35/ Prosa: Der Rudl. Beppo Beyerl

Beppo Beyerl
DER RUDL

 

Rudl hat höchstens zwei Monate seines Lebens gearbeitet und die restliche Zeit war er arbeitslos, weil das, wie er seinen Kollegen von der Freitag-Saunapartie erklärte, eine noch größere Arbeit ist.

Für diese diffizile Lebensplanung braucht man schon eine gehörige Portion Intelligenz. Rudl rekrutierte diese natürlich nicht zum Erfassen der sozialen Situation im Allgemeinen, sondern zum flexiblen Ausnutzen des Sozialsystems im Besonderen, was sowohl dessen genaue Kenntnis als aus eine gewisse laxe Grundhaltung voraussetzt.

Mit seiner sozialen Intelligenz, die ihm der Staatsanwalt beim Plädoyer anstandslos zugestand, hätte er locker und anstandslos glücklich und zufrieden bis ans Ende seiner Tage leben und jeden Freitag abend mit der Herrenrunde in die Amalienbadsauna gehen können. Doch ätsch, kein Glück hält ewig, denn sein, wie der Verteidiger beim Prozeß meinte, gacher Jähzorn trat auf den Plan seiner Lebensgestaltung und brachte das Konzept um die Früchte des mühsamen Erfolges. Mit dem gachen Jähzorn meinte der Anwalt natürlich nicht die aus der Hüfte geschlagenen Watschen, die der Rudl tagtäglich seiner ihm angetrauten Gattin verabreichte. Um eine gesunde Watschen macht man nicht viel Aufhebens im Wiener Vorort Favoriten, und niemand, am allerwenigsten seine ihm angetraute Gattin, wäre auf den Gedanken gekommen, den Polizisten gegenüber von der gestreckten Gachen auch nur den Ansatz zu erwähnen.

Im Gegenteil, der Rudl machte sich beliebt im Gemeindebau, weil er auf den Parteiversammlungen der Sozialdemokraten im richigen Moment „Bravo!“ rief, und als er einmal „Alleweil gegen die Kleinen“ im tiefsten Slang von Favoriten brüllte, da fielen die ihn bewundernden Blicke der 80-jährigen Omamas auf seine grimmige Gestalt.

Selbst die Tatsache, daß er mit der kleinen Tochter seiner Gattin lustige Filme drehte, wenn seine Gattin in der Arbeit war und diese lustigen Filme um ein Heidengeld an gewisse zahlungskräftige Kunden verkaufte, brach sozusagen keinen Ast aus dem Baum seiner verzweigten Karriere. Seine Gattin wußte ja nichts von den lustigen Filmen, und wenn sie etwas gewußt hätte, hätte sie – sagen wir es ehrlich – geschwiegen wie im Grab.

Der Rudl waltete nämlich als Herr im Haus, auch wenn das Haus eine mehr oder weniger geräumige Gemeindebauwohnung in Favoriten war. Schließlich schaffte er es kraft seiner im Prozeß amtlich festgestellten sozialen Intelliganz, zur Begleichung der Miete der Gemeindebauwonung, die samt Einrichtung aus wohlfeilen Gründen seiner ihm angetrauten Gattin gehörte, wodurch etwa weder der Fernseher noch der mit Bierdosen gefüllte Kühlschrank gepfändet werden konnten, sowohl vom Bund als auch von der Gemeinde eine Förderung zu erhalten, deren Gesamtsumme die von seiner Frau gezahlte Miete um das Dreifache überstieg.

Doch Schwamm drüber. Sein Unglück begann, als seine im Hof spielende Ziehtochter einen Fauxpas beging, wie der Verteidiger beim Prozeß ausdrücklich feststellte, und mehrmals an der Haustür klingelte, obwohl die Tür nicht abgeschlossen war. Wütend drückte der Rudl auf den Knopf der Gegensprechanlage, noch wütender rannte er die Stiege hinunter, lachend lief ihm das kleine Mädchen im ersten Stock entgegen, da bückte er sich gach zu ihr hinunter und würgte sie noch gacher. Als sie keine Lebenszeichen von sich gab, waren sechzig Sekunden vergangen. Sechzig Sekunden, stellte der Gerichtsgutachter fest, genau eine Minute haben Sie die Kleine gewürgt, und der Rudl wird zeit seines Lebens nie erfahren, mit welchen Methoden der Mediziner die sechzig Sekunden eruierte und wieso er nicht auf vierzig oder dreiundachzig kam.

Das also war es, was die Herren aus der Freitag-Saunapartie und sein Verteidiger später als Jähzorn bezeichneten. Natürlich muß festgestellt werden, daß die Kleine ein ausgesprochener Fratz war. Wollte sie doch ihren Stiefvater reizen, vielleicht ihn zur Weißglut treiben, vielleicht zu einer Untat provozieren. Aber, so meinte der Ernstl noch vor dem ersten Aufguß, aber gleich umbringen? Wenn eine Tracht Prügel genügt hätte?

Indes kam der Rudl nicht zum Verschnaufen, weil er ja die Kleine nicht im ersten Stock des Stiegenhauses zurücklassen konnte. Flugs packte er sie mit beiden Händen und trug sie noch flugser in das Kellergeschoß des Gemeindebaus. Dort deponierte er die Abgemordete in einem leerstehenden Abteil, in dem außer einem amtlichen Zettel, der auf die Streuung von Rattengift hinwies, das nicht in die Hand und noch weniger in den Mund von Kleinkindern geraten sollte, noch Reste von längst ausgetrockneten Orangeschalen lagen, die auf einem weder vom Rudl noch von den Kriminalbeamten zu eruierendem Weg ihren Weg ins tiefe Kellerloch gefunden hatten.

Nach der Verstauung der Umgebrachten rannte er wieder in die Wohnung hinauf, um die lustigen Filme in einer absperrbaren Lade zu verstauen, da seine ihm angetraute Gattin gegen 18 Uhr nach Hause kommen sollte. Sie arbeitete in einem Frauenprojekt für langarbeitslose Frauen, in das sie vom Arbeitsmarktservice zwangsvermittelt worden war, und wurde von ihrem Mann und Gebieter gegen die Projektleiterinnen aufgehetzt, wo doch auch der Ernstl schon beim Umziehen zu behaupten pflegte, daß eine Frau bekanntlicherweise nichts anschaffen kann.

Yvonnee - so hieß die Gattin, wobei der Rudl ihren Namen bevorzugt auf der dritten Silbe betonte, also Yvonnee zog nach ihrer Heimkehr eine cremige Falte auf ihrer Stirn und wackelte mit den Zehenspitzen in ihren High-Heels: die Kleine nicht im Badezimmer, die Kleine nicht im Wohnzimmer, die Kleine nicht im kleinen Zimmer.

Äußerst klug erklärte der Rudl, daß die Kleine nicht nach Hause gekommen sei, und noch klüger setzte er hinzu, daß er in Anbetrachtung der ernsten Situation selbstverständlich auf den heutigen Besuch der Saunarunde verzichten werde. Und weiters fügte er hinzu, daß gerade heute ein echter Karl stattfinden werde; schließlich habe der Ernstl das letzte Mal seinen, also Rudls rechten Badeschlapfen im Wassereimer versenkt, und heute hätte er, also der Rudl, vorgehabt, das Badetuch des Ernstl unter die glühenden Kohlen zu tauchen.

Um 19 Uhr zog die Yvonnee die gesamte Stirn in cremige Falten und richtete sich die Pumps, weil sie vollends aus den High-Heels zu rutschen begann: von der Kleinen keine Spur. Als symetrischen Beweis seiner Zuneigung faltete der Rudl ebenfalls seine Stirn in breite Falten, da er ja nur schwer aus seinen Doc Martens schlüpfen konnte. Schnell schnallte die Yvonee die Pumps um ihre Füße und machte sich auf die darunterliegenden Socken, da sie noch zu zu vier Spielplätze klappern und zu zwei Bekannte trippeln wollte.

Der Rudl wartete indessen zu Hause auf die Kleine. Kurzfristig verlor auch er ein bißchen seine Gleichgültigkeit. Fiel ihm doch ein, daß mit der Abmurksung der Kleinen auch sein einträgliches Filmobjekt für immer von dieser Welt verschieden ist. Die Entscheidung über die Suche nach einer neuen Einnahmequelle verschob er auf später, da er im Moment eigentlich andere Sorgen hatte.

Als die schluchzende Yvonnee barfuß zurückkehrte und die Pumps in den spitzlackierten Fingern balancierte, ergriff der Rudl ihre Hand und erklärte, die Suche nach der Kleinen nun selbst in seine Hand nehmen zu wollen. Sicher kann man ihm das aus der Sicht der späteren Ereignisse als Fehler vorhalten, aber nachher sind immer alle gescheiter. Indes weiß ein Mann, was er will. Also verständigte er mit dem Handy die Polizei, und als die vom Steigen der Treppe noch schnaufenden Polizisten in Kenntnis der räumlichen Situation in den Gemeindebauten nach stillen Winkeln und toten Gängen fragten, da erzählte er den Polizisten von einem Kellerabteil, in dem angeblich ein paar Orangenschalen verrotteten.

Gehen wir wieder runter, meinte einer der beiden Polizisten. Selbstverständlich öffnete der Rudl eigenhändig die Tür des Kellerabteils, um sich beim Anblick der Umgebrachten erschreckt umzudrehen. Die Psychologen argumentierten während des Prozesses, daß der Rudl einem zur Selbstzerstörung, vielleicht auch zum Masochismus tendierenden Täterprofil entspreche und daher dieser unbewußten Veranlagung folgend sein Verbrechen absichtlich der Entdeckung preisgeben wollte.

Als der gerufene Arzt mit der Taschenlampe auf die Erwürgte leuchtete, da erwähnte der Rudl die Sandler, die im Hof ihr sogenanntes Unwesen trieben. Und als der Arzt die Todeszeit mit 16 Uhr bestimmte, da fiel dem Rudl ein, daß er vom Küchenfenster seiner Gemeindebauwohnung zwei Ausländer gesehen habe, die sich kurz vor 16 Uhr in den Hof schlichen. Wieso wissen sie, daß das Ausländer waren?, fragte im Prozeß der Staatsanwalt. Das erkennt man doch bei uns im Gemeindebau, antwortete der Rudl. - Woran? - No an der Farbe. Das waren nämlich Neger.

Am Tag nach der Leichenfindung hetzte schon die Lieblingszeitung aller Gemeindebauhöfe auf die kriminellen Farbigen, die eigentlich Neger hießen, und am übernächsten Tag konnte man in einem Leserbrief erfahren, daß der Verfasser des Briefes in einem Lokal einem schwarzen Blumenverkäufer die betreffende Seite mit dem Titel „Farbige als Kindesmörder“ unter die Nase rieb und sodann versicherte, bei Negern keine Blumen mehr kaufen zu wollen.

Indes kannten die beiden Polizisten ihre Pappenheimer. Der Mörder mußte aus dem Gemeindebau kommen, überlegten sie, vielleicht sogar aus der bewußten Stiege, sonst hätte er nicht die Leiche gezielt im einzigen leeren Kellerabteil deponieren können. Sie konstruierten für alle Bewohner der bewußten Stiege sogenannte Zeit-Weg-Diagramme; nur einer hatte um 16 Uhr eine große Lücke. Da ihnen zudem der penetrante Übereifer des Rudl mißtrauisch gemacht hatte, ließen sie sein Vorstrafenregister ausheben. Sie holten aus dem Automaten zwei Bierflaschen und prosteten einander zu, als sie zum ersten Mal im Register blätterten.

Es erübrigt sich zu erwähnen, daß die Beamtin des Sozialamtes niemand verständigte. Sie wollte niemandem Schwierigkeiten bereiten, sagte die Beamtin, als sie haarscharf einer Dienstaufsichtsbeschwerde entging, weil sie die ihr bekannte Vorliebe des Rudl für eine ordentliche Tracht Prügel weder der Polizei noch ihrem Vorgesetzten gemeldet hatte.

Als in den Würgemalen der Kleinen Hautspuren des Rudl gefunden wurden, verhafteten die Polizisten den Rudl.

Beim Prozeß erklärte der Verteidiger, daß der Rudl abnormal veranlagt sei, weil er nie etwas gearbeitet habe und so an Mindertigkeitskomplexen litt, die durch das Läuten an der Tür im Sinne eines double-bound Effektes suggestiv aktiviert wurden. Der Gutachter attestierte dem Rudl völlige Zurechnungsfähigkeit im Allgemeinen und zur Tatzeit im Besonderen. Der Staatsanwalt bekundete im Plädoyer, daß der Rudl kraft seiner sozialen Intelligenz es schaffte, Frauen, Gesetze und Sozialstrukturen auszunutzen. Die Richterin ließ vom Gerichtsdiener eine Puppe genau sechzig Sekunden lang würgen. Die Geschworenen befanden auf schuldig.

Der arme Rudl muß die nächsten zehn Jahre hinter Gittern verbringen.

Seither überlegt die Yvonnee, die sich von nun an auf der zweiten Silbe betont Yvonn rufen läßt, ob sie mehr über den Verlust des Kindes oder den des Mannes trauern soll. Drei Tage nach der Urteilsverkündung brach sie ein versperrtes Holzkasterl auf und fand dort fünf unbeschriftete Video-Kassetten. Da ihr Videorecorder gepfändet wurde, weil sie die Rechnungen des Versandhauses für die neuen Plateau-Stöckler nicht bezahlen konnte, warf sie die Kassetten kurzerhand in die Mülltonne im Innenhof des Gemeindebaus.

Die Saunakollegen wollen den Badeschlapfen des Rudl, den sie im Wassereimer gefunden hatten, zehn Jahre lang in Ehren halten und auf ein entsprechendes Hakerl in der Saunakabine hängen.

Und der arme Rudl überlegt in dem vier Mal dreigroßen Raum, was er nun wirklich falsch gemacht hatte.

 

Kurzbiografie: Beppo Beyerl

Geboren 1955 in Wien, schreibt Bücher über Wien und den Rest der Welt, der vor allem in Tschechien angesiedelt ist. Zuletzt erschienen: "Ausg'steckt is' " (Molden), "Als das Lügen noch geholfen hat" (Molden), "Wiener Reportagen" (Edition moKKa)
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