42 / Prosa: Der österreichische Volkskörper: Richard Weihs
Richard Weihs
Der österreichische Volkskörper
Der Volkskörper ist keineswegs ein rein abstrakter Begriff, sondern durchaus als gegenständliche Ausformung im öffentlichen Bewusstsein präsent. Das verdanken wir einem österreichischen Volkskünstler, der diesen Volkskörper immer wieder drastisch plastisch darstellt: Herrn Manfred Deix. „Pfui Deixl!“ ist ja auch ein sehr passender Ausruf, wenn man so eine Deix-Figur zu Gesicht bekommt.
Schauen wir uns also diesen Volkskörper einmal genau an. Was sticht uns da sofort ins Auge? Eh klar: Er ist ungemein fettleibig, ausg’fress’n, wie man bei uns so sagt. Und woher kommt das? Natürlich daher, dass er ständig ang’fress’n ist! Und das wiederum rührt daher, dass die österreichische Volksseele ständig kocht – noch dazu mit viel zu viel Schmalz: Fettstrotzende Volksgerichte! Und der arme Volkskörper muss dann ständig auslöffeln, was ihm die Volksseele einbrockt.
Wenn wir schon beim Fressen sind, dann schauen wir gleich einmal dem Volk aufs Maul und betrachten den österreichischen Volksmund. Da sehen wir etwas, was wir jetzt gottseidank nicht riechen können: Der Herr Deix malt da Wellenlinien, manchmal auch ein paar Fliegen dazu, und das bedeutet: Der Volksmund fäut! Ein schwerer Fall von Volksmundgeruch! Das ist aber kein Wunder, wenn man bedenkt, was der alles schlecht gekaut hinunterschlucken muss: Wie man ins Volk hineinstopft, so rülpst es zurück!
Was der Volkskörper behält, wird dann so recht und schlecht verdaut und geht ihm gewaltig auf den Arsch. Ein Mords-Hintern ist das, ein ganz gewaltiges Sitzfleisch: Der Sitz des gesunden Volksempfindens! Am meisten empfindet es, wenn es ordentlich einen sitzen hat, dann setzt es sich gnadenlos durch und furzt:
„Schwere verschärfte Seßhaft! Einsperr’n!
Alle soll’n’s sitzen! Mehr Schmalz!“
Wenn sich das gesunde Volksempfinden ungebremst seine Bahn bricht, dann wird es vom Geräusch volkstümlicher Blasmusik begleitet – und geht natürlich in die Hose. Dabei wird es von der Unterhose gebremst und verursacht dort die berühmte braune Bremsspur. Da pustet sich der Volkskörper faktisch die Seele aus dem Leib – eine gewaltige musikalischfäkalische Eruption!
Apropos Unterhoserl: Da hängt ja etwas heraus, natürlich, das Zumpferl! Klar, der Volkskörper ist selbstverständlich männlich dominiert und deshalb ist der Zumpf der Sitz eines jeden zünftigen Volksbegehrens. Als öffentliches Organ ist er aber nicht nur für die Volksbelustigung zuständig, sondern auch für die Volksvermehrung. Und der weibliche Volkskörper dient dabei als Volksempfänger!
Na, gut schauma aus! So wie der österreichische Volkskörper beinander ist, müsste eigentlich unser Herr Bundespräsident seine sämtlichen öffentlichen Ansprachen mit der feierlichen Anrede eröffnen: „Meine sehr verehrten Schwerversehrten!“
Richard Weihs
Geb. 1956 in Wels, OÖ, lebt in Wien und NÖ. Autor, Musiker und Schauspieler in der freien Theaterszene und Kabarettist, zuletzt: Ang‘speist – Eine deftige Portion Wiener Völlegefühl (2010). Lebt seit 1964 in Wien, seit 2004 auch in NÖ. Zahlreiche Veröffentlichungen von Tonträgern und Büchern. Publikationen u.a.: Der Blues-Gustl. Eine Wiener Legende. (Edition Aramo, Wien). Zahlreiche Preise und Veröffentlichungen von Lyrik und Prosa, zuletzt: Kleine Freiheiten - Gedichte und Geschichten (Arovell Verlag, 2010). Mitglied bei IG Autoren, Grazer Autorenversammlung, ÖDA, Literaturkreis Podium und mica.
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