27/ Prosa: Nach Wien, Martin Putschögl

etcetera 27/Letzte Dinge/März 07
NACH WIEN

Martin Putschögl

Joe Hafenauer hielt, nachdem er eine halbe Stunde lang durch Geröll, Schutt und Brandruinen marschiert war, plötzlich inne. Die Straßen, die man ohnehin nicht mehr so nennen konnte, hatten hier keine Namen mehr. Der Regen war zu stark. Er hatte sich verlaufen. Musste umkehren. Zurückgehen zum alten Flakturm im ehemaligen Wiener Augarten, der ihm als letzter Zufluchtsort verblieben war.

Wäre er sein ganzes Leben lang kein stolzer und überzeugter Immobilienmakler gewesen, würde er es einer höheren Macht längst gedankt haben, ihm und seiner Frieda das nackte Leben gelassen zu haben. Wegen eines unglaublichen Zufalls nämlich befanden sie sich gerade in dem Moment, als die Katastrophe passierte, in diesem tausend Jahre alten Ungetüm aus Stahlbeton. Weil sie es besichtigen wollten, bevor sie es im Auftrag eines asiatischen Immobilienfonds an die Stadtregierung verkaufen sollten.

Er sprach von einem sagenhaften, einem unfassbaren Riesenglück. Zunächst. Mit der Zeit aber wuchs in ihm der Gedanke, dies müsse eine Vorbestimmung sein; eine außerordentliche Fügung des Schicksals.

Unvermittelt musste er an seinen Vorfahren Ewald denken, von dem das "Buch Hafenauer" zu berichten wusste, dass er als erster der gesamten Familie den Sprung über den großen Teich gewagt hatte; Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts war das noch ein mehrere Stunden bis sogar ganze Tage in Anspruch nehmendes Abenteuer. Als er Jahre später ohne einen Groschen zurückkehrte, weil für einen ambitionierten Koch damals in Amerika die Zeit noch nicht reif war, wurde er eines etwas bemühten Wortspiels wegen dennoch schlagartig im ganzen Mostviertel bekannt, und noch auf seinem Grabstein stand geschrieben: Hier ruht Ewald Hafenauer, nach dem sie in Amerika die halbe Stunde benannt haben.

Wenn nur jemand hier wäre, dem er das noch einmal erzählen könnte! Wenn nur jemand da wäre, dem er den Augarten verkaufen könnte, über die Provision ließe er durchaus mit sich reden. Doch da war niemand. Joe Hafenauer war allein. Der letzte Mensch auf Erden. Der letzte Immobilienmakler auf Erden.

Und dessen Wohnort bis auf Weiteres: Der Flakturm. Besser gesagt, der kleinere der beiden Türme im ehemaligen Augarten. Den größeren, der am Ende des zweiten Weltkriegs zunächst die gerechte Bestrafung seiner Bauherren seitens der Alliierten unbeschadet überstanden hatte, ein Jahr später aber bei mehreren von spielenden Kindern ausgelösten Explosionen schwer beschädigt worden war, hatten sie im Lauf der Jahrhunderte irgendwann doch noch abgetragen. Beim kleineren trauten sie sich das bis zuletzt nicht. Einerseits war eine Sprengung wegen der umliegenden Wohnhäuser schwer möglich. Doch es gab auch noch andere Gründe. "Lassen wir ihn stehen, als Mahnmal gegen den Faschismus", sagten die einen. "Lassen wir ihn stehen, als Andenken an den Führer", dachten die anderen, und sie waren sich einig. Tatsächlich sollen dann im Jahr Zweitausendneunhundertirgendwas ein paar Altnazis eine kleine Gedenkfeier am Fuß des Turms geplant haben. Die Polizei war machtlos dagegen, aber das Stadtgartenamt konnte sie noch rechtzeitig verbieten.

Jetzt, wo er darüber nachdachte, erkannte Joe Hafenauer auch etwas Gutes an seiner Situation: endlich keine Nazis mehr in Wien.

Den Turm hat dann vor fünf, sechs Jahren ein asiatischer Immobilienfonds gekauft und ehrgeizige Pläne präsentiert. Sie wollten in den 51 Meter hohen Betonklotz mit seinen elf Etagen offiziell weitere zehn, inoffiziell freilich bis zu zwanzig In-between-Floors einziehen und dann ein Low-fare-Seniorenheim aufsperren. Einsfünfzig Raumhöhe, das reicht vollkommen aus für auch intraday meist liegende Senioren und ein paar in den ehemaligen chinesischen Teilrepubliken engagierte Pflegerinnen, rechneten sie sich aus. Renditen von vierzig Prozent und mehr versprachen sie ihren Investoren, und die wären da auch locker drin gewesen. Das Approval seitens der City-Regierung scheiterte aber, weil sie das ihren Angaben zufolge revolutionäre System für die ausreichende Distribution der Floors mit Tageslicht nicht stringent erklären konnten. Der Turm wurde an ein Public Relations Bureau vermietet, das ihn zur gigantischen Litfasssäule umgestaltete. Weil dagegen aber ein paar Bewohner der Danube Channeltown ein Protest Movement auf die Beine stellten, beschlossen die Asiaten völlig entmutigt ein Sale-back des Ungetüms an die Munizipalregierung.

Joe hat diese große Aufregung nie verstanden. "Regt euch doch nicht so auf über das bisschen Werbung. Soll nichts Schlimmeres passieren", hat er einmal in einer open discussion mit dem civil.forum.augarten gemeint. Aber sie regten sich weiter auf. Und es kam schlimmer.

In schwachen Momenten wünschte er sich seine Frieda zurück, die sechzig Jahre lang für ihn als Deputy Office Manager tätig gewesen war und vor nun schon vier Wochen und zwei Tagen an einem Schnupfen starb. Er wusste das noch so genau, weil er recht bald, nachdem sie gemerkt hatten, dass von der Welt da draußen nichts übrig geblieben war, einen provisorischen Kalender gebastelt hatte. Er ging nun an jedem Monatsersten vom obersten Stock in die Tiefe des Flakturms so viele Stufen hinunter, wie dieser Monat Tage haben würde, und legte auf die Stufe, auf der er zu stehen kam, einen Stein. An jedem folgenden Morgen, wenn die unerträgliche Finsternis wieder dem grauen, fast undurchdringlichen Smog Platz gemacht hatte, legte er diesen Stein um eine Stufe höher. War der Stein ganz oben angelangt, wurde er zum Monatsstein upgegraded und landete bei den anderen Monatssteinen seines Kalenders im Nordost-Eck der obersten Etage. War das Monat voll, wechselte er die zwölf Monatssteine gegen einen größeren Jahresstein aus, von denen er bereits etliche im zehnten Stock bunkerte. So hatte er den Timeflow tadellos im Griff.

Nun lagen hier mittlerweile: Drei Jahressteine, zwei Monatssteine; und der Tagesstein lag auf der vierzehnten Stufe von oben. In Joe Hafenauers selbst entwickelter Zeitrechnung war es der achtzehnte März im Jahre vier nach Wien.

Wäre jemand da gewesen, dem er hätte zeigen können, wie er hier völlig auf sich allein gestellt den Alltag meisterte – ein Journalist vielleicht, oder besser: eine Journalistin –, sein Kalender wäre ohne jeden Zweifel Highlight und Klimax dieser Guided Tour durch den Flakturm, der Schaltzentrale der Welt im Wiener Augarten, gewesen. Und tags darauf eine Exklusiv-Story in der Tageszeitung EUROPA: "So lebt der letzte Mensch".

(…)

Lesen Sie weiter im etcetera 27/LETZTE DINGE Seite 26.

Kurzbiografie: Martin Putschögl
Martin Putschögl, geb. 1976 in Scheibbs, aufgewachsen in Petzenkirchen, lebt und arbeitet als freier Journalist in Wien.

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