62/Angst, Furcht und Schrecken/Interview: Johanna Braun im Gespräch mit Thomas Ballhausen.
Thomas Ballhausen: Johanna Braun, das ist für mich die Künstlerin als Recherchierende, als gleichermaßen leichtfüßige wie reflektierte Kritikerin der Zumutungen des Alltags, das ist aber auch die Kuratorin, die Organisatorin. Deine Zugänge und Techniken sind mannigfaltig, sie erinnern mich an Formen des Aufrufens, der Beschwörung – von Leitlinien, von Diskursen, nicht selten auch von Gespenstern. Gilt es, der vielen schönen Zuschreibungen noch das Moment der Künstlerin als managende Renaissance-Magierin hinzuzufügen? Ist die wohlmeinende Nekromantin das Moment, das Deine Arbeiten und Arbeitsweisen bündelt?
J.B.: Ich bin der festen Überzeugung dass KünstlerInnen als GrenzgängerInnen, als ewig Außenstehende, die Aufgabe haben auch die unangenehmen Botschaften zu überbringen. Damit macht man sich natürlich oft unbeliebt. Mit der Gemachtheit der Dinge wie Du so schön sagst, ist ein Weg gefunden diesen Wissentransfer so angenehm wie möglich für alle Beteiligten zu gestalten oder zumindest erscheinen zu lassen. Wer sich keine Mühe macht sein Wissen genussvoll aufzubereiten darf sich nicht wundern wenn nicht alles geschluckt wird was auf den Tisch kommt.
T.B.: Das oftmals belächelte Horrorgenre und dessen Kontexte nehmen in Deiner Arbeit eine wie ich meine besondere Stellung ein. Du changierst mit den Qualitäten von An- und Abwesenheit, spielst die Fragen über das Unheimliche unter Einbindung von herrschenden Geschlechtermissverhältnissen an. Inwieweit ist die künstlerische und philosophische Auseinandersetzung mit dem Körper, insbesondere der weibliche Körper, für Dich eine Verpflichtung zum feministischen Diskurs? Oder, provokant gefragt, existiert diese als unbedingt gesetzte Parteinahme gar nicht?
J.B.: Ich denke dass sich die Auseinandersetzung mit dem weiblichen Körper, besonders den unheimlichen Dimensionen die dieser annehmen kann, auch über feministische Verpflichtungen hinaus durchsetzten kann. Dabei, das stimmt schon, ist eine fundierte feministische Agenda der Ausgangspunkt dieser abenteuerlichen Exkursionen. Mich interessiert gerade der hysterische Körper, als elektrisierter Demobanner sehr. Auch der sich einblenden Mädchenkörper, als mediales Speichermedium historischer Momente, sucht mich beharrlich heim. Dabei beweist dieser natürliche wie übernatürliche Horror des Mädchens immer wieder auf’s Neue dass persönliche wie historische Momente eng miteinander verflochten sind und besonders das unheimliche Mädchen an dieser Schnittstelle als medialer Körper eingesetzt wird. Auch wenn mich sicherlich das Horrorgenre per se ungemein interessiert und inspiriert, finden wir diese Rhetorik auch in subtileren Versionen wie im Reality-TV oder Berichterstattungen wieder und zeigen wie höchst aktuell öffentliche Debatten in diesen nicht ganz unschuldigen Körper eingeschrieben werden.
T.B.: Die Frage der umkämpften Körper lässt sich ja nicht zuletzt auch am Mädchen in der Horrorliteratur, im Horrorfilm festmachen. Wobei man ja gleich hinzufügen muss, dass man hier ja mit einer ganzen Typologie von weiblichen Figuren konfrontiert ist, die sich aber, soweit ich das einschätzen kann, immer wieder unter Fragen der rechtlich geregelten Abfolge und familiärer Kontinuitäten bzw. auch unter den Aspekten der (mehr oder minder freiwilligen) Kommunikation und der Beweisführung bündeln lassen.
J.B.: Das Recht des Mädchens ist in den von Dir angesprochenen Erzählungen unübersehbar. Es ist schon interessant, dass das Mädchen nicht rein zufällig an das heimgesuchte Haus gebunden ist. Während sie einerseits im Einfamilienhaus brutal heimgesucht werden, sind es auch besonders Mädchen die den Familienalltag heimsuchen und lahmlegen. Diese wechselseitigen Heimsuchungen wiederum sind auffällig an Besitzansprüche gebunden, oder verweisen auf die im englischen fließende Komplizenschaft von Possession und Dispossession. Die Beweismittelführung und ZeugInnenvernahme die in diesen Erzählungen prominent aufgenommen werden, sowie der Präsentation des Erzähl-Mediums selbst als stichfestes Beweismaterial verweist bereits mit Stolz auf die Selbstverständlichkeit mit der Mädchen juristische Fragen kommunizieren. Hier berichten in erster Linie Mädchen den Horror der Zugehörigkeit und Herkunft, sowie die damit verbundenen Fragen der kulturellen, biologischen wie ökonomischen Erbschaft. Es ist wahnsinnig aufregend wie so elementare Transaktionen über Mädchen in ihren unterschiedlichen medialen Ausformungen ausverhandelt werden.
T.B.: Eine generative Abfolge anderer Art bestimmt auch Deine Auseinandersetzung mit populär aufbereiteten Medienformen des Horriblen. Wie gehst Du in Deiner künstlerischen Arbeit an Vorlagen, etwa Filmplakate, heran? Was bestimmt Deine Auswahl, Deinen Zugriff?
J.B.: Im Filmplakat finden wir in komprimierter Form den Inhalt eines meist höchst komplexen Bild-, wie Textsystems auf den Punkt gebracht. Hierbei sind diese Darstellungen auf den ersten Blick leicht verständlich und auch von einem neuen Publikum lesbar. Dabei bedienen sich diese Abbildungen eines reichhaltig etablierten und weitläufig bekannten Archivs, welches für dessen kommunikative wie kommerzielle Zwecke schamlos ausgeschlachtet wird. Doch, und jetzt wird es besonders interessant, erschließt sich Eingeweihten ein unheimlich vielschichtiges System der Referenzen und Querverweise. In meiner archivarischen Arbeit sammle ich mit Begeisterung dieses Bildmaterial als schlagfestes Beweismittel. In meiner künstlerischen Arbeit wiederum bediene ich mich selbst dem zugrundeliegenden Archiv. Durch verschiedenste Nahttechniken werden diese Fragmente zusammengeführt. Hier spricht nicht Eine/r, hier flüstern Viele.
T.B.: Die Fragen, die das Gespenster-Mädchen und die mit ihm einhergehende Typologie aufwirft, stehen bei Deiner künstlerischen wie auch wissenschaftlichen Arbeit im Vordergrund. Insbesondere die konstruktiv-kritische Beschäftigung mit dem vielfältigen Begriff der „Gothic“ führt hier immer wieder zur schon aufgeworfenen Fragen von Tradition, Rechtskontinuitäten und der Frage der mehr oder minder schweren Erbschaft. Welche Kontexte erscheinen Dir in diesem Zusammenhang bislang noch zu wenig erschlossen? Welche Entwicklungslinien sind für Dich dahingehend von besonderer Bedeutung?
J.B.: In der aktuell breitgefächerten Wissenschaft der Gothic dominieren immer noch Studien über offensichtlich historische Figuren wie jene des Vampirs oder ähnlich männlich dominierten Protagonisten. Während die Gothic in ihren Anfangsjahren in zwei Lager gespalten wurde, jene des subtileren Terrors, und jene des expliziten Horrors, wurden Dracula und Frankenstein als groteske Paradefiguren zum Gothic Aushängeschild erkoren. Dabei wird jedoch außeracht gelassen dass die Figur des ermittlungsführenden Mädchens, das Terror Girl, sowie des auf sich aufmerksam machenden Mädchen, das Horror Girl, in Allianz das Gothic Girl ergeben. Das Gothic Girl, das gespaltene, schizophrene Mädchen ist somit die Personifikation dieses nebeligen Genres per se. Es scheint mir als würde die politische wie historische Relevanz der Figur des natürlichen wie übernatürlichen Mädchen auffällig ignoriert werden. Während das eine Mädchen permanent auf ihr schweres Schicksal und dessen dunkle Historie verweist, muss sich das andere mit dieser schweren Hinterlassenschaft auseinandersetzten. Fragen nach Erbschaft und Herkunft sind hier unübersehbar.
T.B.: Die Frage der Inszenierung und des Arrangements meint bei Deinen eigenen Arbeiten auch immer Dich selbst mit. Wirklichkeit und Medialisierung werden, etwa wenn Du wie zuletzt bei einer Ausstellungseröffnung den ganzen Abend über von einem Bett aus als Orakel agierst, auch in Deiner Person zusammengezogen? Bist Du damit dann auch und im mehrfachen Sinne Medium? Bist Du zumindest für eine limitierte Zeitspanne Teil Deiner Inszenierung und Arbeit?
J.B.: Wie bereits angesprochen liegt für mich im Persönlichen das Öffentliche. Der feministische Slogan der 1970er ‚The Personal is Political’ spielt hier sicherlich eine taktangebende Rolle. In diesem Sinne gibt ein vermeintlich persönlicher Austausch, wie jener in der Performance die Du angesprochen hast, Aufschluss und Einblick in höhere Machenschaften die dahinterliegen. Hier flüstere ich nun mit verstellter Stimme geheime Botschaften oder lasse direkt Außenstehende durch mich zu Wort kommen. KünstlerInnen als Sprachrohr des Unangenehmen, eben als VermittlerInnen zwischen Welten haben eine lange Tradition. Da liegt für mich die Analogie weder zum Übernatürlichen noch zur Künstlerin als Medium weit. Hierbei werden, wie bereits erwähnt, geläufige Paradigmen auf den Plan gerufen. Ich schließe mich Abby Lee Miller an, wenn sie gleich zu Beginn der neuen Staffel von Dance Moms (Lifetime, 2011-) deklariert: „There is a method to my madness.“
T.B.: Die Methodologie ist auch etwas, das im Rahmen Deiner Arbeiten auch immer weiterentwickelt und ausdifferenziert wird. Wie schätzt Du hier die Möglichkeiten der derzeit vieldiskutierten „Künstlerischen Forschung“ ein? Manche Bereiche scheinen hier bereits ausgeprägter vorhanden zu sein als andere. Und gewinnt ja mitunter doch den Eindruck, dass einerseits immer schon „künstlerische Forschung“ betrieben wurde, andererseits die Gefahr besteht, diese Begrifflichkeit zum simplen Label erstarrt zu sehen.
J.B.: Auch wenn das in den letzten Jahren steigende (wirtschaftliche) Interesse an der künstlerischen Forschung durch die Hochschulbildungsreform von Bologna eindeutig zu hinterfragen ist, bringt doch die künstlerische Forschung – in ihrer Allianz zwischen Kunst und Wissenschaft – frischen Wind in die Kunst- und Kulturgemeinschaft, die derzeit blind dem Ruf der Spekulation des Kunstmarkts folgt. Somit sehe ich die künstlerische Forschung als ersehntes Hintertürchen, das in die weiten Tiefen der Kultur- und Wissensproduktion führt und nicht an einem spekulativen Interesse für dekorative Luxusgüter alleine an der Oberfläche kratzt. Ich bin davon überzeugt, dass die Komplizenschaft Kunst- Wissenschaft das bereits seit längerem heraufbeschworene Gegenkonzept zur Kommerzialisierung und Kapitalisierung Bildender Kunst ist. Doch wie bereits erwähnt sind die Institute für künstlerische Forschung an den Kunstakademien und Universitäten im Zuge der Hierarchisierung und Verwirtschaftlichung des Bildungssystems entstanden. Darum sei Vorsicht geboten, hier nicht den Horror der Kunstvermarktung zu wiederholen. Doch nicht nur für die Kunst eröffnet die Verknüpfung mit der Wissenschaft einen ‚Mehrwert’. Wie Du bereits erwähnt hast ist das Forschen, das Erforschen in einer künstlerischen Praxis ohnehin ein fixer Bestandteil der Recherchearbeit. Auch wenn diese Vorarbeit oft im geheimnisvollen Kämmerchen des Ateliers verborgen bleibt, ist sie doch ein signifikanter Bestandteil des Arbeitsprozesses. Hier wird jedoch klar die Grenze zwischen KünstlerInnen als ForscherInnen und der künstlerischen Forschung gezogen. Schließlich muss dieser Prozess der Wissensproduktion und Wissensvermittlung aus dem privaten Arbeitszimmer in den öffentlichen Ausstellungsraum getragen werden. Mich interessiert hier nun wie man diese Mythenproduktion in den öffentlichen Raum transportiert. Wie kann man diese Prozesse vermitteln? Was können BetrachterInnen mitnehmen, wenn sie den Lernprozess, die Wissensproduktion der KünstlerInnen live miterleben oder zumindest retrospektive verfolgen können? Welche Mythen kommen hier ins Spiel, wenn KünstlerInnen als Wissen-produzierende auftauchen? Die Wissenschaft selbst profitiert ebenfalls von diesen neuen Zugängen. KünstlerInnen nehmen schließlich nicht nur rege an einem wissenschaftlichen Diskurs teil, sie bringen auch gleich neue Perspektiven zum Verhandlungstisch. Doch während ein kreativerer Prozess von wissenschaftlicher Seite bestärkt wird, werden forschende KünstlerInnen noch misstrauisch beobachtet. Dabei ermöglicht die künstlerische Forschung eine freiere methodologische Herangehensweise, als die nach festgesteckten Methoden verlangende wissenschaftliche Forschung. Ich sehe darum die akademische Ausbildung an Kunstuniversitäten und Akademien nicht unbedingt als reine Hierarchisierung oder Akademisierung der Bildenden Kunst, sondern sehe für beide Bereiche, Wissenschaft wie Kunst, Vorteile die daraus entstehen, wenn KünstlerInnen forschen und dies weiterführend in die Werkproduktion einfließen lassen. Besonders an der Akademie der Bildenden Künste, Wien wird intensiv an den Möglichkeiten und möglichen Unmöglichkeiten der künstlerischen Forschung geforscht. Bereits 2006 konnte die von Elisabeth von Samsonow veranstaltete Tagung sowie der damit zusammenhängenden und von Samsonow herausgegebenen Publikation Unzipping Philosophy: Wissen/Kunst (Passagen, 2009) an diesen dringlichen Fragen anknüpfen. Sabeth Buchmann wiederum hat mit Dieter Lesage im Sommer 2007 die internationalen Konferenz Artistic Research and the Bologna Process an die Akademie gebracht. Seit 2010 führen schließlich Renate Lorenz und Anette Baldauf das Doktoratsstudium phD in Practice an der Akademie um diese Fragen noch weiterführender zu beleuchten. Auch wenn es sicherlich noch etwas dauern wird, bis die Signifikanz die der Kurzschluss von Wissenschaft und Kunst erzeugt, in ihrem ganzen Ausmaß erkannt wird, erkennt man hier definitiv einen starken Zusammenhalt in der Forschungsgemeinschaft. Trotzdem ist gegenwärtig immer noch ein misstrauischer Gegenwind von Außen zu spüren. Denn was bedeutet das, wenn KünstlerInnen nun nicht nur selber einschlägige Forschungen betreiben, sondern ihr Wissen nun auch öffentlichkeitstauglich präsentieren? Wo ist dann noch Platz für KunsthistorikerInnen und KunstvermittlerInnen? Doch genau hier denke ich wird die Sache erst richtig spannend. Anstatt dass KünstlerInnen nach der Kunstproduktion jeglichen Anspruch am Werk abgeben, kann durch den Diskurs über die künstlerische Forschung die unterschiedlichsten Geistes- und Kulturwissenschaften enger zusammen rücken lassen. Hier entsteht nun ein produktiver Dialog auf Augenhöhe. Durch diese Form des Austausches, in denen die verschiedensten Disziplinen mit ihren unterschiedlichen Methodologien an einer Sache arbeiten, entsteht erst eine Forschungs-Gemeinschaft. Wenn ich meine Gedanken nun so rennen lasse, tun sich regelrechte utopische Tagträume auf. Auch wenn beachtet werden muss, dass sich auch Probleme offenbaren. Die Kreation, die aus einzelnen, zuvor unabhängigen Disziplinen einen Körper belebt, erwecken eine Kreatur zum Leben,
T.B.: Wie verbindet sich diese „artistic research“ mit Deinen aktuellen Arbeiten und Deinen zukünftigen Projekten? Wie stehst Du zur überholten Einschätzung, wir müssten uns zwischen künstlerischen oder wissenschaftlichen Existenzweisen entscheiden?
J.B.: Es kann im Groben zwischen zwei Feldern in meiner Arbeit unterscheiden werden: die (künstlerische wie wissenschaftliche) Forschung, die sich damit beschäftig einen Wissenstransfer herzustellen und eine künstlerische Arbeit welche die Diskrepanz dieses Versuchs kommentiert. In diesem Sinne tauche ich im Umhang des Terror Girls, der furchtlosen Ermittlerin, auf, die sich auf unheimlich aufregenden Forschungsexpeditionen befindet. In welcher Form nun, die Reiseberichte ausfallen – ob Text- oder Bildbasierend – ist zweierlei. Beide Komponenten haben ihre Vorwie Nachteile in der Wissensvermittlung. Wenn es um Hard Facts geht, ermöglichen es textbasierte wissenschaftliche Arbeiten definitiv schneller zum Punkt zu kommen, ohne plakativ zu wirken. In der Kunstproduktion hingegen wird solche eine eindeutige Beschreibung als aggressiv und trocken aufgefasst. Wissbegierige verlieren sich lieber im verwirrenden Labyrinth der Ausstellung. So könnte man meinen, dass in der wissenschaftlichen Forschung ReisebegleiterInnen auf den Beifahrersitz geschnallt und durch die Forschungsexpedition gefahren werden. Von hier aus bekommen sie (fast) jeden Schritt aufgezeigt, der zu den einzelnen Zwischenstopps und schließlich zur großen Endstation führt. In der künstlerischen Forschung sind die BetrachterInnen jedoch auf sich alleine gestellt. Eingeweihte können sicherlich leichter den roten Faden der Gedanken folgen, andere lassen sich jedoch lieber von diesen davon tragen und werden dadurch an geheimnisvolle Orte gespült, die den KünstlerInnen selbst vielleicht (noch) gar nicht bekannt sind. Beide Formen laden jedoch eindeutig zu dem Abenteuer einer Wissensproduktion, einer Kulturproduktion ein. Retrospektiv kann in meiner Arbeit verfolgt werden, wie sich diese Aufbereitung, diese Veröffentlichung des Wissenstransfers immer konkreter ausformuliert hat. So habe ich im MUSA eine mnemosynischen Atlas ausgestellt, um den historischen Kontext zu meiner wissenschaftlichen wie künstlerischen Forschung zu lokalisieren. Da war ich gerade am Anfang, am Formulieren meiner Fragestellungen für meine Dissertation. In dieser Zeit war es dann sehr schwierig künstlerische und wissenschaftliche Forschung zu separieren. Im Artist in Residence Programms des Hospiz Hotel am Arlberg im Winter 2014, wiederum habe ich eine Art Tagebuch, Expeditionsbericht geführt, der die dunkle Geschichte des Hotels wiedergibt. Hier funktionieren die Malereien auf dem Briefpapier des Hotels als Reisebericht, der durch die historisch verankerte Horror-Historie der HotelbesitzerInnen führt. Schließlich hat nach der Heimkehr, im Zuge des Schreibprozesses der Dissertation, die wissenschaftliche Forschung überhand genommen. Als mich nun im Herbst 2014 ein Artist in Residence Programm nach Los Angeles gebracht hat, ist die wissenschaftliche und künstlerische Arbeit erneut regelrecht aufeinandergeprallt. Daraufhin begann ich ein Journal zu führen, in dem sich die Forschungsarbeiten für beide Bereiche zu überlappen begannen. Unter dem Titel All in The Name of Research wurde die Forschungsexpedition selbst zur Performance erklärt. Hier verschwimmen einmal wieder privates und öffentliches Interesse, wissenschaftliche und künstlerische Forschung, sowie die Höhen und Tiefen der Wissensproduktion. Derzeit arbeite ich an einer Homepage, einem Log.Book, welches öffentlich zugänglich sein und die Türe zur Geheimkammer der Wissensproduktion leicht öffnen soll. Hier soll schließlich die Bandbreite an Recherchematerial eingespeist werden, die in eine mögliche künstlerische oder wissenschaftliche Arbeit einfließen. Ich bin schon soweit, dass ich den Denkprozess selbst zum performativen Akt erkläre. Denn wo sollen noch die Grenzen gezogen werden? Besonders im Hinblick auf die vereinnahmende Maschine des Gesamtkunstwerkes lässt hier Grenzziehungen absurd erscheinen. Gegenwärtig stellt genau diese Problematik auch das Dilemma einer ganzen Generation dar. Ich finde Deine Wahl des Begriffs hier sehr hilfreich, denn es ist tatsächlich ‚überholt’ wissenschaftliche und künstlerische Forschung scharf zu trennen. Die Anforderung man müsse sich für ein Team entscheiden ist wahrlich eine längst überholte Angelegenheit. Ich denke es ist an der Zeit, dass wir uns alle, die in den Kulturwissenschaften herumgeistern auf Augenhöhe kommunizieren und an einem adrianischen Strang ziehen. Denn am Ende sitzen wir, jede/r auf seine Weise, im selben Boot und müssen uns gegen ähnliche Mächte durchsetzten. Besonders wenn es um die Entgeltung einer Kulturproduktion geht, finden wir uns alle schnell in Diskussionen verwickelt die wirtschaftliche Aspekte von Zeit/Aufwand und Materialkosten als Anhaltspunkte für die Preisgestaltung heranziehen. Doch hier treffen wir auf die erdrückende Problematik der Wissensproduktion: Denn diese lässt sich nicht nach neo-liberalen Wirtschaftsmodellen berechnen. Was ist Wissen heute noch wert? Im ökonomischen genau wie im ideologischen Sinne. Vielleicht müssen wir auch einfach nur den Ton ändern. Hier setzt Rihannas neuer Hit BBHMM (2015) sicher schon die richtige Stimmung.
T.B.: Wir haben zuvor schon über das „Mädchen“ gesprochen. Dieses „Mädchen“ ist eine Konstante in der Horrorliteratur, im Horrorfilm, mittlerweile aber auch ein wesentlicher Bestandteil Deiner künstlerischen Arbeit und auch Deiner wissenschaftlichen Forschungen. Was hat sich in der Auseinandersetzung mit dieser ja doch sehr besetzten Figur für Dich verändert, zu welchen Erkenntnissen und Problemstellungen bist Du gekommen? Was werden hier eventuelle nächste Schritte sein?
J.B.: Das mit dem Mädchen ist so eine Sache. Während die Mädchenkulturforschung (Girl Culture Studies) seit den 1970er Jahren, das Mädchen aus dem Blickwinkel der feministischen Jugendforschung analysiert, interessiert mich jedoch besonders der symbolische Gehalt den das Mädchen in sich birgt. Denn das Mädchen wirft gleich eine Reihe von kulturwissenschaftlichen und besonders philosophischen Fragen auf. Weiterführend ist für mich auch das Mädchen kein zu überkommender biologischer Zustand, sondern eine politische Positionierung. Es ist nun auffällig, dass in den letzten Jahren das Mädchen zur Horror-Parade-Figur inszeniert wird. Obwohl bereits seit den späten 1950 Jahren verzeichnet werden kann, dass die Jugend per se als gefährlich eingestuft wird, hat doch spätestens mit der Jahrtausendwendung das Mädchen ein Monopol des Horrors erschlossen. Diese Verknüpfung von Mädchen und Horror ist jedoch nicht alleine auf das Horror Genre begrenzt. Das Mädchen als Gruselfaktor ist breit gestreut in der Populärwie Hochkultur zu finden. Interessant hierbei ist, dass sobald es um Fragen von Recht und Gerechtigkeit geht, Mädchen als moralische Rechtsinstanzen eingeblendet werden, die sich um den auszustehenden Strafvollzug kümmern und als solche auch sofort verstanden werden. Wenn ein unheimliches Mädchen auftaucht, weiß das Publikum bereits, dass brutale Gesetzesverstöße dieses animieren. Das Mädchen als Justiz, als Justitia eben, hat zwar eine lange (Bild-) Tradition, doch besonders in den vergangenen Jahren – und als langwierige Nachwehen der Opferrechtsbewegung der 1980er Jahre – agiert sie nicht mehr im Namen der Vernunft sondern vorrangig im Wahn der Selbstjustiz. An dieser Transformation des symbolischen Gehalts des Mädchens lässt sich auffällig eine Gesellschafts- und besonders eine Rechtsgeschichte ablesen. Diese Querverweise aufzudecken hat meine wissenschaftliche wie künstlerische Arbeit in den letzten drei Jahren überschattet. Im Zuge der Forschung würde auffällig, wie sehr Mädchen einerseits durch ihre vieldiskutierte Kaufkraft an einer Kulturproduktion beteiligt sind und auf der anderen Seite durch das Mädchen als Produkt der Konsum erst richtig angeheizt wird. Deshalb wende ich mich gerade einer eigenen Forschungsexpedition hin, die alleine das Kapital des Mädchens, respektive das Mädchenkapital beleuchten wird. Denn, um mich ganz mutig aus dem Fenster zu lehnen, ist das Mädchen nicht nur an den Horror, sondern in ähnlichem Ausmaß an den Kapitalismus gebunden. Das wirft natürlich gleiche eine Reihe von Geheimtüren auf, die dazu einladen sich im Mädchenlabyrinth zu verlieren.
Johanna Braun Geb. 1987 in Wien / lebt und arbeitet in Wien / 2004 – 2008 Diplomstudium an der Akademie der Bildenden Künste, Wien / 2012 – 2015 Doktoratsstudium der Philosophie an der Akademie der Bildenden Künste, Wien 2009 Artist in Residence, School of Visual Arts, New York / 2011 Artist in Residence, School of the Art Institute, Chicago / 2013 Artist in Residence, Hospiz Kunstquartier, Arlberg Austria / 2013 Artist in Residence, Chicago (Stipendium SAIC & Austrian Consulate, Chicago) / 2014 Artist in Residence, Eastside Int‘l Artist-in- Residence Program, Los Angeles (BKA Stipendium)
Ausstellungen/Projekte (Auswahl) 2015 WE GAVE OUR BEST (...) TO THE HOPE CHEST, Penelope, New York City und Austrian Culture Forum DC, Washington D.C / Vienna For Art’s Sake!, Winterpalais Prinz Eugen, Belvedere, Wien / 2014 YOU WATCHING ME WATCHING YOU, OneGallery - Window Display, Wien (Einzelpräsentation) / HARMONIE 18, OneGallery, Wien / ESXmasLA, ESXLA Gallery, Los Angeles / 2013 I’M A NECROMANCER – NOT A BELLY DANCER, MUSA – Startgalerie, Wien (Einzelausstellung) / 2012 Die Chic Boutique & Das Chic Boutique Café, DieAusstellungsstrasse, Wien / MAK DAY, Museum Angewandter Kunst, Wien / 2011 Austria Davaj!, MUAR. Staatsmuseum für Architektur, Moskau (in Kooperation mit MAK, Wien) / Beautiful Views, Special Project, 4th Moscow Biennale / The (secret)* Return of NoEVER, ACE MUSEUM, Los Angeles / Who is afraid of Virginia Woolf, Galerie Gabriele Senn – Window Shopping Series (Einzelpräsentation) / 2010 Heb, Kunsthalle Autocenter, Berlin / Georg Eisler Preis (Nomination), BA-CA Kunstforum – Tresor, Vienna / Vienna Biennale MAK-Night, MAK, Wien / Berlin calls 0043, The forgoten bar-Galerie im Regierungsviertel, Berlin / Danger Danger, FondationHerz, Wien (Solo) / 2009 We all go over the Bridge , Galerie Meyer Kainer, Wien / Every day – life slips away, School of Visual Arts, New York (Einzelpräsentation) / Rose Garden , CAM-Gallery, Istanbul
Seit 2013 Vereinsvorstand Club Chic Exchange (International Exhibition Exchange Programm) / Seit 2012 Gründerin und Kuratorin der Die Chic Boutique (www.DieChicBoutique.com) / 2010 Next Generation: Johanna Braun Shows Her Favorits, Vienna Gallery Weekend, Wien (initiiert von Galerie Christine König und Gabriele Senn) / 2009 – 2012 kuratorische Leitung des Ausstellungsraumes FondationHerz, Wien Kontakt: Kontakt: www.johannabraun.com/johannabrauneinwahrertraum@hotmail.com