26/ Prosa: Das Erdbeben, Ein Kriegsbild, Thomas Havlik

etcetera 26/Oktober 06/Nahaufnahme
DAS ERDBEBEN, EIN KRIEGSBILD

Thomas Havlik

Juliane konnte weder schreiben noch lesen. Einmal im Monat ging sie die Umgrenzung ihres Vorstellbaren entlang des Bretterzauns rund um das verwilderte Grundstück ab, das die 19 jährige seit der Zeit um ihren 4. Geburtstag nicht mehr verlassen hatte, und las eine Handvoll Kieselsteine auf. Nach einer kompletten Runde stand sie erneut beim Gartentor. Von dort hatte früher, als er noch nicht von wild Wucherndem in Beschlag genommen worden war, ein Weg gerade zur Haustür geführt. An der Stelle blieb Juliane einen Augenblick stehen, bevor sie gut gelaunt in die Schürzentasche fasste und sich – bedächtig nun, als wollte sie die Meter zwischen hier und dem Eingang ins von den Eltern errichtete Holzhaus abschätzen – wieder in Bewegung setzte, wobei sie bei jedem Schritt, den sie machte, eines der Steinchen fallen ließ und genau registrierte, wo es liegen blieb. Bei einzelnen wiederholte sie den Vorgang des Aufhebens und sich davon Lösens, bis alle ihrer Meinung nach in der richtigen Position lagen. Am Ende drehte Juliane sich um, sah die aufgereihte Linie, lachte laut, drehte sich im Kreis wie ein Kind und hörte nach einer Weile wieder damit auf. Dann übertrat sie die Schwelle und warf die Tür hinter sich ins Schloss.

Im Inneren war es dunkel. Dagegen konnte auch das Licht, das durch die Fenster eindrang, nichts ausrichten. In der Stube befanden sich eine Eckbank, ein Tisch, ein Holzofen, ein Geschirrschrank, ein Jesuskreuz sowie, gleich daneben, eine alte Fotografie, die den Vater und die Mutter an ihrem Hochzeitstag zeigte. Das Bild war hinter Glas und hatte einen viel zu breiten, goldenen Rahmen. Von ihm blätterte zwar die Farbe ab, doch trug er ebenso wie das Glas nicht das geringste Anzeichen von Staub, denn beidem die Pflege zukommen zu lassen, die ihm gebührte, darauf achtete Juliane penibel.

Wenn sie nur lange genug mit dem von ihr für keine andere Tätigkeit jemals benutzten Stoff darüber hinweg strich, vorsichtig, als könnte schon eine unachtsame Bewegung ausreichen für ein Scherbenunglück, war sie manchmal sogar in der Lage, sich zumindest auszugsweise zurück zu erinnern bis zur allerersten Nacht, die sie gemeinsam hier verbracht haben.

Zu dem, was sie sich dabei mit an die Wirklichkeit grenzender Präzision in den Moment holen konnte, als wäre es gestern gewesen, gehörten auch die Worte, mit denen der Vater damals auf die bereits im Bett liegende Mutter eingeredet hatte: „Jetzt brauchst du keine Angst mehr haben. Ich verspreche dir, wir werden niemals wieder von hier weg gehen.“

Dieser Satz, vor allem diesen einen Satz hatte sie in Erinnerung behalten, wenngleich sie noch eine Menge anderes in sich aufbewahrte von dem, was an diesem und den darauf folgenden Abenden zwischen den Eltern hin- und hergegangen war, aus dem Zusammenhang Herausgenommenes, Ausdrücke wie „das Erdbeben, das uns alle erschüttert hat; die Wasserscheide, die sichtbar geworden ist!“

Abgesehen von dem Blockhaus, das der Vater schon vor der Flucht eigenhändig aufgebaut hatte, bestand das Grundstück aus einer Wiese im vorderen Abschnitt, die für Juliane völlig uninteressant war, bis auf die Margariten und Glockenblumen, sich über den Großteil der hinteren Fläche ausgebreiteten Gemüsebeeten, einem Obstgarten, einem Brunnen, sowie dem Grab der Mutter.

Nach ihrem Tod hatte der Vater sein bestes getan. Er hatte seiner Tochter gezeigt, wie man eine Menge an Obst, Gemüse und Salat heranzüchtete, die ausreichte – gehortet im Keller, der kalt genug dazu war – um sich durchzubringen. Zweimal im Jahr hatte er außerdem persönlich sein Leben aufs Spiel gesetzt und war am Morgen verschwunden, um vor Einbruch der Dunkelheit mit einer Kiste voller Samen und Knollen wieder zu kehren, bis auf ein einziges Mal, da kam er erst spätnachts. Ansonsten war immer Verlass auf ihn gewesen.

Als er sich vor einem Monat mit dem Küchenmesser in der Hand auf den Weg machte, hatte er zuvor Tage darauf verwendet, Juliane zu ihrem Selbstschutz die Gefahren und Bedrohungen hinter der Grundstücksgrenze in allen erdenklichen Facetten einzuprägen. Obwohl er dies ohnehin bereits unzählige Male getan hatte, immer und immer wieder.

Seitdem wartete Juliane auf seine Rückkehr und legte die Steinchenspur, um ihm dabei zu helfen, nach Hause zurück zu finden. Die Vorräte der letzten Ernte waren langsam erschöpft. Aber darum ging es ihr nicht.

Biographie: Thomas Havlik
Geb. 1978; Matura, Zivildienst; Asienreisen;
Mitarbeit bei einer Fundraising-Agentur für Greenpeace und Amnesty International, Behindertenbetreuer.
Schriftsteller, Schausprecher.
Mehrere Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien.
Redakteur der Literaturzeitschrift etcetera, schreibt momentan an seinem ersten Roman.
Literaturpreis „Namen und Gesichter“ 1999, „Hans Weigel-Literaturstipendium“ 2002, beide Land Niederösterreich, „Arbeitsstipendium“ 2004, 2006 BKA.