82 / Zwischenzeit / Prosa / Bernadette Sarman: Elefanten

Die Farben des Blumenstraußes leuchten diesmal besonders intensiv, dachte Ralph, und warf noch einen Blick auf den Strauß in seiner Hand, als er den Gang des Altersheims entlanglief.
Fast schon größer als Omas Kopf, fand Ralph, als sie nach dem Klopfen die Tür ihres Zimmers öffnete und die Blumen freudig an ihre Brust drückte.
„Ralph, mein Guter, schön, dass du deine Oma wieder besuchst.“ Sie schloss ihn in ihre Arme. „Wollen wir gleich einen Kaffee trinken gehen?“
Auf dem Weg zur Cafeteria begrüßte er mehrmals die Freunde seiner Oma, die ihn anstrahlten. Das Licht der Sonne fiel auf ihre kurzen Locken, als Ralph Omas Rollstuhl an einen Tisch schob.
„Passt das für dich so?“
„Ja, danke dir, mein Guter.“
Ralph bestellte zwei Cappuccino bei der Theke, einer schwappte beim Hintragen so sehr, sodass sich ein brauner Film auf der weißen Untertasse bildete.
Oma lachte. „Und, wie läuft die Bachelorarbeit? Hast du das letzte Kapitel fertig bekommen?“
Er musste lächeln. Das liebte Ralph an ihr. Ihr bemerkenswert scharfes Gedächtnis für Dinge, die er selbst schon verdrängt hatte. Die Aufmerksamkeit, mit der sie ihm zuhörte, wenn er über alltägliche Dinge wie die Uni oder seine Freunde redete.
Ralph nickte.
„Ja, ich bin vorgestern fertig geworden.“ Fassen konnte er es selbst noch immer nicht.
Omas Augen leuchteten.
„Wolfgang wäre stolz auf dich.“
Das hörte Ralph öfter von ihr. Sein Vater Wolfgang starb bei einem Autounfall, als Ralph sieben Jahre alt war. Ein paar Erinnerungsfetzen hatte er an ihn, aber mit der Zeit konnte Ralph kaum mehr zwischen Erzählungen seiner Oma und wirklich Erlebtem unterscheiden.
„Dein Vater hat zumindest ewig gebraucht, bis er seine Arbeit fertig hatte.“
Ralph ließ einen zweiten Würfel Zucker in seine Tasse fallen. „Das hast du noch nie erwähnt.“
Oma strahlte, als sie anfing, die Uni-Zeit seines Vaters nachzuerzählen. Ralph mochte es, wenn sie über seinen Vater redete. Als wäre er nie gestorben. Er konnte sich kaum vorstellen, wie schmerzhaft es für Oma gewesen sein musste, ihren einzigen Sohn zu verlieren. Doch die Leidenschaft, mit der sie über Ralphs Vater sprach,  machte ihn für eine kurze Zeit wieder lebendig.
„Die Kinder vom Kindergarten waren gestern übrigens da und haben das hier aufgehängt.“
Ralphs Blick blieb bei einem Banner an der Wand hängen, auf dessen Stoff mit Kinderfingern Tiere aufgemalt worden waren.
Oma deutete auf das Ende des Stoffbanners. Ein paar Tropfen flogen auf den Tisch, als sie mit ihrem Löffel in der Luft herumwedelte.
„Ich mag die Elefanten doch so gerne.“
Ralph nickte. „Stimmt, die sind wirklich gut getroffen.“
„Besonders die asiatischen, die sind kleiner als die afrikanischen.“
„Was hast du gegen die großen?“
„Die nehmen einfach zu viel Platz weg.“  Oma zuckte mit den Schultern. „Sonst kann man ja gar nichts mehr sehen, wenn zu viele um einen herumstehen.“
Ralph lachte. „Ich hoffe, das wird dir nicht passieren, Oma.“
„Ich hoffe auch.“

Einige Monate später ging Ralph das erste Mal nach langer Zeit wieder durch die Gänge des Altersheims.
So viele Male seit dem Lockdown hatte Ralph sich vorgestellt, wieder durch die Tür seiner Oma zu gehen und am gleichen Tisch in der Cafeteria zu sitzen. Er vermisste seine Oma. Er vermisste Normalität.
Kurz zögerte er, dann klopfte Ralph.
„Oma?“
Die Vorhänge waren zugezogen. Abgestandene Luft schlug Ralph entgegen, als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel.
Oma saß vor den Vorhängen. Ihr Kopf war gesenkt, als hätte man einer Marionette die Fäden im Nacken durchtrennt.
Im Schatten erkannte Ralph seinen Blumenstrauß. Die Köpfe der Blumen hingen so tief, dass sie die Oberfläche des Nachttisches berührten.
„Oma.“
Sie schaute auf, doch Omas Blick erreichte seinen nicht. Als sehe sie durch Ralph hindurch. Ihre Falten waren tiefer, ihr Haar zerzauster. Oma war anders. Ralph hatte plötzlich das Gefühl, als würde sich eine kalte Hand zwischen seine Schulterblätter legen.
Oma begann ihren Kopf zu schütteln, ihre Locken flogen um ihren Kopf wie eine weiße Baumkrone.
„Ich war so alleine. Da waren so viele.“
„So viele was?“
„Elefanten.“
Er spürte Grauen in ihm aufsteigen, auch wenn er nicht benennen konnte, weswegen. Alles kam ihm falsch vor.
Ralph setzte sich auf den Stuhl neben ihr. Er legte seine Hand auf ihren Arm, ignorierte das schlechte Gewissen im Hinterkopf. Was zählte, war die Wärme, die von ihrem Körper ausging.
Die kannte er.
Oma reagierte nicht.
„Die asiatischen Elefanten? Die du so magst?“
Omas Kopf zuckte.
„Die anderen? Größeren?“
„Ja.“
Durch den Spalt der Vorhänge schienen Fäden an Sonnenstrahlen ins Zimmer und fielen auf das ungemachte Bett.
Omas Mund öffnete sich leicht, doch sie brauchte eine Weile, bis sie weitersprach.
„Ich dachte, wir würden uns nie wieder sehen.“
„Hey, ich bin ja da.“ Er rückte näher an sie. „Jetzt wird alles gut. Und ich werde auch öfter kommen.“
Ralph räusperte sich, hörte sein eigenes Zittern in der Stimme.
„Egal, wie viele noch so große Elefanten zwischen uns stehen.“
„Ja.“  Sie nickte langsam.
Oma blickte auf und lächelte ihn mit glasigen Augen an.
„Das weiß ich doch, Wolfgang.“

 

Bernadette Sarman
Geb. 2001 in Wien, wohnt in NÖ. Maturajahrgang 2019, Gymnasium Sacré Coeur Wien. Mitglied der Schreibakademie Mödling. Zweitplatzierte beim Poetry Slam 2016 „Be a Boarder Crosser“  in Melk. Teilnahme an der „Schreibzeit Waldheimat II“ im Juli 2018 und an der „Schreibzeit Horn“ im 2019. Im Finale für „Texte. Preis für junge Literatur” 2019. Zahlreiche Lesungen, unter anderem im BMI und im Rahmen der Gedenkveranstaltung 2018 in der Wiener Hofburg.