etcetera 26/Oktober 06/Nahaufnahme
L’AMOUR NE VIENT PLUS
oder Ein Monolog in Gedichten
Milena Michiko Flasar
Für dich, der du traurig bist,
Bruder,
ein Quäntchen Traurigkeit mehr!
1.
In mich ist eine Angst gekommen. Und ein Fieber.
Ich überlege, ob ich Gedichte schreiben soll.
Weil Gedichte für traurige Menschen sind.
Ich überlege, ob ich ein Glas Wein trinken soll.
Oder gerade jetzt! durch die Straßen laufen
mit einem bösen Mund.
Oder vielleicht telefonieren.
Oder ---
Wer weiß? Mutig sein.
Aber es will mit dem Nachdenken kein Ende nehmen.
Am Schluss ist es jedes Mal ein Kater.
Und immer sitze ich und schaue
auf regengrauen Beton.
Dass ich meine, mein Herz würde krank!
Schon morgen werde ich sterben.
[Mit Leichtigkeit!]
Ich bilde mir allerlei Krankheiten ein.
Ich möchte rufen:
Ich wünsche mir ein breites Bett!
Ich läge dann sinnlos auf blanken Laken.
Und zeichnete (in meinem Herzen) dein verrücktes Gesicht.
Gäbe dir Namen, abertausende!
Mein nachtschöner Prinz.
Und Tiere, die dich liebten,
--- weil ich es nicht darf.
2.
Et quand toutes les étoiles du soir sont tombées
Je serais près de toi,
Dans la nuit la plus sombre.
Wer hat gesagt, Französisch sei die Sprache der Liebe?
Ich sage dir: Es ist eine u n g e s u n d e Sprache.
Meine Nerven verspannen sich daran.
Unentwegt suche ich Wörter,
deine Gewöhnlichkeit zu preisen.
Unentwegt suche ich Farben,
mir den Himmel zu beschreiben
(der in deinen Augen wohnt).
Unentwegt bin ich mir selbst in die Brüche gegangen.
Und habe es gar nicht bemerkt.
Komm über mich, Lieber! Dies sei mein Gebet:
Ich habe meinen Namen verloren.
Irgendwo geht ein eisiger Wind.
Meine Wohnung ist ein Boot.
Irgendwo weint ein Kind.
Wo sind die Sicherheiten?, möchte ich fragen.
In dieser vorläufigen Welt.
Schon jetzt stehe ich müde –
Am Schlagbaum unserer Abschiede.
Dein Rücken kehrt schwarz in die Nacht.
3.
Aber ich entferne mich.
Mit meiner Haut wird es dünner von Tag zu Tag.
Unsere Möglichkeit berauscht mich.
Sie macht mich weit.
Wir könnten in dieser Welt sehr glücklich sein.
Wir könnten zu dieser Stunde gesegnet sein.
Wir könnten ---
Aber das ist wider das Gesetz.
Irgendwer hat festgelegt:
Du sollst es für mich nicht gewesen sein.
Doch wer kann das verstehen?
- Ich bin ein ganzer Paragraph an Einsamkeit.
4.
Wer hat die un-mögliche Liebe erfunden?
Wie sieht er aus?
Der Mensch, der sie erschaffen hat?
Ich bin sicher:
Seine Augen sind schwarz.
Und es fallen die Sterne heraus.
Und ein jeder verblutet sich
auf uns`ren Wegen –
wird Stein, wird Jahrhundertgebirg.
Ungangbar!
Ungangbar!
5.
Ich habe entdeckt:
Wir sind unerfüllbar
auf die eine oder andere Art und Weise.
Wir haben beschlossen:
Wir wollen wie lebende Bilder sein –
du rechts und ich links.
du hüben, ich drüben.
Und kein Atem weht warm zwischen uns.
6.
O ich möchte zerspringen!
Kein Wort ist mir genug.
Oder wie wäre das?:
Der grüne Junimond hängt schief!
Oder:
Himmel! Es ist schade um die Menschen!
Oder:
Mein Herr, ich bitte Sie,
geben Sie mir ein bisschen von dem süßen Stoff.
Rezeptfrei, versteht sich.
Ich werd` es Ihnen danken.
Oder auf englisch:
WHAT A HELL OF COWARDS AROUND!
I NEED CLARITY, COWBOY!
AND A GLASS OF SHIMMERING WHISKEY!
THAT`S WHAT`S POETRY ABOUT!
[…]
Und so geht es fort,
immer fort,
ohne Ende.
Biographie: Milena Michiko Flasar
Geb. am 31.03.1980 in St. Pölten, lebt und arbeitet in Wien als DaF-Lehrerin und Schriftstellerin.
Studium der Germanistik und Romanistik. Publikationen in diversen Literaturzeitschriften
(u.a. Intendenzen, etcetera). Lesungen im In- und Ausland.
Diverse Literaturpreise (u.a. LitArenapreis 2003). mehr...