garde und der Väter lassen keine tiefer gehenden Fragen zu, deren Antworten nicht die Ausrottung der Entarteten und also anders Denkenden sind. Offensichtlicher und dennoch doppelbödiger kann Systemkritik nicht sein. Mit einem Wort: beste subversive Literatur, und, das gilt für alle Strugatzkis, spannende Abenteuerromane.
Советская империя наносит ответный удар
Boris Strugatzki im Nachwort zur Insel: Es ist nicht möglich, hier alle Änderungen und Säuberungen aufzuzählen, nicht einmal die wesentlichen…es finden sich allein in der Bewohnten Insel 896 Abweichungen, Korrekturen, Streichungen, Einfügungen, Ersetzungen…
Die Änderungen bis zur Freigabe durch die Zensur dauerten zwei Jahre. Bezeichnend ist auch, dass die Romane in sowjetischen Jugendbuchverlagen erschienen. Nur als Unterhaltungsliteratur war ein Quäntchen kritische Utopie möglich. Die Schikanen bis zur Veröffentlichung muten heute grotesk und lächerlich an, waren damals aber existenzbedrohliche Realität.
Versuchen Sie sich in die Psyche eines Menschen zu versetzen, der erfährt, dass er durch einen Inkubator zur Welt gekommen ist, den unbekannte Monster vor fünfundvierzigtausend Jahren mit unbekanntem Zweck in Gang gesetzt haben,… Und schon sind wir im 1979-80 geschriebenen Roman Ein Käfer im Ameisenhaufen gelandet. Maxim Kammerer, unser alter Bekannter vom Planeten Saraksch und sein vormaliger Kontrahent Sikorski treten diesmal als Verbündete und Menschenjäger auf der Erde auf.
Es geht um das größte Geheimnis überhaupt: das Persönlichkeitsgeheimnis. Die Thematik ist existentiell. Wer verbirgt sich hinter der Geschichte seiner Herkunft wirklich?
Ein Psycho-Krimi der sich als Sience-Fiction tarnt, oder, vielmehr umgekehrt, ein Wissenschaftsroman, welcher uns mit seinen Fakten zu gewagten Hypothesen (übrigens gemeinsam mit den Protagonisten) verleitet? Jedenfalls ein Roman, welcher Stoff für mindestens drei SiFi-Erzählungen der besten Sorte liefert. Wenn Iain Banks an einem Buch gelernt hat, dann an diesem: eine Schiffserie mit Namen Gespenst; die Wanderer, als uralte Rasse, deren Relikte den Weltall überziehen; die Freie Suche als Vorläufer der Besonderen Umstände und natürlich der Zynismus: die Strugatzkis deuten das Schicksal einer Welt an, deren Bevölkerung evakuiert wurde, aber nicht um die Bewohner zu retten, sondern den Planeten vor diesen! Das Buch endet tragisch, wie es der Reim zu Beginn verkündet. Der Mensch zerstört in seiner bodenlosen Angst alles was ihm zwischen die Finger gerät.
Ein paar Worte zur Neuausgabe anhand des Romans Die Wellen ersticken den Wind aus den Jahren 1985-86.
In der Suhrkamp-Ausgabe, 1988, welche sich auf den Verlag Das Neue Berlin (DDR) bezieht, scheint als Übersetzer Erik Simon auf. Die Werkausgabe gibt hingegen Mike Noris als Übersetzer an und Erik Simon einerseits als Herausgeber, anderseits als Nachdichter. Im Vergleich der Ausgaben fällt auf, dass beide jedenfalls der gleichen Übersetzung folgen, die Neuere hingegen eine Glättung hinter sich hat, welche die Lesbarkeit geringfügig erhöht, den literarischen Wert allerdings ziemlich unbeeinträchtigt lässt. Die Frage ist jetzt welche Rolle dann Mike Noris (und in der Bewohnten Insel Erika Pietraß) als Übersetzer spielt?
Aber Geheimnisse sind auch das Salz in der Suppe im Roman Die Wellen, welcher als dritter Teil der sog. Maxim Kammerer-Trilogie fungiert.
Es geht explizit um die Superintelligenzen der Wanderer, über welche wir in den anderen Romanen bereits gehört haben. Anhand der Wanderer wird die Evolution intelligenten Lebens entwickelt: Jede planetare Intelligenz…durchläuft im Evolutionsprozess…den Weg vom Zustand der maximalen Zersplitterung…bis zum Zustand maximaler Vereinigung bei zugleich gewahrter Individualität. Als Maxime gilt: Erschaffen, ohne zu zerstören! Müßig auf den momentanen evolutionären Zustand der Menschheit einzugehen. Interessant ist aber die Paranoia, welche die „Bedrohung“ einer Unterwanderung durch die Superintelligenz in Maxims Institut KomKon2 auslöst. Das Dilemma der panischen Menschheit läuft auf folgendes hinaus: Warum hat man vor fremder, mit fast 100%iger Sicherheit, positiver Einflussnahme von Außerirdischen Angst, wenn man hingegen selbst mittels der irdischen Progressoren Einfluss auf die Evolution wenig entwickelter Völker im Universum nimmt?
Die Wellen ersticken den Wind beschreibt nun anhand verschiedener Dokumente die Suche nach den Wanderern auf der Erde und erweist sich wiederum als Fundus für den unerschöpflichen Ideenreichtum der Strugatzki Brüder.
Weitere Informationen unter: www.michael-andre-werner.de/bs/
LitGes, Dezember 2010 |
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Der Kulturzyklus: Iain Banks. Essay: Peter Kaiser |
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Peter Kaiser
BESONDERE UMSTÄNDE
DER KULTUR-ZYKLUS
Iain Banks
Consider Phlebas. 1987
The Player of Games. 1988
The State of the Art. 1989
Use of Weapons. 1990
Excession. 1996
Inversions. 1998
Look to Windward. 2000
Matter. 2008
Deutschsprachige Ausgaben:
München: Heyne Verlag
"Firstly, and most importantly: the Culture doesn't really exist. It's only a story. It only exists in my mind and the minds of the people who've read about it." (Iain Banks)
Vorwort
Iain Banks ist einer der großen Autoren der Science Fiction. Mit seinen etwa zehn Romanen aus dem Genre hat er seinen Namen tatsächlich in den Sternenhimmel geschrieben. Zudem verfasst er "normale" Bücher. Die Gänsefüßchen sind hier unabdingbar; verwiesen sei etwa auf das derzeit und skandalöserweise nur in englischer Sprache lieferbare "The Wasp Factory", sein Debüt und ein wahrer Donnerschlag.
Der Autor dieser Überlegungen will Sie nun zu einer Reise überreden, deren Ziel in unserem Raum-Zeit-Kontinuum nicht gerade um die Ecke liegt: die Kultur - eine höchstentwickelte, überlegene, in sich selbst ruhende und sich selbst genügende Zivilisation, in der die Verschmelzung von biologischen Organismen und Maschinen längst die wunderbarsten Früchte trägt, zumindest auf den ersten Blick. Die Kultur ist eine genuine Schöpfung von Iain M. Banks (so nennt er sich im angloamerikanischen Sprachraum, wenn er Science Fiction schreibt), um die der Großteil seiner einschlägigen Werke kreist.
(Thomas Fröhlich)
Die Kultur
Falls jemals jemand vom Kontakt oder den Besonderen Umständen (BU) auf den Verfasser dieser Zeilen zukommen sollte (in Form einer Drohne, eines Avatoids oder gar eines konventionell geborenen Wesens der Kultur), abgesetzt in seiner Heimatstadt von einer Landefähre der Allgemeinen Kontakteinheit "Leicht angebraten auf dem Realitätsgrill" - und dieses Bewusstsein würde ihn fragen: "Kommen Sie mit zur Kultur für immer und ewig?", so wäre seine Antwort ein uneingeschränktes "Ja!"
Nur fragt ihn keiner. Und schon gar niemand von den BU. Dafür ist er zu unwichtig - und unoriginell. Zweifellos.
Zur Begriffsklärung: Man könnte den Kontakt als Spielwiese für die Kultur-Individuen betrachten, die noch sowas wie leichte Unruhe oder ein Kribbeln verspüren, bevor sie in die absolute, hedonistische Selbstgenügsamkeit abgleiten.
Die BU hingegen ist für die schweren Fälle da. Hier ist noch Skepsis vorhanden, ob es denn tatsächlich erlaubt sei, sich das Chaos jenseits der Grenzen der Kultur, der Optime oder der Beteiligten, mit anzusehen, ohne sich ab und zu einzumischen.
Genau in diesem Spannungsfeld zwischen High-Tech-Zivilisation bei relativer Unsterblichkeit und der uns gut bekannten Grausamkeit der wenig entwickelten Völker spielen sich nun die einmal mehr, einmal weniger aufflackernden ethisch-ideologischen und/oder brachialen Grenzscharmützel ab. Die Probleme, die die Kultur intern oder mit den anderen Optime hat, gleichen dem berühmten Sturm im Wasserglas und resultieren aus Tratsch und Langeweile - dazu später mehr.
Zur Verdeutlichung ein Vergleich der Entwicklungsstufen der Kultur und einer beliebig gewählten Realzivilisation (der Höchstwert ist 10):
Anhand dieser kleinen, mutwilligen Übersicht erkennt man geringfügige Abweichungen einerseits in den Standards, aber auch in ethischen Einstellungen sowie der Emotionalität.
Zusammenfassend könnte man sagen: Das Individuum der Kultur kann tun und lassen, was es will. Es ist weder materiell noch organisch eingeschränkt (Wollen Sie ein Mann oder eine Frau oder vielleicht ein Raumschiff werden? Kein Problem!) und kann sich, wenn es die ganze Galaxie bereist und die Materie über hat, zu den Vergeistigten und Unsterblichen aufmachen.
Um nicht Eulen nach Athen zu tragen (und natürlich aus Bequemlichkeit), verweist der Autor dieses Elaborats auf einen Auszug aus "A Few Notes on the Culture", von Iain Banks selbst verfasst:
"The Culture is a group-civilisation formed from seven or eight humanoid species, space-living elements of which established a loose federation approximately nine thousand years ago. The ships and habitats which formed the original alliance required each others' support to pursue and maintain their independence from the political power structures - principally those of mature nation-states and autonomous commercial concerns - they had evolved from. The galaxy (our galaxy) in the Culture stories is a place long lived-in, and scattered with a variety of life-forms. In its vast and complicated history it has seen waves of empires, federations, colonisations, die-backs, wars, species-specific dark ages, renaissances, periods of mega-structure building and destruction, and whole ages of benign indifference and malign neglect. At the time of the Culture stories, there are perhaps a few dozen major space-faring civilisations, hundreds of minor ones, tens of thousands of species who might develop space-travel, and an uncountable number who have been there, done that, and have either gone into locatable but insular retreats to contemplate who-knows-what, or disappeared from the normal universe altogether to cultivate lives even less comprehensible. In this era, the Culture is one of the more energetic civilisations, and initially - after its formation, which was not without vicissitudes - by a chance of timing found a relatively quiet galaxy around it, in which there were various other fairly mature civilisations going about their business, traces and relics of the elder cultures scattered about the place, and - due to the fact nobody else had bothered to go wandering on a grand scale for a comparatively long time - lots of interesting 'undiscovered' star systems to explore ...
In einer deutschen Kurzfassung mag sich das etwa so lesen: Als Angehöriger der Kultur sind Sie beinahe unsterblich, verfügen über höchstmögliche Intelligenz und sind im Besitz einer unglaublich weit entwickelten Technologie. Krieg, Hass, Leidenschaften, Inflation - alles Vergangenheit. Sie sollten sich nur nicht in die Geschicke niederer Zivilisationen (vergleichbar der unseren) einmischen.
Klingt verführerisch? Ist es aber nur bedingt. Damit wir sehen, dass auch so weit fortgeschrittene Zivilisationen nicht ganz ohne (Luxus-)Probleme auskommen, betrachten wir diese im Folgenden neidvoll aus der Nähe.
Problemstellung 1: Das Gebot der Nichteinmischung
Ein Vorläufer aus zeitlicher und ethischer Sicht ist im humanen Völkerrecht verankert. Sollte die Bevölkerung eines Staates X beschließen, sich gegenseitig abzumurksen, so ist dies von den anderen Nationen als innerstaatliche Angelegenheit zu betrachten, und sie haben sich da rauszuhalten. Hochgerechnet für eine sehr weit fortgeschrittene, raumfahrende Zivilisation, die sich bedrohlich der Allmächtigkeit angenähert hat, bedeutet das:
Beeinflusse keine Zivilisation, die in der Entwicklung weniger weit fortgeschritten ist als du selber. Mit allen anderen kooperiere oder ignoriere sie, sonst kannst du nur verlieren.
Hinter diesem Gebot - das im Star Trek-Universum "Oberste Direktive" heißt, aber nie wörtlich formuliert wurde - steckt ein mehr göttlicher als ethischer Gedanke: Wie Gott uns Christenmenschen die Freiheit (aus Liebe heraus) geschenkt hat, unseren Weg ins Unglück selbst zu wählen (das heißt: die Waffen, mit denen wir uns massakrieren, selbst zu erfinden), schenkt die Kultur diese Freiheit den sich noch in Entwicklung befindlichen Zivilisationen. Wie nun aber schon im menschlichen Völkerrecht ersichtlich und in vorliegender Formulierung bewusst überspitzt dargestellt, birgt dieses "Geschenk" ein ziemlich massives Problem.
Habe ich als mächtiger Außenstehender das Recht, mich auf die Rolle des Beobachters zurückzuziehen, oder ist es nicht vielmehr meine ethische Pflicht, mich einzumischen, da ich es ja (aus eigener Erfahrung) besser kann und weiß? Würde ich dies aber tun, auf welche Seite würde ich mich schlagen und welche Gemeinschaft oder Rasse oder Nation würde ich unterstützen und fördern? Einmischen hieße, die Evolution einer Spezies zu beeinflussen und damit Gott zu spielen (obwohl der vermutlich aus dem gleichen Dilemma heraus beschlossen hat, uns in der Sandkiste alleine zu lassen).
Die Frage ist also: Wie verhält man sich korrekt, wenn man einerseits ethisch handeln will und andererseits nicht die göttliche Liebe sein eigen nennt? Dieses Dilemma ist eines und wird es bleiben. Jede Kontaktaufnahme ist definitiv Einmischung - eine ähnliche Thematik finden wir beim Zeitreise-Thema.
Die Menschen haben als Lösungsvorschlag die Vereinten Nationen gegründet. Star Trek lässt Captain Kirk entscheiden, ob der American Way of Life der jeweiligen Spezies die Erleuchtung bringt - und die Kultur hat den Kontakt und für den Ernstfall die Besonderen Umstände ins Leben gerufen.
In allen drei Fällen ist das Ergebnis unbefriedigend und im besten Fall als guter Wille zu bezeichnen. Immerhin aber birgt es für die nächsten Jahrmillionen genügend Gesprächsstoff. Im Übrigen gäbe es ohne diese Zerrissenheit ein wesentliches und intelligentes Spannungsmoment in der SF weniger.
Exkurs 1: Das Böse
Wie üblich haben es die Leute, die sich über Ethik nie den Kopf zerbrechen - also die "Bösen" - da wesentlich einfacher: sie mischen sich ein, weil sie etwas haben wollen. Gar nicht lange fragen. Basta. Ist letztlich der Reiz am Bösen, dass es durch keine ethische Hirntätigkeit am Handeln gehindert wird? Muss doch Spaß machen, oder?
Bei Banks ist das Böse darum auch wirklich böse, und man sieht das diabolische Grinsen des Autors beim Schreiben, wenn er - uns zum schaurigen Amüsement und sich selbst zur Erholung - seine Finsterlinge erfindet. Man denke nur an die mit geblendeten Fledermäusen Federball spielenden Sadisten oder den Imperator, der den am Leben erhaltenen Kopf eines Attentäters als Punchingball benutzt.
Auch die Sonne der Kultur braucht also den Schatten des Bösen, um umso heller zu strahlen.
Problemstellung 2: Leidenschaft
Auf den Punkt gebracht: Kann es in einer Zivilisation, die de facto Krankheit und Tod besiegt hat, Leidenschaft geben? Kann also Leidenschaft ohne Leidensfähigkeit existieren? Über die medizinisch-technischen Hintergründe lesen Sie bitte in den Romanen nach, uns interessiert hier nur die philosophische Überlegung. (Zur Thematik immerwährenden Glücks empfehlen wir die Lektüre von Yasmin Rezas "Eine Verzweiflung": Was macht ein glücklicher Mensch, nachdem er morgens in der Karibik eine Papaya gegessen hat?)
Stellen wir uns eine attraktive Frau vor, die jeden Tag die Möglichkeit hat, sich neue Schuhe zu kaufen. Ist das Glück - auch nach einem Monat noch oder nach einem Jahr?
Stellen wir uns einen potenten Mann vor, der jeden Tag einer anderen Frau ihre eben gekauften Schuhe ausziehen darf. Ist das befriedigend - und wenn ja, wie lange?
Ein Leben, das sämtliche Schattenseiten ausblendet und jedes Abenteuer oder Drama gezielt suchen muss, weil ihm in einer völlig durchorganisierten und -technisierten Welt nichts Schlimmes widerfahren kann; das hört sich bequem und gemütlich an, und man könnte sich endlich den Dingen zuwenden, an denen man bis dato durch widrige Umstände gehindert wurde.
Die Frage ist, ob sie uns dann noch interessieren würden. Unsere Interessen resultieren ja zumeist aus einer Lösungssuche für Problemstellungen in unserem Leben (obwohl sehr oft kein direkter Zusammenhang augenfällig ist).
Was ist also ein Leben ohne Probleme? Der Verfasser dieser Zeilen wagt zu behaupten, dass ihm diese Frage aus eigener Erfahrung niemand beantworten kann. In der Kultur erleben wir dennoch den mutigen Versuch, ein solches Leben darzustellen. Es ist sehr bunt und multikulti und (politisch) sehr korrekt und liberal und mit einer Million Möglichkeiten, was man tun könnte, wenn man wollte (nämlich beinahe alles). Aber es ist auch irgendwie schal und aufgebläht und - irgendwie - nicht ehrlich. Es ist für uns nicht nachvollziehbar.
Der Ausweg liegt jetzt darin, dass der Autor die wahren Tragödien außerhalb der Kultur ansiedelt und die Kulturmenschen in diese lediglich involviert. Wird´s wirklich gefährlich, lässt man vorsichtshalber eine Kopie seines Bewusstseins an sicherem Ort abspeichern: Man kann´s ja. Doch Leidenschaft entsteht halt erst, wenn man wirklich etwas riskiert oder sich anständig auf etwas einlässt ...
Um auf die Bösen zurückzukommen: Die sind zwar widerlich und brutal, aber sie sind leidenschaftlich widerlich und brutal. Das Gute ist hier weniger leicht denkbar, weil weniger klar umrissen, als das Böse. Es ist immer irgendwie verkopft und damit das Gegenteil von leidenschaftlich. Wenn ein Mensch scheitert, verzeihen wir ihm gern, wenn er leidenschaftlich gehandelt hat. Wenn jemand aber aus Berechnung handelt und scheitert, neigen wir zur Häme.
Es ist also gar nicht so einfach, das Gute und die gute Kultur so zu präsentieren, dass sie dem Leser so richtig ans Herz gehen. Und auch das fasziniert uns so an den Banks-Romanen: der Kampf um die Darstellbarkeit einer Utopie.
Exkurs 2: Die Utopie des Guten
Warum des Guten? Gibt es eine des Bösen?
Vielleicht könnte man sagen, dass alle Utopien ursprünglich gut gemeint waren, aber in der Umsetzung ins Böse kippten. Kein Visionär wird zugeben, dass er die Welt noch weiter verschlimmern will.
Banks allerdings wird nicht müde, sich an dieser Utopie zu versuchen - trotz, aber wahrscheinlicher wegen der oben genannten Problemstellungen. (Wie sangen schon die Einstürzenden Neubauten so schön? "Nur was nicht ist, ist möglich!") Für die Psychoanalyse ist die Kultur (gemeint ist die irdischer Bauart, also nicht die Kultur) ein Rettungsanker und Schutz vor unseren animalischen Trieben. Wie Freud aber im "Unbehagen an der Kultur" darlegt, kann das aber auch zum Bumerang werden - wie es ja fortwährend geschieht.
Also versuchen wir das Beste; was dabei herauskommt, ist sowieso nur die abgespeckte Version/Vision. Andernfalls bleibt uns immer noch die Science-Fiction: Gute SF-Literatur hat neue Welten, Geschöpfe und Visionen für uns parat. Mutige SF hängt das alles auch noch an einer (positiven) Utopie auf.
Iain Banks ist ein mutiger Mensch. Entscheidungsträger, die Utopien nicht denken können oder wollen, sind das nicht. Mit ihnen brauchen wir uns nicht aufzuhalten - weder im wirklichen Leben noch in der Literatur. Da wenden wir uns lieber an die neuerfundenen Space-Operas aus der Kultur.
Erstveröffentlichung: Evolver, 2009. Bearbeitung: Thomas Fröhlich
Litges, Dezember, 2010 |
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