27/ Prosa: Gestorben sein. Ein Versuch, Michael Ziegelwagner

etcetera 27/Letzte Dinge/März 07
GESTORBEN SEIN. EIN VERSUCH

Michael Ziegelwagner

Ich blättere in einem Bildband mit dem Titel „Tumbas“ – ganzseitige Fotos von Schriftstellergräbern, grasüberwucherte, kahle, solche mit Meerblick und solche unter anderen Gräbern, in Südamerika und am Grinzinger Friedhof. Grab-Inhalte: Der tote Doderer, der tote Thomas Mann, der tote Nabokov, der tote Proust, der tote Oscar Wilde. Ja, die toten Dichter! Vor der jeweiligen Gemeinde werden sie hergetragen, aber die Gemeinde läuft nur ein paar Fleischresten nach, die in die Grube gekippt werden, zur Endlagerung in einen hübschen Sarg eingepackt. Sein Leben lang wird man erzogen, sein Leben in die Hand zu nehmen, es lebenslang für seine Zwecke zu nutzen, und dabei ist es umgekehrt, unser Leben hat uns in der Hand, quetscht uns aus und schmeißt uns am Ende weg, in die Grube.

In meiner abgespreizten Hand brennt ein Zigarillo, ich trinke Kaffee. Die Texte im Buch lese ich gar nicht, ich schaue mir nur die Bilder an. Von ihnen lasse ich mich berauschen. Es ist ein tolles Spiel, den Geist auf die Tatsache des Todes anzusetzen, das Ungreifbare, der Tod ist ein weißer Riesengranitblock im Garten des Denkens, und der Geist springt kläffend an ihm hoch, und man ruft aufmunternd: Na komm! Na komm! Begreif das doch! Los, begreif das!

Der Tod, ist das vielleicht die Große Wurschtigkeit?

Ich blättere immer schneller. Die Grabsteine kitzeln meine Eitelkeit. Ich beneide die toten Dichter, sehe mein eigenes Grab mit meinem eigenen Namen am Ende des Buches. Ein Ehrenplatz, keinem Meisterwerk geschuldet, sondern meinem Nachnamen – Zett. 1983 bis 2006. Aber: Meisterwerk! Das will erst noch geschrieben werden, muss mich unsterblich machen, denn sonst darf ich nicht unter fotografierwürdige Erde, nicht in diesen Bildband – ja, und vielleicht wird’s dieser Text hier, der mir einen Platz im Buch sichert, schön wär’s.

Ich denke mich also in einen Toten, ich denke mich aus meinem Körper heraus, muss also aufhören zu denken. Dann bleibt nur die Ewigkeit. Unendlich viel Zeit und keine Möglichkeit, sie als Toter wahrzunehmen. Wirklich keine? Mal sehen: Hände: lahm. Augen: blind. Ohren: taub. Zunge: verwelkt. Und in die Nasenlöcher haben sie mir bei der Leichenpräparation irgendetwas reingeschoben. Ich kann also nicht wahrnehmen: den engen Sarg, die ungemütliche Lage, die Kubikmeter Erde über mir, die Finsternis, die Geräuschlosigkeit – nicht einmal die Geräuschlosigkeit kann ich hören! Also weiter. Das, was ist, erinnert mich an Schlaf. Aber beim Schlaf bin ich in meinem Körper. Ins Grab bin ich meinem Körper jedoch nicht gefolgt, er hat mich auf dem Weg verloren. In meinem Grab liegt Müll.

Der Tod, ist das vielleicht die Große Langeweile?

Zu Ende. Zu Ende in Ewigkeit. Also kein Ende. Der Tod hat kein Ende! Das Lebensende lässt sich gerade so ertragen, aber das Todesende – das kommt einfach nicht! Wenn der einmal loslegt, der Tod, dann bricht nichts weniger als die Ewigkeit an! Und darum hört dieser Text hier auch nicht auf, obwohl ich tot bin – „und wenn er nicht gestorben ist…“ – IST er aber, und wenn er noch leben würde, gäbe es was zu erzählen, aber so? So muss nur die Zeit irgendwie gefüllt werden bis zum Ende der Ewigkeit, dieser Text endet nicht, ich hab Zeit, ewig Zeit, ich kann mir Zeit lassen, Zeit nehmen, ich krieg sie nachgeschmissen, ich kann nur nichts damit anfangen, die Ewigkeit wird öde werden, TODlangweilig, haha, diesen Witz hören sie bestimmt nicht zum letzten Mal, denn in der Ewigkeit gibt es kein letztes Mal! Na, was denn? Sie linsen runter? Ach, wie beruhigend, es gibt ein letztes Wort in diesem Text, einen abschließenden Absatz, vielleicht sogar eine Pointe, da kann man sich beruhigt zurücklehnen und darauf freuen, sorgfältig und langsam lesen, genießerisch die Sätze vom Papier klauben, was sollte man denn sonst tun… wie bitte? Ich höre Sie so schlecht, drei Meter unter dichter Erde („Dichter-Erde“ – auf was man so alles kommt, wenn man genug Zeit hat…) Ach so, nicht LESEN – LEBEN wollen Sie! Bitte, ich halte Sie nicht auf. Leben, das ist eine legitime Beschäftigung, denn Sie werden einmal tot sein, ja Entschuldigung, leider. Ausnahmen gibt’s nicht. Leben Sie. Sie wissen doch, wie es gemacht wird. Raus in den Garten, pflanzen Sie einen Baum. (Er wird schon nicht eingehen.) Sprechen Sie ein Großes Wort. (Alle Ohren werden sich öffnen, und Generationen werden Das Wort weitergeben.) Machen Sie einen Sohn! (Er wird Sie um viele Jahre überleben, aber an Ihrem Grab wird er vielleicht auch schon graue Haare haben.) Das alles nimmt nicht besonders viel Zeit in Anspruch. Baum pflanzen dreißig Minuten, Großes Wort aussprechen zwei bis sieben Sekunden (nicht zu lange, sonst merkt man sich’s nicht.) Sohn zeugen: elf Minuten Vorbereitung, eine Sekunde Zeugung, neun Monate Inkubationszeit, bis er ausbricht. An die Arbeit. Ich setze an den Anfang des nächsten Absatzes drei Sterne ***, damit sie die Stelle später leichter wieder finden.

*** Wieder zurück? Auch nicht das Wahre, hm? Ich könnte Ihnen noch viel erzählen. Wenn ich Zeit hätte. Aber wie Sie sich sicher erinnern, bin ich gar nicht tot. Ich habe es mir nur vorgestellt, darum ist auch meine Zeit begrenzt. Von der Ewigkeit habe ich noch nicht viel mitbekommen. Doch irgendwann wird es schon soweit sein. Irgendwann! Bis dahin empfehle ich mich dem Tod.

Sehr geehrter, unbeeindruckter Tod!
Vorweg: Ich weiß, Sie sind ein Zustand, keine Person; aber es fällt mir leichter, Sie persönlich anzusprechen.
Da ich im weiteren Verwandtenkreis bereits Ihre Bekanntschaft machen durfte, möchte ich mich auf diesem Wege bewerben. Für eine Zukunft bei Ihnen halte ich mich aufgrund meiner Qualifikationen für bestens geeignet: Ich rauche ab und zu, ernähre mich unausgewogen, treibe keinen Sport und, abgesehen von ausführlichen Spaziergängen, wenig Bewegung. Aufgrund meines Alters gehöre ich zur Risikogruppe der Auto-Unfallopfer; dies muss jedoch nicht zwingend ein Weg zu Ihnen sein. Die relative Langlebigkeit innerhalb meiner Familie begreife ich nicht als Makel, sondern als Chance, bietet sie mir doch die Möglichkeit, mich lange und gründlich auf die Zeit bei Ihnen vorzubereiten.
Da ich weiß, dass Ihre Auswahl unberechenbar ist und völlig unabhängig vom Bewerbungsschreiben getroffen wird, möchte ich nicht verschweigen, dass ich Sie für überflüssig, unfair und inkonsequent halte – bin jedoch davon überzeugt, dass diese meine Meinungsäußerung Sie nicht davon abhalten wird, mich früher oder später zu sich zu nehmen.

Freundliche Grüße
Michael Ziegelwagner

PS: Anbei mein Sterbenslauf; bitte setzen Sie den Zeitpunkt meines Ablebens nach Ihrer Wahl selbst ein.

Foto

Biografie: Michael Ziegelwagner
Geboren 1983, Matura 2001, seit 2003 Student an der Fachhochschule Journalismus Wien:
2002 Zweiter Preis beim Satirewettbewerb der Akademie Graz
2005 Beitrag in der Anthologie "Fantastisches Österreich", seit 2000 Rezensionen und Texte für etcetera.