Hans-Peter Übleis: Bescheuert oder Idealist? Eva Riebler
Hans-Peter Übleis
Bescheuert oder Idealist?
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| Hans-Peter Übleis: Foto © Droemer-Knaur Verlag |
Eva Riebler besuchte am 02.11.12 den Verleger Hans-Peter Übleis im Droemer-Knaur Verlag München und es entspannte sich folgendes Gespräch.
Welche Aufgaben und Möglichkeiten hat die Literatur etwas zu bewirken?
Diese sind unendlich groß, weil sie die Vorstellungsräume der Menschen ins Unendliche erweitern.
Haben frühere Generationen von Autoren nicht politisch mehr bewirkt als die heutigen?
Die Literatur war sicher politischer, als sie heute ist. Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass auch das Bedürfnis nach Veränderung größer war, als es heute ist, und der Zeitgeist nicht dermaßen satt und selbstzufrieden war, wie wir ihn heute erleben.
Arbeitet und gestaltet der Künstler nicht vor allem aus einem Defizit heraus?
Nicht nur ein Defizit wird gezeigt, so wie in der Blechtrommel die Moral der Nachkriegsgesellschaft, auch alternative Welteinstellungen werden thematisiert. Wir brauchen kritische Schriftsteller, die den Finger auf die Wunden der Zeit legen und gegen die Bequemlichkeit anschreiben und dagegen anschreiben, das Gewohnte weiterhin nur als gut zu finden. Sie sind das Salz der Erde.
Sie sind Seismographen?
Ja, aber nicht jeder, der schreibt, ist ein Literat.
Du bist seit 1978 im Literaturbetrieb bzw. Verlagswesen [1]. Wie lästig ist da das Ansinnen der Autoren, die sogenannte “hohe” Literatur zu verlegen?
Keineswegs lästig, Autoren, die sich an einen der großen Publikumsverlage wenden, wollen auf ansprechendem Niveau unterhalten und ein zahlreiche Leser erreichen. Mit einem antiquierten Begriff wie “hohe” Literatur können Autoren heute sowieso nichts mehr anfangen, und das ist gut so.
Existiert die Frage Wirtschaftlichkeit oder Niveau aus Sicht des Verlages?
Na klar, ohne Niveau keine Wirtschaftlichkeit - und umgekehrt. Qualität ist natürlich subjektiv, sowohl aus Sicht des Autors als auch des Käufers. Aufgabe des Verlages ist es, beide - also Angebot und Nachfrage - im Rahmen seiner Programmpolitik zusammenzubringen. Für alle Verlage - mit Ausnahme der Fachverlage - gilt, ob groß oder klein, Nische oder Mainstream: Wenn am Ende des Jahres überhaupt schwarze Zahlen geschrieben werden, ist es ein gutes Jahr gewesen. Wer heute aus Wirtschaftlichkeitsüberlegungen oder zum Geldverdienen in die Buchbranche möchte, egal ob Buchhändler oder Verleger, ist entweder bescheuert oder Idealist.
In der Krise der 30er Jahre ging als einzige Branche die Buchbranche gut. Wie geht es heute dem Buch?
Ich denke, das Buch ist immer sehr viel mehr als Fluchtlektüre gewesen - durchaus auch Ablenkung, aber ebenso Inspiration, Abwechslung, Unterhaltung. Dies gilt für gesellschaftliche Konjunkturbewegungen genauso wie für das individuelle Auf und Ab des Einzelnen.
Wird in Österreich andere Literatur prämiert und verlegt?
Im Prinzip ja - die universellen Themen der Literatur von der Wiege bis zur Bahre sind sicherlich identisch. Dennoch spielen Mentalitätsunterschiede durchaus eine Rolle - ich empfinde die österreichische Literatur generell narzisstischer, weniger auftrumpfend, in einer gewissen Weise aber auch psychologisierender.
Was die Literaturpreise betrifft: Ich kann mir kein Urteil über die innerösterreichischen Literaturpreise anmaßen. Was mich aber als Auslandsösterreicher besonders freut, ist der außerordentlich hohe Anteil österreichischer Autoren, die sowohl bei den renommierten Literaturpreisen im deutschen Sprachraum bis hin zum Deutschen Buchpreis abräumen wie auch auf den Besten- und Bestsellerlisten. In Punkto Kreativität ist die Bedeutung Österreichs innerhalb des deutschen Sprachraumes nicht nur in der Literatur wesentlich höher als es der Bevölkerungszahl entspricht, sondern auch in Theater, Film und in den Medien generell.
Hier gilt die Devise: In der Kultur sind wir eine Großmacht. Vereinfacht formuliert: In der Kultur sind die Ösis wie beim Schifahren, nicht wie beim Fußball. Und das ist gut so, auch wenn sechs Österreicher unter den ersten fünf nur selten realisierbar sind [2].
Das Buch zum E-Book verhält sich so wie die Vinyl-Schallplatte zu den neuesten technischen Errungenschaften. Was sagst Du zur Buch kontra E-Book Debatte?
Das E-Book an sich ist eine unbedingt begrüßenswerte technologische Weiterentwicklung, die weder das Ende des Lesens noch den Untergang des Abendlandes bedeutet. Dieses hat auch die Einführung des Wahlrechtes für Frauen, das Aufkommen der Eisenbahn, des Kinos und der E-Mail überlebt - allesamt ebenfalls positive Errungenschaften. Allerdings handelt es sich schlicht um die größte technologische Umwälzung unserer Kulturbranche seit 500 Jahren, also seit Gutenberg den Buchdruck erfand. Die Umstellungsproblematik für alle Beteiligten ist enorm und erfordert große Flexibilität. Auf Dauer entscheidet jeder Leser bzw. Käufer, welches Format (print oder digital) für ihn das richtige ist, wobei die nächste Generation jeweils anders tickt als die vorgehende.
Wie sieht nach Deiner Meinung der Buchmarkt in fünf Jahren aus?
Wir müssen nur in die USA schauen, wo der Markt bezüglich E-Books zwei bis drei Jahre weiter fortgeschritten ist. Der Marktanteil in der Belletristik für digitale Bücher beträgt dort 2012 knapp 20%. Wenn wir spezifische Besonderheiten im deutschsprachigen Raum berücksichtigen - die allerdings nichts Gravierendes an der grundsätzlichen Entwicklung ändern - und zwei weitere Jahre in die Zukunft blicken, lässt sich mit einiger Wahrscheinlichkeit ein Marktanteil von mehr als 25% erwarten, eher 30%. Für das Sachbuch wird der Anteil immer geringer sein. Einzelne Bücher erscheinen schon heute nur mehr im E-Book, dieser Trend wird sich verstärken. Was den Anteil der selbst verlegten - ohne Verlag, ohne Lektorat, ohne eindeutige Positionierung, handgestrickte Cover, kaum Marketing usw. - E-Books betrifft, bin ich zuversichtlich, dass dieser zurückgehen wird. Es ist leichter, eine Nadel in einem Heuhaufen zu finden als einen vernünftigen Text, der bei Kindle oder sonstwo für 0,99 € selbst hochgeladen wurde.
Und was passiert mit dieser Nadel?
Wenn sich ein “self published” Autor als E-Book erfolgreich durchgesetzt hat, wie z.B. Amanda Hocking in Amerika oder Jonas Winner mit “Berlin Gothic” in Deutschland, dann ist sein größtes Bestreben, von einem namhaften Verlag unter Vertrag genommen und auch in gedruckter Form verlegt zu werden. Eigentlich ein Treppenwitz, aber es zeigt die nach wie vor große Faszination des klassischen Mediums, des gedruckten Buches.
Auf Knopfdruck verschwinden die E-Book-Texte. Welche Bücher wirfst Du weg?
Als Buchprofi lautet die ehrliche Antwort: die überwiegende Mehrzahl der Bücher, die ich nach Hause schleppe, um reinzulesen, anzulesen, wenn es die Zeit erlaubt auch fertig zu lesen. Das sind ein paar hundert pro Jahr. Niemals würde ich ein mir vom Autor gewidmetes Buch wegwerfen, und keinesfalls eines meiner Lieblingsbücher - das sind allerdings ein paar tausend. Und trotz aller Platzprobleme kommen jedes Jahr mindestens hundert dauerhaft dazu. Wenn es irgendwann um die berühmte Frage der drei Bücher für die Insel geht: Allan Lightman “Und immer wieder die Zeit”; Thomas Mann “Joseph und seine Brüder” und vermutlich die Bibel.
[1] 1975-1982 Verlag Fritz Molden Wien; Programmgeschäftsführer Heyne Verlag, München 1982-1998; seither Verleger Droemer Knaur München.
[2] Saison 1998/99 beim Super-G von Innsbruck am Patscherkofel auch an 5. Stelle zwei Österreicher zeitgleich
Hans-Peter Übleis
Geb.1951 in Steyr, OÖ, Studium Handelswissenschaft und Jus Wien, Assistent am Institut f. Absatzwirtschaft und Diss „Das absatzpolitische Instrumentarium multinationaler Unternehmen“ 1975. Anschl. Assistent, dann Verlagsleiter und zuletzt Verlagsdirektor, Geschäftsführer des Molden-Verlags bis 1982. Bis 1997 Verlagsleitung Programm im Heyne Verlag München und Geschäftsführer div. Tochtergesellschaften und Mitgesellschafter. Seit 1998 Verleger und Programmgeschäftsführer von Droemer Knaur (Droemer, Droemer Paperback Knaur, Knaur Taschenbuch, Mens Sana, O.W.Barth, Pattloch, Schneekluth). Nach 37 Jahren in der Verlagsbranche und rd. 20.000 verlegten Büchern entwickelt er sich zum Branchen-Urgestein und ist bekannt für eine unösterreichische Eigenschaft: Sein Durchhaltevermögen und seine Stehaufmännchenqualitäten beim Herausheben des Droemer-Verlages aus der damaligen Krise. So nebenher pflegt er das durchaus österreichische Idyll einer Großfamilie.
LitGes, etcetera Nr 50/ Wozu Literatur?/ November 2012
