33/ Prosa: Splitter und Splatter, Hahnrei Wolf Käfer
Hahnrei Wolf Käfer
SPLITTER UND SPLATTER
(Untolerierbare und schlampige Verkürzungen)
Papa, was hast du damals gemacht?
Wann, damals?
Im Krieg.
In welchem Krieg? Ich war in keinem Krieg.
Na, zwischen 1968 und 1978. Wenn Bader/Meinhof Kriegsgefangene waren, muss es doch auch einen Krieg gegeben haben. Was hast du da gemacht?
Stimmung.
Der Liedermacher Franz Josef Degenhardt lästert schon Mitte der siebziger Jahre über die vorausgeahnte Achtundsechziger-Nostalgie. Ja, wenn der Senator erzählt und seine Dias von den Maiaufmärschen herzeigt (das Meer der roten Fahnen im Gegenlicht), sichtlich von der eigenen Geschichte gerührt. Senator, das ist für die Liedfigur wichtig, er hat sich also angepasst, hat also den Marsch durch die Institutionen hinter sich. Aber er ist, sein Vortrag zeigt es, noch immer vom Phänomen der Masse und Macht hingerissen. Man war wer, weil man viele war. Und der Inhalt, die Idee der Bewegung? Degenhardt bedauert in seiner zutreffenden Nostalgie-Prognose noch, dass Idee und Inhalt abhanden gekommen sein werden, dass sich alles auf rote Fahnen im Gegenlicht reduzieren wird.
Papa, was hast du damals gemacht?
Wir haben demonstriert. Wir haben Hörsäle besetzt. Einmal wurde sogar ein Ferkel ...
Kurzum: Ihr habt damals euren Spaß gehabt.
1968 wurde in den Familien noch viel und recht unbekümmert vom Krieg erzählt. Unbedarfte Anekdoten und Episoden, die Historie auf individuelle Geschichten herabgebrochen. Oral History, wie man es heute nennt. Es gab auch Fotos, meist mit vielen Uniformen, selten im Gegenlicht. Und selten mit Fahnen, alles Hakenkreuzige hat man im Frühjahr 1945 aus Angst vor den Besatzern verschwinden lassen. Als Soldaten waren die Erzähler meist noch wer gewesen. Zumindest in den Erzählungen. Wer berichtet schon gern davon, dass er ein unbedeutendes, irregeleitetes Würschtel, aber ein Hetzer im Vorfeld der Ereignisse war?
Papa, warum hat es Krieg gegeben. War es wieder die Arbeitslosigkeit?
Im Gegenteil, 1968 gab es Vollbeschäftigung. Wir waren eigentlich zuerst nur gegen den Vietnam-Krieg. Und dann gegen die Amerikaner, die damals Westdeutschland besetzt hielten. Und dann gegen das internationale Kapital, das diesen Krieg finanziert ...
Und dafür habt ihr Kapitalisten ermordet?
Ich hab keinen Kapitalisten ermordet, ich hab nur ein kleines Transparenterl mitgeführt.
Ja, wenn der Herr Karl erzählt. Es ging damals, 1968, wie heute darum, wer die Geschichte erzählen darf. Und obwohl die Tugendwächter der Geschichte bei jedem Vergleich aufjaulen, weil sie meinen, man setze Tatsachen gleich, wo man Strukturen vergleicht: Wie der spätere Genozid an den Juden und die Grauen des Krieges die Gewalttreiberei, die dazu geführt hat, nahezu vergessen lassen, überschatten die Morde der APO die davorliegende Gewalthetze und Gewalteskalation. 1968 (als Chiffre gedacht) wird von den damaligen Gewalttreibern oft nahezu als netter Lausbubenstreich erzählt.
Und du warst wirklich für den Kommunismus, Papa?
In gewisser Weise schon.
1968? Als die Tschechoslowakei von den Warschaupakt-Staaten überrollt wurde? Ja, warst du blind? Oder blöd? Hast du die Verbrechen nicht gesehen, die im Namen des Kommunismus begangen worden sind?
Werde mir nicht frech. Wenn man etwas ändern will in dieser Gesellschaft, kann man sich nicht weiße Seidenhandschuhe anziehen. Groß reden kann jeder. Aber wofür seid ihr? Wofür? Ihr interessiert euch ja nur noch für eure Ich-AG und für den Konsum und eure Partys. Unter der Meinhof hätte es das nicht gegeben –
sagen sie gerade noch nicht, die Altachtundsechziger. Aber wie sie sich heute in Szene setzen und gesetzt werden! Sie machten nicht Revolution, sie machten bloß Stimmung. Jene Stimmung, in der übers Morden wieder diskutiert werden konnte. Sie machten bloß jene Stimmung, in der über Morde offene oder klammheimliche Freude herrschte. Jene Stimmung etwa, in der man auf Lenin wieder einen heben konnte. (Heinz R. Unger, Proletenpassion) Aber das war, wie eigentlich fast alles, was man unter 1968 versteht, später. Und von so manchem krausen Gedankengang jener Zeit spricht man heute überhaupt nicht mehr.
Papa, ich verstehe die Krisensehnsucht von damals nicht.
Ohne Krise des Kapitalismus keine Revolution. Ist doch klar.
Aber es ging den revolutionierten Menschen im Osten doch viel schlechter als den nicht revolutionierten im Westen. Wolltet ihr wirklich, dass es allen so schlecht geht?
Wir waren gegen die Ausbeutung, gegen die Entfremdung. Wir waren für die Selbstbestimmung. Für die Freiheit.
Es riecht ein wenig romantisch und weltfremd, wenn vom Materialismus statt Wohlstand Freiheit proklamiert wird. Wo immaterielle Werte proklamiert werden, ob nun Solidarität oder Nächstenliebe, werden stets materielle einbehalten und angehäuft. Man kann auch sagen, die Praxis der Ideologien bestehe darin, ideellen Wert (etwa positives Selbstwertgefühl) auszuzahlen, um realen Mehrwert einzubehalten.
1968 ist ein Mythos, und ein Mythos ist ähnlich den Markennamen (Coca Cola, Adidas ...) vor allem etwas Aufmerksamkeitsmächtiges. In den Mythossack Ödipus wurde bekanntlich auch vieles hineingestopft, was dort ursprünglich nicht vorhanden war und dort auch gar nicht recht hineinpasst. Warum sollte es 1968 anders ergehen. Ich war damals zwanzig, Student, klarerweise verliebt.
Papa, wenn alles später war, was bleibt dann für 1968? Was war damals wirklich los?
Unleugbar gab es die sexuelle Befreiung.
Warum? Gab es vorher ein Bumsverbot?
Blödsinn, aber die gesellschaftlichen Normen. Der gesellschaftliche Druck.
Papa, war die sexuelle Liberalisierung nicht doch Djerassi mehr zu verdanken als Engels oder Marx. War es nicht die Pille, die für die Frau Selbstbestimmungsmöglichkeit schuf und für beide Geschlechter einen mehr oder minder angstfreien Raum?
1968 war Politik und Kunst, die berühmte Hörsaalaktion mit Brus, Mühl, Wiener und Co., eine sehr ‘körperorientierte’ Aktion. Längst wissen wir, wie R. Burger alles bestens formuliert missverstehen kann, und dass keiner so gut und eitel formuliert missversteht wie er. Der philosophische Gestus der Benennung ist bekanntlich eine Aneignung, erst mit dem nach Gutdünken Benannten kann man nach Willkür verfahren. Burger nannte die erwähnte Hörsaalaktion jüngst ‘Schlechtes Benehmen’. Welch Beruhigung und Erlösung des Bürgertums, wenn Aktionen und Aktionismus entweder ‘nur’ Kunst sind, also in einen quasi exterritorialen Raum (Kirche, Galerie, Theater etc.) abgeschoben werden können. Oder wenn sie ‘nur’ schlechtes Benehmen sind und somit als aus dem exterritorisierten Raum des Verpönten in den tatsächlichen herüberschwappendes Geschehen gesehen werden können wie etwa ein Rülpser ohne Absicht. Da wird also das Verstörende bequemerweise in den Abfallkübel des schlechten Benehmens entsorgt. Oder in den Schrein der Kunst, wo man es durch Historisierung entschärft.
Wenn ich so etwas lese, was wirklich nicht bürgerlicher Contenance entspringt, sondern schlicht Wiederholung jener primitiven Reaktion ist, die schon damals jenen Denkprozess ersparen sollte, zu dem die Aktion anregen wollte, merke ich, dass mir die Wichtigmacherei der etwas überwutzelten Achtundsechziger und jener, die es nachher (nach 1968) erst geworden sind, mag sie auch etwas Lächerliches an sich haben, doch noch lieber ist.
Und wurde nicht 1968 auch zum Geschäft gemacht? Wird nicht immer noch mit 1968 Geschäft gemacht?
Mit allem wird Geschäft gemacht, mein Sohn. 1968 ist ein bißchen wie Marlboro, eine Marke mit einem verruchten Flair. Und es gibt wissenschaftliche Untersuchungen, dass Rauchen nicht schädigt und 1968 keinen Anlass zur Einschränkung der bürgerlichen Freiheiten gegeben hat.
Und machst nicht du auch soeben Geschäft mit dieser Marke, Papa?
Nun, die zehn Minuten Aufmerksamkeit habe ich mir wohl verdient, oder? Und ich hör ja gleich auf.
Klarerweise ist alles eine Frage des Geschäfts. Wenn ein Autor, ein Liedermacher, ein Künstler einmal ‘im Geschäft’ ist, mag er sich gebärden, wie er will, es schützt ihn der unsichtbarer Mantel der Profitgruppe. Der Zerstörer der Gesellschaft wird paradoxerweise oder eigentlich logischerweise dafür, dass er sein Ziel nicht erreicht hat, von der unzerstörten Gesellschaft mit Preisen überhäuft. Sofern er ein Geschäft ist. Und somit möchte ich auch meine Geschäftsstörung hier beenden. Denn was die Großrederei und die Geschäftemacherei angeht, habe ich mich schon vor Jahren Hahnrei genannt, der Betrogene. Die Abkürzung der Vornamen (HW) kann aber vor dieser Kulisse auch als Hanswurst gelesen werden.
Biografie: Hahnrei Wolf Käfer
Geboren 1948. Literarisch tätig seit 1960. Studium der Theaterwissenschaft, Germanistik und Philosphie, u.a. Unilektor in Japan.