43/ Prosa: Thujen anschauen: Gerhild Perl

Gerhild Perl
Thujen anschauen

Immergrüne Ästchen verknoten sich ineinander zu einer aufgeblähten Hecke und trennen den englischen Rasen von dem Heimatgrundstück, auf dem ich sitze und von dessen Boden die schimmlige Feuchtigkeit zwischen meine, durch den verkehrten Schneidersitz gespreizten, Arschbacken kriecht. In Landschaften, wo immergrüne, verknotete Thujenästchen die Errungenschaften von 'unter sich bleiben' und 'Heimat sein' prägen, sind ständig Autos von nahe gelegenen Umfahrungsstraßen zu hören, die manchmal überstimmt werden vom Brummen des Rasenmähers, auf der anderen Seite der verknoteten Thujen, die ihre immergrünen Ästchen ineinander legen, bis sie an ihren Schwänzen zusammenwachsen wie Rattenkönige.

Auf dem Nachbargrundstück setzte einmal wöchentlich das laute Stutzen des Rasens ein und kurz darauf fuhr der Wagen des erwachsenen Eigentümers vor. Jeden Tag um fünf fuhr er vor und ich hörte jeden Tag um fünf das Zuschlagen der Autotüre und die kraftvolle Stimme des Familienvaters und Hundebesitzers. Zuallererst war er Hundebesitzer.

Dort, auf dem englischen Rasen, wo früher täglich um fünf Uhr ein Wagen vorfuhr, rennt ein Kind munter kleinen Ratten hinterher, bis ihm langweilig wird und es die anderen Seite des Heimatgrundstückes sehen will, auf dem ich sitze und von dessen Boden die schimmlige Feuchtigkeit zwischen meine, durch den verkehrten Schneidersitz gespreizten, Arschbacken kriecht. Das Kind versucht die Schulter eines Riesen zu besteigen, um auf die andere Seite der immergrünen und verfilzten Rattenschwänze, die an den Enden zusammengewachsen sind und sich ineinander verflechten wie Rattenkönige, zu schauen und brüllt: 'Ich will, ich will!'. Das Kind hüpft auf und ab, bis die feuchte Erde unter meinen Arschbacken zu springen beginnt und die kleinen Ratten wirr über den englischen Rasen tänzeln. Die Vorstellung, dass das Kind auf den hängenden Schultern des Riesen steht und in das Heimatgrundstück rüberschaut, erst auf das orange Haus in meinem Rücken, dann auf die feuchte Erde und schließlich in meine Augen, macht mich bewegungsunfähig und aus feiger Scham schnürt sich die schimmlige Feuchtigkeit in meinem Darm zusammen.

Auf dem englischem Rasen auf der anderen Seite des Heimatgrundstückes bellte der Hund jeden Tag um fünf. Braver Hund, hieß es dann. Kurz nach fünf fing er zum Winseln an. Schlimmer Hund, hieß es dann. Da bellte er für gewöhnlich noch einmal, darauf folgte ein Wechselspiel aus Sitz Sitz Platz Sitz Platz, bis ein dumpfer Schlag durch die ineinander verwachsenen immergrünen Rattenschwänze zu mir durchdrang und ein jämmerliches Wimmern folgte.

In der aufgeblähten Thujenhecken legen sich immergrünen Ästchen ineinander, bis sie an ihren Schwänzen zusammenwachsen wie Rattenkönige und schwarze Tunnels bilden, deren Ausgänge hell leuchten und durch die sich kleine Ratten winden auf der Suche nach Futter für den gefräßigen Rattenkönig, der mitten im ewig braunen Dickicht thront, während das Kind immer noch hüpfend schreit: 'Ich will! Ich will!' und der Riese so nebenbei den Kopf schüttelt.

Während die kleinen Ratten tänzeln und die feuchte Heimaterde zwischen meine Arschbacken kriecht, die gespreizt sind vom verkehrten Türkensitz, grölt das orange Haus in meinem Rücken: 'Die Zukunft, schau in die Zukunft!'. Ich starre in die Thujenhecke aus immergünen ineinander verknoteten und verfilzten Rattenschwänzen, die an ihren Enden zusammenwachsen wie Rattenkönige, und hörte den Hund wieder winseln, und kurz darauf einen dumpfen Schlag. Dann vernahm ich ein gewaltiges Zuknallen der Haustür, das einherging mit einem überlegenen 'du bleibst draußen!'. Das Winseln setzte von neuem ein und darauf folgte, 'böser Hund du, böser Hund'. Das Winseln wurde stärker und trieb mir die Feuchtigkeit aus den Augen.

Dort, auf dem englischen Rasen, wo früher täglich um fünf Uhr ein Wagen vorfuhr, entfernen sich Riesenschritte von der Thujenhecke, mit einem kleinen Kind im Schlepptau, das sich an einem riesigen Oberschenkel festgebissen hat und mit seinen kleinen Fäusten wild gegen das Bein trommelt. Die Beine gehen gemächlich weiter, gehen weg vom ewig braunen Rattenkönig, dessen Schwänze an den Enden zusammengewachsen sind und sich ineinander verfilzen, bis das Kind mit den Zähnen den Oberschenkel loslässt, rücklings fällt, wild mit den kleinen Fäustchen auf die schimmlige Erde trommelt und mit befreiten Mund, 'Ich will! Ich will!', schreit.

Ich grub mich durch das Dickicht der immergrünen, ineinander verflochtenen Rattenschwänze, an deren Enden kleine Mäuler festgewachsen waren, die an mir nagten, während ich durch die Thujenhecke kroch, mich an einem Betonklotz vorbei angelte und mit meinen Milchzähnen den Zaun aus Maschendraht durchbiss, der sich im Dickicht der ewig braunen Rattenschwänze versteckt hielt. Angenagt und zerkratzt grub ich weiter, um dann in den englischen Rasen zu kollern, wo ein Hund vor mir stand, der weder winselte noch bellte, sondern der erbarmungslos knurrte, während ich ihm stotternd versicherte, 'ich bin hier dich zu retten, ich rette dich', er aber weiter knurrte und immer näher kam, sodass ich in die immergrünen Thujen, die an ihren Schwänzen wie Rattenkönige verfilzt und verwachsen waren, rückwärts rein köpfelte und mein Gesicht wieder angenagt wurde und der Hund sich in meinen Unterschenkel verbiss, sodass ich einen lauten Schrei von mir gab und heilfroh war, als die feuchte, schimmlige Heimaterde wieder zwischen meine, durch den verkehrten Türkensitz gespreizten, Arschbacken kroch.

Das Kind hüpft immer noch und der Riese sagt so nebenbei 'nein', das Kind hüpft und brüllt 'ich will, ich will!', und setzt es ein neu erlerntes Wort ein und schreit in anderer Zeit: 'Ich werde!'.

Kleine braune Ratten trippeln ins orange Haus, aus dem sie Futter schaffen für den alten, an den Schwänzen verfilzten und verwachsenen immergrünen Rattenkönig. Und während das orange Haus in meinem Rücken, 'Zukunft! Zukunft!', grölt, reißt der Rattenfänger um die Kurve und donnert kerzengerade durch die immergrünen, verfilzten und ineinander verwachsenen Rattenschwänze, kracht durch das Loch im Maschendraht, an dem ich mir die Milchzähne blutig gebissen hatte, rammt den Betonblock und rast mit offenen Augen in das orange Haus, das, der Vergangenheit zugewandt, leise, 'Zukunft' ruft.

Gerhild Perl
Geb. 1980 in Graz. Studium der Kultur- und Sozialanthropologie in Wien und Lissabon. Veröffentlicht in Zeitschriften und Anthologien. Lebt und arbeitet in Wien.

etcetera 43/ Feindbilder. Zwischen Barrikaden und Blockaden/ März 2011