39 / Essay: Feldzug gegen die Vernunft. Roman Schweidlenka

Roman Schweidlenka
FELDZUG GEGEN DIE VERNUNFT

 

Seit den siebziger Jahren gibt es immer wieder kritische Berichte über Gruppen, die in der Regel als „Sekten“ bezeichnet werden. Als in den neunziger Jahren auch das EU-Parlament dazu aufforderte, kritische Informationen über „Sekten“ bereitzustellen, kam Bewegung in die politische Landschaft – nicht zuletzt, weil einige der autoritären religiösen Gruppierungen statt der Demokratie lieber einen „erleuchteten“ Führer an der Spitze der Gesellschaft sehen möchten. Horrorberichte über Scientology lieferten eine zusätzliche Dramatik und Dynamik.

 

Doch bald zeigte sich, dass mit der kritischen Bearbeitung der Sektenthematik ein ausuferndes Feld betreten worden war. Auch an den Rändern der etablierten christlichen Kirchen tummeln sich Vereinigungen, auf die etliche Merkmale zutreffen, für die „Sekten“ zu Recht kritisiert werden. Radikale fundamentalistische Gruppierungen, sei es im moslemischen, sei es im christlichen Bereich, sitzen mit den angeprangerten „Sekten“ durchaus im selben Boot. Dazu kommen einige Trends unseres ausufernden Esoterikbooms, der teilweise bereits zu einer wirtschaftlichen Macht angeschwollen ist, in dem autoritäre Strukturen nicht die versprochene Erleuchtung, sondern Entmündigung und Leid für Menschen bedeuten. Letzte Meldung: Inzwischen bestätigen Forschungen, dass auch Neonazi-Gruppen, der neuste Hit unserer Politlandschaft, mit „Sekten“ vergleichbar sind. Nicht zuletzt ist es schwer, wieder auszusteigen.

 

In einer Zeit, in der sich alte Bindungen an etablierte Religionen und Parteien, an Dorfzugehörigkeiten und Familienverbände, mehr und mehr auflösen, eifrig im Dienste neoliberaler Politik am Sozialstaat genagt wird und eine erzwungene Mobilität nicht nur Völkerverständigung und Emanzipation hervor ruft, greifen viele Menschen, orientierungslos geworden, nach jedem Strohhalm, der ihnen Rettung, Heil, Halt, Sicherheit verspricht; und Gemeinschaft in einer atomisierten Welt, in der sich IchAGs als Dschungelkämpfer mühevoll durch ein isoliertes Leben schlagen.

 

Die moderne Welt bedrückt viele durch ihre Unübersichtlichkeit. Wer weiß schon, was in Brüssel entschieden wird und wie dort der Hase läuft? Moderne Seelenfänger bieten eine stark vereinfachte Sicht der Wirklichkeit: Schwarz-weiß, hier die Guten, dort die Bösen, hier die Freunde, dort die Feinde. Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns, Zwischentöne ausgeschaltet, die Anderen sind zum Abschuss, bestenfalls der tiefsten Verdammnis frei gegeben. Die vielfältige, bunte Welt der Wirklichkeit hat keinen Platz, keine Existenzberechtigung mehr. Mit dem Tunnelblick, der Entlastung und (ideologischen) Halt suggeriert, verbinden sich dann Feindbilder und überholte Moralgesetze. True love waits, kein Sex vor der Ehe, ist z.B. ein neuer Renner bei vielen fundamentalistischen Glaubensgemeinschaften.

 

Wer darunter leidet: Die Vernunft. Und mit ihr die Demokratie. Der mündige Mensch, oft zitiertes, fast nie erreichtes, selten ehrlich gefördertes Ideal unserer Gesellschaft, genießt bei „Sekten“ und verwandten Gruppen keine Anerkennung. Im Gegenteil: Autoritäre Gurus, Führer und selbsternannte Meister, erleuchtet durch die Gesetze neoliberaler Marktwirtschaft, geben die Linie vor. Beuten Bedürfnisse aus. Manipulieren Sehnsüchte. Und die Lemminge folgen. Getäuscht. Eingeschüchtert, voller Zwänge, die als Befreiung, als Rettung interpretiert werden. Natürlich halten diese engen, ideologisierten Glaubenssysteme dem Druck der Wirklichkeit nicht stand. Wodurch ewige Angst, permanente Indoktrination, fortschreitende Fanatisierung entsteht. Die Katze beißt sich in den Schwanz.

Diese Ausführungen sind kein Plädoyer gegen Spiritualität, auch nicht gegen Religionen. Sie verstehen sich als Verneigung gegenüber kritischer Vernunft und Demokratie, die auch im religiös-weltanschaulichen Sektor eine Existenzberechtigung aufweisen.

 

Roman Schweidlenka:

Sektenexperte und Leiter der LOGO ESO.INFO (Esoterik, Sekten, Okkultismus) bietet umfangreiche Informations- und Präventionsdienstleistungen. Beratungsstelle des Landes Steiermark für neue religiöse und politische Bewegungen. www.logo.at

 

etcetera 39/ Aberglaube & Irrglaube/ März 2010