28/ Prosa: Doktor Robert, Thomas Havlik

etcetera 28/ SCHUND/ April 07
DOKTOR ROBERT

Thomas Havlik

Doktor Robert saß mit einer Zigarette im Mund über seine Medikamentensammlung gebeugt und schachtelte weiße, rosa und hellgrüne Tabletten in die Dispenser der Autoren. Die verschiedenen Neuroleptika, Tranquilizer und Literatur-Pillen, die er aus den Verpackungsfolien gedrückt hatte, kollerten lose und in einer Buntheit auf dem Tisch, die einem Laien unerklärlich war. Manches Mal hatte auch er sich schon vertan und ein Leponex mit einem Valium vertauscht, oder jemandem anstatt einem „Upper“ einen „Downer“ verabreicht, aber Probleme hatte er deshalb noch nie bekommen.
Doktor Roberts „Wabe“, wie die Untergruppen der Literaturabteilung genannt wurden, war spezialisiert auf deutschsprachige Autoren, so wie Privatärzte auf kaputte Sprunggelenke oder Halswirbelbrüche.
Der letzte, den ihm die Jurymitglieder eingewiesen hatten, hieß „Reuss“ und war dem ersten Eindruck nach nicht uninteressant, mit den Stimmen, die er hörte.
Wie Figuren in einem Setzkasten ordnete Doktor Robert die tablettenförmigen literarischen Einflüsse und legte sie bedächtig in die einzelnen Morgen, Mittag, Abend und Nachtfächer. Das war seine liebste Beschäftigung.
Sobald er damit fertig war, betrachtete er selbstsicher die befüllten Dosen wie einer, der soeben ein dreihundertteiliges Puzzle vollendet hat. Der Behälter von Reuss war noch leer, ansonsten war er mit der Arbeit fertig. Robert konnte nach Gutdünken aus einer Handvoll Pillen auswählen, die übrig geblieben waren.
Gedankenverloren zog er an seiner Belohnungszigarette, als...

... unabsichtlich Asche abstürzte. Mit einer schnellen Bewegung wischte seine Hand darüber und fegte die Hälfte der Medikamente vom Tisch.
„Khi khi.“, lachte der Doktor über sich selbst, schob die Brille, die nur noch an seiner Nasenspitze gehangen war, hinauf, bückte sich und jagte den Kügelchen und Zäpfchen hinterher wie Erbsen, die sich weigern, aufgegabelt zu werden. Eine Menge war unter die Couch gerollt oder hatte sich unaufspürbar im Teppich versteckt. Nach einer Minute hörte er deshalb auf, auf allen Vieren am Boden herum zu kriechen, und wandte sich stattdessen dem in der dicken Wand eingemauerten Sicherheitsschrank zu, den zu öffnen man einen Zifferncode brauchte, der vierzehntägig gewechselt wurde.
In ihm befanden sich die Vorräte. Ein Licht, das Robert selbst installiert hatte, leuchtete, sobald die Aluminiumtür aufging. Schachteln waren darin gestapelt, Ampullen, Fläschchen, Sprays und Tropfen.
Während er die verschiedenen Namen vor sich hin murmelte, schwebte seine Hand von einer Verpackung zur nächsten, ehe er nach einem Päckchen Prosa-Tabletten sowie einem Mittel griff, das er bei Schizophrenie einsetzte.
Aus dem Nachbarzimmer, in dem er einen Dramatiker untergebracht hatte, der glaubte, er könne durch Wände gehen und sich bei jedem Versuch, dies zu demonstrieren, verletzte, drang Lärm herüber, ein Krachen, ein Wummsen, dass der Schrankinhalt wackelte wie bei einem Erdbeben.
Robert blickte über die Schulter auf die Anzeigetafel neben den Büchern zu den roten Lämpchen, die die Größe und Form einer Clownnase hatten. Pro Zimmer gab es eines. Sobald ein Schriftsteller auf den Knopf neben dem Bett drückte, war das ein Signal dafür, dass er Hilfe benötigte. Im Moment waren alle erloschen.
Beim nächsten Poltern stand Robert dennoch auf, ging zur Tür und betätigte die Gegensprechanlage, die mit dem Aufenthaltsraum verbunden war, in dem sich die leichteren Autoren-Fälle am Nachmittag frei bewegen durften und in dem er Ruth vermutete, die Halbzeit-Kollegin, die außer ihm noch hier sein musste.
Sie meldete sich nicht. Die Erschütterung, die nun die Wand erzittern ließ, war stark genug, um etliche Präparate hinunter fallen zu lassen.
Ein großes Truxal-Haiku-Fläschchen zerbrach.
Doktor Robert machte: „Tssss.“, schüttelte den Kopf und benutzte den Ärmel seines weißen Kittels, um die Flüssigkeit aufzusaugen.
Dann hielt er sich den Stoff an den Mund, presste ein Stück zwischen die Lippen und zuzelte daran wie an einem Daumen. Es schmeckte chemisch, leicht bitter.
Anschließend glitt er lässig persönlich hinüber, riss die Schiebetür auf und brüllte: „Du weißt, dass wir das nicht mögen!“
Wolf, der Dramatiker, der mit dem Oberkörper nach vor und zurück wippend auf seiner Couch saß, deren Rückenlehne sich genau hinter dem Angestelltenbüro befand, gab einen cerebralen Laut von sich, sagte: „Publikumsbeteiligung“, verzog das Gesicht und biss in die Oberseite seines linken Unterarms.
Als der Doktor näher kam, begann er zusätzlich mit der anderen Hand auf die Wand zu schlagen, und man konnte sich vorstellen, welche Auswirkungen dies auf der Büroseite hatte. Robert blieb ruhig.
Langsam, ohne hektische Bewegungen, stellte er sich vor ihn hin und rezitierte die nächstbesten Zeilen aus einem Theaterstück von Jelinek, die ihm einfielen.
Dadurch beruhigte Wolf sich schlagartig.
„Hierher.“, zeigte Doktor Robert auf den Schreibtisch und holte aus einer Lade die Befestigungsgurte.
Ohne Widerrede stand Wolf auf, zog seine Hose zu den Knien hinunter und setzte sich auf den Leibstuhl, um den der Doktor die Gurte geschlungen hatte.
Jeder der 15 Räume, aus der die Wabe bestand, war gleich eingerichtet: ein per Knopfdruck bedienbares, elektrisches Hebebett, ein Kleidungsschrank, eine Couch, ein in Größe, Höhe und Neigungsgrad perfekt auf die Bedürfnisse der Betreuten abgestimmter Stuhl samt Schreibtisch und -utensilien, sowie ein vollständiger, von Koryphäen wie Robert zusammengestellter Klinik-Kanon, der aus 20 dicken Büchern bestand, zusammen gerechnet einige tausend Seiten.
Während der Therapieeinheiten wurden manche damit beschäftigt, dass man mit ihnen gemeinsam einen Abschnitt daraus in Schönschrift abmalte, anderen, den bettlägerigen, wurde, wenn es die Zeit zuließ, daraus vorgelesen, und manche, die zu aggressiv waren, als dass man sich länger in ihrer Nähe aufgehalten hätte, bekamen anfangs, bis sie an die neue Umgebung gewohnt waren, regelmäßig Kopfhörer aufgesetzt, in denen ein von Literaturstudenten besprochenes Audio-Book lief. Solche überreichte Doktor Robert nun dem Dramatiker, der an den Beinen und der linken Hand an den Stuhl vor dem Schreibtisch gefesselt war.
„Die Lautstärke ist angenehm?“, drehte Robert an der CD-Anlage.
Schnitzler rieselte schlecht gelesen in Rolfs Ohren.
Er begann mit der freien Hand zu onanieren.
Robert sah ihm einen Augenblick zu, drehte sich um und entfernte sich.
„Da sind sie ja“, sagte er, als er Ruth begegnete„ „wiiiir haben sie schon gesucht. Wenn sie bitte so freundlich wären, und ein bisschen Küchenrolle zu dem Dramatiker hinein bringen.“
Vor dem Büro stand Judith, eine vierunddreißigjährige Novellenschreiberin mit dunklem Pagenkopf sowie einem stark ausgeprägten Hang zu allen möglichen Phobien, und klopfte monoton in einem Takt an die Tür, dessen Hebungen und Senkungen in etwa dem Versmaß eines Sonetts entsprachen.
„Hat die Dame das Fach gewechselt?“, fragte Robert scherzhaft.
„Zigaretten will ich, ohne Zigaretten kann ich nicht. Das sollten sie mittlerweile wissen.“
„Ist ja gut.“, sperrte er auf, nahm aus dem Regal drei von den Billigzigaretten, die für sie reserviert waren, trug es in eine Liste ein, gab sie ihr.
„Damit komme ich natürlich nicht weit.“
Um einem Konflikt aus dem Weg zu gehen händigte ihr der Doktor zwei zusätzlich aus. Judith verstaute sie in einer leeren Zuckerldose, blieb aber im Türrahmen stehen, als wäre das noch nicht alles gewesen.
„Sonst noch was?“, fragte er.
„Und ob!“, stampfte sie da mit den Beinen auf den Boden, „Ich verlange anderes Papier! Dieses scheiß Recyclingmaterial, das alle verwenden, ist eine Zumutung!“
Robert sah, wie sie vor Ärger im Gesicht rot anlief.
„Oder was glauben sie, wie es möglich sein soll, den Stift auf ein Blatt zu setzen, von dem man weiß, dass es in einem vorangegangenen Aggregatszustand möglicherweise Klopapier gewesen ist?“, hörte sie nicht auf, sich zu erregen.
Doktor Robert, der keine Zeit für derlei Spielchen hatte, schnappte das passende Mittel, von dem er auf Anhieb sagen konnte, wo es sich im Sortiment befand, schickte sie sanft, aber in bestimmtem Tonfall, der keine Widerrede zuließ, hinaus: „Lös’ das in einem Glas Leitungswasser auf. Wir kommen nachher vorbei.“, und schlug die Tür hinter ihr zu.
Die Plastikbehälter, die er, bevor er gestört worden war, befüllt hatte, stellte er auf ein Rolltablett neben bereits vorbereitete Gläser und eine Kanne kalten Früchtetees. Rasch überlegte er, welche Pillen Reuss für den Anfang zuträglich sein mochten, entschied sich für zwei rosarote mittelgroße, die zäpfchenähnlich aussahen, sowie eine runde weiße und begann von einem Zimmer zum nächsten zu tingeln.
Zuerst war Wolf an der Reihe. Ruth war bei ihm und wischte gerade die Tischplatte sauber. Sie machte ein mürrisches Gesicht.
Schnitzler lief in einer Lautstärke, dass man, obwohl es abgesehen von den Kopfhörern keine Geräuschquelle gab, jedes Wort verstand. Wolf hatte die Augen geschlossen und saß mit ins Genick gefallenem Kopf unverändert da, wie Robert ihn vor ein paar Minuten verlassenen hatte.
Ein Speichelfaden hing in seinem Mundwinkel.
Der nächste war Pfitzer. Ihn hingegen sah der Doktor durch das kleine Kontrollfenster eifrig am Schreibtisch sitzen. Beschwingt trat er ein. Im selben Moment schleuderte Pfitzer wie ein Dirigent seinen rechten Arm hoch, sprang auf wie eine Marionette, die an unsichtbaren Fäden aus dem Stuhl gerissen wird und rannte auf die Tür zu. Hastig schloss Robert sie von innen, dem Schriftsteller geschickt ausweichend, der mit ungebremster Kraft dagegen krachte und sich die Nase blutig schlug. Für den Doktor ein alltäglicher Anblick.
„Du wirst immer besser!“, sagte er deshalb auch gleich, ohne sich lange zu vergewissern, ob etwas gebrochen war, „Genau so schreibt man.“
Wegen eines ähnlichen Zwischenfalls konnte Pfitzer seine Finger nicht mehr bewegen. Deshalb benutzte er seit längerem ausschließlich ein Diktiergerät - was sich dahin gehend entwickelt hatte, dass er permanent Selbstgespräche führte.
Weil er sie sich ohnehin seit längerem wieder einmal in Ruhe anhören wollte, nutzte Doktor Robert die Gelegenheit und wechselte im Diktiergerät die volle gegen eine unbespielte Kassette. In der Nacht, wenn es ruhig war, würde er sie studieren.
„Wir werden Ruth sagen, sie soll sich um dich kümmern“, meinte er beiläufig, während er 10 Pop-Tropfen in den Becher Früchtetee mischte.
„Beim Opernball gestern der tote Hund unter dem Sargdeckel die gestohlenen einhunderttausend in der Brieftasche des Kellners“, schwallte es aus Pfitzer, „haben sie das nicht auch schon bemerkt dass die zwei heiraten ganz in weiß in dem Lokal mit der gerösteten Leber tanken Herr Doktor.“
„Stimmt“, antwortete er.
Im Laufe der Jahre, die er nun in der Literaturabteilung arbeitete, hatte er bereits eine Menge bemerkenswerter Charaktere hingebogen.
Und jeder einzelne von ihnen konnte froh sein, dass er an ihn geraten war. Einige hatten es nach einem Aufenthalt in seiner Abteilung sogar bis in den inneren Kreis geschafft. Das erfüllte den Doktor zu Recht mit Stolz.
Elisabeth, im Nebenraum, die nie einen längeren Text zustande bringen würde, weil sie von dem Zwang beherrscht wurde, spätestens nach zwanzig Zeilen abzubrechen, um die Wörter vom Anfang bis zum Schluss zweimal durchzuzählen, war seiner Meinung nach keine potenzielle Kandidatin dafür.
Zuletzt kam Reuss an die Reihe, der bewusstlos auf den Vibrationswellen eines Massagebetts schwebte. Auf ihn war Robert gespannt. Über Reuss hing eine Rotlichtlampe, die auch für die Kükenaufzucht verwendet wird. Supermarktmusik plätscherte aus Boxen, die in der Kopfstütze eingebaut waren. Eine Duftlampe verströmte aufdringlichen Geruch ätherischer Öle. Die Wände waren einflächig bestrichen in hellgrün. Unter einem knielangen Kittel, der am Hals und am Rücken mittels Schnüren verknotet war, trug Reuss eine Windel. Sie war voll.
Doktor Robert, der sich deshalb Gummihandschuhe angezogen hatte, zog sie ihm aus, steckte sie in einen Plastiksack und legte sie vor die Tür. Anschließend tauchte er einen Lappen in einen Behälter mit warmen Wasser, der auf dem Rollwagen stand, und säuberte die Oberschenkelinnenseiten, das Geschlecht, den After.
Keine Regung, nicht einmal eine winzige Muskelkontraktion deutete darauf hin, dass Reuss es registrierte.
Als er damit fertig war, hob Robert Reuss Kopf, zog den Polster hervor, schüttelte ihn auf und schob ihn wieder darunter. Dabei bemerkte er die auffällig starke Bewegung der Augäpfel hinter den geschlossenen Lidern.
„Wenn diese Schübe einmal vorüber sind“, flüsterte der Doktor, „wirst du dich bei uns bestimmt wohl fühlen.“
Plötzlich zuckten Reuss Lippen, als wollte er etwas sagen. Robert beugte sich weit zu ihm hinunter, bis sein Ohr beinahe den Mund seines Klienten berührte.
Es war bloß ein einzelnes Wort, dass Reuss imstande war zu sagen, bevor er wieder ohnmächtig wurde, aber es reichte aus, um im Doktor einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen: „Havlik“. Das klang nach einer Art Losungswort, dessen Sinn sich nur Eingeweihten erschließt, oder einem rätselhaften Begriff aus einer alten, ausgestorbenen Sprache. Doktor Robert lächelte.

Biografie: Thomas Havlik
Geb. 1978; Matura, Zivildienst; Asienreisen; Mitarbeit bei einer Fundraising-Agentur für Greenpeace und Amnesty International, Behindertenbetreuer. Schriftsteller, Schausprecher.
Mehrere Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien.
Redakteur der Literaturzeitschrift etcetera, schreibt momentan an seinem ersten Roman.
Literaturpreis „Namen und Gesichter“ 1999, „Hans Weigel-Literaturstipendium“ 2002, beide Land Niederösterreich, „Arbeitsstipendium“ 2004, 2006 BKA.