54/blind/Interview: Gisella Linschinger im Gespräch mit Michael Stavarič

Gisella Linschinger im Gespräch mit
Michael Stavarič

Has the whole world gone mad? Or have I?

Der Chamisso-Preisträger über die Industrialisierung des Tötens, den Verlust der Vergangenheit und sein neues Buch. Ein Interview von Gisella Linschinger.

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© Foto: Claudia Schumann

Auf dem Titelfoto von „Königreich der Schatten“ spritzt dir aus dem aufgeschlagenen Buch Blut entgegen. Wie hat sich das angefühlt?
Die Visualität spielt in diesem Buch eine große Rolle, ich hab mich viel mit Bildern und Bildwelten beschäftigt. In diesem Sinne war sehr bald klar, dass das Cover diesmal eine starke (visuelle) Botschaft tragen muss. Fleisch und Blut sind eine starke Botschaft … aber mir gefiel auch die Tatsache, dass hier das Cover in vielerlei Richtungen gedeutet werden kann. Etwa: Lesen verändert dein Leben! Oder: Menschen, die lesen, werden von Systemen liquidiert. Und mal davon abgesehen, es geht in diesem Buch um ein blutiges Handwerk.

Ich schätze an deinen Romanen den unmerklichen Wechsel von Realismus zu Surrealismus. Als Leserin wäge ich mich zuerst in der vermeintlichen Sicherheit des mir bekannten Referenzrahmens, doch dann schleichen sich Elemente ein, die die Alltagswelt verzerren und mich verunsichern. Ich lese zum Beispiel das Programm der Fleischereifachmesse, das die Komik von Konferenzbeiträgen gekonnt imitiert. Danach schildert Rosi Schmieg ohne mit der Wimper zu zucken Bestialitäten, bei denen ich mich frage, ob ich sie glauben soll oder nicht, da sie trotz aller Übertreibung in ein gewisses Schema passen: Sensationalismus um jeden Preis.
Ich bewege mich tatsächlich gern an der Grenze zwischen Realität und Fiktion, Realismus und Surrealismus, in diesem Buch wohl auch Ironie und Zynismus. Schließlich wird auch das Schlachten von Tieren und das Handwerk des Metzgers den Gräueln des Zweiten Weltkrieges gegenübergestellt. Wir leben in einer Gesellschaft, die längst pervertiert ist. Immer mehr Menschen (zu viele), wollen immer billigeres Fleisch.
Das 20. Jahrhundert ist geprägt von einer „Industrialisierung des Tötens“, sowohl von Tieren als auch Menschen. Alle wollen immer im Rampenlicht stehen, die Egomanie ist auf dem Vormarsch und mittlerweile ist es sogar amtlich: 1 Prozent der Weltbevölkerung besitzt mehr als 50 Prozent des Weltvermögens (materiell und immateriell). Last but not least ist die Fleischereimesse eine Parabel auf die Buchmesse, selbst das Medium Buch ist längst von Kommerz und „Industrialisierung“ durchdrungen. Junge AutorInnen werden hochgelobt und verschwinden alsdann wieder, alle sehen wie Models aus und das Schreiben verkommt zu einer Spielwiese für Eitelkeiten. Ich sehe mich selbst und dieses Buch als Parodie…

Wenn ich deine Frankreich-Beschreibung lese, bin ich versucht, den Atomfreizeitpark, die Reptilienfarmen und Affenhäuser für eine Ansammlung erfundener Absonderlichkeiten zu halten...
In der Region Poitou-Charentes gibt es tatsächlich derartige Einrichtungen in unmittelbarer Nachbarschaft. Ein Erlebnisbad mit dem passenden Namen „Abysséa“ steht neben dem Atomkraftwerk Civaux und nur ein paar hundert Meter weiter befindet sich ein Krokodilpark. Beide Freizeitattraktionen werden mit Atomstrom versorgt und wurden errichtet, um die Gegend zu beleben. Ich kann mir aber auch gut vorstellen, dass man mit dem warmen Abwasser von Atomanlagen, das ja angeblich absolut unbedenklich und unverstrahlt ist, direkt eine Art Thermalbad betreibt. Wer billigen Strom haben will für immer mehr technische Geräte, der sollte auch in solchem Wasser baden. Der Mensch ist, wenn überhaupt, nur auf die harte Tour (partiell) lernfähig. Die Ausbeutung von Tieren (etwa Kosmetikindustrie)
ist mehr als tragisch, dabei könnte jeder Einzelne mit etwas mehr Sensibilität und Bewusstwerdung vieles verändern. Aber solche Appelle sind ein alter Hut…

Du stellst die Lust am Töten und die Zelebrierung des täglichen Fleisch- und Wurstwarenkonsums zur Schau. Dein Buch wurde als Kritik an der Anbetung des Fleisches gelesen. Kannst du der Liebe deiner Protagonisten zum Metzgerhandwerk auch etwas Positives abgewinnen?
Ich mochte immer Bücher, die vielfach gedeutet werden können; und ich zeichne auch für keine Deutungshoheit verantwortlich, das obliegt jeder Leserin und jedem Leser. Ich mag meine beiden Protagonisten, sie sind Gefangene ihrer Welten und auf der Suche nach einer Lösung für ihre Dilemmata, vielleicht suchen sie sogar nichts anderes als Erlösung? Ich selbst liebe „rückwärtsgewandte“ Dinge, das fängt mit Plattenspielern an und hört mit antiken Gegenständen auf. Das Archaische ist etwas Ursprüngliches, mir Nahes. Ich esse gerne Fleisch, ich mag alte Metzgereien, die noch Respekt vor dem Tier haben, die auch für eine dementsprechende Verarbeitung sorgen (keine Konservierungsmittel, keine Zusätze etc.). Ich mag generell Menschen, die sich eine Haltung bewahrt haben. Ich mag alte Metzgermesser und Fleischwölfe etc. Wir stehen zeitlich an der Kippe, dieses Handwerk ist dabei, für immer zu verschwinden. Und viele alte Metzgereien sind nur noch eine Art „Schauladen“, da diverse Vorschriften das Schlachten von Tieren generell verbieten. Wir leben in einer Gesellschaft (und es ist auch ein politisches Credo), in der Tiere zu Millionen in Fabriken liquidiert werden, nicht ohne – mehr oder weniger – lange Transportwege auf sich nehmen zu müssen. Meine Forderung: Fleisch muss viel teurer werden. Und der Mensch darf nicht ständig seinen unmittelbarsten Lebenssinn darin sehen, weitere Menschen zu produzieren.

Danny Loket und Rosi Schmieg tun das nicht. Seine Irrfahrten stehen im Gegensatz zu ihrem Pragmatismus.
Ja, Dannys gesamte Geschichte entbehrt an sich jeglicher Konkretheit, alles versandet, wird surreal und kafkaesk. Vielleicht träumt er auch die meiste Zeit nur alles, er zeigt ja durchaus Anzeichen einer psychischen Erkrankung. Ich wollte die Geschichte mit zwei unterschiedlichen Tönen ausstatten, insofern ist Rosi ganz anders, bei ihr äußert sich das Surreale in einer anderen Tonart. Wenn man so will (filmisch auf den Punkt gebracht): Lynch vs. Tarantino.

Deine Helden sind junge Menschen, die von der Vergangenheit ihrer Eltern und Großeltern wissen. Ist sich unsere Generation deren Einfluss auf Leben und Einstellungen der Menschen heute bewusst oder sollten wir noch öfter auf den Dachboden klettern?
Oh, ich würde jedem dazu raten, sich mal die Keller und Dachböden vorzunehmen – dort gibt es einiges zu entdecken. Mir scheint auch, wir alle verlieren schnell die Anbindung an unsere unmittelbare Vergangenheit. Wer kann heute sagen, was genau die Großeltern und Urgroßeltern getan haben? Geschweige denn irgendwelche Vorfahren. Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft, auch unsere eigene Vergangenheit wird davon nicht verschont.

Was liegt bei den Stavaričs im Verborgenen?
Leider liegt auch bei mir vieles im Dunkeln, bedingt durch die Zäsur in meinem Leben (Flucht der Eltern aus der Tschechoslowakei). Ich hatte nie Gelegenheit, mich etwas mit meinen Großeltern auszutauschen. Nach und nach trage ich einiges zusammen… aber ich glaube, meine Familiengeschichte interessiert jetzt niemanden. Ansonsten versuche ich, bewusst zu leben, mich zu erkennen und mich für nichts und niemand mehr zu „verbiegen“.

Sollen wir über das Ende des Romans sprechen?
Auf gar keinen Fall. Das Ende ist ein Witz, so wie auch die gesamte Menschheit – unterm Strich – nur ein Witz bleiben wird.

Jetzt mal ohne Schmäh, du lebst und schreibst seit vielen Jahren auf Deutsch. Welche Veränderungen beobachtest du in deinem Sprachgebrauch?
Ich versuche nach wie vor jedes meiner Projekte als einen singulären Akt zu betrachten. Schreibakt. Es geht mir um eine – für mich – neue Handhabe und Adaption der eigenen Sprache, der Sprache an sich und um die Auslotung der damit verbundenen dramaturgischen Möglichkeiten. Ich komponiere Bücher, die formalen Zugänge sind mir wichtig, die inhaltlichen Bezüge bleiben relativ. Ich glaube, mein Schreiben wird an sich ironischer, zudem interessiere ich mich immer mehr für die Verbindung Text – Bild – Ton (Musik).

Ständig auf Achse und in den Medien – Hast du dir mittlerweile ein paar Starallüren zugelegt?
Ich reise tatsächlich sehr viel, mehr als 100 Destinationen im Jahr, das muss man erst aushalten können. Aber ich tue gern, was ich tue, schließlich und endlich ist es mir wichtig, Menschen für meine Literatur zu gewinnen. Und natürlich ist diese abseits des Mainstreams… ich polarisiere, es gibt viele, die mich mögen, und noch mehr, die mich verabscheuen.
Aber es ist wie mit allem im Leben: Man macht ein Angebot. Und alles andere bleibt dem Rezipienten überlassen. Meine größte Allüre (mal abgesehen von der Tatsache, dass ich ein Faible für Mode habe und viel mehr von Stoffen verstehe, als man vielleicht Autoren zugestehen möchte, und auch den Zusammenhang zwischen dem Stoff, den ich am Körper trage und jenem textlichen Stoff, mit dem ich arbeite, herstellen kann...) ist zuletzt nur jene, dass ich Menschen, die mir respektlos begegnen, selbst keinen Respekt mehr zugestehe.

 

Michael Stavarič
Geb. 1972 in Brno, lebt als freier Schriftsteller und Übersetzer in Wien. Er veröffentlichte Gedichte, Essays, Kinderbücher und Romane, u. a. “stillborn” (2006), “Terminifera” (2007) und „Brenntage“ (2011). 2012 erhielt Stavarič den Adelbert-von-Chamisso-Preis. „Königreich der Schatten“ wurde im September 2013 bei C.H. Beck veröffentlicht. Passend zum Roman erscheint 2015 das Kinderbuch “Kotletta”.

Gisela Linschinger
Geb. 1983 in Gmunden/OÖ, ist eine austro-französische Entertainerin a.k.a. Joy Kielawski. Studium der Linguistik und Internationalen Entwicklung in Wien. Absolventin des Lehrgangs “Angewandte Fotografie” an der FH St. Pölten. Arbeitet und tanzt an der Université de Poitiers.

Erschienen im etcetera Nr. 54 / blind / Dezember 2013