31/Prosa: Zuckerbrot, Annemarie Schmid-Schmidsfelden

ZUCKERBROT
Annemarie Schmid-Schmidsfelden

Die Aura ist aus dem Fenster gesprungen. Aus dem ersten Stock, und das war ziemlich hoch. Spring auch, Wassilje, spring auch! Aber ihr Mann getraute sich nicht. Er war schwer.
Sie aber leicht, geschickt und wie eine Katze. Der Hausbesitzer, Fahrrad und Spielwarenhändler, half ihr und versteckte sie.

Sie waren auf der Flucht vor der Polizei. Der eigene Schwager hatte sie verraten. Er war neidisch auf sie, hauptsächlich auf ihre Ehe. Und eigentlich war er davon besessen, seine eigene Frau, die Lilly, mit ihrer Schwester, der Aura zu betrügen. Und die Aura für sich zu haben. Vielleicht hatte er auch Lust, den Wassilje umzubringen.

Er war in dem ganz wüsten Kommunismus in Rumänien aufgewachsen. Und das Umbringen und das Betrügen, das war ihm nichts besonderes. Wieso auch? Warum auch? Am Schluss, was ist denn der Mensch? Am Schluss, seien wir ehrlich, die meisten sind Schweine.
Das wichtigste, waren ihm, dem Schwager, seine eigenen Begierden. Die waren Realität, die spürte er. Die wollte er befriedigen, wie man sagt.
Und alles andere ging ihn nichts an.

Einmal, einmal wenigstens, wollte er mit der Aura schlafen, das hat er oft gesagt. . Und dieses Begehren verwandelte sich allmählich in eine Art Besessenheit, und die verleitete ihn zu allem möglichen. Und er wurde natürlich nicht glücklich dabei und kam nicht voran. Aber das Hetzen gefiel ihm auch. Das war so eine Ersatzbefriedigung. Es gab ihm etwas, die Polizei auf die Spur von Wassilje und Aura zu locken. Ja, das gefiel ihm. Ihr Aufenthalt war illegal. Er aber besaß sogar die Staatsbürgerschaft, er hatte Rechte, sogar Recht auf Arbeitslosengeld.

Und damals, als er nicht aus dem Fenster gesprungen war und nicht den Mut hatte sich auf diese tolle Weise in Sicherheit zu bringen, damals nahm die Polizei den Wassilje mit. Obwohl sie wahrlich mit der Securitate in Rumänien nicht zu vergleichen ist. Aber es war ihre Pflicht, sie mussten ihn mitnehmen.

Sie sperrten ihn zwei Tage ein, und dann schoben sie ihn ab.
Er war nicht aus dem Fenster gesprungen und war nicht davon gekommen. Und so hatte der, welcher sie angezeigt hatte, das ihm wichtigste erreicht. Der Wassilje war weg.
Und die Aura war da geblieben. Jetzt würde er auf seine Rechnung kommen! Jetzt würde er sie einladen, jetzt würde er sich als Gentleman erweisen, jetzt würde er Staat mit ihr machen, mit der Art wie sie ging, wie, ohne dass sie es wollte ihr Busen sich zeigte, so, dass die Männer ihn beneiden mussten. Ausgehen, zum Essen, zum Tanzen, und so weiter. Jetzt würde er ihr zeigen, dass er Geld hatte. Und er hatte Geld! Er war kein Idiot! Er hatte Zigaretten geschmuggelt. Er hatte ein Auto, er konnte ihr Schuhe kaufen, Kleider, was sie wollte! Er war ein Mann und er verstand sich auf die Liebe. Und er hatte die Huren satt. Er hatte die Lilly immer betrogen. Sie hatte die sexuelle Anziehung nicht auf ihn. Da war nichts zu machen. Er hatte allerhand flüchtige Bekanntschaften. Aber am öftesten betrog er sie doch mit den Huren. Und er hatte sich allerlei geholt dabei. Das hatte er auch satt. Waren schon rechte Weiber, die Huren. Dreckige Weiber.

Er setzte jetzt alles daran, die Aura für sich zu gewinnen. Aber so viel er auch daran setzte, er erwischte sie nicht.
Sie entkam ihm immer. Lebte einmal da, einmal dort, färbte sich die Haare. Färbte sie selbst um zu sparen, so dass es lächerlich war, so ungeschickt ist es gewesen. Rot, gelb, tintenschwarz, aber was machte das?
Kaufte riesige Sonnenbrillen, und so erkannte nicht einmal er sie, der Schwager.
Aber sie selbst war durch seine Anzeigen Polizei und Amts kundig geworden. Und man verfolgte sie.

Eines Tages, kam man ihr auf die Spur. Trotz fremdem Haus, trotz fremder Wohnung,. Sie saß unter dem Tisch, verborgen durch das Tischtuch, die Schuhe der Polizisten vor Augen. Die Wohnungsinhaber schützten sie, gingen das Risiko ein, logen, sagten, na, die, die ist längst dahin! Die ist zurück, die ist in Rumänien! Und sie wurde wirklich nicht gefunden.

Das war schon was! Gehetzt sein, rechtlos sein, ein Niemand sein. Keine Sicherheit, nur Angst. Angst vor dem Gefängnis, Angst vor der Abschiebung.

Aber geschehen Wunder auch für die durch das Schicksal Gehetzten? Geschehen Wunder auch für die vom Schicksal Verfolgten?
Ja, manchmal nimmt die Gerechtigkeit sie in den Arm.
Die Aura bekam einen Brief!
Das musste der schriftliche Befehl für die Abschiebung sein!
Sie lässt ihn ungeöffnet liegen. Einen Tag und noch einen.
Aber dann, dann sagt man, du musst, Aura, du musst ihn öffnen!
Das Kuvert enthält ein drei Seiten langes Schreiben.
Und auf jeder Seite die Versicherung, dass ihr, der Aura, dem Flüchtling, dem Nichts, dem Niemand, die Aufenthaltsbewilligung in Österreich zugesprochen wäre.
Aufenthaltsbewilligung, Stempel der Bezirkshauptmannschaft!
Was war das!
Das war mehr als das Fest aller Feste! Das war ein riesiger Schwall von Gesang, von goldenem Licht, das nahm die Besinnung, das brachte das große Weinen, das Schluchzen, den lange nicht gekannten Schlaf.

Und langsam das Erkennen: Die Gefängnistür ist offen!
Der Brief von der Bezirkshauptmannschaft, ist eine Ikone für die Aura. Sie wird geküsst, gerahmt und aufgehängt, gleich neben der Madonna.
Ende der dottergelb, feuerrot, tintenschwarz gefärbten Haare, der Perücke, der Sonnenbrille Des Verstecks vor den Schuhen der Polizei.

Eines Tages sagt die Aura:
Ich habe es gewusst.
Die mutige Aura, die aus dem Fenster springen, die lachen konnte, hinter der die Männer her waren, immer schon und nicht nur der Schwager.
Die Aura, die schöne, starke und mutige Aura!
Eines Tages sagt sie:
Damals habe ich es gewusst wie ich mit dem kleinen Alex, in der Nacht über die Grenze geflohen bin. Damals, als ich ins Auffanglager gekommen bin, in der Früh, wie wir Brot bekommen haben und Tee, wie ich meinen Zucker dem Alex auf sein Brot gestreut habe und er gesagt hat, du auch Mama, iss du auch, wie wir das Zuckerbrot zusammen gegessen haben da, damals hab ich gewusst, wie die Freiheit schmeckt.

Kurzbiografie: Annemarie Schmid-Schmidsfelden
Aufgewachsen in Pögstall und Ybbs, Matura Englische Fräulein St. Pölten, ehemalige Rundfunksprecherin und Hörspielautorin.
Studium der Germanistik und der Kunstgeschichte.