40/ Essay: Ein Viertel aufs Viertel. Klaus Ebner

Klaus Ebner
EIN VIERTEL AUFS VIERTEL

 

Es ist Viertel vor zwölf. Zugegeben, alle Welt redet von fünf vor zwölf: in der Diskussion um die Klimaerwärmung, beim Tierschutz und Wettrüsten, und wenn es um das zukünftige Wohlergehen unseres Planeten geht. Manche meinen sogar, es wäre bereits ein Viertel nach zwölf – doch wenn das stimmte, könnte ich mich weder echauffieren noch meine Gedanken zu Papier bringen.

Wenn wir von einem Viertel sprechen, meinen wir einen von vier (gleichen) Teilen, und das hat wiederum mit dem Verb »teilen« zu tun. Teilen mit andern – ein religionsphilosophisches Konzept mit ausgesprochen positiver Konnotation.

 

Doch Teilen impliziert manches Mal gewissermaßen versteckte Intentionen. Wie beim heutigen Mitbringsel für meinen acht Monate alten Sohn: drei Gummidelphine für die Badewanne. Als sein Bruder, seinerseits schon Zweitklässler, auf das Geschenk aufmerksam wird, findet er die Meeressäuger so süß, dass er ebenfalls mit ihnen spielen möchte. Um uns zu überreden, ihm die Tierchen rauszugeben, argumentiert er, mit seinem kleinen Bruder eben teilen zu wollen. Teilen, das heißt in diesem Fall, dass er das Spielzeug vorerst mal an sich reißt und es so lange behält, bis unser Säugling begriffen hat, dass da etwas, das eigentlich ihm gehört, nicht in seinen Händen, sondern in denen des großen Bruders liegt.

 

Natürlich sind das nette Kindereien. Doch wenn ich mich ernsthaft umsehe, finde ich kaum irgendwo den Gedanken des Teilens, sondern lediglich den einer Reduktion. Und ist nur mehr ein Viertel von etwas vorhanden, dann bedeutet das keineswegs, dass die drei anderen Viertel zum Verteilen bereitstünden, sondern oft irgendwohin verpuffen und dann einfach nicht mehr existieren. Auf diese mysteriöse Weise verschwand in den letzten zwei oder drei Jahrzehnten die Zeit, die Eltern für ihre Kinder haben. Denn uns bleibt sozusagen nur mehr ein Viertel jener Zeit, die unsere Eltern einmal für uns hatten. Mein 2009 geborenes Baby wird mit einem oder spätestens eineinhalb Jahren in die Kinderkrippe müssen, weil wir uns ein Daheimbleiben finanziell einfach nicht leisten können. In meiner Kindheit war meine Mutter fast durchgehend zu Hause – was ich erst als Erwachsener und Vater eigener Kinder allmählich schätzen lernte. Denn bei uns geht das nicht mehr. Während früher mit einem einzigen Einkommen eine ganze Familie ihr Auslangen fand, kann man heute oft mit zweien kaum das Nötigste bezahlen – und ich spreche keineswegs von wirklich Armen, sondern von Menschen, die früher einmal der so genannten Mittelschicht zugeordnet wurden. Meine Schlussfolgerung soll auch bitte nicht mit jener schwachsinnigen Frauen-an-den-Herd-zurück-Politik verwechselt werden; ich wünsche mir lediglich die Möglichkeit, dass ein Elternteil ohne Einkommensverlust mindestens bis zur Schulzeit bei den Kindern bleiben kann. Ob das nun Vater, Mutter oder beide abwechselnd sind, sollen die Eltern selbst entscheiden. Ich würde mich jedenfalls als erster melden. Nicht nur, weil ich diesen intensiven Kontakt mit dem Kind jedem Erwerbsjob vorzöge, sondern weil ich überzeugt bin, dass die sichtbare Verrohung, Entwurzelung, Kulturlosigkeit und im Endeffekt die erschreckende Gewaltbereitschaft vieler Kinder von heute in direktem Zusammenhang mit der wenigen Zeit steht, die sie mit ihren Eltern verbringen können.

 

In vielen Bereichen müssen wir uns mit einem Viertel zufrieden geben. Mein persönliches Viertel Zufriedenheit wüchse ja schon an, wenn meine Bücher in den Regalen der Buchhandlungen stünden. Doch dort stehen sie nicht. Ich gehöre nicht zum glücklichen Viertel der Autoren, deren Bücher von Buchhändlern zum Verkauf angeboten werden. Möglicherweise wird sogar nur einem Achtel der Autoren diese Anerkennung zuteil, denn ein mir bekannter Besitzer einer Buchhandlung in Barcelona sagte vor Kurzem:

»Von den zirka 400.000 lieferbaren Büchern geben mir die Distributoren nur 50.000. Das bedeutet, wenn ein Leser zu mir kommt und nach einem Buch fragt, hat er eine 350.000-fache Chance, es nicht zu bekommen.« Und das hat überhaupt nichts mit der aktuellen Krise zu tun. Sondern mit Monopolen und mit Macht. Und die üben ihre Haber in der Regel nicht nur zu einem Viertel aus, sondern total.

 

Die vor eineinhalb Jahren ausgerufene Wirtschaftskrise nutzten viele Unternehmen – ebenfalls eine Art von Machthabern –, um ein Viertel ihrer Mitarbeiter zu kündigen. Als Folge darauf stiegen die Aktienkurse wieder deutlich an, und wo zwischendurch mitunter die Halbierung des Börsenwertes zu verzeichnen war, befindet dieser sich wieder auf derselben Höhe wie im August 2008 oder sogar noch höher. Die Krise diente also den Aktionären, denn die haben kräftig verdient. Sie besitzen nämlich in diesem Fall die übrigen drei Viertel – oder seien wir fair: Wenn wir die Krise als unausweichliche Realität akzeptieren und ein Viertel des wirtschaftlichen Wertes unwiederbringlich verloren geben, dann haben die Aktionäre wohl nur die Hälfte ergattert. Eine mathematische Doppelbödigkeit? Jedenfalls spielt das für die nun Arbeitslosen keine Rolle. Zwei meiner amerikanischen Kolleginnen mussten ebenfalls gehen, im Rahmen einer groß angelegten »Firing«-Aktion. Helen ist auf ihren ehemaligen Arbeitgeber zwar noch immer stinksauer, doch mit ihren fünfundfünfzig Jahren nimmt sie es als eine Art Frühpension an und meint, jetzt hätte sie endlich mehr Zeit für ihren Mann. Joyce indes kann dieser Heiterkeit nichts abgewinnen; sie ist erst vierzig.

 

Und ich bleibe bei der Wirtschaft, allerdings nicht bei den Erwerbstätigen, die oft noch froh sind, wenn sie lediglich auf ein Viertel verzichten müssen, sondern komme zu den Produkten, die unser Thema in ähnlicher Weise berührt. Ein großes Produktionsunternehmen, dessen Namen ich nicht nennen möchte, verfügte über eine große Produktpalette, die in erster Linie daraus resultierte, dass die Kunden, ausgehend von einem Basismodell, beliebige Wünsche äußern konnten. Das jeweilige Produkt wurde also gänzlich individuell gefertigt, und die Kunden waren hochzufrieden, weil sie genau das bekamen, was sie sich vorstellten. Nun ergab es sich jedoch mit der Zeit, dass die Finanzen des Herstellers nicht mehr stimmten, und es wurde eine Consultingfirma engagiert, um die Lage zu analysieren und das Problem zu lösen. Letzteres fand sich sehr rasch: Die individuelle Fertigung war mit sehr hohen Aufwänden verbunden, doch fanden diese im Preis für den Kunden keinen Niederschlag. Aufgrund dieser Erkenntnisse führte das Unternehmen ein völlig neues Produktionsprinzip ein: Jetzt gibt es nur vier Produkte, und Sonderwünsche werden nicht mehr berücksichtigt; der ursprüngliche Preis blieb unverändert, und aufgrund der stark reduzierten Aufwände arbeitet das Unternehmen wieder mit Gewinn. Was ist geschehen? Bei gleichbleibenden Preisen verlor die Produktpalette an Qualität. Die Kunden müssen sich nun mit einem Viertel dessen begnügen, was sie vorher haben konnten, oder sogar mit noch weniger. Eine andere Lösung wäre zwar gewesen, die Vielfalt und somit die Qualität des Produktportfolios beizubehalten, doch hätten dann die Preise angepasst und somit erhöht werden müssen. Aber wenn es um Preise geht, dann wollen wir in Wirklichkeit doch auch nur ein Viertel bezahlen. Hier beißt sich die vielzitierte Katze in den Schwanz, aber genau hier steckt eine Grundmisere der heutigen Zeit: die Preise müssen runter, und das (zer)drückt die Qualität. Überall müssen wir uns heute mit einem Viertel der möglichen Qualität zufrieden geben, und dieser Trend dürfte sich noch eine gute Weile fortsetzen.

 

Übertreibung? Mal ehrlich, wann haben Sie zuletzt einen wirklich guten Laib Brot gekauft? Der so schmeckte, wie man das aus der Kindheit kennt. Sollte ich hier tatsächlich schon die Vergangenheit verklären? Ich meine, jetzt habe ich zwar schon ein paar Jährchen auf dem Buckel, aber so alt bin ich nun auch wieder nicht!

 

Stichwort Kultur. Kürzungen, Streichungen, Verschiebungen auf unbestimmte Zeit. Aber nein, werden manche argumentieren, das Kulturbudget unserer Republik wurde nicht gekürzt. Natürlich nicht. Nominell blieben die Beträge gleich. In manchen Bereich über zwanzig Jahre. Die Inflation besorgte dann alles Übrige. Selbstverständlich gilt das nicht nur für das öffentliche Kulturbudget, sondern auch für Künstlerhonorare von Verlagen und Rundfunkstationen.

Schließlich muss man sparen.

Wie gern riefe ich jetzt, dass Kultur und die Erzeugnisse Kulturschaffender nichts mit Stützungen oder Förderungen durch die öffentliche Hand zu tun hätten. Ja, vielleicht riefe ich es sogar – wenn ich nicht wüsste, dass das beeindruckende französische Filmschaffen der 50er- und 60er- bis in die 80er-Jahre nur deshalb möglich war, weil von Staats wegen viele Millionen Francs in die Filmindustrie gepumpt wurden, wenn ich nicht wüsste, dass in Österreich kein einziges literarisches Buch ohne öffentliche Stützung gedruckt werden kann, wenn ich nicht wüsste, dass die großen Opernhäuser der Welt auf Fördergelder und private Spenden angewiesen sind. Die Kultur hat es in einer Welt zunehmender Einschränkungen nicht leicht. Die Finanzierung schrumpft mitunter auf ein Viertel (oder entfällt vollends), und die Freiheit der Kunst wird mancherorts gevierteilt und mit Füßen getreten.

Gerade der Kultur sollte die Gesellschaft eine Heimat bieten.

Auch in Krisenzeiten. Ob indes ein Museumsquartier die Lösung ist? Natürlich brauchten wir ein eigenes Viertel für die Kultur – da klingt im Hinterkopf das französische Quartier Latin mit der Sorbonne und den schillernden kulturellen Aktivitäten an –, aber trotz der offiziellen Stilisierung des Museumsquartiers zum Kulturviertel wirkt dieser Ort wie ein städteplanerischer Kraftakt, der zwar einerseits ungeheure Geldsummen verschlingt, aber andererseits doch nur eine winzige Facette innerhalb des insgesamt möglichen Kulturlebens darstellt. Und die Kulturschaffenden?

 

Die einen verdingen sich so recht und schlecht in Brotjobs, andere resignieren und wursteln irgendwie weiter, manche geben auf. Das haben wir nun vom Viertel, das, wie der Volksmund sagt, zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel ist. Eine Redewendung, die heutzutage erschreckend vielseitig wirkt.

Aber ich lehne mich zurück, um, angesichts einer Uhr, die ein Viertel vor zwölf zeigt, über diese Dinge nachzudenken und diesen kleinen (nicht geviertelten!) Essay niederzuschreiben.

Klar, am liebsten tränke ich nun ein Vierterl Rotwein, um die ganze Misere zumindest für kurze Zeit zu vergessen. Das Dumme ist nur: Ein einziges Vierterl reicht da nicht aus, aber mehr als das vertrage ich nicht.

 

Klaus Ebner:

Geb. 1964, Wiener. Studium der Romanischen und Deutschen Philologie. Autor von erzählender Prosa, Essays und Lyrik. Wiener Werkstattpreis 2007. Mitglied der Grazer Autorenversammlung und des Österreichischen Schriftstellerverbandes. Jüngste Buchveröffentlichungen: „Hominide“, Erzählung (FZA 2008); „Vermells/ Röten“, Lyrik katalanisch und deutsch (SetzeVents 2009). www.klausebner.eu