48/Traum/ Essay: Verbotene Träume. Peter Kaiser
Peter Kaiser
Verbotene Träume
Annäherungen an ein Phänomen
Die chaotische Anordnung dieser Annäherungen ist einerseits dem Traumerleben geschuldet und andererseits weist sie auf die Hilflosigkeit hin, einem Gespenst habhaft werden zu können.
Denn um dem Denken eine Grenze zu ziehen, müßten wir beide Seiten dieser Grenze denken können (wir müßten also denken können, was sich nicht denken läßt). Die Grenze wird also nur in der Sprache gezogen werden können und was jenseits der Grenze liegt, wird einfach Unsinn sein. Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus, Aus dem Vorwort.
Sprechen wir von Träumen und vom Träumen, operieren wir mit möglichst exakten Begriffen an einem Phänomen, welches sich vor allem in chaotischen Bildern und Emotionen zeigt. Wir wollen etwas verstehen, das sich nicht um die Logik und Linearität unseres Denkvermögens schert. Unsere Vernunft steht einer Artikulation unseres Selbst gegenüber, die sich einer urzeitlichen Sprache zu bedienen scheint. Tun wir einen neugierigen Blick in unsere Traumwelt, so sehen wir einerseits einem urzeitlichen Informationsverarbeitungsprozess zu, welcher bei Mensch und Tier gleich abzulaufen scheint. Anderseits finden wir uns in der Wunderwelt unseres Erlebten wieder, die wiederum einer eigenen Traumlogik gehorcht. Die Traumdeutung ist der Versuch, diese chaotische Sprache für uns im Wachzustand zu entschlüsseln. Die Trennung von Wach- und Traumzustand ist vielleicht mit der Dichotomie Bewusstsein/Unterbewusstsein oder Geist/Körper zu vergleichen. Im Hinübergleiten vom Wach- in den Schlafzustand zeigen sich traumähnliche Phänomene, die sogenannten hypnagogischen Halluzinationen, welche die Grenzen zwischen den jeweiligen Seinszuständen aufweichen. Wie unsere Triebe und gewisse Körperfunktionen scheint uns unsere Traumfähigkeit an etwas zu erinnern, das uns zivilisierte Menschen peinlich zu berühren scheint: Die Konfrontation mit unserem Herkommen evolutionär gattungs- und individuell entwicklungsgeschichtlich. Der Traum ist ein sprudelnder Schmelztiegel, welcher von unseren Sinneseindrücken, Nervenreizungen, von tatsächlich Erlebtem in unmittelbarer oder ferner Vergangenheit ebenso gespeist wird, wie von emotionalen und triebhaften Sensationen. Die Wissenschaft ab dem 2. Weltkrieg sieht den Traum vorwiegend als Verarbeitungsmechanismus, welcher eine Abgleichung der Einträge des Kurzzeit- mit denen des Langzeitgedächtnisses vollführt. Im Traum erlebte Konflikte treten dort auf, wo eine Unmöglichkeit der Überlagerung oder Abgleichung entsteht. Das durch inhaltliche Ähnlichkeiten herangezogene Gegenstück ist nicht kompatibel. Die von Freud erkannte Verdichtung im Traum, die dieser auf einen angstlindernden Verschleierungsprozess zurück führte, welcher vielleicht das eigentlich psychedelische des Traums für uns ausmacht, wird von der Wissenschaft auf die Verarbeitungsgeschwindigkeit der Informationen zurückgeführt, welcher unser Bewusstsein nicht folgen kann. Wir sehen sozusagen die aktuellen Erinnerungen sowie die im Langzeitgedächtnis unsichtbar gelagerten von zwei Seiten auf eine Leinwand projiziert und dies in einer Geschwindigkeit, die uns gleichsam nur short cuts zum Wahrnehmen gewährt. Sigmund Freud stellte interessanter Weise eine Analogie zu den übereinandergelegte Familienfotos von Francis Galton her, der damit das gemeinsame der Familienmitglieder zum Vorschein bringen wollte. (Laut Freud wird zum Beispiel der Vater mit dem Direktor abgeglichen, aber eigentlich geht es um unser Problem im Umgang mit Autorität.) Die neuere Traumforschung sieht den Traum vor allem als Problemlöser, der uns hilft die konflikthaltigen Erfahrungen des Tagesgeschehens gewissermaßen zu verdauen. In der Psychoanalyse hingegen kann die Lösung des im Traum aufgezeigten Problems erst in der analytischen Bearbeitung erfolgen. Begriffe aus der psychoanalytischen Traumdeutung: Manifester und latenter Trauminhalt, Traumarbeit (Verdichtung, Verschiebung, Symbolisierung), rezenter Tagesrest, Wunscherfüllung, Triebimpuls, Bearbeitung, Trauma, unsterbliche Kinderwünsche, Traumzensor usw.
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Sigmund Freud bezeichnete den Traum als Königsweg zu unserem Unterbewusstsein. Ist unser Bedürfnis nach rauschähnlichen Zuständen nicht ein Versuch im (halb-) wachem Bewusstsein mit unserem lustorientierten Triebleben in Kontakt zu treten und dessen Wunsch nach Erfüllung zu realisieren? Erspüren wir nicht in diesen Regionen die Wurzeln unserer Kreativität und Lebendigkeit? Unser Bewusstsein scheint uns manchmal im Weg zu stehen, um zu den Ursprüngen unserer Vitalität und Wesenheit vorzudringen. Rausch- und Traumzustände scheinen uns eine vermisste Ganzheit zu erzeugen. Sie sind der Rückzug des Individuums aus der Zivilisation in eine archaische und erregende Vergangenheit.
Heute Nacht habe ich geträumt, ich sei ein Schmetterling. Woher weiß ich, ob ich ein Mensch bin, der glaubt, geträumt zu haben, ein Schmetterling zu sein, oder ob ich ein Schmetterling bin, der jetzt träumt ein Mensch zu sein? Dieser schwer widerlegbare Gedanke stammt vom altchinesischen Dichter-Philosophen Tschuang-Tse. Im babylonischen Talmud, in der Bibel und dort vor allem in den Joseph-Geschichten, bei Platon und Aristoteles ist von den Träumen und ihrer Bedeutung die Rede und sie werden durchaus ernst genommen. Das althochdeutsche Substantiv troum gehört der Wortgruppe um trügen an und lässt so den Traum zum Trugbild werden. Später laufen die irrationalen Traumelemente der Aufklärung und ihrer Vernunft zuwider. Erst mit dem Ende der Romantik scheint das Interesse am Traumleben wieder zu erwachen und nach einigen psychologischen Vorarbeiten erscheint 1900 (genauer im November 1899) Sigmund Freuds Traumdeutung. Ein Werk, das Zweifel an seinen Thesen zulässt, die an seiner Wirkungsmächtigkeit nicht. Die kognitive und empirische Traumforschung setzt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein und stellt mit ihren wissenschaftlichen Erkenntnissen ein Gegengewicht zur psychologischen Traumforschung her. Analog zum Traumprozess wird auch die Überlagerung von psychologischem und neurobiologischen Wissen einige konfliktreiche Unlust bereiten und auf Klärung warten lassen.
Egal wie man über Freuds Gedankenkonstruktionen denken mag, widerlegen wird man sie in seinen Worten und Denkschemata denen diese entsprungen sind. Freud ist es gelungen dem Menschen ein Denkmodell seines inneren Wesens anzubieten, nach welchem man offensichtlich verlangt hat. Das ist faszinierend, sagt aber nichts über den Wahrheitsgehalt des Modells aus. Die Werkzeuge aber, um über uns in neuer Form nachdenken zu können, hat Sigmund Freud uns jedenfalls in die Hand gegeben.
Der Traum ist schamlos. Er lässt uns Dinge tun und erleben, welche Scham oder Schuldgefühle auslösen, wenn wir nur über sie phantasieren. Der Trieb dahinter verschwindet aber nicht durch die Scham. Andererseits hindern wir uns im Traum oft selbst, unsere Aggression oder Lust zu leben, wir ziehen gleichsam die Zügel an, unser Revolver bekommt Ladehemmung, unendlich verlangsamte Bewegungen hindern uns am Handeln. Ebenso stark wie tatsächlich Gelebtes, scheint uns unsere ethische Einstellung und damit unsere Erziehung und unser Sittenkodex in die Traumwelt zu begleiten. Würde ein von gesellschaftlichen Zwängen weitest möglich befreiter Mensch im Traum alle lusthemmenden Elemente ablegen? Der verborgene Wunsch könnte endlich seine realisierte Entsprechung erfahren. In beiden Welten. Der Traumzensor wäre abgeschafft. Wie würde dieser Mensch agieren?
Jonathan Winson bezeichnet 1990 das Träumen als überlebensnotwendige Erinnerungsverarbeitung, welche der Mensch von sogenannten niederen Arten ererbt hat und mit dessen Hilfe Informationen im REM-Schlaf weiterverarbeitet werden. Das Lösen von emotionalen und konflikthaften Situationen, welche der Träumende tagsüber erlebt hat geschieht mittels episodischer und semantischer Gedächtnisinhalte, die wiederum mit autobiografischem Gedächtnismaterial abgeglichen werden. Träume (Abgleichungsprozesse) welche erfolgreich verlaufen (problemlösend sind), lassen den Träumer nicht erwachen. Verläuft der Prozess nicht erfolgreich, wird dieser durch Angst und mit Gefühlen der Unlust erwachen.
Das Bertelsmann Lexikon von 1992 beschreibt die Träume als seelische Abläufe während des Schlafs und nimmt dann Inhalte von Plato und Freud, sowie wissenschaftliche Erkenntnisse zum Erklärungsversuch. Interessant dabei ist der völlig unwissenschaftliche Begriff der seelischen Abläufe. Wird hier der Traum sozusagen als Sprachorgan der Seele impliziert und damit deren Sitz an der Schnittstelle zwischen Bewußtem und Unbewußtem? Mag der unermüdliche Seelensucher diese Spur dankbar aufnehmen. Ein anderer mag die Suche beendet haben und die Seele als die untrennbare Ganzheit der körperlichen und geistigen Zustände oder Phänomene eines Individuums und damit als Ich-Bewusstsein definieren.
1953 entdecken Aserinsky und Kleitman das Phänomen der REM-Phasen (REM = rapid eye movement), in welchen die Traumintensität am stärksten ist. Obwohl auch im Non-REM-Schlaf Traumzustände stattfinden, so scheinen diese näher unter der Bewusstseinsoberfläche zu liegen. Verschiedene Wissenschaftler deuten Träume als Nebenerscheinungen der Neuronenfeuerwerke die auf rein physiologischer Basis während des Schlafs ablaufen. Der Traum wird zum Abfallprodukt organischer Lernprozesse. Crick und Mitchison entwickelten eine Hypothese nach welcher im REM-Schlaf unnötig im Kurzzeitgedächtnis gespeichertes Wissen gelöscht wird. Einer weiteren Theorie von Jonathan Winson zufolge findet in der REM-Phase ein Informationsverarbeitungsprozess statt, der Säugetieren erlaubt, ohne ihr Gehirn vergrößern zu müssen, eine immer größere Gehirnleistung möglich macht. Dieser Prozess wurde evolutionär vom Menschen übernommen, wofür der vorwiegend visuelle Charakter unseres Traumerlebens spricht. Alle Theorien, welche dem Trauminhalt keinerlei Bedeutung beimessen, wurden später abgemildert oder korrigiert.
Der selbstpsychologisch orientierte Harry Fiss hat in einer REM-Deprivationsstudie gezeigt, dass die wiederholte Verhinderung der traumintensiven REM-Phasen zu einer Stärkung der Triebanteile des Selbst führen (Heißhunger, Aggressivität, Sexualisierung, usw.). Daraus lässt sich schließen, dass die intensive Traumtätigkeit, welche übrigens alle Menschen haben, auch jene, welche sich nicht an Träume erinnern können, einer Trieb- und Stressregulierung dient. Stanley Palombo wies wiederholt auf die Bedeutung der Tagesreste, das heißt der kürzlich real erlebten Trauminhalte hin. Während für Sigmund Freud der latente Trauminhalt (also der kindliche Trieb oder Wunsch) im Zentrum des Interesses stand, wird in der neueren Forschung diesen Tagesresten immer mehr Bedeutung beigemessen.
Eine bedeutsame Frage für die Psychoanalyse betrifft den manifesten Traum, also sozusagen seine Nacherzählung. Dass es sich um eine Nacherzählung oder Nacherfindung handelt, wird klar, vergegenwärtigt man sich die Unmöglichkeit die vielschichtigen und chaotischen Traumbilder und -gefühle in eine narrativ-adäquate Form zu bringen. Was wird erzählt, wem erzählt man es (Traumdiagnostik), was wird verschwiegen oder schamhaft unterdrückt? Der Weg des Traums vom Tagesrest und seiner vorhandenen langzeitlichen Entsprechung und damit dem tatsächlichen Traumgeschehen, seiner Erinnerung nach dem Erwachen, bis zu seiner erzählenden Wiedergabe ist ein weiter und verschlungener.
Warum erinnern sich manche Menschen fast nie an ihre Träume? Der Wunsch zur Traumerinnerung, die bewusste Beschäftigung mit dieser, sowie der kulturelle Kontext (und damit die Wertigkeit der Träume) scheinen die Fähigkeit, seine Träume in den Wachzustand zu retten, zu beeinflussen. Ein im Menschen vorhandenes Bedürfnis seine Vergangenheit mit der Zukunft zu einem sinnvollen Ganzen zu verbinden, wird wirksam, wenn wir über unsere Träume nachdenken. Es fällt uns schwer, etwas an uns zu akzeptieren, welches sich offensichtlich diesem Bedürfnis nach Kontinuität und sinnstiftenden Zusammenhang entzieht. Dieses Bedürfnis zeigt sich auch in Hinblick auf die Traumdeutung. Unser Selbst basiert auf der Konstruktion eines Ich-Gefühls, welches notwendig in der Gegenwart existenzfähig und zwischen Vergangenheit und Zukunft eingespannt ist. Wenn man nun die das Selbst stabilisierenden Komponenten des Träumens als gegeben annimmt, könnte man sagen, dass unser Deutungswunsch einem Wunsch nach der verbesserten Einheitlichkeit dieses Ich-Gefühls gleichkommt. Heinz Kohut und Ursula Grunert haben unabhängig von einander auf diese das Selbst stärkende Funktion der Träume hingewiesen, welche sich vor allem bei Menschen mit einem in der Kindheit geschädigten Selbstwertgefühl oder mit narzisstischen Träumen durch intensives Traumerleben bemerkbar macht. Kürzest mögliche Einführung in die Freudsche Traumdeutung: Man verschafft sich die Kenntnis derselben, indem man den manifesten (erinnerten) Trauminhalt ohne Rücksicht auf seinen etwaigen scheinbaren Sinn in seine Bestandteile zerlegt und dann die Assoziationsfäden verfolgt, die von jedem der nun isolierten Elemente ausgehen. Diese verflechten sich miteinander und leiten endlich zu einem Gefüge von Gedanken, welche nicht nur völlig korrekt sind, sondern auch leicht in den uns bekannten Zusammenhang unserer seelischen Vorgänge eingereiht werden. Sigmund Freud, Traumdeutung, S. 182 f.
Peter Kaiser
Geb. 1968. Gelernter Buchhändler und Neugierologe. Vorstandsmitglied, Redakteur und Rezensent der LitGes, Organisator und Mitinitiator von Kunst-, Musik- und Literaturprojekten. Lebt in St. Pölten und ist selbstständig tätig.
LitGes, etcetera Nr. 48/ Traum/ Mai 2012