35/ Prosa: Befreiung. Waltraud Holzner

Waltraud Holzner
BEFREIUNG

Erweiterte Fassung

 

Die Frau fuhr langsam durch die Allee. Es hatte sich einiges verändert. Die alten Lindenbäume standen noch, aber nur wenige der Villen, die hinter gepflegten Gärten dösten, vornehm distanziert zur spärlich befahrenen Straße, hatten ihr Aussehen bewahrt. Da, rechts, eine Woge dürren Laubes neben dem Gehsteig, ein hohes, rostiges Gitter mit einem zweiflügeligen Tor – sie war am Ziel.

 

Heute hatte ihr der Notar das Schüsselbund mit der Ankündigung ausgehändigt, sie werde ihr Erbe in einem verwahrlosten Zustand vorfinden. Nichtsdestoweniger sei das Haus mit dem Park, in der besten Lage der Stadt, von ungeheurem Wert. Er hatte sogar einen Betrag genannt. Gut und gerne sei das Objekt um so und soviel verhandelbar, hatte er mit gesenkter Stimme verkündet. Die Frau hatte nicht auf seine Worte reagiert, hatte schweigend und achtlos die Dokumente zusammengerollt, sie samt den Schlüsseln in ihre Tasche gesteckt, und war ohne Kommentar gegangen.

 

Vorsichtig lenkte sie den Wagen über die holprige Einfahrt bis zu den Stufen vor dem Eingang.

 

Die Bäume waren zu Veteranen mit dicken Stämmen und ausladenden Kronen geworden, Rasen und Wege verwildert, das abgefallene Laub lag auf hohem Gras. Da vorne die Eiche. Der Baum, der sich bewährt hatte. Die starke Deutsche Eiche.

 

Und  schließlich das Haus. Ende des 19. Jahrhunderts erbaut. Mauerfraß im Sockel, das Holz der Veranda und der Mansarde verwittert, die Regenrinne geborsten und bemooste Ziegeln vom steilen Dach zerbrochen auf dem Boden liegend.

 

Nachdem sie einen großen, grünen Plastikkanister aus dem Kofferraum geholt hatte, öffnete sie die Haustüre. Heute, nach so vielen Jahren, betrat sie wieder die Insel ihrer Kindheit, von der es damals kein Entrinnen gegeben hatte.

 

Der Geruch... Der unverwechselbare Geruch, den sie nicht mehr erwartet hatte, jedoch sofort wieder erkannte. Kaum eingetreten, fand sie sich von allen Seiten umgeben von Jahrzehnte alten Ausdünstungen modernden Holzes, Leders und Bohnerwachses. Sie durchschritt die dämmrige Diele, bemerkte ein Möbelstück und einen Teppich, die ihr fremd waren, aber der große Esstisch mit den gedrechselten Stühlen stand dort wie ehedem. Sie konnte sich sogar an das Brokattischtuch mit dem orientalischen Muster und den olivgrünen Lampenschirm erinnern. Rechts die hohe Kredenz. Sie sah sich als etwa zwölfjähriges Mädchen davor knien und die Scherben eines Tellers, den sie zerbrochen hatte, aufkehren. Das Gekeife der Mutter klang ihr noch heute in den Ohren und dann die Schläge des Vaters, seine fleischige Hand auf ihrem entblößten Rücken...

 

Sie warf einen Blick in die Küche. Diese musste vor vielen Jahren erneuert worden sein, denn die Einrichtung war ihr, obwohl abgenützt, gänzlich unbekannt. Die Verbindungstür zur ehemaligen Zahnarztpraxis ihres Vaters öffnete sie nicht, sondern sie ging zurück in die Diele, nahm den Kanister und schleppte ihn die Holztreppen hinauf in den ersten Stock. Hier hatte sich nichts verändert. Gar nichts.

Das düstere Mobiliar, die Portraits ihrer Großeltern, das Ölgemälde, ein Schiff auf stürmischer See darstellend, die beiden Landschaftsaquarelle mit den viel zu wuchtigen Rahmen - all das hatte hier ausgeharrt, auf sie gewartet, auf die Stunde der Befreiung.

 

Zögernd näherte sie sich dem Klavier. Das Instrument hatte ihr gute Stunden beschert, hatte ihr Klänge geschenkt, die, obwohl auch von den anderen Hausbewohnern wahrgenommen, nur ihr allein gehörten, Töne, die dem, wozu ihr die Worte fehlten, Ausdruck verliehen, Laute, deren Bedeutung nur sie alleine kannte. Aber selbst hier die Beklemmung, da sie seine, des Vaters, Annäherung zu spüren vermeinte, wie er leise hinter sie trat und seine Hände von ihren Schultern abwärts glitten.

 

Gerade als sie mit dem Mittelfinger eine Taste anschlug und feststellte, dass das Instrument in hohem Maße verstimmt war, vernahm sie, wie die Haustüre aufgesperrt wurde. Ihr Schreck war so groß, dass sie sich auf den Klavierhocker setzen musste, um ihre Blase an einer unkontrollierten Entleerung zu hindern. Jetzt würde er die Treppen heraufschleichen, und ihre Erinnerung würde erneut zu ekelhafter Wirklichkeit werden. Aber das konnte nicht sein, er war tot, tot, tot. Erhängt an einem Ast der Deutschen Eiche.

 

Es war eine Person mittleren Alters mit rot gefärbten Haaren, die sich als Erna Konetschnik vorstellte. Sie habe das Auto vor der Einfahrt gesehen und nachschauen wollen, wer im Haus sei. Nun ja, sie habe sich schon gedacht, die Tochter sei gekommen, jetzt, wo es zu spät sei. Seit nunmehr zwanzig Jahren habe sie diesen Haushalt geführt. Gehässigkeit schwang in ihrer Stimme mit, als sie fortfuhr:

„Seit Ihre Mutter vor sieben Jahren gestorben ist, war Ihr Vater ganz alleine.“ Da sie keine Antwort bekam, strich sie sich einige Male über ihre spitze Nase und zeterte: „Ich habe vorige Woche viele Stunden gearbeitet, alles geputzt und in Ordnung gebracht. Das war, da bin ich mir sicher, im Sinne Ihrer Eltern.“

 

Die Frau entnahm ihrer Tasche eine Geldbörse. „Wieviel bin ich Ihnen schuldig?“

 

Die Konetschnik nannte einen Betrag und fügte gleich hinzu, dass ihre Treue eigentlich nicht alleine mit Geld abgegolten werden könne.

 

„Wenn Sie etwas aus diesem Haushalt brauchen können...“

 

„Oh ja, ein Tischtuch hätte ich gerne. Als Andenken sozusagen.“

 

„Sie können sich alles, was in den Kästen ist, nehmen. Aber schaffen Sie es gleich weg.“

 

Wie ein Wiesel flitzte die Konetschnik in den Keller und kam mit einigen Kartons wieder. Hastig stieß sie die Flügeltüre zum anschließenden Schlafzimmer der Eltern auf und die Frau sah zu, wie die Rothaarige zitternd vor Gier Wäsche aus den Schränken raffte, in die Schachteln stopfte und diese, einen Karton nach dem anderen, nach unten zu ihrem ebenfalls vor dem Haus parkenden Wagen trug.

 

In den Kästen und Laden herrschte wie ehedem peinliche Ordnung. Welch ein Gegensatz zu der bröckelnden Fassade und der äußeren Verwahrlosung des Hauses. Allerdings entströmte der Wäsche, die an ihr vorbeigetragen wurde, ein stickiger Geruch nach altem Holz und Mottenpulver, der darauf schließen ließ, dass die Kästen schon lange Zeit nicht geöffnet und die Wäschestücke nicht benützt worden waren. Sicher hatte der Vater nach dem Tode der Mutter „von der Hand in den Mund“ gelebt, war, an Ordnung ohne eigene Bemühungen gewöhnt, darauf bedacht gewesen, die vorhandenen Einteilungen so zu belassen, wie sie waren.

 

Das Schlafzimmer der Eltern. Ordentlich aufgeräumt, auf dem großen, altmodischen Doppelbett aus dunklem, poliertem Holz eine Decke aus weinrotem Velours, auch die Fenster mit ebensolchen Vorhängen umrahmt. Die Frau wandte den Blick ab. Sie wusste, über den Betten würde der Stolz des Vaters, ein allegorischer Frauenakt von Adolf Ziegler hängen, jenes Malers, der beauftragt war, das Deutsche Reich von „entarteter Kunst“ zu säubern. Wahrscheinlich würde auch der Sprung im Spiegel über dem Vertiko noch vorhanden sein. Aber sie ging nicht in das Zimmer, denn sie wollte das alles nicht sehen. Sie mochte auch nicht über die Ehe ihrer Eltern nachdenken, von der sie im Grunde außer dem von ihnen zur Schau getragenen Alltagsleben nichts wusste. Eine Beziehung gekennzeichnet von Despotismus und Abhängigkeit musste es gewesen sein, das stand fest.

 

Der Haushalt war tadellos geführt worden, die Mutter hatte in allem versucht, den Ansprüchen ihres Mannes gerecht zu werden. Für ihn war täglich Fleisch auf dem Teller gelegen, selbst in der Zeit nach seiner Rückkehr aus dem Krieg, wo solches kaum erhältlich gewesen war. Ein Haushaltsbuch hatte die Mutter zu führen gehabt, in das alle Ausgaben säuberlich eingetragen werden mussten und das zuweilen kontrolliert worden war. Ihr, der Tochter, waren Klavierstunden erlaubt worden, weil solche für Mädchen aus „gutem Hause“ üblich waren. Die Klavierlehrerin, ein zerstreutes Wesen mit fahrigem Blick, war ins Haus gekommen und hatte ihr Unterricht erteilt.

Die Mutter legte großen Wert auf die gesellschaftliche Position der Familie und pflegte freundschaftliche Kontakte nur – wie sie sich ausdrückte - zu ebenbürtigen Personen. Als Tochter eines Offiziers und Frau eines Akademikers könne, dürfe, müsse sie dieses oder jenes tun oder lassen, war aus ihrem Munde zu hören. In der Runde ihrer Freundinnen blühte sie auf und wandelte sich für wenige Stunden von der ängstlichen Befehlsempfängerin zur von der intellektuellen Aura ihres Mannes umstrahlten Honoratiorengattin.

 

Manchmal hatte der Vater Kriegskameraden eingeladen. Zu solchen Anlässen war von der Brauerei ein mittleres Fass Bier geliefert worden und die Mutter war in der Küche mit der Zubereitung von Braten und Würsten beschäftigt gewesen. Ihr waren die Kameraden des Vaters namentlich als „liebe Onkeln“ vorgestellt worden und schon mit zehn Jahren hatte sie die Aufgabe des Servierens und Ausschenkens übernehmen müssen. Jedesmal waren diese Zusammenkünfte zu einem großen Besäufnis ausgeartet. Mit Abscheu hörte sie, wie die Männer stolz von ihren Taten erzählten, die sie im Krieg begangen hatten und nun heroisierten. Und sie hatte nicht nur die gegrölten Nazilieder und den üblen Gestank nach Bier und Schweiß, sondern auch die widerlichen Bemerkungen und das Gegrapsche der „lieben Onkeln“ ertragen müssen. Die in anderen Bereichen sehr auf das Ansehen des Hauses bedachte Mutter hatte für die Derbheit der Männer stets verständnisvolle Worte gefunden und schien deren Brutalität als eine männliche Tugend zu bewundern.

 

Der Vater war gekommen und gegangen wann er wollte, ohne zu sagen, wohin es ihn trieb. Viele Wochenenden hatte er außer Haus verbracht, die Mutter mutmaßte, er besuche auswärtige Kameradschaftstreffen. Sie wurde von ihm oft zu Theater - und Kinoabenden ermuntert, für die sie sich devot bedankte, obwohl er sie nie begleitete. Auch Einladungen von Freundinnen hatte die Mutter mit Billigung ihres Mannes angenommen und manchmal war sie von ihm aufgefordert worden, doch ein Stündchen spazieren zu gehen, da sie blass aussehe. Mit Grauen dachte die Frau an jene Abwesenheiten ihrer Mutter, die diese sichtlich genossen hatte, sie selbst aber in Todesangst gestürzt hatten.

 

Die Mutter musste doch etwas gewusst oder zumindest geahnt haben. Und wenn nicht, so war dieses Unwissen nicht zu entschuldigen. Konnte es möglich sein, dass ihr als Mutter und Hausbewohnerin die jahrelange Not und Einsamkeit ihres Kindes nicht aufgefallen waren? War sie zu kaltherzig, zu oberflächlich, zu verdorben oder selbst zu eingeschüchtert gewesen, um sie aus ihrer Ohnmacht zu erretten? Oder hatte sie gar ihr gesellschaftliches Ansehen über das Wohl ihrer Tochter gestellt?

 

Erhitzt und außer Atem vom Treppensteigen erschien die Konetschnik wieder im ersten Stock und warf einen lauernden Blick auf die Frau, die reglos vor dem Klavier stand. „Auf das Porzellan Ihrer Eltern habe ich immer besonders geachtet. Wäre jammerschade gewesen, wenn davon etwas zu Bruch gegangen wäre...“

 

„Sie können es haben“, unterbrach die Frau den Redeschwall.

 

Durch die Großzügigkeit der Erbin entwaffnet, fühlte sich die Haushälterin bemüßigt, freundlichere Töne anzuschlagen: „Wenn Sie es nicht brauchen, werde ich es mir später holen. Ich werde es in Ehren halten, jedes einzelne Stück.“

 

„Machen Sie, was Sie wollen, aber gehen Sie jetzt, ich möchte alleine sein.“

 

Die Konetschnik überhörte den gereizten Ton der Frau, ihre Begierde nach dem Hausrat ihrer Herrschaft steigerte sich von Sekunde zu Sekunde. „Der Lehnstuhl Ihres Vaters...“

 

„Bleibt da!“ Die Frau schloss mit einer Geste, die keinen Widerspruch duldete, den Klavierdeckel, ging zum Fenster und verharrte dort schweigend, den Rücken der lästigen Fragestellerin zugekehrt.

 

Sie wartete, bis Frau Konetschnik gegangen war, beobachtete vom offenen Fenster aus, wie sie die Kartons mit der Wäsche im Kofferraum verstaute und dann in ihrem Auto das Grundstück verließ. Erst dann wandte sie sich um und konzentrierte sich erneut auf die Aufgabe, die sie sich gestellt hatte. Heute mussten Rückblicke zugelassen werden. Ein letztes Abwägen war unumgänglich, um ein Urteil fällen und vollstrecken zu können. Sie war als Richterin gekommen, als Nemesis.

 

Der Lehnstuhl ... Der Vater, SS-Obersturmbannführer, hatte im September 1943 einen kurzen Fronturlaub bei seiner Familie verbracht. In seiner Uniform war er dagesessen, umrahmt vom dunklen Leder des Lehnstuhls und hatte sie, die damals Achtjährige zu sich gerufen. Er hatte ihr zuerst den Orden gezeigt, der ihm für besondere Tapferkeit verliehen worden war und sie dann aufgefordert, sich auszuziehen. “Da wollen wir einmal sehen, ob du ein strammes deutsches Mädchen bist!“, hatte er mit süffisantem Grinsen gesagt.  Ein Marschlied hatte er gegrölt, sich im Takt auf die Schenkel geschlagen und sie hatte nackt im Zimmer auf und ab gehen müssen. Er hatte sie angebrüllt, als sie beim Marschieren gestolpert war und ihre Tränen verhöhnt, die sie aus Scham und Verzweiflung geweint hatte.

 

Nach Kriegsende war er noch zwei Jahre verschwunden geblieben, irgendwo untergetaucht trotz aller Tapferkeit vor dem Feind. Aber im November 1947 war er wieder da gewesen, hatte in seiner Zahnarztpraxis ordiniert und unentwegt die Maske der Redlichkeit zur Schau gestellt.

 

Die Frau ging zu der alten Standuhr in der Ecke. Sie öffnete den Uhrenkasten, entfernte die Bodenplatte, entnahm dem Versteck eine kleine Aluminiumschatulle und steckte diese in ihre Tasche. Dann holte sie den Kanister und trug ihn hinauf zum Dachgeschoß, wo der Speicher und das kleine Mansardenstübchen waren, das sie einst bewohnt hatte.

Die Holztreppe ... Ihr Herz pochte, als sie sich an Schritte erinnerte, die unabwendbar immer näher gekommen waren, verraten durch das knarrende Holz der Stufen.

 

Sie öffnete die Tür zu ihrer Kammer. Einen Schlüssel hatte es hier nie gegeben. Ihr Ekelgefühl wurde unerträglich. Da war der heiße, nach Alkohol stinkende Atem gewesen, Hände, denen sie nicht entrinnen konnte, Drohungen, Einschüchterungen, Stürzen in das Feuer der Hölle und eine Seelenpein, die all die Jahre ihre Erinnerung, nicht aber ihr Wissen gelähmt hatte.

 

Sie stand da und wartete. Wartete auf etwas, das in tiefen Ahnungen vorhanden war und  jetzt kommen musste, um von ihr besiegt zu werden. Ihr Herz raste, als sie sich ein Paar Schritte vorwagte, um die Schublade des Schreibtisches zu öffnen. Da waren tatsächlich nach so vielen Jahren noch ihre Schreibutensilien, mehrere Notenhefte, das alte Wörterbuch und - ganz rückwärts - einige Säckchen mit Lakritzen. Die Frau vermeinte, beim Anblick dieser uralten, vertrockneten, pechschwarzen Klumpen den Boden unter ihren Füßen zu verlieren, umsinken, ja sterben zu müssen. Damals hatte sie nicht gewagt, sich dieser Geschenke zu entledigen. Und auch jetzt hatte sie das grauenhafte Gefühl, beobachtet zu werden. Waren die Augen des Vaters nicht überall? War er nicht mit einer außerordentlichen Witterung begabt, die Wege seines Opfers aufzuspüren?

 

Ein würgender Brechreiz überfiel sie. Und plötzlich kam es aus ihr heraus, kam endlich aus ihr heraus. Nicht ihren Magen entleerte sie, sondern das, was sich all die Jahre in ihr aufgehalten und sich vor ihrer Erinnerung verborgen hatte: das Mädchen, dem sie einstmals den Namen Gerda gegeben hatte.

 

Ja, plötzlich war sie wieder da, die verhasste Gerda und mit ihr all das Ungeheuerliche. Vor ihr stand die beschmutzte, widerwärtige Gerda, die sich angstvoll geduckt und nicht gewehrt hatte. Gerda, die es nicht gewagt hatte, sich über Drohungen und Einschüchterungen hinwegzusetzen und die das auferlegte Schweigen nicht gebrochen hatte. Gerda, die allen Misshandlungen ausgeliefert gewesen war wie ein Lamm dem Schächter. Gerda, die den Unrat aufgesogen wie ein Schwamm und sich dann wie eine Trichine in ihr eingenistet hatte. Gerda, der durch die Berührungen des Vaters für alle Ewigkeit Schmutz und Schande anhafteten.

 

Klar, Gerda war auf geheimnisvolle Weise sie selbst, war als ein anderes Ich aus ihr hervorgegangen. Aber nicht sie hatte Gerda verdrängt, sondern dieses zweite Ich hatte sich, um die Sachverhalte zu verschleiern und zu vertuschen in innere Tiefen verkrochen, hatte sich von dort aus ihrer Gedanken bemächtigt, ihre Erinnerungen vereist, ihre Gefühle ausgeschaltet und ihre Reaktionen manipuliert. Und Gerda war, jahrzehntelang eingeschlossen, nicht gealtert. Die Frau sah sich, personifiziert in Gerda, als halbwüchsiges, mageres Mädchen am Boden kauern, nackt, missbraucht und gedemütigt. Ihr Entschluss stand nun fest: „Arme, ekelige Gerda, ich werde dich von deiner Schmach erlösen“, signalisierten ihre Gedanken und zugleich wusste sie, dass Gerda diesen Augenblick inbrünstig herbeisehnte.

 

Der Kanister war schwer. Vorsichtig schüttete die Frau etwas von der gelblichen Flüssigkeit auf den Boden der Kammer, auch einen kleinen Schwall dorthin, wo  Gerda ruhig und gefasst kauerte und verteilte dann den Inhalt in den Räumen und über die Treppen bis zur Eingangstüre.

 

Schon mit dem ersten Zündholz war ihre Unternehmung erfolgreich.

 

Ohne Eile fuhr sie den Gartenweg zurück. Bei der Deutschen Eiche hielt sie an, öffnete die Aluminiumschatulle, die sie aus dem Uhrenkasten geholt hatte, entnahm ihr den mit dem Hakenkreuz versehenen Verdienstorden des Vaters und hängte ihn an einen Ast des Baumes. Einen letzten Blick warf sie auf das Haus und registrierte mit einem unsagbaren Gefühl der Befreiung lodernde Flammen und Rauch.

 

Heute befindet sich in an der Stelle, wo sich das alles zugetragen hat, ein luxuriöses Privatsanatorium. Der ruhige, friedliche Platz eignet sich optimal für eine derartige Einrichtung. Alle Spuren sind beseitigt.

 

Kurzbiografie: Waltraud Holzner
Geb. 1940 in Wien, lebt seit 1965 in Südtirol. "Von Schafen, Hirten und warmer Wolle", 
"Gleich hinterm Zaun ist Bethlehem", "Südtirol leise", "Macht und Magie der Symbole",
"Kitti ist anders" (Kinderbuch), alle erschienen bei Athesia Spectrum, Bozen.
Zahlreiche ihrer Kurzgeschichten waren im RAI-Sender Bozen zu hören und wurden in
in- und ausländischen Zeitschriften veröffentlicht. Sie ist Text- und Melodieautorin des
Kindermusicals "Der Tatzelbär".