Stein / Etcetera 89 / Lyrik / Olja Alvir & Clemens Braun: Sandschaften

uneinig einander
bis unser dichtstoff sich
(wie hüttensand) von unserem
treiben unbesessen macht

traut ein kiesel, schotterblank
den anderen, gemeinsam
in den tiefen flaschenhals zu sickern
felsspät, bis zur dauerbrache?

mit der schmelze taut
dem gestein ein löschungshafen:
als ausgeschwemmter vers der zeit
entrinnen, wieder flusslich werden

jetzt im ankerlosen tasten
der schuttnachbarn aufgehen
und sich zwischen ufern
eigentümlich spülen

tauchnacht, meerwärts
wie ein mühlstein gegen wasserunterflächen:
von dort ein gelber fels im bärenstrom
von hier aus ein laternenschiff

schwebebindiges vetrauen
wächst wie aus kittgesprächen
zu einem ersten fall,
seine flüchtigkeit pazifisch

unsere körperdichtung hält
im schüttgut unserer äonen:
kein gesteinsbild ohne erosion
kein plural ohne grenzorgan

wir gehen in die gischt und sehen
dass die haut ein segel ist

Olja Alvir
Autorin und Übersetzerin. Ihr Roman „Kein Meer” erschien 2016 in Wien; ihr Gedichtband „Spielfeld” erscheint 2022 in Graz. Publikationen in diversen Literaturzeitschriften. olja.alvir@gmail.com

Clemens Braun
Schreibt und forscht in Wien. Neben Gedichtpublikationen (z.B. in Why nICHt?) Vorträge zu Männlichkeit(en) in der Romantik und literarischer Naturgeschichte.
clemens.a.braun@gmail.com