Adolf Frohner. Eva Riebler
ZUM GEDENKEN AN ADOLF FROHNER
Anlässlich des plötzlichen Todes Adolf Frohners am 24.01.07 bringt die LitGes folgendes Interview, welches im Herbst 2004 nach seiner Ausstellung im Landesmuseum St. Pölten, kurz vor seinem pensionsbedingten Abschied von der Universität von Eva Riebler geführt wurde.
Sie haben 13 Jahre AKT auf der UNI unterrichtet und wollten das Klischee-Bild vom schönen weiblichen Körper aufbrechen. Wie haben Sie das geschafft?
Bei einem Künstler meiner Position muss man gewärtig sein, dass da nicht etwas fortgeschrieben und fortgezeichnet wird, das letztendlich dem19. Jahrhundert verpflichtet ist. Ich habe die Wut darüber, dass man immer das so genannte Schöne gesucht hat, das entleerte Schöne, aufgegeben und mich dem Menschen direkt genähert, und zwar dem Kranken, dem Stinkenden. Wir haben teilweise Modelle rekrutiert aus der Obdachlosen-Szene, wir haben Leute mit Gleichgewichtsstörungen gehabt, was sehr spannend war, wenn diese plötzlich umfielen. Sie haben nicht dem Schönheitsideal entsprochen, sondern dem Durchschnitt von uns. Dies hat bei uns große Wirkung gezeigt, der Aktsaal war voll. Man musste früh kommen, sonst hat es keinen Platz mehr gegeben. Ich habe dann auch Gestelle für die Modelle gebaut, die nicht der Statik entsprachen. Sie mussten in ungewöhnlichen Positionen liegen, sitzen oder stehen.
Weiters habe ich so eine Art Käfig aus Plexiglas gebaut, die Modelle sind darauf gelegen und man hat von unten rauf zeichnen müssen. Beim Umrisszeichnen hat man gar nicht gewusst ist dies eine dicke Frau oder eine verendete Kuh. Der Umriss ist etwas ganz anderes. Der Mensch entwickelt sich plötzlich zu etwas anderem hin, und das war spannend. Ich wollte die Kehrseite von der schönen Frau als Werbemotiv aufzeigen, von der Halbnackten in verführerischer Pose. Mein Frauenbild sollte so sein, dass niemand damit ein Produkt bewerben konnte, keinen Ofen oder Kühlschrank damit verkaufen konnte. Am Anfang hat man mich missverstanden und gemeint, was der Frohner mit den Frauen aufführt ist wieder mal ein Skandal.
Haben sich vor allem die Frauen in ihrer Würde verletzt gefühlt?
Nein, in Deutschland gab es bei einer Ausstellung meiner Frauenbilder ein Symposium, bei dem sich die weiblichen Teilnehmerinnen auf meine Seite geschlagen haben und darüber schrieben, dass ich nicht die Frauen beleidigen wollte. Sie zeigten auf, dass ich mich nicht in den Kreislauf der Verkaufspornographie einordne, sondern Widerstand leiste, auch wenn ich weiß, dass der Künstler eh nichts ändern kann.
Sie sind aber der Meinung, dass ihre Bilder Denkanstöße geben, sozusagen „Denkbilder“ sind.
Ja natürlich sind es Denkbilder. Alles was ich mache ist ein Konglomerat meines Denkens, was ich allerdings nicht als Philosoph niederschreibe, sondern mein philosophisches Manifest ist, wenn es gut ist, ist ein gutes Bild. Und das hat möglicher Weise die gleiche Aussagekraft wie ein richtiger philosophischer Satz. Natürlich sind die Bilder Denkanstöße, sie sollen es ja sein. Die Bilder sollen überhaupt die Leute aufregen. Was mir furchtbar auf die Nerven geht, ist diese unbedeutende, unaufgeregte Konsumationskunst, dieses Missverständnis, Kunst gehöre wie guter Wein zum Leben. Kunst ist etwas ganz Notwendiges. Kunst ist notwendig, dass der Mensch den aufrechten Gang beibehält, dass er nicht versauert…
Kunst empfinden Sie als kein Schmuckwerk, sondern existentiell.
Ja, und das müssen halt einige auf sich nehmen, etwas zu tun, auch wenn sie dafür geprügelt werden. Die Prügelei hat bei mir nicht so lange gedauert. Es ist eine sonderbare Rückkoppelung passiert: Die Bilder, die mir den schlechtesten Ruf gebracht haben, brachten mir anschließend das meiste Geld.
Als Vorbilder haben Sie ja Paul Cézanne und Vincent van Gogh, der sich selbst verletzte. Wieweit war die Malerei und inwiefern die Person für Sie Vorbild?
Für mich ist jemand, der etwas absolut tut, immer ein Vorbild.
Van Gogh wollte zwar Maler werden, aber auch priesterlichen Dienst tun. Er war Prediger, war sehr religiös. Allerdings ist ihm beides versagt geblieben. Er ist gescheitert als Prediger. Als Maler wurde er am Anfang eher belächelt und hat trotzdem voll weiter gemacht. Beim Ohrabschneiden war möglicherweise Alkohol und Eros im Spiel. Er wollte wahrscheinlich als Mutprobe in ein Bordell gehen. Er glaubte schon einmal gegenüber einer Frau den Beweis seiner Standhaftigkeit erbringen zu müssen, indem er die Hand so lange über die Kerzenflamme hielt, bis das Fleisch verbrannt war. Was mich fasziniert hat, ist natürlich seine Malerei, in der er vollkommen rücksichtslos gegen alle modischen Strömungen seiner Zeit gewütet hat und letztendlich sein Selbstmord, als er wusste, dass er todkrank, und zwar geisteskrank, sei. Selbst dies ist ihm missglückt. Er wollte sich erschießen und hat sich so schlecht getroffen, dass er 5 Tage lang im Bett jämmerlich zugrunde gegangen ist. Er ist eine Ikone für mich. Die zweite ist der unheimlich intelligente Paul Cézanne, der wie ein fast priesterlicher Diener täglich seine Kunst betrieben hat, der analysiert hat, der darüber gesprochen hat, der das ganze Alphabet der Moderne des 20. Jhdts vorgemacht hat. Ohne Cézanne hätte es überhaupt keinen Picasso, keinen Kubismus, gegeben. Die beiden wussten dass sie darüber sind, dass sie fliegen können. Van Gogh schreibt in einem seiner zahlreichen Briefe an seinen Bruder, dass so Menschen wie er nur alle 500 Jahre vorkommen. Er wusste um seine Qualität, hat sich aber über diesen Ausspruch sehr geschämt. Es stimmt aber so, so viele sind seither noch nicht auf der Welt gewesen!
Würden Sie sich auch zu einem dieser Menschen zählen, die nur alle 500 Jahre vorkommen?
Nein, nein! Ich habe diesen hohen Anspruch überhaupt nicht. Ich bin froh, wenn ich mit meinem Leben so halbwegs fertig werde und mir ab und zu Bilder gelingen, wo ich sage, “Naja, besser kann ich es nicht!“ Wenn einem manchmal was gelingt, freut man sich darüber. Ich halte mich für kein Genie. Van Gogh hätte sich nie träumen lassen, dass er Bilder malt, die heute zu den teuersten gehören, die überhaupt existieren. Seine Bilder notieren wie große Diamanten. Auch Cézanne hatte sich das nicht träumen lassen. Er hielt sich auch für kein Genie. „Genie, war mein Vater!“, sagte er. „Er war Bankier und hat mir 1Mill. Gold-Francs hinterlassen, so viel Geld, dass ich sorgenfrei malen konnte.“
Sind Sie der Meinung nicht nur Liebe, sondern auch Hass macht produktiv?
Ja, natürlich. Wahrscheinlich gibt es die reine Liebe wie im Roman nicht, da kommt ja sehr viel Menschliches rein, da gibt es Kanten und Ecken, das vertreibt die Liebe nicht, sondern es kommt vielleicht die Vertrautheit dazu. Liebe und Hass existieren ja nebeneinander.
Ein Mensch, der das Leben liebt, sich selber liebt, seine Familie, seine Umwelt liebt, kann sich doch nicht immer rein halten. Es passiert so viel: Kinder werden verschleppt, ermordet usw. Eltern nehmen keine Rücksicht auf ihre Kinder. Regime handeln fahrlässig.
Den Hass auf ein Regime bekommt man, wenn man wie soeben hört, dass 150 Chinesen in einem ungesicherten Bergwerk umgekommen sind. Das passiert natürlich auch anderswo.
Freuen Sie sich auf die viele Zeit zum Malen, wenn Sie in Pension gehen?
Meine so genannte Tätigkeit als Universitätslehrer für Malerei nimmt mir eigentlich nicht so viel Zeit weg. Man denkt zwischendurch, redet, schreibt und bekommt von den Studenten sehr viel wieder zurück. Ich weiß jetzt immer noch wie Leute mit 20, 22 Jahren denken, das wird mir vielleicht abgehen, aber Pensionsschock werde ich keinen haben.
Biographie: Adolf Frohner
Geboren 1934 Groß-Inzersdorf besuchte er als Gasthörer 1961 die Akademie der bildenden Künste Wien. Aufenthalt in Paris im Kreise der „Nouveaux Realistes“ aufgrund eines Stipendiums. 1962 begründete er gemeinsam mit Otto Mühl und Herman Nitsch den Wiener Aktionismus, distanzierte sich jedoch später davon und lehrte 1972 bis 2005 an der Universität für angewandte Kunst Wien. Österreichischer Staatspreis 1970. Spatenstich für das Frohner-Forum im Kremser Minoritenkloster 19. Jänner 2007, voraussichtliche Eröffnung 29. Sept. 2007. Wenn es nach seiner Intention geht, wird dieses Museum weder ein Frohner-Weihe-Tempel sein, noch eine Werkschau eines gealterten Malers enthalten. Er wollte nationale und internationale Kunst verschiedener Epochen ausstellen, die ihn persönlich interessierte oder berührte. Für ihn waren anfangs Materialorgien wichtig, dann die Farben Rot und Schwarz vorrangig. Als Thema interessierte ihn Biblisches wie Menschliches, Figuren und Akte in ihrer Verletzlichkeit und Veränderbarkeit.