37/ Essay: Die kleine Mondscheinsonate .... Ingrid Reichel

Ingrid Reichel
Die kleine Mondscheinsonate inmitten gefallener Mauern.
Von zähflüssigen Hoffnungen und feuchten Freudenfeiern

 

Fly me to the moon
Let me play among the stars
Let me see what spring is like
On a Jupiter and Mars
In other words, hold my hand …
(Bart Howard, 1954)

 

In other words, please be true … was hat die Mondlandung mit dem Fall der Berliner Mauer und der Lüftung des Eisernen Vorhangs zu tun?

Inmitten einer Zeit, als das Ende des Vietnamkriegs noch immer nicht in Sicht war, der Kalte Krieg seinen Höhepunkt noch lange nicht erreicht hatte, inmitten von Bürgerrechtsbewegungen, sexueller Befreiung, Frauenemanzipation und Woodstock-Euphorie arbeitete die Menschheit an einem weiteren Traum: „Der Mann am Mond.“

Es war in John F. Kennedys Amtszeit, dass die erste bemannte Mondlandung für noch vor 1970 prognostiziert wurde. Die Amerikaner konnten den Vorsprung der Russen in der Raumfahrt nicht länger hinnehmen. Vor genau 40 Jahren war es dann tatsächlich soweit. Die Saturn-V-Rakete Apollo 11 startete am 16. Juli 1969 mit den drei Astronauten Mike Collins, Buzz Aldrin und Neil Armstrong an Bord. Die ganze Welt schaute zu, als die Mondfähre "Eagle" am 20. Juli landete und Neil Armstrong – als einziger Zivilist der Besatzung – als erster Mensch mit den bewegenden Worten „A quite small step to man, but one giant leap for mankind“ den Mond betrat.

„Wir haben es geschafft!“ war der weltweite Begrüßungssatz, den die drei Astronauten hörten, als sie nach ihrer Rückkehr auf Welttournee gingen. „Wir Menschen, haben es geschafft!“ Ein Augenblick der Solidarität mit den Amerikanern, eine Besinnung zum Frieden, ein kurzweiliger Moment für soviel Schubkraft, für das zweitlauteste, gleich nach der Atombombe kommende, von Menschenhand gemachte Geräusch, der Explosion beim Start der Saturn V. Doch John F. Kennedy konnte diesen Friedensknall nicht mehr hören - so wie er auch den letzten Knall in seinem Leben am 22. November 1963 nicht mehr hörte, ausgelöst von jener Munition, die seine Schädeldecke zertrümmerte.

1968 erschoss man seinen Bruder, zwei Monate davor Martin Luther King und 20 Jahre zuvor den bereits betagten Mahatma Gandhi. Die 20-Jahres-Feiern mit dem Verdoppelungssprung haben es in sich.

Aber … wir haben es geschafft!

 

Der bewegende Moment im All - den Blick auf die Erde gerichtet, auf diesen so fragil wirkenden blauen Planeten im Kontrast zu diesem tiefen Schwarz - drängt nach wie vor die Menschheit mitsamt ihren Problemen angesichts dieses überwältigenden Naturschauspiels und gemessen an der Größe des Universums in eine absolute Bedeutungslosigkeit.

Doch Erkenntnisse halten nicht lange. All unsere Ängste und Sorgen bleiben unter einer Wolkendecke verborgen, werden wie unter einer riesigen Käseglocke frisch gehalten.

Wir haben es geschafft, und wir werden es weiterhin schaffen, unsere schönsten Träume in Albträume zu verwandeln. Letztendlich ging es und geht es nach wie vor nur um Machtdemonstration. Der Kalte Krieg sollte sich bis in das All fortpflanzen, der Krieg der Sterne, das Wettrüsten ohne Ende. Manche Spinner preisen das Wettrüsten und den Bau der Atombombe noch heute als die einzige Möglichkeit eines friedlichen Gleichgewichts. Und noch ganz andere Spinner verharren in der Ansicht, die Erde sei eine Scheibe. Und dann gibt es die, die an eine Verschwörungstheorie glauben und die ganze Mondlandung der Amerikaner als Betrug an der Menschheit sehen.

Jeder rückt sich das Leben so zurecht, wie er es braucht, und der Glaube versetzt bekanntlich Berge.

 

Dabei ist die Erfolgsgeschichte der Raumfahrt sehr eng mit dem Sieg der Alliierten verbunden.

"Paperclip", was soviel heißt wie Heftklammer, war eine Aktion, die während des 2. Weltkriegs gezielt deutsche Wissenschaftler suchte. Bereits 1945 verschiffte man über hundert Raketen-Entwickler in die USA, die bedeckte Operation nannte man sinnig "Overcast". Sie und 100 A4-Raketen bildeten die Grundlage des amerikanischen Raketenprogramms. Dabei ging es um die gefährliche V2-Rakete, die als erste die Grenze zum Weltraum durchstieß, jene Vergeltungswaffe, die die Nazis in ihrem ersten Einsatz gegen London abfeuerten. Konstruiert hatte sie Wernher von Braun, der dann maßgeblich an den erfolgreichen Mercury-, Gemini- und Apolloprogrammen beteiligt war und der die Entwicklung der ersten Stufe der Saturn-V-Trägerrakete – eben jener Rakete, die dann zum Mond flog – leitete. Seine Nazi-Vergangenheit verdrängte man auf Grund seines Erfolgs noch erfolgreicher. Wir haben es geschafft!

 

Vor 20 Jahren fiel die Berliner Mauer, jene Mauer, die den Kalten Krieg am deutlichsten zur Schau stellte.

Es bedurfte vier Verbündeter, um den komplexbehafteten Österreicher namens Adolf Hitler zu stoppen. Der Totale Krieg wurde durch den Kalten Krieg ersetzt. Denn was damals dem Nazi der Jude war, war dem Kapitalisten der Kommunist und vice versa. Die Rolle des Erzfeinds ist wohl eine der ältesten in der Menschheitsgeschichte. Die Liaison der vier Weltmächte hielt gerade so lange, bis sie ihre Beute aufgeteilt hatten. Und so riss man ein Volk entzwei, trennte ganze Nationen in Ost und West, in kommunistisch und kapitalistisch, in relative Gefangenschaft und in relative Freiheit. Wer hätte gedacht, dass ein drittklassiger Westernheld-Darsteller wie Ronald Reagan als US-Präsident endet, um dann einen weiteren Menschheitstraum zu verkünden, der sich bewahrheiten sollte: Der Fall der Berliner Mauer und somit das Ende des Kalten Krieges?

 

Als schließlich der Kommunismus in seiner Ideologie, nicht zuletzt unter der Macht des Geldes, bzw. der Weltwirtschaft zerbröckelte, zerbröselte auch die 167 km lange Mauer durch Berlin, die Mauer, die den Status quo von 1961-1989 manifestierte. Ihre einzelnen Brocken bis Staubpartikeln wurden als Reliquien einer endgültig gescheiterten Epoche hoch dotiert gehandelt. Mit dem Fall der Berliner Mauer hob sich auch der eiserne Vorhang und machte die Bühne frei für einen neuen Akt in der Menschheitsgeschichte: Das osterweiterte vereinte Europa. Zum Drehbuchschreiben lud man die einstigen zwei Weltgroßmächte nicht ein. Neue Akteure werden aufgenommen. Europa entwickelt sich zur Großmacht und holt sich politisch seinen geographischen Grundriss auf der Weltkarte zurück.

Und zurück bleiben Mondlandschaften.

Welch ein Paradoxon der letzten 40 Jahre.

Krater und Risse in einer staubigen Landschaft, das ist es, was vom Kommunismus in den einstigen Arbeiter- und Bauernstaaten übrig blieb. In Lausitz leihen sich mittlerweile Touristen Jeeps aus und machen auf Abenteuerurlaub. Man wundert sich um den fehlenden Astronautenanzug. Eben exklusiv. Die Braunkohle ist für den westlichen Stand unprofitabel geworden, und so wurden die Abbaustätten stillgelegt. Die Menschen dort haben ihre Arbeit verloren, doch die Zeit heilt alle Wunden, und so wird aus dem stillgelegten Braunkohletagbau des Oberlausitzer Bergbaureviers bis 2018 Europas größte künstliche Wasserlandschaft. Das Wasser aus der Spree soll die Krater füllen. Noch schwimmt kein Fisch, badet kein Mensch in den bereits angelegten Seen, deren Wasser einen pH-Wert von 3 aufweist. Einstweilen begnügt man sich mit Floßtouren am Wasser und Quadtouren rund um die Seen, mit Siedlungsüberschwemmungen und Erdeinbrüchen. Katastrophen inklusiv.

Und wieder haben Menschen einen Traum, den Traum einer eigenen Riviera, die nicht nur Erholung für Anreisende, sondern auch Arbeit für Einheimische bieten soll. Dann haben wir es wieder geschafft!

Aber während wir den 20. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer feiern, bauen wir schon lange an der nächsten Mauer, trennen Familien, Freunde, Menschen von ihren Arbeitsplätzen und Nahversorgungen. Die West Bank Wall, die das Westjordanland umzingeln soll, ist bereits zur Hälfte errichtet und ist 700 km lang.

Wieviele Jahre werden wohl vergehen müssen, bis aus ihr der West Bank Fall wird?

Die Rekordlänge der Chinesischen Mauer wird jedoch nicht so schnell gebrochen werden. Aber auch in China gedenkt man an etwas, was vor 20 Jahren stattfand: das Massaker am Tian-an-men Platz, am Platz des himmlischen Friedens. Und obwohl dort keine Mauer zusammenbrach und kein Vorhang aufging, hat China sich in einem kommunistischen System kapitalistisch entwickelt. „Wir haben es geschafft!“

Wir leben inmitten einer Weltwirtschaftskrise. Geld regiert die Welt und möglicherweise weckt uns das Geld aus dem letzten Traum, den wir im Westen noch träumen, den Traum von der Demokratie.

 

„Die Politik ist ein Katalysator“, erklärte Zdenka Becker, als ich mit ihr über ihr neuestes Buch sprach. Die Politik beeinflusst nicht nur unsere Reaktionsgeschwindigkeit, unser Wahrnehmungsvermögen und unser Verhalten, sondern sie filtert uns in links und rechts, in Couleurs, in arm und reich, in Rassen, wenn sie will; im schlimmsten Fall in Opfer und Mörder. Es gibt aber auch noch einen anderen Katalysator: die Kultur und die Bildung. Dabei ist nicht alleine das Was-wir-lesen-hören-sehen, als auch das Wie-wir-lesen-hören-sehen bedeutend, wofür wir uns entscheiden, wer wir überhaupt sein wollen. Genau darauf zielt die Ausstellung „1989. Ende der Geschichte oder Beginn der Zukunft?“ in der Kunsthalle Wien ab (9.10.2009-7.2.2010). Sie beschäftigt sich mit dem Epochenbruch und bietet ein umfangreiches Begleitprogramm von Politik, Literatur und Philosophie. Viele österreichische Autoren und Verlage bemühen sich um die Aufarbeitung der letzten 60 Jahre. Dies geschieht einerseits durch Dokumentationsbücher wie „Unser Hitler. Die Österreicher und ihr Landmann“ (Ecowin, 2009) von Martin Haidinger und Günther Steinbach, die endlich eine geschichtliche Aufarbeitung aus österreichischer Perspektive mit einer facettenreichen Palette von heimischen Zeitzeugenaussagen bringen. Und dann gibt es die Vergangenheitsbewältigung in Form des Romans. Hier sind die zu lösenden familiären Probleme meist mit der Geschichte und ihren entstandenen Tabus verflochten. Im Vorarlberger Verlag Limbus erschienen in der Reihe „zeitgenossen“ mit Themenschwerpunkt Nationalsozialismus zwei Werke: Otto Licha verarbeitete in seinem Roman „Geiger“ die verloren gegangenen Heimatgefühle und die daraus resultierende Bitterkeit eines zurückgekehrten verhinderten jüdischen Musikers. Uwe Bolius bietet einen völlig neuen Zugang mit seinem Roman „Hitler von innen“, indem er sich in Hitler hineinversetzt. Ein Roman, der vor allem für die junge Generation von Interesse sein könnte. In ihrem Roman „Auflösung“ (Verlag Berger, 2009) erzählt Valerie Springer von den Konsequenzen des einzigen geglückten Attentats an die Nazis: den Heydrich-Anschlag. Sie verpackt die gemeinsame Geschichte der Tschechen und Österreicher in eine kritische und spannende Recherche einer jungen Wiener Journalistin. Nach „Die Töchter der Róza Bukovská“ fährt Zdenka Becker mit ihrer begonnenen Trilogie fort: „Taubenflug“ (Picus Verlag, Herbst 2009). In diesem packenden Liebesroman der Gegenwart spielen nicht nur die Mutter-Tochter-Beziehung, sondern auch der Prager Frühling und die Sanfte Revolution eine große Rolle. Auch sollen unsere heimischen Krimiautoren wie Andreas Gruber und Ilona Mayer-Zach, die immer wieder im Zuge mörderischer Begebenheiten einen Bezug zur Geschichte unseres Landes herstellen, nicht unerwähnt bleiben. Und dann gibt es noch die vielen Neuerscheinungen aus Deutschland. Am brisantesten wäre die Biographie „Wernher von Braun. Visionär des Weltraums - Ingenieur des Krieges“ von dem Kanadier Michael J. Neufeld, ein Experte der internationalen Raumfahrtgeschichte (Siedler, 2009).

Dies sind nur eine paar Empfehlungen, die ich Ihnen, liebe Leser und Leserinnen, mitgeben möchte, bevor ich mich weiter den großen Feierlichkeiten des Mannes auf der Erde widme und Ihnen zuproste: „Wir haben es geschafft!“, denn: Ich lebe schon lange auf dem Mond. Im Übrigen soll die erste bemannte Marsfahrt in 20 Jahren stattfinden. Bevor es soweit ist, können Sie alle Rezensionen der genannten Bücher, soweit sie ohnedies nicht im etcetera erschienen sind, auf der Homepage der LitGes nachlesen.

 

Ingrid Reichel: Geb. 1961 in St. Pölten, NÖ. Malerin, Rezensentin, Essayistin, etcetera-Redakteurin. www.ingridreichel.at