39 / Essay: Zukunftserwartungen. Ingrid Reichel
Ingrid Reichel
ZUKUNFTSERWARTUNGEN
Die Evolution schreitet voran
Das Wissenschaftsforum Alpbach organisierte gemeinsam mit der Österreichischen Ärztekammer vom 11.11. – 13.11.09 ein Symposium zum Thema „Herausforderung und Humanität: Medizin und Ethik“ in der Gesellschaft der Ärzte, Frankgasse 8, 1090 Wien. Viele interessante Vorträge mit anschließenden Podiumsdiskussionen zum Thema der Medizin und dem Verlust der Sprache, zur Ethik in der Forschung, zum Wissenschaftsglauben und zum Tod als Tabu füllten die zwei Tage. Dieter Otten, Professor am Institut für Soziologie auf der Universität Osnabrück referierte über „Ethos, Alter und Fortschrittsmythos“ (13.11.09, 9 Uhr). Dies ist kein Bericht, sondern eine Selbstreflexion zu diesem Vortrag.
In Zeiten der Klimaerwärmung, des Terrorismus und der zunehmend ins Ungleichgewicht geratenen Gesellschaften, sei es das Sterben der Mittelschicht oder die Überalterung in der westlichen Welt, ist es nun Mode geworden, sich um die Gestaltung der Zukunft zu sorgen. Vielfältigste Projekte zum Thema werden von Organisationen, Instituten, Vereinen und Verlagen ausgeschrieben. Ja, förmlich überrannt wird man davon. Die eine Seite der Menschen ist zuversichtlich, voller Ambitionen und Ideen, die anderen, und dies ist der Großteil, ist verängstigt und demotiviert. Die Weltwirtschaftskrise und die ständigen politischen Unruhen mit kriegerischen Einschnitten verstärken die Verbreitung von Angst und Panik. Viele Experten schreiben Bücher in denen sie zu einem positiven Umdenken motivieren. Die Palette ist groß und reicht von der Politik, Ökologie, Wirtschaft und Konsumenten bis zur Medizin und der sozialen Betreuung.
Dieter Otten führte viele soziologische Studien über die Veränderung der Gesellschaft bezüglich der Alterung durch. Im 21. Jahrhundert befinden wir uns in einem demographischen Wandel. Schönheit kennt eben kein Alter, flocht der ausgezeichnete Vortragende gleich von Anbeginn seines Impulsreferates humorvoll ein.
In wenigen Jahren wird mehr als die Hälfte der Österreicher über 50 Jahre alt sein. In Zahlen gesehen bedeutet dies, dass 4 Millionen Österreicher und 40 Millionen Deutsche ein Alter von 50 – 80 Jahre haben werden. Die Prognose beschränkt sich nicht auf den deutschsprachigen Raum, sie lässt sich auf ganz Europa ausdehnen. Bald jedoch wird der Prozentsatz auf 70 steigen, denn nicht nur die Zahl der Alternden, sondern das Alter selbst steigt. Otten bleibt in seinen Voraussagungen nicht vage, so wie es Wahrsager zu tun pflegen. Wer heute geboren wird, wird vorrausichtlich ein Durchschnittsalter von 100 Jahren erreichen. Dies bedeutet, dass ein Alter von 130 – 150 Jahren zukünftig vollkommen absehbar ist.
Die Vorstellung der Überalterung könnte einem momentan gruselig erscheinen. Zumindest ging es mir so, als ich in diesem wunderschönen, aber kaum von Besuchern gefüllten Saal der Gesellschaft der Ärzte, saß. Ich erinnere mich kurz an meine Reise nach Marokko im Jahr 2003, an dieses Land, in dem sie mit dem Gegenteil kämpfen: zu viele Kinder, zu wenig Alte. Ein anderes Problem, aber ebenfalls ein Problem des gesellschaftlichen Ungleichgewichts.
Doch Otten stimmt zuversichtlich. Ist er ein Optimist oder gar ein Schönredner? Denken wir an die vielen Zeitungsberichte und Dokumentationen. Wohin mit unseren Alten? Wer soll sie pflegen und vor allem wirtschaftlich, wie wir denken: Wer soll das bezahlen? Eine Million Altersheime müssten alleine in Deutschland sofort gebaut werden. Das wäre weder finanziell noch bautechnisch durchführbar. Die Altenpflege zu Hause wäre vor allem durch die Singlewelle der 70er nicht mehr möglich.
Doch Otten hat schon das magische Wort auf den Lippen, bevor meine Gedankengänge sich völlig in ein schwarzes Loch der Hoffnungslosigkeit stürzen: Nivellierung! Eine Umverteilung der Altersdifferenz wird also seiner Meinung nach stattfinden. Keine Katastrophe, sondern eine erweiterte Lebensspanne erwartet uns. Es wird eine neue Regelung und eine soziale Evolution geben.
Die Frage ist, ab wann man alt ist. Es ist ja nicht nur das Lebensalter, welches das Alter bestimmt. Weit mehr Faktoren spielen hier eine Rolle. Wir haben es mit einer optischen und psychologischen Regenerationserscheinung zu tun. Die typischen Altersyndrome von Vereinsamung, Hilflosigkeit, wirtschaftlicher Schwächung würden keinen Sterbegrund mehr geben. Es ist die Fürsorge des Stärkeren für den Schwächeren oder des Jüngeren für den Älteren, die hier zur Diskussion steht. Ein neuer Generationsvertrag mit sozialer Solidarität ist angesagt, dann sind Ältere nicht mehr die Schwächeren. Immerhin ist ein hoher Anteil der Älteren gesund und aktiv. Ich erinnere an den neuen Trend des Alterstourismus. Dies alleine, ist am Beispiel der ÖBB Angebote, wenn sie die Supertarife für Pensionisten an bestimmten Tagen hernehmen, leicht erkennbar. Natürlich ist es reines Marketing, das für manche alten Menschen leider ins Desaster führt, wenn die Züge überfüllt sind und man keine Reservierung vorgenommen hat.
Doch wenn wir diese neue Lebensspanne, von der Otten spricht, tatsächlich durchleuchten, erwartet uns ein völlig anderes Weltbild.
Noch haben wir Probleme uns gedanklich damit anzufreunden, erst mit 65 Jahren in Pension gehen zu dürfen. Wird es überhaupt zukünftig noch eine Pension geben können, diesen lang ersehnten und erarbeiteten Ruhestand? Ein Umdenken ist angebracht. Gehen wir zukünftig mit 65 Jahren in Pension, wenn wir 120 Jahre alt werden, dann wäre es so, als ob wir heute mit 30 den Ruhestand einfordern würden. Die Gesellschaft hat sich schon lange geändert, wissen wir doch, dass viele erst mit 30 anfangen zu arbeiten.
Wir sehen also, dass die Politik wieder hinten nachhinkt, aus Angst Wählerstimmen zu verlieren.
Doch wir gehen einem völlig neuen Zeitalter entgegen, ob wir das nun verstehen und einsehen oder nicht. Letztendlich könnten wir es planen, wenn wir die Vernunft und die Reife besäßen. Doch die Welt braucht uns Menschen zum Fortbestand nicht. Die Natur richtet sich ihren Weg. Das nennt man Evolution. Wir Menschen werden da nicht gefragt.
Otten gibt hier gute Beispiele. Es scheint, dass die längere Lebensspanne, die uns erwartet, den Frauen zugute kommt. Gleichberechtigung wird kein Thema mehr sein, vielmehr eine Selbstverständlichkeit. Unsere Evolution befreit uns von den längst überholten patriarchalischen Frauenmustern. Seltsamerweise wussten die intellektuellen Politiker, wie Helmut Schmidt, dies schon in den 1970ern, so Otten, dass Frauen in der Zukunft das gleiche Mitspracherecht haben werden. Die Zeichen waren damals schon nicht übersehbar. Als man den Frauen zubilligte nicht nur Universitäten zu besuchen, sondern ihnen auch das Recht gab eigenes Geld ohne Einverständnis der Eltern oder des Ehepartners zu verdienen, Partner und die Bildung selbst zu wählen, wurde der Punkt ohne Umkehr vollzogen. Dieser Fortschritt für die Frauen ist unwiderruflich. Noch genießen nicht alle Frauen auf dieser Welt diese Rechte. Doch die Evolution schreitet voran. Jeder, der sich ihr entgegenstellt, kann als primitiver Hemmschuh bezeichnet werden.
Eine längere Lebensspanne bedeutet also auch eine Änderung in der Partnerschaft zwischen Mann und Frau. „Nicht verliebt, aber in Liebe vereint“, so würde die zukünftige Symbiose der zwei Geschlechter aussehen. Otten nimmt sich kein Blatt vor den Mund, wenn er darauf hinweist, dass laut soziologischer Studien Männer erst ab dem 60sten Lebensjahr die moralische Reife durchschnittlicher Frauen ab 20 erreichen. Spritzig und witzig bringt Otten seine Forschungsergebnisse. Frauen entglitt währenddessen ein mildes Lächeln, während den Männern die Mundwinkel herabhingen (!). Dennoch war die leichte Unruhe nicht zu überhören. Ich sitze nicht im Kabarett und schreibe darüber eine Rezension. Hier geht es um empirische Studien, um Forschungsergebnisse, um Fakten. Sie klingen wie ein lang ersehntes Bekenntnis schon lang gewusster Erkenntnisse. Freude mit bitterstem Nachgeschmack. Wie viele Frauen müssen noch an diesem Patriarchat leiden? Wie lange werden Frauen noch glauben, dass sie nur aus einer Rippe von einem Geschöpf eines allmächtigen Schöpfers entstanden sind? Wie lange werden sie sich dem männlichen Geschlecht gegenüber noch demütig verhalten, sich ihm unterordnen, ihm dienen und ergeben sein?
Nicht mehr lange, laut Otten, dann hat die Evolution das patriarchalische System überholt.
Ottem verweist auch auf das strukturelle Problem des Kinderkriegens. Er zitiert in diesem Zusammenhang Karl Otto Hondrich mit „Weniger wären wir mehr.“ und widerspricht damit dem ideologischen Konsens „Wir brauchen mehr Kinder.“. „Je höher die Reproduktivität, desto geringer die Produktivität“, sagt Otten und schließt seinen Vortrag mit einem Adenauer Zitat: „Die Zeiten sind vorbei“.
Wir dürfen uns also auf ein längeres Leben freuen. Auf eine weniger militaristische Gesellschaft und auf eine glücklichere Partnerschaft zwischen Mann und Frau, denn durch diesen Prozess, der auf uns zukommen wird bzw. in dem wir uns bereits befinden, werden neue Werte entstehen.
Dieter Otten:
Studium der Soziologie, Philosophie und Mathematik in Münster und Oxford. 1982-1984 Dekan des Fachbereichs Sozialwissenschaften der Universität Osnabrück. Seit 1987 Direktor des Dt. Instituts zur Erforschung der Informationsgesellschaft. 1988 Chairman des UN Klimakongresses in Hamburg. 1996-1999 Vorstandsvorsitzender und Generalbevollmächtigter des Meinungsforschungsinstitutes IFES in Potsdam. Laufend Forschung zum Thema Alterung der Gesellschaft seit einem Gutachten für die NRW Landesregierung von 1985.
etcetera 39/ Aberglaube & Irrglaube/ März 2010