44/ Essay: Zombie Nation. Thomas Fröhlich

Zombie Nation
oder:
Warum die lebenden Toten die besseren Menschen sind.

Thomas Fröhlich

„Wenn in der Hölle kein Platz mehr ist,kommen die Toten auf die Erde zurück.“
(Aus: Dawn of the Dead, 1978)

Ich geb’s zu: Ich weiß es nicht. Nämlich warum sich die diversen Untoten in Film und Literatur derzeit einer so großen Beliebtheit erfreuen. Als ob wir nicht genug hausgemachte Probleme hätten, mit denen wir uns und diesen Planeten systematisch zugrunde richten. Und an real existierenden Feinden, zumindest Feindbildern, mangelt es ja auch nicht.

Und dennoch: Zombies, diese zerlumpten Gestalten von „drüben“, sind aber – wieder einmal – die Sache schlechthin. Wahrscheinlich gibt’s jede Menge Soziologen, Pädagogen, Politiker, die das alles genau wissen, warum, wieso, weshalb, wofür, und uns bis ins kleinste modrige Detail erklären können. Und das auch ständig tun. Aber mit Welterklärungsmodellen verhält es sich derzeit wie mit dem Wetter:

Das Fähnchen dreht sich mit dem Wind – gestern noch der gutmenschelnde und -bezahlte Multikulti-Apologet, heute die leitkulturumflorte Meinungshoheit am Hofe einträglichen Bestsellertums.

Hat da jemand „Sarrazin“ gerufen?
Muss wohl ein Irrtum gewesen sein.
Doch lassen Sie mich ein paar Vermutungen anstellen …

Wohlan!
Wäre man gemein (was wir natürlich nicht sind), könnte man zu folgendem Schluss gelangen: Das Projekt Menschheit ist gescheitert. Seitdem wir uns aus dem Staub der Evolution erhoben haben und von unseren äffischen Vorfahren zu emanzipieren trachten, geht doch nahezu alles – in nicht enden wollendem Geplapper – den Bach runter. Trotz einzelner Bemühungen wie Aufklärung, Faust II oder meinetwegen der Simpsons scheint das Gros der mehr oder weniger aufrecht gehenden Zeitgenossen offenbar sein Heil lieber in Dschungelcamps oder Ballermann-Fun-Containern zu suchen. Dort dürfen dann Berufsblondinen, denen Paris Hilton zu intellektuell erscheint, oder mental unvermittelbare Alt-68er wie Rainer Langhans ihre Zwergen-Schatten werfen und Menschliches, allzu Menschliches vor sich hin lallen. Und alle, alle schauen zu. Und plappern mit.

Und das ist ja noch der – angeblich – zivilisierte Teil.

Der Rest etwa definiert Gottgefälligkeit neu und ist stolz darauf, im Namen von Mammon, Mohammed oder der heiligen Mutter Gottes allem und jedem den Schädel einzuschlagen (oder – wie im Falle einiger wild gewordener Wehrsportchristen – Kunstwerke auf der Ausstellungsbrücke zu beschädigen, weil diese angeblich „religiöse Gefühle“ verletzten). Dazu werden auch noch endlos lange Erklärungen abgegeben, warum das alles – verdammt noch einmal – dringend notwendig gewesen wäre.

Da bloggt‘s, twittert‘s, facebookt‘s und myspacet es, dass es eine Freude ist. Denn schließlich darf auch nichts Intimes mehr ungestraft im Orkus des Privaten herumlungern, wenn man doch der ganzen Welt erzählen kann, wie das Date vom Vortag ausgegangen ist oder der Nasenrammel am Morgen danach beschaffen war. Mit Fotobeweis. Und den paar übrig gebliebenen unbelehrbaren Offlinern sagt man‘s dann in U-Bahn, Bus, Zug, in Theater, Kino oder im Konzertsaal noch per Handy rein, was diese vielleicht nie wissen wollten und u.U.i.E. einen ziemlichen Dreck interessiert.

„Erst wenn jedes Arschloch auf dieser Welt jedem Arschloch auf dieser Welt sein Arschloch gezeigt hat, werden alle zufrieden sein,“ meint der Autor und Kolumnist Marcus Stöger recht treffend.

Ein ohrenbetäubendes weißes Rauschen, ein leider nicht nur virtueller verbaler und visueller Brechdurchfall urbi et orbi ist die Folge: Wer nichts zu sagen hat, tut das lautstark auf allen Kanälen – und für besonders widerwärtiges Verhalten kriegt man einen Handschlag von Dieter Bohlen.
Würde, speziell menschliche, existiert nur noch als Konjunktiv.
Und wer braucht schon Geschichtsbücher, wenn er Gesichtsbücher haben kann (okay, der war aufgelegt!).
Da lob‘ ich mir doch die Zombies. Gut, sie riechen streng (aber fahren Sie einmal im Sommer mit den ÖBB oder besuchen das St. Pöltner Freibad); sie grunzen sinnfrei vor sich hin oder sagen gar nichts (aber gegen „Oida hassuproblem Oida!“ erscheint manches geradezu literaturnobelpreisverdächtig – zudem spucken sie auch nicht überall hin); sie starren uns mit leeren, glasigen Augen an (ein Lercherlschas gegen das „Saturday Night Fever“ der Vorortegigolos) und sie kriegen den Schlund nicht voll (ähem, kein Kommentar!). Doch sie sind auf ihre Weise ehrlich , machen uns nichts vor und fungieren in der Zwischenzeit durchaus als Sympathieträger für jene, die die Hoffnung auf bessere Zeiten schon längst aufgegeben haben.

Angefangen hat die Zombiemania – wie so vieles – ja im 68er-Jahr. In Paris prügelten sich damals linke Studenten aus der Mittelschicht mit der Polizei, in Deutschland gründete man versiffte Kommunen mit oder ohne Uschi Obermeier, dafür mit, erraten, Rainer Langhans; in Österreich erlebte die lokale Weltrevolution im urin-, scheiße- und spermagetränkten Uni-Happening „Kunst und Revolution“ ihre spannende Viertelstunde; in den USA war die psychedelisch angetriebene Hippiebewegung ein Jahr zuvor schon, in Haight Ashbury, von den Protagonisten der ersten Stunde zu Grabe getragen worden; und in Vietnam erlebte der heroische Kampf gegen „unamerikanische Umtriebe“ einen Höhepunkt.
Zu dieser Zeit wurde er auch in den provinziellen Autokinos das erste Mal gezeigt: „The Night of the Living Dead“. Die Nacht der lebenden Toten.
Und nachher war tatsächlich vieles anders.

Die Erfolgsgeschichte dessen, was man heute unter „Zombiefilm“ versteht, begann in diesem mythenumwobenen Jahr 1968 – Untote, die in ein filmisches Universum hineinplatzten, das zum damaligen Zeitpunkt mit der es umgebenden Welt nicht mehr sehr viel zu tun hatte und einer längst nicht mehr funktionierenden Traumfabrik nachtrauerte. Untote, die auch in unseren Tagen lebendiger sind als je zuvor und – im Gegensatz zu den meisten Alt-68ern – sich beim langen Marsch durch die Institutionen nicht von diesen vereinnahmen ließen, sondern ihrer Mission treu blieben: töten, fressen und keine Gefangenen machen. Und absolut untherapierbar bleiben. Im Film formieren die lebenden Toten sich, um die tatsächlich Lebenden zu fressen. Ein einziger Biss reicht, um selbst zum Zombie zu werden.

Warum sie das tun, ja, warum sie überhaupt als Untote wieder gekommen sind, bleibt ein Rätsel. Doch letztendlich ist es gleichgültig. Keine Strafe eines rächenden Gottes, keine theologisch oder gar esoterisch verbrämten Botschaften, die uns etwa ein religiös motivierter Filmemacher um die Ohren hauen will: Der 1939 geborene Regisseur George A. Romero gewährt uns keine Erklärungen, weder in seiner „Nacht der lebenden Toten“, noch in seinen weiteren, mittlerweile auf die Zahl 5 angewachsenen Zombiefilmen. Er zeigt nur das letzte Mittel, das die (noch) Überlebenden unter Umständen besitzen: „Du musst sie in den Kopf schießen!“ Dies stellt (neben der vollständigen Zerstörung des Zombie-Körpers durch Feuer) die einzige Möglichkeit dar, sie, die Verstorbenen, endgültig zu töten. Und ist letztendlich die Chance, sich selbst dieser grotesken Wiedergeburt, die keine ist, zu entziehen: der Selbstmord beziehungsweise die Sterbehilfe durch andere mittels eines gezielten Kopfschusses! Keine Erlösung und auf gar keinen Fall eine wie auch immer geartete Auferstehung harren der Protagonisten, ja der gesamten Menschheit: Ein nachhaltiger Tod bleibt die einzige Hoffnung.
„Sie sind wir, mehr nicht!“ meint einer der Überlebenden in Romeros Jahre später produzierter, apokalyptischer Fortsetzung „Dawn of the Dead“ (dt. Zombie, 1978) auf die Frage, wer oder was diese „Dinger“ wären. Sie sind wir. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

Zugegeben: Die ersten Film-Zombies erblickten 1932 in Victor Halperins „White Zombie“ das fahle Licht der Zelluloidwelt, mit Bela Lugosi in der sinistren Hauptrolle eines klassischen mad scientist. Rund zehn Jahre später, nämlich 1943, folgte Jacques Tourneurs schwüles „I Walked with a Zombie“. Doch in beiden Filmen haben wir es mit dem traditionellen Voodoo-Zombie zu tun: also mit jemandem, der – mittels geheimnisvoller Tinkturen – von einem Voodoo-Priester in einen Zustand des Scheintodes versetzt wird, um – nach seiner Wiedererweckung – seines Denkens und bewussten Handelns beraubt einer weiteren Person (dem Auftraggeber der schändlichen Tat), gleichsam als lebender Toter, zu Willen zu sein. Geht all dies auf tatsächlich vorhandene, vor allem auf Haiti lokalisierbare Legenden und Berichte zurück, so entspringen die Romero-Zombies keiner wie auch immer gearteten Überlieferung. Der moderne Zombie hingegen braucht keine Begründung mehr (und schon gar keine religiös ummantelte), um zurückzukehren und uns das Leben schwer zu machen oder gleich radikal zu verkürzen. Romeros Zombies hatten eingeschlagen – und zwar nachhaltig. Und es dauerte nicht lange, bis die ersten Nachfolger auf den Plan traten. Vor allem im Italien und Spanien der 70er und 80er Jahre kann man von einem regelrechten Zombie-Boom sprechen.

Sogar in Österreich gab’s Zombies: Allerdings hießen sie in unseren Landen „Zappadoings“ und hatten ihren ersten und einzigen Auftritt in Carl Andersens Underground-Trash-Porno-Horror-Eintrag „I was a Teenage Zappadoing“ Anfang der Neunziger. Der Unterschied zum handelsüblichen Zombie lag in der schlichten Tatsache, dass Zappadoings nicht nur gefräßig, sondern auch dauergeil waren, was die Handlung wesentlich bereicherte.

Im Vorwort der österreichischen Zombie-Anthologie „Das Buch der lebenden Toten“, erschienen 2010 im EVOLVERVerlag, schreiben die beiden Herausgeber, Peter Hiess und der Verfasser dieser Zeilen, unter anderem Folgendes:
Die ganze Welt scheint sie zu wollen, die verwesenden Wiedergänger – wenigstens, wenn man nach dem aktuellen Trend der Popkultur geht. Zombies machen sich in Computerspielen ebenso breit wie im Kino oder auf DVD, sie infizieren mit ihren Bissen auch den Jane-Austen-Roman „Stolz und Vorurteil“ und fressen sich mittlerweile als „Walking Dead“ sogar durchs Fernsehprogramm. Sie sind überall, verbreiten sich selbst über die kleinste Ansteckung und scheinen unser kollektives Bewusstsein auf ihre langsame, unerbittliche und beschränkte Art erobert zu haben.
Zombies […] sind berechenbar, weil sie immer nur das eine wollen. Sie geben uns keine Rätsel auf, außer vielleicht, wie wir uns noch eine Nacht vor ihnen verschanzen können. Und sie eignen sich zwar nicht unbedingt als romantische Helden, weil ihre Attraktivität mit zunehmendem Fäulnisgrad und steigender Gier nach Menschenfleisch rapide schwindet […]; aber als Gleichnis für den bedauernswerten Zustand unserer ach-so-fortschrittlichen Zivilisation haben sie noch lange nicht ausgedient.
Die wahrlich unsterblichen Zombies sind die Lieblingsmonster des beginnenden 21. Jahrhunderts, weil sie unseren globalistischen Größenwahn auf ganz simple, eindeutige Grundlagen herunterbrechen: Wir alle müssen einmal sterben – und wenn wir Pech haben, irren wir auch danach noch hilflos durch die Einkaufszentren und Vorortstraßen, immer auf der Suche nach dem nächsten Fix, dem nächsten Lebewesen, das wir konsumieren können. Gegen diese Vorstellung verblassen sämtliche Finanzkrisen, Polit-Kasperleien und Gender-Diskussionen.

Und möglicherweise hüten sie ja auch eins der letzten Geheimnisse, die noch verblieben sind. Denn sie waren ja – wenn auch nur für kurze Zeit – tot. Und vielleicht ist es dieses Wissen, das sie sprachlos macht. Den Tod kann man nämlich nicht zuplappern, -twittern, -bloggen oder smsen.
Der pfeift uns was – da können wir noch so viele Wellness-Gurus, jungfräuliche huri oder Marteln (was für ein Wort) an seinen Grenzen postieren. Dem Sensenmann da „drüben“ ist das wurscht.
Wenn wir also gemein wären (was wir, wie gesagt, nicht sind), könnte man abschließend behaupten: Wir selbst haben sie gerufen. Jetzt sind sie eben da.
Und eigentlich haben wir ’s gar nicht anders verdient.
Genug geredet.

Thomas Fröhlich
Geb. 1963 in Wien; lebt seit 2002 in St. Pölten. Redakteur des Webmagazins evolver; Bibliothekar; Veranstalter, von Events; Verfasser von Rezensionen und Essays zu den Themenbereichen Literatur/Film/Popkultur; als „DJ Bleuchamp“ Gelegenheits-DJ für Soundtracks zu imaginären Filmen. Schreibt seit 2002 Belletristik. Veröffentlichungen in: etcetera, Podium, OstraGehege, Keine Delikatessen, & Radieschen, Pandaimonion, Rokko`s Adventures. Zahlreiche Lesungen und literarische Performances. Bis 2008 Redakteur und Obmannstellvertr. der LitGes St. P., Förderpreises für Kunst und Wissenschaft (Literatur) der Stadt St. Pölten 2008.

etcetera 44/ drüben/ Juni 2011