41 / Essay: "Früher hielten die Leute das Flugzeug für einen Vogel, aber ...": Gabriele Tautscher

Gabriele Tautscher
„Früher hiElten die Leute das Flugzeug für einen Vogel, aber heute ...“
Eine Collage über das schwindende Selbstverständnis in Chayarsaba, Nepal

Im Namen der individuellen Freiheit verfolgt der Neoliberalismus ein Programm der planmäßigen Zerstörung sämtlicher kollektiver Strukturen, die der Logik des freien Marktes irgendwelche Steine in den Weg legen könnten – durch die Atomisierung der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter, der Bürger des Nationalstaates und selbst der Familien, denen mit der Ausbildung von altersabhängigen Märkten ein Teil ihrer Handhabe als Verbrauchsgemeinschaft entgleitet. Individuen sind immer die Produkte sozialer Strukturen, welche die Sprache und Ideen eines Menschen prägen, aber auch seine Gewohnheiten, seinen Geschmack, seine Wünsche. Indem der Neoliberalismus das soziale Geflecht der Solidarität vernichtet, das letzten Endes die Sicherheit und das Selbstvertrauen des Einzelnen stützt, schwächt er in Wirklichkeit die individuelle Freiheit; indem er Marktwerte als das universale Kriterium des Werts hinstellt, zersetzt er die Autonomie der intellektuellen, künstlerischen und anderer assoziativer Bereiche, die im Streben nach „kollektiv gefassten und gebilligten Zielen“, insbesondere der Wahrheit, alternative Fakten und Werte herausstellen könnten.
Die Bewohner von Chayarsaba, einem Bergdorf, leben zwar in weit entfernter Peripherie, doch stehen sie exemplarisch für den Bruch mit der eigenen Tradition, die durch eine fortschreitende Verarmung aus der Konfrontation mit der modernen, ‚fortschrittlichen‘ und von Märkten geprägten Eingriffen bedingt wird. Das Dorf liegt auf 2000m Höhe im östlichen Mittelgebirge des Himalaya in der neuen Republik Nepal. Von der Hauptstadt Kathmandu ist es nur durch eine fünfstündige Autofahrt und einem zweitägigen Fußmarsch durch die Berge zu erreichen.
Frauen und Männer aus Chayarsaba, Dolakha erzählten mir Anthropologin ihre Wünsche, Träume und Vorstellungen. Die übersetzten Interviews geben ihre persönlichen Einblicke in ihre Lebenswelt „im Eck, wo sie vom König nicht mehr wahrgenommen werden“ wieder. Die Zitate, die einen Zeitraum von 20 Jahren umspannen, zeigen deutlich die Veränderung der Sichtweise der Bauern gegenüber ihrer Lebenswelt. Die sehr subjektiven Ansichten spiegeln den Verlust des Selbstbewusstseins wider. Auch wenn die Zitate individuelle Aussagen sind, so geben sie einen klaren Einblick in die zur Zeit gültigen kollektiven Vorstellungen der bäuerlichen Bevölkerung Nepals wieder. Beim Übersetzen der Interviews bemerkte ich ihre andere Wortwahl in der Rhetorik im Vergleich zu unserer, denn ihre Referenzen beziehen sich auf andere Kategorien. Sie spiegeln ihren Kontext als Bergbauern wider, deren Gesellschaft auf Verwandtschaft und Heiratsallianzen beruht, die ihren Schutz-, Erd- und Ahnengötter opfern müssen und der buddhistischen Religion angehören. In ihrer (noch alten) Welt werden Emotionen nicht durch abstrakte formale Begriffe wie Liebe, Sehnsucht oder Hoffnung erklärt, sondern bestehen aus Verben und metaphorischen Vergleichen. Auffällig für Beschreibungen von Liebe, Hass und Neid sind die vielen Referenzen zum Essen. Gute Gefühle – wie Liebe – werden verglichen mit „satt sein“ und für sie wertvollen Lebensmittel: „Liebe ist wie Reis essen und satt werden“. Das glückliche Gefühl, im Überfluss zu sein, wird mit „ich fühle mich, als schwimme ich in einem Fluss von Joghurt und Milch“ beschrieben. Negative Empfindungen – wie sich rückständig fühlen – wird mit „was bekommen wir hier; wir müssen hier Brennnessel essen!“ erklärt. Bei den Tamang von Chayarsaba wird Gastfreundschaft über Essen vermittelt. Wer willkommen ist, wird zuerst mit selbstgebrautem Bier bewirtet. Mit dem Bewirten durch beste Lebensmittel – hier gibt es eine klare Hierarchie und allen voran steht der Reis – erhöht man auch den eigenen Status. Ein häufig angeführter Grund, um heute das Dorf für die Stadt zu verlassen, ist Zugang zu ‚besserem‘ Essen zu haben. Gemeint werden hier oft neue industriell gefertigte Nahrungsmittel wie Fertignudelsuppen, Kekse und Eiscreme. Beim Übersetzen ihrer Worte war ich oft perplex, wie vielfältig das Wort ‚Essen‘ angewandt wird: Als Synonym für „leben“ – „Gott ist in unserem Magen“, „zu leben bedeutet zu essen“; für stehlen – „sie haben unser Geld gegessen“, „das Geld wurde gegessen (von den korrupten Beamten), lange bevor es unser Dorf erreichte“. Essen ist aber auch jenes Wort, mit dem man die Unabhängigkeit betont: „Wir essen unser eigenes Essen“.
Die Lebensweise dieses Bergvolkes in den wunderschönen Vorbergen des hohen Himalaya, ihr Einklang mit der Natur und der Götterwelt mag zwar bei uns romantische Vorstellungen wecken, doch steht dem heute eine große Sehnsucht der Bewohner von Chayarsaba eben nach unserer anderen, bequemeren, modernen Lebensweise entgegen. Ihre Aussagen reflektieren ihr Ringen um eine Identität in der von ihnen nun negativ empfundenen eigenen Welt. Die Aussage Jid Birs, dem Bürgermeister von Chayarsaba (M, 48 J.) gibt die Meinung der meisten Dorfbewohner wieder: „... Hier im Dorf sagen die Leute, manche Menschen fliegen im Himmel, und manche Menschen gehen auf der Erde. Früher hielten die Leute das Flugzeug für einen Vogel. Aber heutzutage, da die Menschen informiert sind und alles auf der Welt wissen, sagen sie, dass es zum Transportieren ist und kein Vogel. Manche Menschen fl iegen, weil sie das Geschick haben und wir arbeiten auf dem Land, weil wir die Fertigkeit nicht haben, und wir arbeiten nur wie die Insekten auf dem Land.“
Und Luku Tamang (M, 60 J.): „Dies ist ein schwieriger Platz, Nani [1]. Dieses Eck wird von niemandem gesehen. So, von nirgendwo sieht man es. Vom Flugzeug sieht man es von dort oben. Andere sehen diesen Ort nicht. Auch unser König kann ihn nicht sehen. Jene, die Mitleid haben, sehen ihn, so ist es. Wir kratzen die Erde hier, wir essen dies hier. Dies ist ein Dorf von Bauern. Wir pflügen, wir eggen mit der Erdhacke und wir laufen nach Indien, um zu arbeiten.“ Jeden Vormittag sind über dem Dorf die Motorengeräusche kleiner Propellerflugzeuge zu hören, die Touristen von Kathmandu nach Jiri oder Lukla (Everest-Gebiet) fliegen – neben dem pochenden Lärm des Dieselmotors der Getreidemühle das einzige Motorengeräusch weit und breit. Die Bewohner von Chayarsaba blicken mit Sehnsucht und Neid auf die Flugzeuge, die ihnen das reiche, moderne Leben mit wenig körperlicher Arbeit und materiellem Überfluss versinnbildlichen. Sie fühlen sich sowohl vom König des Landes als auch von der Entwicklungshilfe im Stich gelassen.
Jid Bir (M, 48 J.): „Es gibt nichts im Dorf. Wir haben steile Hänge, welche gepflügt und geeggt werden und wo Getreide angepfl anzt wird und es genügt zum Essen. Aber genügend Geld, um Kleidung und Gewürze zu kaufen, um Fleisch zu essen, kann in diesem Dorf nicht verdient werden. Manche haben am Morgen genug zu essen, aber nicht genug am Abend. Der Ort ist gut, wie soll man zu diesem Ort sagen? Ist er gut, ist er schlecht? Sagen wir gut. Der Ort ist so: überall Steine, Felsen, hier und dort, oben und unten. Das Dorf ist saftig, aber der Platz ist schlecht. Auch wenn wir Geld im Sack hätten, es gibt hier kein Geschäft, wo wir Essen einkaufen können. (...) Das große Problem und unsere Sorge ist, wir haben keine Entwicklung, deshalb haben es alle schwer.“
Die Region um das Bergbauerndorf Chayarsaba war nicht immer unbedeutend und arm. Es liegt in der Nähe der alten reichen Handelsstadt Dolakha, die vom 13. bis zum 18. Jh. einen lukrativen Handel zwischen dem Kathmandutal und Tibet betrieb. Im gegenwärtigen politischen und wirtschaftlichen Kontext Nepals wurden vor allem die Volksgruppen der abgelegenen Täler – so auch die Tamang von Chayarsaba – an eine wirtschaftliche und politische Peripherie gedrängt, was zu einem maoistischen Krieg, einer ‚Identitätspolitik‘ für die einen und zur Auswanderung für die anderen, aber vor allem zu einer großen Hoffnungslosigkeit geführt hat.
Bonpo, der Dorfschamane (M, 62 J.): „In diesem Dorf, was sollen wir tun? So ist es, wir pflügen, wir graben, wir stellen Dünger her, wir bringen Gras, wir betreuen das Vieh, wir essen, Mai [2]. Wir müssen hart arbeiten. Wir haben es schwer, um zu essen. Ohne harte Arbeit gibt es nichts zu essen. Wir müssen immer an die harte Arbeit denken. Arbeiten wir jetzt hart, dann haben wir später genug zu essen. Was sollen wir anderes tun, was soll ich sagen. Das ist der Brauch in unserem Dorf. Wir können nicht einfach sagen, wir haben keine Lebensmittel, wir werden es kaufen und essen. Wir müssen hart arbeiten, um zu essen.“
Frau von Nang Bahadur Tamang (F, 50 J.): „Was soll ich sagen. Was tun, ob man glücklich oder unglücklich ist, wir müssen hart arbeiten, um Essen zu haben. Was immer wir haben, kochen wir und essen es. Wir haben keine Tomaten, Mai. Das sind die Sorgen, die wir haben, Mai. Wir essen Brennnessel, wir essen Mehlsuppe. Ich kann keine Lasten mehr hinauf und hinunter tragen. Wir besitzen keine Reisfelder. Im Monat Chaitra [3] pflanzen wir Mais und essen dies bis zum Monat Badau. Dann pfl anzen wir Hirse und essen bis zum Monat Mankshir. Dann pfl anzen wir etwas Weizen, aber es ist nicht genug bis zum Monat Jhet, Mai. Was tun? Wir gehen in den Wald und bringen Brennnessel zu essen. Schau dort, wir haben Süßkartoffel gepfl anzt und wir essen dies. Wir trocknen Spinat und essen es. So ist es, was gibt es noch?“
Nepal war für die Kultur- und Sozialanthropologie lange ein beliebter Ort für klassische Studien zu den reichen religiösen Traditionen, traditionellen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnungen, Verwandtschaftsstrukturen und Synkretismen verschiedener Kulturen. Die Anthropologie handelt vom Menschen, schreibt über Menschen, erklärt sie als Protagonisten gesellschaftlicher Systeme und als kulturell, wirtschaftlich und religiös Handelnde und entfernt sich in den wissenschaftlichen Abstrahierungen doch wiederum vom Menschen. Sie zeigt sie visuell vor allem deshalb, um sie als kulturell religiös Agierende zu dokumentieren oder um die wissenschaftlichen Erklärungen mit Bild-Datenmaterial zu bestätigen. Als ich 1986 zum ersten mal als Ethnologin ins Feld ging, war ich – so wie wir gelehrt wurden – mit Schreibzeug, Recorder und Kamera gewappnet. Ich bemerkte sehr schnell, dass für die Frauen und Männer von Chayarsaba die Photographie eine andere Bedeutung hatte als für mich. Sie begegneten meinem Photographieren mit einem für mich damals ungewohntem Ernst. Sie verschwanden für Stunden in ihrem kleinen Haus, bis sie mit den geputzten Kindern und in ihrer sonst in Truhen aufbewahrten besten Kleidung heraus kamen. Dann begann die Suche nach einem geeigneten Platz, wo alle gemeinsam aufgenommen werden konnten. Sie schenkten der Kamera kein Lächeln und standen steif, sie blickten ernst, etwas verlegen, die Kinder eher ratlos zu mir. Selten gelangte das Photo in den Rahmen der Familienportraits auf der Hausterrasse neben dem Hauseingang. Sie hätten es lieber in Farbe gehabt, mit einem schöneren Hintergrund als ihr eigenes Zuhause. Es dauerte einige Zeit, bis ich sie bei der Feldarbeit in der Arbeitskleidung abknipsen durfte, ohne dass sie es störte. Meine Vorstellung von guten Photos entsprach der spontanen Real-Photographie: Sie so abzubilden, wie sie in der ‚Realität’ agierten. Oder auch ihren ‚wahren’ Ausdruck, ihr Lächeln oder ihren Blick einzufangen.

1 Nani: jüngere Schwester
2 Mai: Tochter
3 Chaitra: März-April, Badau: August-September; Mankshir: November-Dezember; Ihet: Mai-Juni

Gabriele Tautscher
Kultur- und Sozialanthropologin, Lektorin am Institut für SA- , Tibet-u. Buddhismuskunde der Universität Wien. Sie arbeitet und forscht seit 1985 in der Himalayaregion und besitzt langjährige Erfahrung in der Führung kultureller Reisen. Autorin von Büchern, Radiofeatures und Dokumentarfilmen.