85/LitArena X/Siegertext 1. Platz: Helene Proißl: orangenhaut und knitterfotos

Helene Proißl
orangenhaut und knitterfotos

wo ist denn das schöne teeservice, das mit den handgemalten schnörkelblumen? du weißt schon.
oben im kasten, moment, da musst du an der tür ruckeln, damit der aufgeht.
sie reibt sich die hände, es wird wieder einmal groß aufgedeckt. ah, ich seh schon.
sie schaut dir zu, wie du an der kastentür rüttelst, lange vergeblich, dann hört sie auf hände zu reiben, kommt dir zu hilfe; warte, lass mich probieren, du musst das so nach oben, so, ich hab da schon meine methode.
du lässt los und schaust ihr zu, wie sie die kastentür überlistet. schau, da ist es, jetzt stellst du es am besten hier hin, dann steht es später nicht im weg.
du stellst es hier hin.
stellst dich an die wand und weißt nicht so recht, was du noch tun kannst.
zählst: speiseteller und suppenteller, salatschüsselchen,  dessertteller in der küche, vorlegebesteck, brotteler, ja auch, brotmesser, gabel, gabel, messer, messer, löffel, dessertgabel, dessertlöffel, glas, anderes glas, noch ein glas, wasserkrug etc. du hörst auf zu zählen, fixierst deinen blick an den staubigen gelkerzen im zimmereck, schraubst deine augen in dieses erstarrte aquarium, riechst auf einmal den eingangsbereich eines hotels, moderne stoffbezüge, gereinigten boden, blumen, hörst weit weg wasser plätschern von irgendeinem indoorbrunnen. dich stößt etwas. sie will vorbei, hat tee aufgegossen, du hast es gar nicht bemerkt. grüntee, zwei minuten, achtzig grad, aber es ist doch noch niemand da zum teetrinken, wunderst du dich. du wunderst, der tee dampft, du greifst zum handy und machst ein foto vom schönen tischgedeck, so schön ist es hergerichtet, in der küche riecht es nach angebratenen zwiebeln.
sie kommt mit einer blumenvase herein und schafft es, sie zwischen der ganzen geschirrflut auf dem tisch unterzubringen. jetzt stehen palmen auf dem tisch, denkst du, schöne palmen, duftepalmen in ein paar zentimetern wasser, es riecht exotisch hier, du setzt die sonnenbrille auf und tanzt einmal um den tisch, ravest kurz, dass die kristallgläser im schrank wackeln, das gute hochzeitsservice hüpft, natürlich nur in deinen gedanken, denn in wirklichkeit wurzelst du an ort und stelle, palmst nicht nach oben, sondern bleibst verhaftet, während sie den zwiebelgeruch ins esszimmer trägt und gleich darauf butter, buttergeruch, brutzelbutter, wie riecht das, du kannst es nicht beschreiben, jedenfalls kommt jetzt brutzelbutter herein, die um irgendetwas herumzischt, ein stück fleisch oder gemüse. ein klassiker, sagt sie, aber du hörst es gar nicht, bist viel zu sehr mit deinem inneren rave beschäftigt, überall blitzen die lichter.
hilfst du mir beim anrichten, unterbricht sie dich. du setzt deine sonnenbrille ab und hilfst ihr beim anrichten, richtest große portionen an, achtmal, bist ungeschickt, stellst dich an, stellst nichts an, bleibst brav, ravest nur innerlich im bauch noch weiter.
wie auf bali sein und sich mit farben beschmieren, einen untersetzer holen, hände in die höhe, das besteck zurechtrücken, es dampft, ist es die nebelmaschine oder das essen. sie rückt noch stühle zurecht, ohne hinzusehen völlig präzise, als würde sie den ganzen tag nichts anderes machen, als stuhlschiebeproben.
ihr setzt euch, könnt ja zumindest schon einen aperitiv nehmen, wenn alle zu spät kommen. prosecco, campari, spritzer, alles da, nur keine bescheidenheit, wünsch dir, was du möchtest. du nimmst einen wodka soda mit einer scheibe zitrone, um sie nicht zu enttäuschen, weil du eigentlich kaum trinkst. nach ein paar schlucken spürst du die wärme in dir, bist schon fast am strand, schaust die tischpalmen an und blinzelst einmal, lässt die augen kurz zu, das bild hallt nach, blinzelst noch einmal, wieder die augen geschlossen, das bild nachhallen lassen, es ist wie ohne kamera fotos machen, die sofort wieder verblassen, zärtlichkeiten. ihr stoßt an, irgendwie umständlich über den tisch gebeugt, über den dampfenden speisen und es ist noch immer keiner da.
mitten im essen springst du auf, musst in die kästen schauen, suchst nach den gästen, ob sie sich versteckt haben, reißt kastentüren auf, fronten ein, findest alte familienportraits mit zerlaufenem batikhintergrund. ihr sitzt auf der couch. du lässt dir bilder erklären, reisefotografien, jordanien, sizilien, ägypten, sie ist sehr genau in ihren ausführungen, führt dich an orte, die es so nur auf dem bild gibt.
ihr verortet euch in den bildern, verliert euch auf dieser durchgesessenen ledercouch, die du nicht zuordnen kannst zu der wohnung, und noch immer hat niemand geläutet. gerade seid ihr in italien, du erkennst verbrutzelte rücken am strand, haarige muttermale, den beginn einer arschfalte, zerknitterte hochglanzmagazine in den sand eingegraben. oftmals fremde fingerkuppen an der rechten oberen bildecke, irgendwer hat da beim schießen nicht gut aufgepasst und sich selber mitgeschossen, sich selber an den strand geschossen, da sind sie alle erlegen, schön eingecremt, die glänzenden ärsche zum himmel gestreckt.
sie wetzt auf der couch hin und her, wirkt ungeduldig, will zeit überbrücken mit ihrem einzigen gast, der sowieso so oft da ist, schon fast nicht mehr gast ist. aber heute ist eine gästliche stimmung, es müssen ordnung und unterhaltung abgehalten werden und so hält sie dich am sofa fest mit femden erinnerungen, die sich seltsamerweise in deinen kopf setzen als wären es  deine eigenen, als wäre es deine arschfalte am strand.
draußen regnet es, vielleicht sind alle gäste davongetragen worden von einer welle, von der innenstadt in den randbezirk, randnotiz, niemand hat's bemerkt. und jetzt schweigt die glocke, der summer singt nicht: vierter stock, ohne lift, kommt rauf, es ist gedeckt, jetzt wird gespeist im engen zimmer, dicht aneinander, gibst du mir die sauce, reichst du sie mir, danke, wunderbar, nur einen klecks, nicht zu viel, nachnehmen kann man ja immer. als nachspeise esst ihr fruchtsalat aus einer großen schüssel, ihr hievt große schöpfer voller süße in kleine porzellanschalen. dann trinkt ihr kaffee. der tee zieht noch, die zwei minuten längst um, aber sie beharrt darauf, das sieb nicht zu entfernen, erst wenn die gäste kommen. sie füllt dir eine ordentliche portion fruchtsalat in einen plastikbehälter, aber du sollst auf keinen fall noch gehen. mit der kaffeetasse in der hand gehst du durch die wohnung und schaust dir jeden platzteller, jede porzellangemalte blume genau an. die palme auf dem tisch setzt dich in den dschungel, überall erkennst du blumenmuster auf dem geschirr, das du beäugst. so touristest du dich in einer
so vertraut fremden wohnung von zimmer zu zimmer, während sie in der küche herumsteht.
dann kommt sie zu dir ins wohnzimmer, wo du gerade platten anschaust und erzählt dir eine geschichte zu jeder der platten, die du in die hand nimmst. neunzehnhundertirgendwas und da war sie und es war toll und du hast schon wieder bilder im kopf, die du nie gesehen – du steigst in ein erzähltes leben, das dir durch dinge und bilder einverleibt wird, eine neue serie von erlebtem, in die du dich erst fügen musst. irgendwie bist du süchtig und musst immer neue dinge in die hand nehmen, nicht nur mehr anschauen, du musst sie angreifen, durchgreifen, alles fühlen, fremdes leben zu dir holen, es langsam spüren, in die serie schlüpfen; gut ausgepolstert ist sie, noch alles im probiermodus. deine hände schwitzen und sie zeigt dir wieder fotos, gibt dir jedes einzeln in die hand, dir glitschen sie durch die finger, gerade dass du auf die urlaubigen fotos nicht noch mehr salzwasser tropfst, als ohnehin schon auf den meisten vorhanden ist. du schüttest ein paar tropfen deines kaffees aus, dein porzellan kippt, die tropfen fallen auf den teppich (aus ägypten, gekauft wann, zweitausenirgendwas), die beigen härchen färben sich braun, entschuldigung. die fotos wirken sonnengebleicht, die wohnung ist dunkel, es wird abend, die braunen massivholzschränke verdunkeln das zimmer zusätzlich, der kaffeefleck trocknet usw.
du bist ganz ins andere leben übergegangen, das für dich zurechterzählt wurde, du fühlst deine orangenhaut wie sie braun wird, wie sie goldbraun wird, butter im sand, sandige butter auf der zunge, die zehen feucht vom meer, kaffeemeer.
sie wärmt nochmal das essen auf, die speisen, bis zweiundzwanzig uhr wird sie noch warten mit dem abräumen, wenn dann keiner kommt, selber schuld, es ist schließlich alles köstlich.
du bist in fotos eingegraben auf dem fastbeigen teppich und bräunst dich brutzelbuttrig. aus der küche dringen schläge, schlagobers für einen letzten kaffee aus den edlen tassen, vielleicht mit einem tröpfchen likör, einem tröpfchen rum, einem tröpfchen für den teppich, der tee zieht ins unermessliche.
um punkt zweiundzwanzig uhr wird abgeräumt, zugedeckt, eine alufoliendecke ausgebreitet, der kühlschrank befüllt, die leeren teller gestapelt und zur eingangstüre gestellt, es folgen vorlegebesteck, brotmesser, gabel, gabel, messer, messer, löffel, dessertgabel, dessertlöffel, glas, anderes glas, noch ein glas, wasserkrug etc.
du hast einen sonnenbrand, siehst  verschrumpelt aus, wirst heute einfach da schlafen. du machst es dir auf dem sofa bequem und schläfst ein, mit neuen erinnerungen im kopf und im fernsehen läuft ein naturfilm.
in der früh wirst du geweckt von einem lauten klirren.
wie wenn die müllabfuhr den glascontainer leert, aber es klingt eine spur dunkler, nicht so kreischend. du schaust aus dem fenster und siehst unten einen müllwagen, davor der stapel von eurem geschirr, dem guten service, dem guten porzellan. nacheinander werden teile ins fahrzeuginnere geleert, wo alles zerschellt.
dein bildfeld knittert, die fotos auf dem teppich sind bleich, deine bräune ist verschwunden. die geschirrabfuhr zerreist etwas, reißt weg, und reist weg, irgendwohin, wo sie dann ausfranst und die bildränder unscharf werden.
dein knittriger blick trägt sandkörner, du reibst dir denschlaf aus den augen.
wohin reisen, wenn es nichts mehr gibt? du weckst sieund sie erzählt dir von ihrem traum.

Helene Proißl
Geb.1996 in Wien. Studiert Germanistik an der Universität Wien, schreibt Lyrik und Prosa. 2020 Förderpreis der Marktgemeinde Hard, Vorarlberg. E-Mail: helene.proissl@gmail.com