Wolfgang Mayer König: Heimat: Wien

Wolfgang Mayer König
Heimat: Wien


Römer haben Weinreben nach Wien gebracht
kaum ein Mensch, der lesen und schreiben konnte,
in Häusern, niedrig, fensterarm.
Aber trotzdem diese besonderen Charaktere hervorgebracht, ausgestattet
mit der Doppelnatur der Wiener:
Nicht das zu sagen, was zu sagen ist,
sondern einfach etwas anderes.

Dem Erledigten immer erinnerungslos gegenüber.
Dementsprechend auch dem weinblattgrünen und
fliederfarbenen Grundton der Landschaft
erinnerungslos gegenüber
über die es hieß, es erlösche irgendwo, irgendwann
in ihr das Licht von innen her,
ein Geläute von ferne her, ein Vogelflug.

Dem ersten Eindruck von Wien also im Fluge auf der Spur.
Entfernt an Salomons Hohelied erinnert,
an das dort gebrauchte Bild der in die Felsspalte
zurückfliegenden Taube für die Geliebte.
Salomons Sinn für das Detail.
Er hatte möglicherweise ein Augenleiden.

In Wien heißt es: Verzichten lernen!
Nämlich auf all das, worauf man noch kurz zuvor
besonderen Wert legte.
Man ist hier laufend Lautverschiebungen ausgesetzt.
Da heißt es robust sein, unerschütterlich.
In Wien scheint niemand zu gewinnen, niemand zu verlieren.
Hier überlebt auch der Teil ohne das Ganze.

Du bist aber richtig und gut aufgehoben, wenn du ein Herz hast
für handgenudelte Sprache.
Wo quälende Zärtlichkeiten
stets zum Heilmittel der Sprache werden,
nämlich immer dann,
wenn sich das Aufgemascherlte bald selbst verlacht.
Ja, in Wien ist das Kostbare an und für sich zu Hause.
Allerdings schlägt es gerne in Hohn auf die Werte um.
Insbesondere dann, wenn der Wiener nicht mehr weiß,
was er mit seiner Sprache tun soll,
wenn das Gefühlschaos nicht mehr aufzuhalten ist.

Man trifft hier auf Worte wie Orte, die eine besondere Bedeutung
nicht mehr abgeben wollen. Nicht nur deshalb,
weil sie mit Heilslehren vollgepackt sind,
sondern weil sie grundsätzlich in ihrem Umfeld im Stande sind,
alles Gleichartige aufzuheben.

Das blieb auch für die Zeiten ohne Unterstand:
Kriegszeit, Verfolgung, Deportation.
Es blieb nicht mehr als der Gebrüder Schrammels Geigenwrack;
vielleicht die „Chromatische“, die „Diatonische“ mit Gehör.
Ängstlicher Luftschutzkeller-Nächte
sirenenheulende Schrammelmusik.
Die unvermeidlichen Kinderschuhe im Bombenschutt.
Die Stimmungs-Pest im Tapetenwechsel.

Was ist das für ein Phänomen: Heimat Wien?
Was ist das für ein Archetypus: Ahnenkult in Wien?
Hier hatte vieles seinen Ausgang genommen.

Der das Männerasyl frequentierende Junge aus Braunau,
der im Haus meiner Großmutter Tapeziererlehrling war
und den Dienstmädchen im Haus politische Brandreden hielt –
von Schönerer und Lueger – die sie nicht interessierten
und den Nägelbeisser mit der Bitte zurückließen:
„Adolf, wenn du uns schon von der Arbeit aufhältst,
dann doch nicht mit so etwas!“
Was er damit quittierte,
dass er Skizzen und Notizen zerfetzte und aufaß.

Es war dasselbe Haus meiner Großmutter,
wo der allein stehende Kunschak,
von seiner Schwester betreut,
all seine Habe laufend ans Blindeninstitut verteilte
und sich meiner Mutter, die schon früh den Vater verlor,
wie ein Ziehvater widmete.
Dort wurde er von den großen Vorbildern Österreichs
Raab und Figl aufgesucht
und mit der Frage konfrontiert:
„Alter, wann gehst‘ denn endlich?“
Worauf der Verdiente und dadurch bitter Gekränkte
mit den Worten reagierte:
„Hab ich nicht genug Gutes getan, daß ihr mich jetzt weg haben
und mich um mein Staatsbegräbnis bringen wollt’s?“

Warum sollten sich Politiker weniger kränken
als das einfache Volk?

Etwa dann, wenn alte Rentnerinnen
vor dem Postamtschalter stehen?
Sie kommen mit erhobener Handtasche auf den Schalter zu.
Sie trommeln mit der Handtasche gegen die Scheibe.

„Wann bekomme ich endlich mein Geld?
Das ganze Leben habe ich mich abgerackert
und nicht einmal reden will man jetzt mit mir!“

,,Komm` Mutterl! Willst uns den Schalter blockieren?
Siehst du nicht die Schlange, wie viele sich schon hinten anstellen?
Es ist noch nicht der Monatserste.“

„Aber mehr Respekt möcht ich!
Das kann man doch auch von einer jungen Frau verlangen.“

„Aus jetzt, Mutterl. Geh schön heim.
Warum musst gerade uns am Elterleinplatz da immer quälen?“
„Ja, Elterlein! Ihr erkennt’s ja gar keine Eltern an
und die Älteren respektiert’s ihr ja schon gar nicht!
In der Schule lernt ihr alles, aber nur nicht,
wie man die Leut’ behandelt. Warum man nicht jemanden,
nur weil er alt ist, gleich umbringen kann.
Bei Corona erst, hupft`s euch der Staat vor,
wenn ma` unter achzig sind, nicht bei den Medikamenten
und Arztkosten zu sparen.
Weil nur mehr was getan wird, wenn‘s Heilungsaussichten gibt.
Aber wir ganz Alten haben halt keine Heilungsaussichten mehr!“

,Aus jetzt! Der Nächste bitte, der Nächste, hab ich g‘sagt!“

Im Wiener Parlament heißen alle Genossinnen und Genossen,
ob‘s Rote, Schwarze, Türkise, Blaue oder Grüne sind,
weil das Wort angeblich vom lateinischen „consortes“ kommt. Die
Genossinnen und Genossen also, beim langen Zuhören
teils eingenickt, teils eingeschlafen.
Sie hätten ohnehin nicht Auskunft darüber geben können,
worum es eigentlich geht. Sie bemerken nicht,
wie viele aus dem Sitzungssaal wegrennen,
wie viele in ihrem geistreichen Parteijargon reden
und wie viele Provokation zementieren.

Es gehört zur Methode der Wiener,
immer über die jeweils anderen zu sagen:
„Die wissen einen Dreck davon.“
Nach Vorlage einer Studie oder der Beendigung einer Kommission
heißt es dann: „Wir wissen einen Dreck davon.“

So funktioniert die Selbstzerstörung der Demokratie
wie der Entwicklungsprozess, der beim Schöpfungsbericht beginnt
und mit dem Radetzkymarsch als Begleitmusik
zur Zerstörung Jerusalems endet.

Weil das, was die Grundschicht Jahrhunderte entbehren musste,
jetzt die Damen und Herren glauben,
in einem maßlosen Volksgüter-Ausverkauf
kompensieren zu dürfen.
Weil das für die Leute so gut sein soll:
europaweit und selbstverständlich kriterienkonform.

Ob Politiker oder einfaches Volk,
sie halten sich nicht die Hand vor den Mund,
sie kommen unverschämt auf die Wohnungstür zu,
die meisten wollen, dass man sie wählt.
Sie geben den Kindern Zuckerln oder gleich eine Bankomatkarte.
Ein solcher Fall, ein solch vorhersehbarer Zwischenfall
ist in Wien geradezu vorprogrammiert.
Hier nimmt man gerne Deckung hinter einem Mikrofon,
wenn man sein Ziel erreichen will.

Wiener legen besonderen Wert auf geeignetes Sitzfleisch.
Hier werden Hosen durchgesessen, als ob Menschen hier und da
auch ein neues Gesäß benötigen könnten. Wie oft hat man
es ihnen schon flicken müssen, wie oft halten sie es uns vor,
sie halten uns ja immer nur ihren Hintern hin.

So laufen in Wien Gespräche in Gefahr,
sich auf das Wesentlichste zu beschränken.
Keine einzige Schlagzeile entfacht mehr eine Revolution.
Dass ich also peinlich wurde,
nimmt mir in Wien keiner mehr krumm.
Ich bin sogar kein Hypochonder mehr.
Nein, sagen sie, sie wollen es sogar teilweise zugeben.
Sie sagen, sie seien gar nicht so,
sie wollen durchaus fair sein und einräumen,
dass vieles schief gelaufen sei.
Denn wo gehobelt wird, da fallen Späne.
Irren sei menschlich und wo Menschen sind,
dort würde es menscheln.

Sie wollten keinen geborenen Repräsentanten,
und schon gar keine faschistischen Mordbuben mehr.

Sie wollen den aus der Gemeinschaft Auserlesenen.
Nicht als das geringere Übel, sondern
als die Gleichung aus Chance und Eigenschaft, eine Zukunft
der Erwartung hinter den Abziehbildern.

Dann machen sie sich‘s wieder bequem.
Sie brauchen nur Dingsbums zu sagen,
und schon stellen wir uns wieder mit unserer Stimme ein.
Hin und her gejagt zwischen den diversen Farben,
sind wir genötigt, unseren eigenen Gürtel enger zu schnallen,
nicht den ihren.

Wir haben es mit Intellektuellen zu tun und was sich so nennt,
also mit Leuten, die sich von ihren Manieren Erfolg versprechen.
Man schöpft keinen Verdacht mehr,
wenn sie zu interner Kritik auffordern,
wenn sie sich mit Wünschen nach Mitwirkung überbieten.
Und es ihnen doch immer wieder gelingt,
unter sich zu bleiben.

Oft weiß man nicht,
wie belangvoll oder nicht Vergleiche ausfallen sollen.
In der Wienerstadt brauchen wir Lärmschutzwände keine,
das sind schon die Häuser selbst, in denen wir wohnen.
Wir sind eben keine Tiroler, die sich auf die Autobahn setzen
und dafür sorgen, dass im heiligen Land nichts mehr geht.
Wir sind eben Wiener, alte Wiener, stimmlose, weil machtlose Wiener,
vertretungslose Wiener, kranke Wiener, weil viel betroffener,
weil viel näher an Schmutz und Lärm des Geschehens
als die Tiroler. Ohne Abstand geht eben nichts mehr.
Was wollten wir denn auch ändern?

Wir siedeln in unseren Hinterhöfen Pseudogärten an.
Während vor der Tür der Verkehrswahnsinn,
der Erstickungskampf tobt.
Wir lassen unsere Jalousien für immer herunter.
Nur straßen- und damit sonnenseitig, versteht sich.
Wir liefern uns jeder Erschütterung aus,
wenn der Schwerlastverkehr
noch bei Gelb über die Fahrbahnübergänge poltert.
Wir werden dutzende Male nächtlich aus unseren Betten gerissen,
bis uns sogar noch das regelmäßige Beben den Gefallen macht,
uns Erschöpfte zu hypnotisieren.

Also begrabt mein loses Mundwerk in Wien,
begrabt es vielleicht, wenn der überfällige Frühling
innerhalb weniger Tage den Flieder
den sauerstofflosen Gürtel entlang austreiben lässt.
Am beachtlichsten waren doch die Damen,
welche die Viaduktbögen entlang standen.
Als Kind haben sie mich immer freundlich gegrüßt
und nicht wie die anderen verniedlicht.
Was mir dabei auffiel:
Wenn sie älter wurden, blieben sie aus.

Das alles ist und war Wien.
Wo sich in früheren Zeiten die Menschen
auf der kilometerlangen Straße zwischen Alserund
Kalvarienbergkirche fortbewegten.
Wallfahrtsgaben und Angebinde mit sich führten
und innehielten, weil sie merkten, wie es roch,
nach frisch gekeltertem Wein.

Diese Stadt, ein Schiff aus Edelholz und Gold,
manchmal ist mir,
als schleppe es ein rußiger Kutter zur Verschrottung.
Angelangt in einer Gegenwart, angelangt in einer Wirklichkeit,
in der es keine Enttäuschung mehr gibt,
weil sie zu Ende verspürt ist.
Zurückgezogen in die Häuserkluften, dorthin,
wo keine Lieder mehr wohnen
und sogar Fundämter gemieden werden.

Gott, welch eine Stadt warst du, liebenswert,
weil du trotz deiner reichen Tradition
nicht hochtrabend sondern arm warst;
dem Volke geöffnet, in den Kirchen,
Weinhäusern und Etablissements.
Feinhörig für die Sätze der Nacht
und nur aus dem Umstand zu verstehen,
dass wohl ein jedes Zimmer in Wien,
ein jedes Haus in Wien voll des Einverständnisses sein mag
für den langsamen Verfall der Nacht.

Der Morgen, wer kannte ihn nicht, vogelzwitschernd
und heisere Signale gebend von den Zügen der Vorortelinie.
Der Morgen trippelt über den Horizont der Weinberge
und Bottiche füllen sich und die Tage der Gärung sind gezählt,
wie eingebildete Leidenschaften,
die du mir oft genug ausgebreitet hast.

Die Stadt, das Wien in uns,
wie es sich über den Erkenntnisvorgang hinaus
weiter bewegt in diesem kleinräumigen Nebeneinander.
Tage hatte es nicht in Wien geregnet,
sodass der Asphalt schmolz.
Dann ganz unvermittelt diese gewaltigen Wolkenhaufen
und der Platzregen, klebrig.
Wo diese Stadt deiner Seele endgültig habhaft wird,
wohin die ständige Bewegung des Sehens
dich auch ziehen mag.

Trotz allem für dieses Erlebnis der Stadt unversehrt geblieben.
Sieh doch, wie es dich erfasst hat.
Und kleinste Dinge sagen wieder „du“
oder „kuckerukucku, kuckerukucku.“
Darüber die Skizzen mit dem Kuckuck und dem Tauber,
und daraus die Wiener Tänze.
Konrad Schrammel ließ im Krieg den Unterarm
und blieb sein Leben lang ein Werkelmann.
Und in Wien erforschte man derweilen die
Schrift, ob sich‘s auch so verhielt,
wie man die Wiener lehrte.
Die Schrift, die Kluge zum Narren hält
und den Kleinen und Albernen offen steht.

Und über allem, den Häuserblöcken, den Wiesen und Weingärten,
in denen Blütenbäumchen Terrassenmauern höhnen,
wechselt der Himmel aus Sonne und lichtem Grau.
Du willst wieder Gehsteige entlanglaufen,
das Fieber der Aderlasser und Verstandesschärfer abschütteln
und glaubst zu hören,
wie erst das Cello webt,
wie dann die Bratsche kühlt,
wie sehr das Herz erlebt
und wie die Geige spielt.


Wolfgang Mayer König
Schriftsteller und Universitätsprofessor, Jg.1946, Autor von 48 Buchpublikationen, Gründer des Österr. Universitästliteraturforums, Herausgeber der Zeitschrift f. intern. Literatur „LOG“, Verfasser des Zivildienst-Bundesgesetzentwurfs, Koordinator des humanit. Wiederaufbauprogramms für Vietnam m.d. Intern. Roten Kreuz in Genf, Koordinator der Geiselbefreiung des EC-Terrorüberfall, Ständiger Delegierter der Vereinten Nationen, Mitgl. d. Akademien der Wissenschaften u. Künste: „Tiberina“ Rom, „Cosentina“ Cosenza, „Burckhardt“ St.Gallen, „Europa“ Viterbo,“Gentium pro Pace“Rom. Verdienstorden der arab. Republik Ägypten; Chevalier des Arts et des Lettres ; Ö. Ehrenkreuz f. Wissenschaft/Kunst I. Kl.; OÖ. Kulturmedaille f. Literatur; Körner Preis f. Literatur; Int. Friedenspreis; Ehrenobmann der Lit.Ges. St. Pölten seit 2006. Texte aus der Quarantäne 2020 siehe www.litges.at/BLOG