Rudi Hurzlmeier - Meister der komischen Künste: Hrsg. W. P. Fahrenberg. Rez.: Peter Kaiser

Peter Kaiser
BAYRISCHER BAROCK

 

RUDI HURZLMEIER
Meister der komischen Kunst

Herausgegeben von W. P. Fahrenberg
München: Verlag Antje Kunstmann, 2011.108 S.
ISBN 978-3-88897-735-0

Rudi Hurzlmeiers Kunst tut gut, weil sie uns von etwas befreit, das - außer für ein(äug)ige Fanatiker - auf Erden nicht zu finden ist, nämlich dem Sinn.
Natürlich kann man sich über Hurzlmeiers Bilderunwesen auch seine Gedanken machen. Besser aber sollte man staunen, was in dieser Welt so alles möglich ist. Und die Bilder die aus Hurzlmeiers Hirne purzeln, sind zweifelsfrei ein Teil von dieser.

Rudi Hurzlmeier, früher Rudolf Freiherr Hurzlmeier zu Deggenbach, wurde 1952 im Klostersanatorium der Armen Franziskanerinnen von der Heiligen Familie zu Mallersdorf als mittleres von sieben Geschwistern geboren.
Dieser Satz, zitiert aus dem vorliegenden Band der Meister der komischen Kunst macht zweierlei klar: Das der Adel keinen bürgerlichen Gedankengrenzen unterworfen ist und niemals war, und zweitens, dass nach solchem Start kein gerader Weg durchs Leben führen kann. Aber ist nicht alles ungerade auch barock? Womit wir wieder bei Hurzlmeiers Kunst angelangt wären, die sich in allerlei deutschen (selbstverständlich auch Titanic) und internationalen (Penthouse) Blättern wiederfindet. Und immer mehr, das war ob der meisterlichen Techniken abzusehen, in den edel-sterilen Hallen der sogenannten Modernen Kunst, wo sie fröhliche Farbflecken hinterlassen mag.
Keiner der Alten und auch neueren Meister ist vor Hurzlmeiers Zugriff sicher, und, womit wiederum der Kreis sich schließt, er adelt.
Wer hätte schließlich gedacht, dass in einem Meisterwerk wie Rembrandts Der Mann mit dem Goldhelm ein weiters Bild von diesem Kaliber schlummert?
In perfekt-altmeisterlicher Manier gemalt, wird der titelgebende Goldhelm gegen einen gefüllten Maßkrug Bier vertauscht und dem sinnierenden Manne übergestülpt. Das Bild trägt den Titel Plumpe Fälschung.
Das Motiv oder die Idee wählt den Stil, wobei nicht auszuschließen ist, dass der Stil die Idee gebiert.

Ein wunderschönes Beispiel in kräftigen Farben und Pinselstrichen, wie von der Palette eines wilden russischen Realisten:
Eine Schneelandschaft. Wir reiten in einer Jagdgesellschaft von Rotröcken mit Orchesterinstrumenten hinter einem riesigen rosa Kaninchen her. Hinter der rechten Hügelflanke am Horizont lodert wilder Feuerschein. Dieser weist eindeutig auf den Titel Brennende Wintermantelfabrik.

Vielleicht funktioniert so ein Zen-Koan.

Das Absurde entsteht durch den Zusammenprall zweier unvereinbarer oder zumindest ungewohnter Begebenheiten. Im Ernstfall ist dies die Konfrontation des Menschen mit seiner Sterblichkeit. Im Glücksfall ist dies Hurzlmeier.

LitGes, September 2011

 
Erich Rauschenbach - Meister der komischen Kunst: W. P. Fahrenberg. Rez.: Peter Kaiser

Peter Kaiser
IN DEUTSCHEN BETTEN

 

ERICH RAUSCHENBACH
Meister der komischen Kunst

Herausgegeben von W. P. Fahrenberg
München: Verlag Antje Kunstmann, 2011.112 S.
ISBN 978-3-88897-734-3

Erich Rauschenbach hat 1993 mit Lauter erogene Zonen etwas geschafft, was in der deutschen, anspruchsvollen Cartoonszene nicht oft vorkommt: Der Band wurde ein Bestseller.
Dass er dies mit einem Thema erreichte, welches in unseren Breiten vorzugsweise in der Theorie und medial denn befriedigend gelebt vorzukommen scheint, sagt mehr über die Käufer aus, als über den Künstler. Jedenfalls gibt es zu denken. Dem Satire-Genre wird es aber sicher nicht geschadet haben.
Erich Rauschenbach wurde 1944 in Sachsen geboren und kam 1953 nach Westberlin.
Verschiedenen konservativen Tätigkeiten folgte 1969–73 ein Grafik und Design Studium. Bald darauf freiberuflich, zeichnete er für die IG Metall und 27 Jahre für die Zeitschrift Eltern, was seine intimen Kenntnisse des deutschen Sexual- und Beziehungsverhaltens erklären mag. Daneben Illustrationen für Kinderbücher und zahlreiche Cartoonbände.
Sein Ausdruckmittel ist vorzugsweise die klassische, eingefärbte Zeichnung mit angedeuteter Sprechblase.
Beispiele der späteren Acrylarbeiten (Alle meine Mädels) beschließen diesen Band der Meister der komischen Kunst.

Rauschenbach auf die Beziehungsschiene reduzieren zu wollen, trifft nicht den Kern seiner Arbeiten. Er selbst sieht sich als politischer Zeichner, welcher sich nicht verbiegen läßt, so dieser im abgedruckten Interview, schließlich habe alles Zwischenmenschliche auch die gesellschaftspolitische Ebene.
Siehe dazu den Mann mit Ablaufdatum im Buch auf Seite 78:
Der mit bravem Anzug und mit Aktentasche versehene, heimkommende Mann steht noch auf der Schwelle seiner Wohnung:
Jetzt haben sie in der Firma eine Maschine, die meine Arbeit übernimmt.
Die Frau ihm gegenüber, mit etwas aufgelöstem Haar, Pantoffeln und im Morgenrock verbirgt hinter ihrem Rücken einen offensichtlich elektrischen Vibrator.

Rauschenbachs politische Gesinnung verdeutlicht milde der Cartoon auf Seite 18:
Im Klassenzimmer vor der Tafel. Links im Bild der saloppe Lehrer mit Kreide und Dreieck. Rechts im Bild ein Junge mit Piercings, die Hände in den Taschen.
Auf der Tafel ein Rechteck mit eingezeichneten Winkeln.
Der Junge souverän:
Also für mich sind das ganz eindeutig nicht vier rechte Winkel, sondern zwei rechte und zwei linke.

LitGes, September 2011

 
Robert Gernhardt - Meister der komischen Kunst: Hrsg. W.P. Fahrenberg. Rez.: Peter Kaiser

Peter Kaiser
SINN UND SCHABERNACK

 

ROBERT GERNHARDT
Meister der komischen Kunst

Herausgegeben von WP Fahrenberg
München: Verlag Antje Kunstmann, 2011.112 S.
ISBN 978-3-88897-720-6

Wenn aber beide, der Ernste, der Spaßer
Nichts weiter wären als Seiten nur einer
Medaille? Jener, der Ernst, und jener, der
Spaß macht, machen nicht beide? …

So die 9. Strophe aus dem Langgedicht Spaßmacher und Ernstmacher.

Einer, der Beides gemacht und diese Medaille glänzend verkörpert hat, war Robert Gernhardt.
Bei keinem Anderen liegen Kalauer und Sinnfrage näher beieinander und haben mehr Anlage ins allgemeine Sprachgut überzugehen.

…Dann hab ich einen Schwank gebracht – der Schwank hat alle krank gemacht…
Oder
Der Kragenbär der holt sich munter einen nach dem andern runter
(im Original mit Illustration)

Oder eben Das Nichts und das Sein

Hochverehrtes Publikum!
Soeben fiel ein Eimer um,
ein Eimer sondergleichen:
Im Eimer war das blanke Nichts,
das freut sich nun des Tageslichts
und kreischt zum Seinerweichen.

(im Original mit Illustration)

Robert Gernhardt wurde 1937 in Reval geboren, musste 1945 gen Westen fliehen und begann nach dem Abitur 1956 Studien der Malerei, Kunstgeschichte und der Germanistik.
Die Studien, welche man als lebenslängliche bezeichnen könnte, ermöglichten ihm mit allen Genres der Malerei und Literatur zu arbeiten oder diese zu parodieren.
1964 wird er Redaktionsmitglied der neu gegründeten Satirezeitschrift Pardon. 1979 wurde er Gründungsmitglied der Titanic.

Mit einem Wort, ohne ihn wäre die deutsche Cartoon- und Satirelandschaft eine Andere.
Aber das greift bei Gernhardt zu kurz.
Wort und Bild in dieser Qualität finden sich selten in einem Schöpfer vereint und es ist die Frage nach dem Huhn und dem Ei, wenn man sie für Gernhardt stellt: War zuerst das Wort, welches illustriert, oder war zuerst das Bild, welches betextet wurde?
Natürlich ist das einerlei. Es gibt Hühner und es gibt die Werke Gernhardts. Auf beides wollen wir nicht verzichten (außer auf dem Teller, versteht sich!).

Ein sehr belebtes und sympathisches Schwein im Brustbild, gestützt auf seine Pfoten, schaut über den unteren Bildrand. Flankiert ist das Schwein von zwei Nadelstreifträgern mit Zigarre und Stahlhelm, ebenfalls als Brustbild. Diese erscheinen weniger sympathisch. Diese Bildgeschichte, in klassischer Manier als Federzeichnung, trägt den Titel Hauptsache, man redet miteinander.

Bild 1, Schwein zum rechten Helmträger:
Aber ja – ich diskutiere gern mit Metzgern!

Bild 2, Schwein zum linken Zigarrenraucher:
Ich mag Metzger – ehrlich!

Bild 3, schwärmend nach vorn:
Metzger! Welch ein Beruf! Schweine totstechen!

Bild 4, sehr freundlich nach rechts:
Muss doch toll sein – oder?

LitGes, September 2011

 
Marie Marcks - Meister der komischen Künste: Hrsg. W. P. Fahrenberg. Rez.: Peter Kaiser

Peter Kaiser
ÄNDERUNG DES BLICKWINKELS

 

 

MARIE MARCKS
Meister der komischen Kunst

Herausgegeben von W. P. Fahrenberg
München: Verlag Antje Kunstmann, 2011. 108 S.
ISBN 978-3- 88897-717-6

 

Eine Blumenwiese. Zart und bunt wie Tusche und Farbstift. Fein schraffiertes Sonnenlicht und Himmelblau als Hintergrund. Ein Globus mit ordentlich vermerkten Meridianen und mindestens drei Metern Durchmesser wird getragen von einem Mann mit nacktem Oberkörper und Ziegenbart. Er trägt ganz offensichtlich schwer an seiner Last. Die Frau im hellblauen Sommerkleid und mit in den Hüften gestemmten Händen scheint ihn schon ein Weilchen betrachtet zu haben, bevor sie sagt:
Roll doch das Ding, Blödmann!
So hilfreich hätte er sein können, der Feminismus, gerade für die Männer.

Marie Marcks hat sich, trotz ihrer Bürgerlichkeit und ihrem Schöngeist, genug Bodenständigkeit bewahrt, um in ihrer Arbeit Geschlechterverhältnisse und Rollenklischees alltagsgerecht aufzuzeichnen und zurechtzurücken. Völlig undogmatisch, weshalb vermutlich auch die Zusammenarbeit mit Alice Schwarzer in der Emma nicht möglich war, sucht sie den dritten Weg des Zusammenlebens, nicht nur der Geschlechter, sondern der Menschen. Die Macht der Männer und ihre Dummheiten sind ihr nicht erstrebenswert. Gefahr wittert sie dort, wo Jäger- oder Nazigesindel ihr Unwesen treiben. Die Justiz ist bei ihr einäugig, wenn es um Asylanträge geht (s. Seite 84, in einmaliger Schärfe), die Wissenschaftler sind unheilbar an Geltungs- und Geldsucht erkrankt und keineswegs vertrauenswürdig.

Der deutsche Michel, im Angesicht der, in der Kinette arbeitenden Türken, weiß: Die vergewaltigen unsere Arbeitsplätze und stehlen die Deutschen Frauen.
Aber: Trotzdem! ist ihre Einstellung, welche sie mit ihrem Freund Robert Jungk teilte.

Die Mutter von fünf Kindern (mit verschiedenen Männern) wurde 1922 in Berlin in eine Künstler- und Zeichnerfamilie hineingeboren. Schade, muss man fast sagen, dass sie die Plakatkunst ab den 60ern gänzlich aufgegeben hat. Die im fünften Band der Meister der komischen Kunst abgedruckten Film- und Musikclubplakate sind fantastisch.

Im Vorwort von Claus Koch findet sich eine profunde, konzentrierte Analyse der deutschen Selbstsicht als Staatsbürger im Gegensatz zum französischen Citoyen

LitGes, März 2011

 
Ernst Kahl - Meister der komischen Künste: Hrsg. W. P. Fahrenberg. Rez.: Peter Kaiser

Peter Kaiser
OHNE KOMPROMISSE

 

 

ERNST KAHL
Meister der komischen Kunst

Herausgegeben von W. P. Fahrenberg
München: Verlag Antje Kunstmann, 2011. 106 S.
ISBN 978-3-88897-718-3

 

Ein ungesunder Blauton liegt über dem Acryl- oder Ölgemälde. Der Mond im Nebelschleier unterm dunklen Sternenhimmel wirft Schatten. Leider fallen die von falscher Seite ein. Eine Baumgruppe mit Giftpilzen darunter und davor ein kleine Windmühle, wie man sie niedlich in den Vorgärten findet. Rechts davon ein Rehlein mit Kinderaugen (oder sagt man üblicherweise andersrum?). Jetzt eine lustige Gartenzwerggruppe mit gemütlichen Rauschebärten: ein Zwerg mit Schubkarren, einer mit Spaten, einer lümmelt mit Pfeife in der nächtlich erblühten Blumenwiese. Einer liegt am Bauch mit ausgebreiteten Armen, einem Davidstern am Rücken und einem Messerknauf knapp darunter.
Bambi steht Schmiere untertitelt Kahl dieses Bild.

Harmlos kommt Ernst Kahl meist daher. Ob mit Kindergekrakel und Bildgeschichte, leicht bearbeitetem Fotoroman mit einem Liedchen mittendrin, Fotomontagen oder mit der Neudeutung eines alten oder neuen Meisters.
Seine Aussagen jedenfalls lassen keine Missverständnisse zu.

Mit Ölkreide eine Familiengruppe: Vater im schwarzen Anzug sitzend links, rechts dahinter die Mutter im roten Kleid, einen Arm um Papi und davor der Sohnemann mit Spitzenkrägchen. Die Ärmel hängen handlos und statt der Köpfe ragen Werkzeuge aus den Kleidern hervor: Beim Vater der Hammer, bei der Mutter die Beißzange und beim Kind – der Nagelkopf. Wer da bearbeitet wird ist klar.

Gern hat Kahl auch Tiere, doch sein Bestiarium Perversum (in mehreren Teilen) versteht auf dem Land keiner. Dazu braucht es die perverse Sicht des Stadtmenschen auf die Tiere, so Kahl.

Demaskiert und der Lächerlichkeit preisgegeben wird, was es verdient: Der Kunstbetrieb (köstlich: Keine Angst vor Kunst!), die Kirche (s. a. das Foto: Ernst Kahl nach der Konfirmation, danach raus aus der Kirche), Jäger, Altersheime, Volkmusik und Heimatlied (mit Genuss!), die üble Nazibrut.
Kurz: der Mensch.

In den Kinderkritzel-Bildgeschichten Kinder werden immer grausamer und Die Baby-Panther geht Kahl tatsächlich aufs Ganze und läßt in seiner Kompromisslosigkeit seine Cartoon-Kollegen weit hinter sich. Schön, dass sich das einer traut.

Der 1949 in Shanghai auf einer Dschunke (um ein neue Version in die Welt zu setzen) geborene Ernst Kahl ist viel herum gekommen und an Zeiten als Punker und Königsmaler nicht vorbei. Auch preisbedachte Filmdrehbücher stammen aus seiner Feder. Die Band Franz Kahl & Kayser wurde gegründet, Bilder im Pardon, Konkret, Titanic, Kowalski, Stern usw. veröffentlicht.

Dass Kahl auch seine zärtlichen Seiten hat, beweist das Bild auf Seite 55 des sechsten Bands der Meister der komischen Künste im Antje Kunstmann Verlag: Der verliebte Schlachter. Ein Schinken wahrlich für Verliebte.

LitGes, März 2011

 
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