43/ Essay: Feindbild Feind: Ingrid Rahlf

Ingrid Rahlf
Feindbild Feind

Wenn man Sie fragt, ob sie einen Feind oder gar Feinde haben, fällt Ihnen dann jemand ein? Jemand, von dem Sie annehmen, dass er oder sie Sie vernichten will? Denn das ist es doch, was Feinde tun, nicht wahr, uns bedrohen, schaden, uns vernichten, wenn sie können. Feind, das klingt nach unerbittlich. Gegen Feinde muss man sich schützen, sich verteidigen, man muss sie bekämpfen, nicht wahr, ihnen zuvorkommen. Angriff ist die beste Verteidigung, das wird immer noch oft gesagt. Gedankenlos daher gesagt?
Voraussetzung für einen Kampf gegen einen Feind ist aber zu wissen, wer überhaupt Feind ist, wo er oder sie sitzt. Wenn unklar ist, woher und von wem eine Bedrohung ausgeht, entsteht Unsicherheit, eine diffuse Angst. Wir fühlen uns handlungsunfähig, ohnmächtig ausgeliefert. Jemanden oder etwas bekämpfen (können), ist angenehmer, als sich mit der eigenen Ohnmacht zu beschäftigen.
Einen Schuldigen benennen zu können, ist da eine Erleichterung, entlastet, gibt der Frustration ein Ziel, vorausgesetzt der Schuldige ist nicht stärker als wir. Gegen Stärkere zu kämpfen, ist schwierig und der Erfolg ist ungewiss. Gegen Schwächere zu kämpfen, ist viel leichter.
Wenn man sich nun bedroht und gleichzeitig ohnmächtig fühlt, weil es keinen konkreten Feind gibt oder keinen, gegen den man kämpfen kann, kann man sich mit Feindbildern behelfen. Feindbilder lassen sich ziemlich leicht erzeugen. Bilder sind sehr wirksam. Das Feindbild ersetzt zunächst einen nicht vorhandenen Feind und mit der Zeit können aus den Feindbildern Feinde geschaffen werden. Und wenn diese aus Feindbildern zu Feinden deklarierten Menschen sich wehren, kann leicht sogar ein Krieg dabei herauskommen.

Feindbilder werden aber auch gerne inszeniert, um die Durchsetzung eigennütziger und fragwürdiger Interessen gleichzeitig zu verschleiern und zu erleichtern. Um sich Macht zu verschaffen, an die Macht zu gelangen oder an der Macht zu bleiben. Zur Bewahrung des Besitzstandes durch Ablenkung.
Es ist ein altes Mittel, das aber immer wieder erstaunlich gut funktioniert. Besonders in wirtschaftlich schwierigen, unsicheren Zeiten, wenn der Wohlstand gefährdet scheint oder ist, wenn die soziale Lage sich verschlechtert, besonders bei Menschen, denen es schlecht geht, die sich als benachteiligt erleben, die unzufrieden sind.
Das Vorgehen ist denkbar einfach.
Zunächst gilt es, vorhandene Ängste zu formulieren, zu verstärken und zu steigern und Bedrohungsszenarien herauf zu beschwören wie Verdrängung vom Arbeitsplatz, Verschlechterungen im Gesundheitswesen und bei Sozialleistungen, zur Minderheit zu werden.

Nun gilt es, nach geeigneten Schuldigen zu suchen und Schuldzuweisungen zu formulieren. Dabei ist es nützlich, dass die meisten Menschen alles Unbekannte und Fremde, das sich ihnen nähert, zunächst argwöhnisch beäugen. Ein geeignetes Feindbild unterscheidet sich auffällig von Vertrautem, hebt sich optisch ab – zum Beispiel durch Hautfarbe und oder Bekleidung - und ist somit leicht zu erkennen, leicht zu identifizieren. Einzelne individuelle Menschen werden zu einer Gruppe zusammengefasst, abstrahiert, alles Differenzierende wird ausgeblendet.

Geeignet als Feindbild ist eine Gruppe, die als homogen dargestellt werden kann und die sich nicht wehren kann, die sozial schwächer ist als die aufzuhetzende Gruppe. Sehr praktisch ist es, wenn sich die ausgewählte Gruppe unter ein einzelnes gemeinsames Merkmal zusammenfassen lässt, etwa durch die Religionszugehörigkeit, ihr wird damit quasi ein Stempel aufgedrückt.
Sodann gilt es Ablehnungen und Angriffe möglichst griffig zu formulieren. Sie leben auf unsere Kosten. Sie sind kriminell. Sie verdrängen uns, sie wollen uns ihre Kultur aufzwingen. Der Wahrheitsgehalt spielt dabei keine Rolle.

Feindbilder lenken ab von der Beschäftigung mit Ursachen, Hintergründen, Zusammenhängen gesellschaftlicher Entwicklungen. Statt sich damit zu beschäftigen, dass Wenige immer reicher und immer mehr Menschen ärmer werden, statt zu fragen, für wen und zu wessen Wohl eigentlich Politik gemacht wird, wird mittels Feindbildern ein Kampf Schwache gegen Schwächere angezettelt, der die Entstehung von Solidarität und eine Durchsetzung von eigentlich gemeinsamen Interessen in der Gesellschaft verhindert. Mit Feindbildern im Kopf wird, statt miteinander zu gestalten, gegeneinander gekämpft. Eine einzelne Person, die zur Feindbildgruppe gehört, wird dann als Person, als Mitmensch zur Ausnahme deklariert, ohne dass das Feindbild infrage gestellt wird.
Durch die Angriffe können heftige Reaktionen provoziert werden, auf die hin dann wieder „zurückgeschossen“ werden kann. Die Erzeugung von Feindbildern ist gesellschaftliche Brandstiftung.

Ingrid Rahlf
Geb. 1949 in Hamburg, Studium der Ernährungs- und Agrarwissenschaften, war Studienberaterin an Universitäten in Hessen. Lebt in Wien, Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften.

etcetera 43/ Feindbilder. Zwischen Barrikaden und Blockaden/ März 2011