43/ Essay: Theologiestudentin im Auftrag der STASI: Viola Kühn
Viola Kühn
Theologiestudentin im Auftrag des Staatssicherheitsdienstes
Feindbilder einer Akte
Agnes W.* hatte eine Biografie, wie sie als Muster einer sozialistischen Schülerpersönlichkeit des diktatorischen Staates DDR, der Deutschen Demokratischen Republik, hätte gelten können. Sie war Mitglied der Pionierorganisation: ab der 1. Klasse Jungpionier, die zehn Gebote der Jungpioniere standen für alle im Pionierausweis, ab der 4. Klasse Thälmann-Pionier. Es galt der Slogan: Für Frieden und Sozialismus seid bereit! Und die formelhafte Antwort lautete: Immer bereit! Agnes agierte als Mitglied des Freundschaftsrates und war mit einer Reise in die Pionierrepublik Ernst-Thälmann ausgezeichnet worden. Ab der 8. Klasse trat Agnes dem Verband der FDJ, der Freien Deutschen Jugend, bei. Als FDJ-Sekretärin war sie Mitglied eines Vorbildlichen FDJ-Kollektivs. Sie hatte die Jugendweihe erhalten und das Abzeichen für gutes Wissen in Gold erworben.
Im März 1981 beschloss der Staatssicherheitsdienst die Bespitzelung christlich gesinnter Studenten der Universität in R. und dazu die Werbung eines vorerst informellen Mitarbeiters, der dort unerkannt eingeschleust werden konnte. Es hieß: „Besonders im Bereich der Evangelischen Studentengemeinde konzentrieren sich solche Studenten und andere Personen, die diese Gemeinschaft als Möglichkeit betrachten, ohne staatliche Kontrolle offen ihre Anschauungen darzulegen. Dieser sogenannte Freiraum kann den bisherigen Erkenntnissen zufolge als Sammelbecken oppositioneller Personen, insbesondere Jugendlicher, betrachtet werden.“[1]
Der Staatssicherheitsdienst hatte vor allem die von der Evangelischen Studentengemeinde organisierte Partnerschaftsarbeit mit Gemeinden aus der Bundesrepublik im Visier. Bei den Partnerschaftstreffen erfolge eine gezielte Beeinflussung der Teilnehmer mit westlichem Gedankengut. Aufgrund dieser Tatsache sei eine verstärkte inoffizielle Kontrolle im Bereich der Evangelischen Studentengemeinde notwendig. Negative bis feindliche Zielpersonen innerhalb der Studentengemeinde seien festzustellen und zu ‚bearbeiten’. Es sei die ideologische Situation einzuschätzen, um geeignete Maßnahmen ergreifen zu können. Damit folgte man den Vorgaben des Ministers für Staatssicherheit, Erich Mielke. Die zielgerichtete Gewinnung von Informationen durch Inoffizielle Mitarbeiter, kurz IM, sei das Hauptanliegen der Arbeit des Staatssicherheitsdienstes. Es seien Ansatzpunkte herauszuarbeiten, die es ermöglichten, in die Konspiration des ‚Feindes’, in seine Zentren und Organisationen in der DDR einzudringen und eine offensive Bekämpfung der ‚Feindtätigkeit’ an ihren Ausgangspunkten vorzunehmen. Die Leiter sollten deshalb die IM befähigen, rechtzeitig ‚feindlich-negative Kräfte’, deren Absichten, Maßnahmen, Mittel und Methoden zu erkennen und dabei ihr Verhalten, ihr Vorgehen so geschickt zu tarnen, den ‚Feind’ so gut zu täuschen, dass sie als IM unerkannt blieben. Die Vermittlung und Formung eines realen und aufgabenbezogenen Feindbildes der Inoffiziellen Mitarbeiter und seine ständige Vervollkommnung seien ein unabdingbarer Bestandteil der Entwicklung profilierter IM-Persönlichkeiten. Diese seien in die Lage zu versetzen, zielstrebig nach dem Feind zu suchen, ihn aufzuspüren und aufzuklären, ihn zu hassen. Auf dieser Grundlage seien die notwendige Einsatzbereitschaft, die Opferbereitschaft und andere wichtige Eigenschaften zur Erfüllung der Aufgaben im Kampf gegen den Feind hervorzubringen. Die Sätze der schriftlichen Anweisungen waren machtbewusst formuliert, so dass es schwierig war, sie als Outsider zu begreifen und zu portionieren.
Die Schergen des Staatssicherheitsdienstes hatten Agnes W. als mögliche Inoffizielle Mitarbeiterin avisiert und einen ‚Vorschlag zur Kontaktaufnahme’ erarbeitet. Danach sollte sie in Augenschein genommen und auf Ansatzpunkte für eine Werbung auf der Grundlage der politisch-ideologischen Überzeugung abgeklopft werden. Man sollte zudem über ihre persönlichen Vorstellungen zum bevorstehenden Studium reden. Zudem hatten die Verantwortlichen einen Maßnahmeplan zur weiteren ‚Aufklärung der IM-Kandidatin’ aufgestellt. Entsprechend wurden ihr Freizeitverhalten, ihre politisch-gesellschaftlichen Aktivitäten, ihre soziale Herkunft, der weltanschauliche Einfluss der Eltern auf sie und die Verbindungen der Familie ins nichtsozialistische Ausland ‚ermittelt’. Bald erfuhr man aus inoffiziellen Quellen, dass es sich bei dem jungen Mädchen um eine äußerlich und im Umgang angenehme und aufmerksame Gesprächspartnerin handeln würde, dass sie anderen Menschen zuzuhören vermochte und schnell Vertrauen aufbaue. Sie sei bereits während ihrer Schulzeit mehrfach als ‚Beichtvater’ für individuelle Sorgen und Nöte ihrer Mitschüler herangezogen worden. Die Augen des Mädchens seien einprägsam, so als würden sie aufgrund ihrer Ausstrahlung andere zu fesseln und zu dirigieren vermögen. In ihrer Freizeit trainiere Agnes Judo im Sportverein und fahre Motorrad. Ihre Mutter, Sonderschulpädagogin und eine überzeugte Genossin der staatsführenden Partei, der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, kurz SED, habe die Tochter in diesem Wertekanon erzogen und den Vater, Ingenieur und aus einem religiös geprägten Elternhaus stammend, in eine weniger maßgebende Rolle gedrängt.
Hauptmann L. wurde beauftragt, für das junge Mädchen Gesprächspartner und Führungsoffizier in spe zu sein. Als Anfang April das Gespräch mit Agnes eingefädelt war, erschien er also bestens vorbereitet. Das etwa 1,70 m große, schlanke Mädchen war dunkelblond und trug einen sportlich-kurzen Haarschnitt. Er beobachtete ihre Art zu reden und ihren Gesichtsausdruck. Er beurteilte Agnes als eine agile, bewusst handelnde Person. Sie habe gesagt, sie wolle Sonderschulpädagogin werden, da werde man von den Kindern nicht bewusst geärgert, da werde man mehr gebraucht als anderswo. Sie habe seit jeher eine Neigung dazu, nicht das zu tun, was alle tun. So habe sie auch andere Vorstellungen von der Gestaltung ihres Lebens, als ihr die Eltern das vorlebten. Vorgezeichnete gleichförmige Regelmäßigkeit, auch in deren Tagesablauf lehne sie ab. Der Hauptmann schätzte das Mädchen als charakterlich robust und ehrgeizig ein, als eine, die offen sei in ihren Meinungsäußerungen. Er schlug vor, zu Agnes eine IM-Vorlaufakte anzulegen und ‚sie in Kontakt zu behalten’. Nach Studienbeginn könne sie zielgerichtet zur Kontrolle von Studenten der Evangelischen Studentengemeinde der Sektion Sonderschulpädagogik eingesetzt werden. Er wollte sie auf einen ersten Einsatz schon ab September 1981 vorbereitet wissen. Als er das Mädchen wieder traf, habe schon eine gewisse Erwartung auf einen informellen Einsatz mitgeschwungen.
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Das Abitur legte Agnes mit Auszeichnung ab. Sie hatte auch einen Antrag gestellt, Mitglied der SED zu werden. Mit der Abschlussbeurteilung der Schule wurde ihr eine politische Haltung im Sinne des Staates bescheinigt: Sie sei informiert und entsprechend fundiert würde sie diskutieren. Sie könne politische Prozesse richtig einordnen und vertrete einen klaren politischen Standpunkt im Sinne der kommunistischen Weltanschauung. Mit diesem Zeugnis hatten dem Mädchen fast alle Berufswege offengestanden. Agnes bekam die Zusage für das Sonderschulpädagogikstudium, für das sie sich bereits im letzten Schuljahr beworben hatte. Sie wäre zwar lieber Offizier der Nationalen Volksarmee oder Schiffsoffizier der Handelsmarine geworden, jedoch ihre körperliche Konstitution entsprach nicht den notwendigen Voraussetzungen.
Nach den großen Ferien zog Agnes aus der Kreisstadt in jene Universitätsstadt, die damalige Bezirksstadt R., und begann das Studium. Zu diesem Zeitpunkt übernahm sie auch ihre erste Spitzeltätigkeit im Auftrag des Staatssicherheitsdienstes. Mitte September wurde sie zu einer Veranstaltung der Evangelischen Studentengemeinde geschickt und berichtete über die Mitglieder und deren Themen. Ihre Informationen wurden durch einen anderen Inoffiziellen Mitarbeiter quer kontrolliert und bestätigt. Den ersten Besuch bei der Evangelischen Studentengemeinde hatte Agnes, ohne auf Misstrauen zu stoßen, ‚absolviert’. Der Staatssicherheitsdienst nahm ihren Bericht ohne Einwände entgegen. Ihr Verhalten wurde auf Wirkung gecheckt: Sie zeigte ein zu burschikoses Auftreten. Die gezielte Steuerung und Entwicklung des Mädchens durch den Staatssicherheitsdienst nahm nun ihren Lauf.
Ende September sagte der Hauptmann, dass ihre SED-Kandidatur die bisher geplante Einsatzrichtung bei der Evangelischen Studentengemeinde ausschloss, dass sie dort nur weiter eingesetzt werden würde, wenn sie bereit sei, alle Folgen auf sich zu nehmen. Sie solle sich überlegen, ob sie das wolle.
Agnes berichtete dem Hauptmann weiter: über Literatur-, Musik- und Gesprächsabende der Evangelischen Studentengemeinde, auch über die Akteure wie über Liedermacher und Punk-Rocker, über Diskussionen zur Verteidigungspolitik der DDR und die Erziehung zum Hass, über eine andere, eine neue Friedenspolitik, aber auch über Arbeitsbummelei, Sauftouren und familiäre Zwistigkeiten. Sie schien abzuwägen und sich ein eigenes Urteil zu bilden. So DDR-feindlich mochten ihr manche Diskussionen nicht erschienen sein.
Im Januar 1982 führte der Hauptmann des Staatssicherheitsdienstes mit Agnes ein weitergehendes Gespräch. Sie meinte, sie wolle nach wie vor Pädagogin werden und auch offiziell Mitglied der SED sein. Sie sei nach wie vor bereit, in gleicher Weise wie bisher und bei Bedarf auch intensiver für die Staatssicherheit zu arbeiten. Einer absoluten Bindung an das Ministerium für Staatssicherheit fühle sie sich derzeit jedoch nicht gewachsen. Sie sei aber bereit über eine Veränderung der Studienrichtung, über Theologie im Sinne der Staatsicherheit und über eine neue Perspektive nachzudenken.
Agnes besuchte weiterhin die Veranstaltungen der Evangelischen Studentengemeinde und berichtete dem Hauptmann auftragsgemäß wie bisher und ohne Vorbehalte, auch über Themen wie Pazifismus, Sicherheit und Sicherheitspartnerschaften. Vermutlich reizte sie jene Konspiration, denn sie spielte schon im darauf folgenden Gespräch auf die in Aussicht gestellte operative Perspektive an. Vermutlich wollte sie auch Klarheit für ihre berufliche Zukunft herstellen und dabei wenig Zeit verlieren. Der Hauptmann zeigte ihr zwei Wege auf: entweder die Weiterführung ihres Studiums und die Fortsetzung ihrer bisherigen Aktivitäten oder die Entscheidung für eine operative Einsatzrichtung mit allen Konsequenzen, also für eine Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Staatssicherheit, kurz MfS. Der erste Weg erschien ihm für sie der bessere zu sein. Agnes sagte, sie würde lieber den zweiten Weg wählen. Sie meinte, sie sei sicher, die ganze Problematik umfassend durchdacht zu haben. Vielleicht hoffte sie auch, ihrem ursprünglichen, für eine Frau etwas abenteuerlichen Berufswunsch, näher zu kommen und aufgrund der Bearbeitung von Aufgaben für den Staatssicherheitsdienst einen spannungsreicheren Alltag zu erleben. Schwierig erschien ihr jedoch der Austritt aus der Kandidatenzeit für die Aufnahme in die Partei und der Studienrichtungswechsel, dabei besonders die Fragen der ‚Legendierung’ und der Sicherheit, ein anderes Studium beginnen und unter diesen Umständen bewältigen zu können. Es war landläufig bekannt, dass eine solche Entscheidung das Aus für eine berufliche Karriere und versteckte Aggressionen bedeuten konnte. Weiter bewegten sie Fragen zum Verhältnis zu ihren Eltern, speziell wie sie die Entscheidungen ihrer Mutter vermitteln könne und wie sich ihr weiterer Umgang mit den Eltern gestalten würde. Schließlich fragte sie auch nach den Möglichkeiten ihrer beruflichen Entwicklung nach dem Studium und einer eigenen Familie. Der Hauptmann sagte, die persönlichen Konflikte müsse sie völlig selbständig bewältigen und allein durchstehen, es sei keinerlei Hilfe zu erwarten. Beruflich sei ein perspektivischer Einsatz in operativ-bedeutsamen Einflusspositionen denkbar und würde vom Ministerium für Staatssicherheit konzipiert werden. In keinem Falle würde sie Gemeindepastorin werden.
Im Februar berichtete Agnes dem Hauptmann auftragsgemäß zu ihrem ersten Einsatz beim Friedenskreis der Evangelischen Studentengemeinde. Sie erklärte auch ihr Einverständnis, ihr weiteres Leben voll auf die politisch-operativen Erfordernisse der Staatssicherheit, ausgerichtet auf die evangelische Kirche, zu orientieren.
Im März führte der Hauptmann dann mit Agnes ein grundsätzliches Gespräch zur weiteren Perspektive. Sie war einverstanden: Sie wollte ihr derzeitiges Studium abbrechen und nach einjähriger Pause, die sie zur Einarbeitung in die Spezifik der Staatssicherheit nutzen würde, ein Studium an der Sektion Theologie der Universität in R. aufnehmen. Nach dessen Beendigung wollte sie entsprechend der politisch-operativen Lage tätig werden. Agnes bat jedoch, dass jemand vom Ministerium mit ihrer Mutter über die geplante operative Perspektive spreche. Die Mutter habe viel dafür getan, dass sie als ihre Tochter nun einen festen politischen Standpunkt habe. Für die Perspektive sei die Einbeziehung der Mutter auch aus Sicht des ‚familiären Hinterlandes’ sehr wichtig, zumal die Mutter mit Sicherheit durch die ‚Wendung’ bestimmte Probleme im Arbeitskollektiv haben werde. Von ihrem Vater erwarte Agnes keine Probleme. Der Hauptmann sagte Unterstützung zu, sagte aber auch, Agnes solle eine schriftliche Verpflichtungserklärung zur Zusammenarbeit mit dem Staatssicherheitsdienst abgeben. Die Prozesse des Herauslösens aus dem Studium und aus dem Parteiaufnahmeverfahren würden dann problemlos gehandhabt werden können. Es könne auch gesichert werden, dass ihr als Inoffizielle Mitarbeiterin später keine finanziellen Nachteile gegenüber der ursprünglichen Berufsrichtung entstünden. Im Falle der positiven Entwicklung als IM stehe der Zahlung einer monatlichen Ausgleichssumme nichts im Wege. Bezüglich der Aufnahme in die SED solle Agnes mit dem Parteisekretär reden und sagen, dass sie sich aufgrund verschiedener Zweifel derzeit außerstande sehe, sich für die Parteimitgliedschaft zu entscheiden. Auch mit der Mutter solle Agnes versuchen, zuerst allein zu sprechen. Agnes könne mit der Mutter über christliche Friedensaktivitäten diskutieren und um Verständnis und Unterstützung werben. Die anderen Argumentationsvarianten könnten Volljährigkeit und ‚fachliches Interesse’ sein. Der Hauptmann mahnte, Agnes solle das Gespräch mit der Mutter nur als Gedankenaustausch führen und keine Konfrontation zulassen. Für den Fall des negativen Verlaufs wurde ihr zugesichert, dass das Gesprächsergebnis exakt analysiert und das Ministerium hinzugezogen würde, um die Situation zum angestrebten Ergebnis zu führen. Agnes meinte, die Situation könne, wegen der verfestigten kirchenfeindlichen Haltung ihrer Mutter, kompliziert werden.
Der Staatssicherheitsdienst erwog intern, zu den Eltern des Mädchens konspirative Ermittlungen durchzuführen. Das Gespräch hatte dann jedoch ein zufrieden stellendes Ergebnis: Die Mutter erklärte ihrer Tochter konsequent, dass man nur auf einer Hochzeit tanzen könne, man sich entscheiden müsse, für die Partei oder die Kirche. Im Großen habe man zwar gleiche Ziele, es gehe hier wie da um die Erhaltung des Friedens, jedoch würden im Kleinen von der Kirche andere Ziele verfolgt werden. Dennoch meinte sie, dass Agnes alt genug sei und wissen müsse, was sie täte, dass sie als Mutter jedoch glaube, ihre Tochter richtig erzogen zu haben, so dass Agnes sich wohl richtig entscheiden werde. Der Vater habe in dem Gespräch die Auffassung vertreten, dass im Großen Übereinstimmung herrsche, wäre das Wichtigste. Vermutlich hatte er den Konflikt zwischen Mutter und Tochter schlichten wollen.
Mit der Stationierung von Atomraketen schürte die Politik Ängste in der Bevölkerung. Die Furcht vor diesen Raketen und die Zuspitzung des kalten Krieges zwischen den politischen Systemen führten zum Wettrüsten. Die Feindbilder durchzogen den Himmel. Die zwei deutschen Staaten waren in das System der Aufrüstung der politisch konträren Supermächte eingebunden. Angst und Hass lagen diesbezüglich in der Luft. Es war die Zeit gekommen, in Ost und West über die Verhütung von Kriegen nachzudenken, über eine Verminderung strategischer Waffen. Das schien in der DDR vielen Menschen nur unter dem schützenden Dach der Kirche möglich zu sein.
Agnes berichtete dem Hauptmann dann über ein Gespräch mit dem Studentenpfarrer der evangelischen Studentengemeinde, berichtete, dass sie diesem erzählt habe, dass sie das Studium aus gesundheitlichen Gründen abbrechen werde. Ein Test hätte ergeben, dass ihre Stimme für die Belastung im Lehrerberuf nicht geeignet sei. Auch habe sie die Gelegenheit genutzt, den Studentenpfarrer nach einem Kinderheim für Geschädigte, dem Michaelshof, zu fragen. Das sei eine Pflegeeinrichtung der Kirche. Der Studentenpfarrer habe ihr erzählt, dass es Schwierigkeiten geben könnte, dort eine Arbeit zu finden, weil da so viele Leute arbeiten würden, die einen Ausreiseantrag gestellt haben. Er kenne aber den Leiter des Heimes und könne mit ihm reden, zumal Agnes quasi aus dem Fachgebiet komme. Außerdem suche man dort einigermaßen zuverlässige Kräfte, die sich für die Arbeit engagierten.
Die Verantwortlichen des Staatssicherheitsdienstes ließen ihre Kandidatin Agnes noch einmal konspirativ überprüfen und eine inoffizielle Einschätzung ihrer Person erarbeiten. Auch zu den Eltern und dem derzeitigen Freund wurden aktive Fahndungsmaßnahmen eingeleitet. Agnes erhielt in der Zwischenzeit Aufträge zur Bespitzelung des Friedenskreises der Evangelischen Studentengemeinde, zur Bearbeitung der operativen Vorgänge ‚Pazifist’, ‚Luzifer’ und ‚Appell’. Sie lieferte dem Staatssicherheitsdienst zu den ‚Verdächtigen’ umfangreiche Informationen. Die bereits bestehenden Kontakte zu sich interessierenden Leuten baute sie aus.
„Du sollst gute Taten für den Sozialismus vollbringen.“[2] Agnes war dieses vierte Gebot der, in Anlehnung an die Bibel, Zehn Gebote des neuen sozialistischen Menschen, auch sozialistische Moralprinzipien genannt, sicher geläufig und sie schien diesen Forderungen entsprechen zu wollen.
Die erweiterte ‚Aufklärung’ des Staatsicherheitsdienstes zu Agnes und ihrer Familie ergab keine kritischen Anhaltspunkte, auch die Beziehung zwischen Agnes und ihrem als negativ eingeschätzten Freund war in Auflösung begriffen. Ende April schrieb sie ihre Erklärung zur Zusammenarbeit mit dem MfS: „Mit dieser Erklärung bestätige ich, dass ich auf der Grundlage mehrmaliger, ausführlicher Gespräche selbst zu dem Entschluss gekommen bin, dass die weitere Sicherung unseres Staates notwendig ist und auch ich meinen Beitrag dazu leisten muss. Ich habe mich aus freien Stücken dazu entschlossen, im weiteren Verlauf meines Lebens für das Ministerium für Staatssicherheit zu arbeiten. Dabei bin ich mir bewusst, dass dabei Offenheit und Ehrlichkeit gegenüber den Genossen eine unbedingte Voraussetzung sind.“[3] Nach Abgabe der schriftlichen Erklärung wurde der Weg geebnet. Agnes stellte den Antrag auf Streichung als Kandidatin der Staatspartei, dem ohne Komplikationen stattgegeben wurde. Sie bekam ein Zimmer in einem kirchlichen Heim. Geld für den Anfang erhielt sie vom Staatssicherheitsdienst.
Ende Juni 1982 wurde Agnes aufgrund ihrer stimmlichen Probleme exmatrikuliert und nahm eine Tätigkeit als Hilfskraft in einem kirchlichen Erholungsheim bei der Landeskirche auf. Über den Unwillen der Mutter setzte sich Agnes hinweg. Sie informierte den Hauptmann nun aber auch über persönliche Probleme und Sorgen. Ihr Vertrauen in die Arbeit des Staatssicherheitsdienstes war groß und sie erklärte sich bereit, das ‚Theologiestudium im Auftrage des MfS’ zu absolvieren und damit zur Gewährleistung der Sicherheit des Staates beizutragen. Agnes war bisher IMS, Inoffizielle Mitarbeiterin zur Sicherung eines gesellschaftlichen Bereiches. Nun wurde sie IMB, Inoffizielle Mitarbeiterin zur Beobachtung und Bearbeitung von im Verdacht der Feindtätigkeit stehenden Personen. Der Staatssicherheitsdienst nahm eine offizielle Umregistrierung vor. Agnes erhielt den Auftrag, ihre Vertrauensposition im Friedenskreis der Evangelischen Studentengemeinde und gegenüber dem Studentenpfarrer zu festigen. Es sollten die Voraussetzungen geschaffen werden, langfristig ‚innerkirchliche Einflusspositionen’ besetzen zu können. Die ‚linienspezifische’ politische Schulung und Ausbildung sollte planmäßig fortgesetzt werden. Es wurde festgelegt, dass Agnes ab dem 1. September 1983 ein Theologiestudium an der gleichen Universität aufnehmen sollte. Als IMB konnte sie nun verdeckt vom Ministerium für Staatsicherheit ein kleines Gehalt bekommen. Für die Aufwendungen und als Unterstützung wurden ihr ab Juni 1983 monatlich 150 Mark gezahlt. Dazu gab man ihr Sondervergütungen für spezielle operative Tätigkeiten. Zum Tag der Republik, am 7. Oktober 1983, erhielt Agnes die Verdienstmedaille der nationalen Volksarmee in Bronze. Die Urkunde war von Erich Mielke unterzeichnet. Agnes spitzelte nun in einem verbindlicheren Status weiter. Dem Studentenpfarrer und allen, die es hören wollten, sagte sie offenkundig, dass sie aus Interesse und nicht aus Überzeugung Theologie studiere. Agnes erzählte dem Hauptmann, das sei für die Umsetzung ihrer Stasi-Tätigkeit von Vorteil, da der Studentenpfarrer eine Vorliebe für Leute habe, die aus atheistischen Verhältnissen zur Kirche gelangten. Es wäre auf diese Weise relativ einfach, Unwissenheit und mehr oder weniger Hilflosigkeit vorzutäuschen, um die Dinge von ihm erklärt zu bekommen und auch bestimmte Informationen einzuholen. Sie meinte, der Studentenpfarrer sei arglos, freundlich und ohne Misstrauen ihr gegenüber. Er verdächtige eine andere junge Frau, in seinem Umfeldfeld als IM zu sein. Agnes nahm am Taufseminar des Studentenpfarrers teil und ließ sich von ihm taufen. Die zehn biblischen Gebote Gottes für sein Volk lagen ihr vermutlich ebenso fern wie das ‚Tanzen auf zwei Hochzeiten’, denn dem Hauptmann sagte sie, die Taufe und die Konfirmation seien für sie eine gute Voraussetzung für die weitere Entwicklung als Inoffizielle Mitarbeiterin im Bereich der Kirche.
Agnes war von inoffiziellen Mitarbeitern in ihrem Heimatort damals als offen und gesellig beschrieben worden, als Studentin in der Stadt R. hingegen hielt sie sich diesbezüglich weitgehend zurück. Vielleicht war es eine Vorsichtsmaßnahme, Zeitmangel oder sie veränderte sich mit den neuen Anforderungen wirklich. Sie hatte in der Zwischenzeit auch Volkmar F.*, einen Maschinisten, kennengelernt und glaubte vermutlich, jemanden gefunden zu haben, mit dem sie auf einfache Weise, fernab von den Aufgaben und Konflikten, die ihre Zweigesichtigkeit mit sich brachten, leben und glücklich werden zu können. Alle Fragen dieser Freundschaft, einschließlich ihrer Perspektive, sollten mit dem Staatssicherheitsdienst besprochen werden. Agnes wollte eine eigene Familie haben. Im Dezember 1984 heiratete sie.
Ihr Ehemann hatte aber von ihrer Zusammenarbeit mit dem Staatssicherheitsdienst keine Ahnung. Er kam sogar gut mit den gesellschaftlichen Verhältnissen in der DDR zurecht und wollte in die Staatspartei eintreten. Er zeigte eine allgemein ablehnende Haltung gegenüber der Institution Kirche und deren Aktionen. Daraus ergaben sich immer wieder heftige Auseinandersetzungen. Er ging davon aus, dass seine Frau zeitweise irregeleitet sei und bei entsprechendem Druck und laufender Beeinflussung zurückgewonnen werden könnte, zurück zur positiven Betrachtung der Verhältnisse des real existierenden Sozialismus in der DDR. Der Staatssicherheitdienst schätzte ein, dass der Ehemann die konspirative Tätigkeit seiner Frau behinderte und dass diese Ehe eine wesentliche Gefährdung für die operative Perspektive ihrer Inoffiziellen Mitarbeiterin mit sich brächte.
Im Jahr 1985 spitzte sich die Situation zu. Neben den Gefährdungen der ‚operativen Arbeit’ aus der Sicht des MfS ergab sich aus der angespannten familiären Situation eine hohe psychische Belastung für Agnes. Die Konflikte schlugen sich auf alle Bereiche ihres Tätigseins und ihres Lebens nieder. Dennoch stand sie fest zum MfS, wollte das Theologiestudium erfolgreich abschließen und ihre Ehe nicht lösen. Der Staatssicherheitsdienst registrierte, dass die Erfüllung der komplizierten kurz- und langfristigen operativen Aufgaben erschwert und kaum reibungslos bewältigt werden könnten. Das MfS sah es als notwendig an, den Ehemann in die konspirative Tätigkeit einzubeziehen.
Im Jahr 1986 analysierte das MfS die Situation, um die weitere Perspektive für ihre Inoffizielle Mitarbeiterin zu klären. Die objektiven Möglichkeiten und die subjektiven Voraussetzungen für die Aufnahme eines Forschungsstudiums schienen nicht gegeben. Die Aufnahme einer Lehrtätigkeit in der Sektion Theologie der Universität in R. und die Planung bis hin zur Promotion, man hatte ein Forschungsstudium im Bereich Praktische Theologie angedacht, wurden hinfällig.
Agnes schloss 1988 das Studium als Diplom-Theologin mit dem Prädikat Gut ab. In ihrer Abschlussbeurteilung stand, dass sie durch ihr persönliches Engagement und mit viel Fleiß ein gutes Verhältnis zu ihrem Berufsziel entwickelt und ihre Studienleistungen zunehmend gesteigert habe. Ihr besonderes Anliegen sei das Verhältnis der Kirche zu den Nichtchristen geworden.
Mit entsprechender Federführung des Ministeriums für Staatssicherheit wurde für Agnes ein beruflicher Einstieg in die Evangelische Landeskirche gefunden. Das Ministerium erhöhte das verdeckte monatliche Zusatzgehalt für Spitzeldienste auf 500 Mark. Das war verglichen mit dem Gehalt eines Facharbeiters oder eines Hochschulabsolventen, das zwischen 600 und 700 Mark lag, ein zweites Durchschnittsgehalt.
Die junge Frau konnte allem Anschein nach zu Menschen, mit denen sie über die Kirche beruflich und menschlich verbunden war, ein Vertrauensverhältnis aufbauen und diese dennoch unter die „Feindbilder“ des MfS ordnen. Sie hatte vermutlich keinerlei Skrupel, die inoffiziellen Aufgaben in der Landeskirche zur höchsten Zufriedenheit des MfS zu erledigen, denn sie erhielt schon nach einem Jahr die Verdienstmedaille der nationalen Volksarmee in Silber. Das war am 7. Oktober 1989, dem 40. und letzten Tag der Republik vor der Friedlichen Revolution in der DDR. In der Summe erhielt Agnes F. für ihre Spitzeldienste vom 15.12.1981 bis 17.11.1989 finanzielle Zuwendungen in Höhe von 29.049,57 M.
Unter dem Dach der evangelischen Kirche hatte sich 1989 der Aufbruch für ein Land mit mehr Demokratie und Offenheit formiert. Der politische Druck auf die Staatsführung wuchs mit jedem Tag. Die Staatspartei war am Ende. Die Ereignisse überschlugen sich. Die Bürger stürmten die Gebäude des Staatssicherheitdienstes, die Staatsführung der DDR ließ ihre deutsch-deutsche Mauer öffnen. Das erste frei gewählte Parlament der DDR beschloss 1990 den Beitritt der DDR an die Bundesrepublik Deutschland.
Das Ministerium für Staatssicherheit wurde abgewickelt, Agnes F. als Inoffizielle Mitarbeiterin enttarnt und aus dem kirchlichen Dienst entlassen.
Quellen:
1: BStU Akte I, II und III/ 284 / 81, *Namen wurden geändert
2: „Zehn Gebote des neuen sozialistischen Menschen“, Einlage/Bestandteil der Gelöbnis-Urkunde zur Jugendweihe/ Anlehnung an „Zehn Gebote der sozialistischen Moral und Ethik“, Walter Ulbricht, Generalsekretär der SED, V. Parteitag des SED 1958
Viola Kühn
Geb. 1954 in Seebad Ahlbeck a. Usedom (DDR, heute BRD), Maschinenbaustudium, Dipl.-Ingenieurin, verschiedene Tätigkeiten als Konstrukteurin und Projektingenieurin, später für eineinhalb Jahre Regie- und Produktionsassistentin an einem Puppentheater, soziologische Zusatzausbildungen, seit 1990 tätig im Landesjugendamtsamt Mecklenburg-Vorpommern, Ausbildung für den gehobenen Verwaltungsdienst, schreibt seit 1985 Lyrik, Kurzgeschichten, Dokumentationen; Fernkurse für Kreatives Schreiben, Journalismus, Kinder- und Jugendliteratur.
etcetera 43/ Feindbilder. Zwischen Barrikaden und Blockaden/ März 2011