39 / Prosa: Lazarus ist auferstanden ... Manfred Chobot
Manfred Chobot
LAZARUS IST AUFERSTANDEN UND GEHT MIT JESUS AUF TOURNEE
Das Fernsehstudio gleicht einer Kirche von der Art eines Theatersaals. Oder. Die Kirche ist ein Theatersaal, wobei die Darbietung vom Fernsehen aufgezeichnet wird. Beides gleichermaßen zutreffend. Der Hauptdarsteller kommt aus New York, ein kleiner quirliger Mann schwarzer Hautfarbe. Dessen Profession: Prediger. Sofern er nicht gerade von Auftritt zu Auftritt reist und Jesus-Geschichten erzählt, betreut er auch ein Basketballteam. Als Textvorlage seiner Monologe dient Tim die Bibel, und zwar das Neue Testament, weil das von Jesus handelt.
Diesmal steht die Legende von Lazarus auf dem Programm, deren Inhalt allgemein bekannt sein dürfte: Lazarus ist schwer krank und erliegt schließlich seinem Leiden. Da wird nach Jesus geschickt, aber die damalige Kommunikation war eben noch nicht derart entwickelt. Wäre Jesus allerdings eher gekommen, als Lazarus noch lebte, wäre es mit dem Wunder nichts geworden. Heute hätte Maria ihm ein Fax geschickt, integriert Tim die Gegenwart, und Jesus wäre gleich zur Stelle gewesen, nicht erst nach vier Tagen, als der Tote bereits ein bisschen gestunken hat, worüber Jesus gar nicht erbaut war und die Nase rümpfte. Bilderreich kommt die Sprache rüber, gibt sich simpel, Vergleiche mit Fernsehen und Football, denn Tim ist nicht weltfremd, steht vielmehr beidbeinig darauf. Ohne Zweifel von bemerkenswertem Talent, der Junge. Allmählich nähert sich die Dramaturgie dem Höhepunkt, findet endlich ihre Kulmination. „Jesus hat Lazarus erweckt.“ Das Auditorium klatscht Beifall. Jede Leistung gebührt honoriert, erst recht ein Wunder.
Zur Entspannung ist nun ein Lied angesagt, was die Gemeinsamkeit vertieft sowie Besinnlichkeit keimen lässt. Durch eine gute Inszenierung wird selbst ein mäßiges Stück aufgewertet.
Danach wird von der Theorie zur Praxis geschritten: Auf die Bühne treten jene, die von einem Leiden geplagt werden. Der eine hat Kopfweh, das nicht verschwinden will, Knieschmerzen die andere, jenen drückt es hartnäckig im Magen, diese zwickt es übel an den Nieren. Tim macht whoo, fuchtelt mit dem Arm, und die Patienten fallen rücklings um wie Mehlsäcke. Werden aufgefangen von vier kräftigen Assistenten und mit einem Tuch am Unterkörper bedeckt, kaum dass sie den Boden erreicht haben. Keinesfalls sollen sie sich die Knochen brechen oder eine Erkältung zuziehen. Da liegen sie kreuz und quer, die Männer mit Anzügen und Krawatten, die Damen überaus anständig gekleidet.
Tim geht zwischen den Liegenden herum, ruft hey hey hey ins Mikrophon, als wäre es der Refrain eines Songs, den eine elektrische Orgel dezent begleitet. Was sein hey hey hey bedeute, habe ihn einer gefragt. Das bedeutet exakt hey hey hey, und das ist, wie ich mich fühle. Das ist mein Stil.
Die ersten frisch Genesenen erheben sich, um Platz zu machen für neue Umzufallende. „Ich fühle mich großartig, kann es kaum glauben.“ Spricht es und fällt um. Kein Kopfweh mehr, wie weggeblasen sind die hartnäckigen Magenschmerzen, wogegen kein Medikament half. Auch das Knie ist wieder in Ordnung. Die Gesunden tanzen und singen im Gospelchor. Eine Frau ist von konvulsivischen Zuckungen befallen. Erhebt eure Hände und preist IHN. Wie im Kasperltheater oder in der Schule heben alle ihre Pfoten. Jene, die in einem fort kichert, wird keiner Heilung unterzogen. Sollte Tim sie etwa zum Weinen genesen.
Gebührenfrei kann jeder bei der Gebetsberatung anrufen, wozu ein Moderator animiert. Ich weiß nicht, ob ich bereit bin für den Himmel. Ich bin ein Sünder. Jesus starb für mich, trete in mein Leben, für DICH will ich leben. Zur Verfügung steht eine eigene Telefonnummer, rund um die Uhr. Drogenabhängige, Alkoholiker sind aufgefordert. Aufgrund der heutigen Nacht wird sich Ihr Leben verändern, Sie werden frei sein.
Zurück zu Tim, der inzwischen erfolgreich sein Heilwerk betrieben hat. Nicht er sei es gewesen, sondern Gott, delegiert Tim: Applaus und Jubel für den HERRN. Den ER bekommt. Die Konvulsivische schüttelt es nach wie vor. Lasst sie beben, sie ist nicht das verrückte Huhn, wie man es aus der Werbung kennt. Empfangen Sie Ihr Wunder gleich jetzt, die Macht des Herren ist in Bewegung – über Satellit und über Kurzwelle. Tims Show vernetzt den Äther.
Plötzlich fühlt er etwas für Tulsa. Danach etwas für diese und jene amerikanische Stadt. Kein Handauflegen ist erforderlich, Tim schafft es ohne diese veraltete Technik. Unbeirrt heilt er weiter, einfach via Fernsehen. Eine unsichtbare Berührung, aber eine mächtige. Die Kraft der Auferstehung fließt durch euch. Arthritis und Ohrenschmerzen werden nun beseitigt. Man fragt sich, wofür es eigentlich noch Ärzte gibt in den Vereinigten Staaten. Tim macht sie allesamt arbeitslos und prellt die Pharmaindustrie um verdiente Gewinne. Einen Applaus für den HERRN. Gott braucht Sie. Empfangen Sie Ihr Wunder.
Zum Beispiel acht Videokassetten für läppische 160 Dollar. Exklusive Porto und Verpackung. Um 25 Bucks wäre der Mitschnitt des Abends zu erwerben. Erhebt euch. Gott berührt eure Kinder, eure Geldangelegenheiten. Gott vollbringt gewaltige Dinge. Heute ist der Tag der Tage. Ich möchte nicht, dass Sie versäumen, was Gott für Sie bereithält. Ergr
Ich anerkenne Jesus Christus als den Retter der Welt. Im Liedtext steht sie in einer weißen Wolke, oben im blauen Himmel, weil das Leben gerade beginnt, und sie kann die Engel lächeln sehen. Mich auch. Eine Jerusalem-Reise könnte ganz günstig gebucht werden.
Der Moderator mischt sich wieder ein: Gott hat wunderbare Dinge vollbracht während dieser Woche, aber ER ist damit noch nicht fertig. Jesus wird bald wiederkehren, seien Sie bereit. Jesus kann heute Nacht kommen, aber auch in einem Monat. Heute ist der Tag für Ihr Wunder. Eine Genesungs- und Wunderepidemie scheint ausgebrochen zu sein.
Für zehn Tage lockt die Werbung um 1895 Dollar ins Land der Bibel. Was im Preis nicht alles inkludiert ist. Gesucht werden Prediger. Anruf und ein aktuelles Foto erbeten.
Tim ist abermals dran. Ausstrahlung besitzt er. Seine Schäfchen halten Händchen, derweil Tim den Teufel über den Ozean schickt. (Danke Tim.) Gott hat einen O-Beinigen geheilt, behauptet Tim. (Warum hat ER das bloß getan? Oder macht uns jemand ein O für ein X vor.) Jedenfalls Applaus für Gott. Wiederholung. Und alles wieder von vorne, was wir bereits hatten: die ganze Lazarus-Geschichte. Die Heilerei nimmt kein Ende.
Manfred Chobot:
Geb. 1947 in Wien. Studium der Kulturtechnik und Wasserwirtschaft. Von 1991 bis 2004 Herausgeber der Reihe „Lyrik aus
etcetera 39/ Aberglaube & Irrglaube/ März 2010