35/ Lyrik: Kyoka. Hahnrei Wolf Käfer
Hahnrei Wolf Käfer
Kindheit? Das ist die
Verkürzung des Traumas zum
sanften Traum. Ob nur
im Kopf, ob buchgebunden -
Kindheit ist stets erfunden.
Wer will in diese
Welt schon geboren werden?
Aber spreizt euch nur
nicht allzu lang, ihr Rangen,
sonst kommt man euch mit Zangen.
Kinder sind eine
famose Ausrede für
junge Paare. Was
früher nicht gerade lief,
geht nun ihretwegen schief.
Alles tut sie für’s
Kind, sie ist nur für es da.
Sie geht, und wehe,
es ist nicht darüber froh,
sogar nur für es aufs Klo.
Nesthockerei macht
bequem und antrieblos. Wohl
dem, der das Weite
- von den Eltern geschunden -
früh gesucht und gefunden.
Man spürt es gar nicht,
lobt die Mutter das brave
Kind. Weiß sie nicht, dass
das Kind, das man nicht spürt,
sich auch selbst nicht spüren wird?
Die Mutter nimmt den
Mund etwas voll, dass man in
diesen nur Essen
nehmen soll. Diese Phrase
rümpft dem Vater die Nase.
Statt sich ein Verbot
zu merken, sollen Kinder
vielleicht mitzählen?
Beschuldigend wird geklagt:
Wie oft hab ich dir gesagt ... ?
‘Ihr schimpft ja nur’ hört
man oft von Kindern. Worauf
die Eltern sehr schnell
dies Gefühl mit heftigen
Ausbrüchen bekräftigen.
‘Das fleckige Hemd
ziehen wir nicht mehr an’, sagt
Mutter. ‘Uns würd’ es’,
kann sich der Sohn kaum fassen,
‘gemeinsam eh nicht passen.’
Der Sohn untersucht
um vier Uhr morgens Vaters
Ohr hingebungsvoll.
Groß der Mann, der Forschergeist
auch um diese Stunde preist.
Schwimmen geht die Frau
mit ihren Kindern, doch es
kommt ein Gewitter.
Manche plötzlich, wie ihr seht,
mit dem Baden baden geht!
‘Ich schmier dir eine!’
Diese tranige Drohung
hört man heute noch.
Wo sich Vater nicht geniert,
folgen Kinder wie geschmiert.
In der Lade quetscht
sich das Kind den Finger und
schlägt dann den Kasten.
So machen’s manche eben
ein ganzes tristes Leben.
Jung macht alleweil
genau das Gegenteil. Um
hier die Erziehung
halbwegs zu erledigen,
sollte man Wein predigen.
Welcher Idiot
hat behauptet, kein Mensch sei
unmusikalisch?
Grässlich dieser Elternstolz.
Schade ist’s ums Flötenholz.
Die Turnübung und
die Rechenübung und dann
noch Hausübungen.
Fragt ein Kind doch grad heraus:
‘Lehrerin, wie übt man Haus?’
Sind die Kinder schlimm,
beschuldigen die Eltern
einander. Es geht
Glas wie Ehe oft zu Bruch
bei solch Erziehungsversuch.
Den Buggy stemmt die
Mutter in die Straßenbahn,
und niemand hilft ihr.
Man hört sie fluchend sagen:
Nie wieder Kinder wagen.
Der Christkindlmarkt!
Dass Glitzern, Funkeln, der Duft
von Punsch. Wenn ich die
Standleraugen leuchten seh,
wird mir doch ums Herz so weh.
Kurzbiografie: Hahnrei Wolf Käfer
Selbst vollbeschäftigter Vater dreier Rangen, hat als letzte Veröffentlichung den Lyrikband „Sicher kein Wunder / Senryus von einem, der Vater wurde“ (mit Grafiken von Lore Heuermann) herausgebracht.
Anmerkung vom Autor: Kyoka, das ist eine japanische Lyrikform, die sich vom Tanka nur dadurch unterscheidet, dass die Gedichte einen parodistischen oder heiteren Gehalt haben sollen.