Nach den Wahlen Jelena Herzog

 

 

Jelena Semjonowa-Herzog

 

Nach den Wahlen

 

Gefoltert, gequält, geschlagen,

Bestraft, beschimpft, ins Gefängnis geworfen,

Verraten, belogen, mit Granaten beworfen,

Mit Füßen getreten, beschossen, erschossen.

 

Und dennoch gehen sie auf die Straßen.

Montags – Pensionierte,

Donnerstags – Menschen mit Behinderungen,

Samstags – Frauen,

Sonntags – alle.

Und immer wieder Studierende,

Und immer wieder Ärzte und Ärztinnen in weißen Kitteln,

Arbeiter, Lehrende, Menschen der Wissenschaft,

IT-Fachleute, Hausfrauen, Mütter, Sportler …

Die Liste ist endlos.

 

Sie tragen Blumen, Luftballons, Plakate,

Sogar Piroggen.

Und weiß-rot-weiße, historische Fahnen,

rot-weiße Regenschirme, rot-weiße Kleider.

Rot wie unschuldig vergossenes Blut,

Weiß wie das Licht der Freiheit.

 

Sie schreiten friedlich durch die Straßen,

Singen ab und zu Lieder, trommeln und rufen:

„Geh weg!“, „Wir vergessen nicht, wir verzeihen nicht!“,

„Schande!“, „Es lebe Belarus!“ …

Sie halten in den Händen Plakate:

„Ärzte gegen Gewalt“, „Lasst Politgefangene frei“,

„Wir sind kein Gesindel, wir sind das Volk“,

„Wir protestieren friedlich, aber aus allen Kräften“.

 

Und der Machthabende, das Monster mit Schnurrbart,

der sein eigenes Volk hetzt,

der die Sondermilizen mit Blendgranaten und

Gummigeschossen, mit Panzern und Wasserwerfern

Auf die Wehrlosen losschickt,

Zittert in seinem Inneren,

Ist hysterisch und schwach.

Er ahnt sein Ende,

das Ende seiner Bluttaten, seines Terrorregimes,

und wütet und wütet.

 

Die Menschen aber gehen unbeirrt auf die Straßen,

Sie lassen sich nicht zum Schweigen bringen,

Denn wahr sind ihre Worte und ihr Schmerz.

Und die Wahrheit siegt immer.

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