44/ Prosa: Achtundachtzig: Susanne Morawietz

Achtundachtzig
Susanne Morawietz

Wenn Sophie fällt, und es ist Nacht, dann ist Micha bei ihr. Eigentlich soll er aufpassen, dass sie sich nicht die Zunge abbeißt oder den Kopf blutig schlägt oder so was, aber er hat es sich angewöhnt, einen Stift zu zücken, sobald es los geht. Und ein Notizbuch.
Den Stift kann ich ihr notfalls zwischen die Zähne schieben, rechtfertigt er sich vor sich selbst. Denn oft packt ihn das schlechte Gewissen. Meist jedoch überwiegt die Neugier.

Und das Staunen.
Sophie zuckt nämlich nicht nur, sie redet. Besser: Sie stammelt.
„Wenn man sich ein bisschen rein hört,“, sagt er zu Ulf, in dessen verfallener Altbauwohnung er hockt, vor sich ein leeres Weinglas, „dann versteht man sogar was.“
„Ach.“, sagt Ulf skeptisch. Er greift nach der Flasche Rosenthaler Kadarka und schenkt Micha nach.
„Doch.“, beharrt Micha. „Ich habe schon was verstanden.“
„Ach nee.“, erwidert Ulf und füllt sein eigenes Glas. „Was denn?“
„Jahreszahlen.“, behauptet Micha. Ulf bläst die Backen auf.
„1989 zum Beispiel.“, fährt Micha ungerührt fort. „Und 1990.“ Ulf schüttelt den Kopf, doch Micha zählt weiter.
„Fünfundneunzig, sechsundneunzig. Sogar 2008. Stell dir das mal vor! 2008, ist das nicht irre?“
„Sicher.“ Ulf prustet los.
„Ich meine“, sagt Micha und leert sein Glas, „Sophie erzählt, wenn sie weggetreten ist, von der Zukunft.“
Ulf verdreht die Augen, aber Micha stört sich nicht daran. Er kennt Ulf, seit sie zusammen im Kindergarten gespielt haben, und weiß, der ist ein merkwürdiger Typ. Hat seine Lehre geschmissen und diese Wohnung besetzt, trotz der kindskopfgroßen Löcher im Putz und lebensgefährlicher Elektrik, und dann hat er sich als Hilfskraft anstellen lassen in der größten wissenschaftlichen Bibliothek der Hauptstadt. Dort hockt er täglich im Magazin, vernachlässigt die Bestellscheine, die mit Zischen und einem Plopp per Rohrpost bei ihm eintreffen, denn er liest Schopenhauer.
Da kann man’s aushalten, sagt er jetzt öfter, und dass er jetzt doch nicht mehr unbedingt rüber will.
„1989, was ist das schon.“, fährt Micha fort. Langsam steigt ihm der süße Wein zu Kopf. Dennoch hält er Ulf sein leeres Glas hin. „Das ist nächstes Jahr, da ändert sich doch nichts, bei uns. Nur für die drüben, doch das interessiert mich weniger. 2008 aber, das sind zwanzig Jahre!“
Sein Freund reißt die Flasche weg, die schon über Michas Glas geschwebt hat.

„Was soll sich denn drüben ändern?“, fragt er misstrauisch.
Micha zückt sein Notizbuch, so eines aus Pappe, das in die Hosentasche passt, und blättert.
„Also hier: Neunundachtzig gibt es einen Riesenaufstand. Aus dem wird aber nichts, weil neunzehnneunzig schon wieder alles beim alten ist, CDU gewinnt Wahlen und so weiter. Irgendwelche Länder vereinigen sich, das hab ich nicht so ganz begriffen, fand ich aber auch nicht so spannend. Dann kommt das Übliche, Turbokapitalismus, Betriebe schließen, massenhaft Arbeitslose. Ganze Regionen gehen kaputt. Kannste dich frisch machen, wenn du da hin willst...“
Er grinst Ulf an und nimmt ihm sanft die Flasche aus der Hand. Schenkt sich nach. Blättert weiter und liest: „Die Abstände werden dann größer, sie lässt ganze Jahre weg, eventuell kommt das auch noch, sie geht ja nicht chronologisch vor. Oder es ist einfach uninteressant, tut sich offenbar nicht mehr viel.“
„Und das alles erzählt sie so runter?“ Ulf sieht nicht überzeugt aus.
Micha legt das Notizbuch beiseite. „Sag ich doch. Sie stammelt, und zu Anfang habe ich auch nichts verstanden. Erst seit ich mir Notizen mache, ergibt es einen gewissen Sinn. Seitdem kann ich mir denken, wovon sie spricht.“
Er steckt das kleine Buch wieder ein. „Leider erzählt sie immer nur vom Westen. Ich möchte ja gern mal wissen, wie das bei uns wird in der Zeit. Im Jahr 2008. Aber ich weiß nicht, wie ich sie dazu kriegen soll, sich auf die DDR zu konzentrieren.“
„Bring sie in Stimmung.“, schlägt Ulf vor. „Sing ihr ein Lied vor. Was Richtungweisendes.“
Schwankend erhebt er sich, stampft mit dem Fuß einen erstaunlich regelmäßigen Takt und grölt:
„Da sind wir aber immer noch, und der Staat ist noch da, den Arbeiter erbaun, das Land, es lebt, es lebe hoch...“
„Ruhe!“ schreit einer aus der Nachbarwohnung und hämmert gegen die Wand.
„Spießer!“, schreit Ulf zurück, setzt sich aber wieder.
„Gute Idee!“, sagt Micha. „Funktioniert nur leider nicht. Habe ich alles schon probiert, sie hört aber weder, noch sieht sie was. Sie ist komplett weg, verstehst du?“
„Ich versteh schon.“, erwidert Ulf. „Aber ich glaube dir nicht.“
Micha nickt. „Sie selber wollte erst auch nichts glauben. Ich doch nicht, hat sie gesagt. Ich bin doch Agitator. Wenn, dann würde ich doch was über uns erzählen. Sonst klingt das, als wollte ich abhauen, hat sie gesagt.“
„Ja.“, sagt Ulf. „Ein bisschen klingt es so.“
Beide sitzen und starren vor sich hin.
„Ganz schön verrückt, deine Schwester.“, meint Ulf schließlich.
Sie seufzen und prosten sich zu. Der Kadarka rinnt durch ihre Kehlen und Micha ahnt, dass er morgen in der Berufsschule wieder einschlafen wird.
„Aber hübsch.“, sagt Ulf. Micha wirft ihm einen scharfen Blick zu.
„Lass die ja in Ruhe.“, sagt er. „Die ist was Besonderes. Nichts für einen wie dich. Außerdem ist sie erst sechzehn.“
„Na und.“, sagt Ulf, „Ich bin auch was Besonderes.“ Er denkt nach. “Wetten...“, sagt er schließlich langsam, als sei der Gedanke, den er aussprechen wolle, noch nicht ganz fertig. „Wetten, ich krieg sie dazu, was über uns im Jahr 2008 zu erzählen? Soll ich mal probieren?“
„Du willst dich nur an sie ran machen.“, sagt Micha. „Gibt’s davon eigentlich noch mehr?“ Er zeigt auf die leere Flasche.
„Aber ich könnte das.“, beharrt Ulf, während er schwerfällig aufsteht. „Ich würde das raus kriegen.“
Micha schaut ihn an. Ulf steht da wie einer, der einen Moment innehalten muss. Der sich sehr konzentrieren muss, um nicht umzufallen. „Lass mal.“, sagt er. „Ich könnte das.“, wiederholt Ulf. „Im Ernst.“ Er wartet.
„Nein.“, sagt Micha fest.
Ulf zuckt die Schultern. Schwankend geht er zur Tür, wo der Beutel mit der letzten Flasche liegt, und kurz verschwindet er aus Michas Gesichtsfeld, weil Micha zu faul ist, den Kopf zu drehen. Weil sich sowieso schon alles dreht. Und was das Schlimmste ist, Micha hat eine Ahnung. Von dem, was Ulf nach einer Nachtwache bei Michas Schwester am nächsten Morgen erzählen würde.
Das ist der Hammer, würde er rufen, rat mal, was sie gesagt hat.
Alles geht den Bach runter?, wird Micha fragen.
Woher weißt du das?, wird Ulf entgeistert erwidern. Und ein bisschen enttäuscht. Micha weiß es nicht, aber er kann es sich denken, dass Ulf nichts anderes sagen wird. Nichts anderes sagen kann, weil er nicht verzweifeln will. Wann?, wird Micha fragen. Bald, wird sein Freund antworten, schon sehr bald. Vielleicht schon nächstes Jahr.
„Scheiße!“, ruft Ulf, und Micha zuckt zusammen.
„Issn los?“, fragt er mit schwerer Zunge.
„Korken kaputt. Nicht mal vernünftige Korken kriegen sie hin. Saftladen.“
Micha muss kichern.
„Egal.“, sagt Ulf. Brutal drückt er den Korken mit dem Daumen in den Hals, tiefer und tiefer.
Sie trinken, bis alle Flaschen leer sind und die Sonne fast schon wieder aufgegangen ist. Dann sagt Ulf, er geht heute nicht hin, und fällt um. Micha betrachtet ihn.
„Du nicht.“, sagt er leise. „Du bestimmt nicht.“ Er deckt Ulf ein zerknittertes Laken über und legt sich auf den Boden. Bevor er einschläft, denkt er noch, was für eine unerträgliche Vorstellung: Ulf, wie er Sophie einen Stift zwischen die makellosen Zähne rammt.

Susanne Morawietz
Geb. 1969 in Berlin. Bibliotheksfacharbeiter, Sinologin, seit 2009 Pflegehelferin. Gründerin des Autorentreffs „Berliner Federlesen“. Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften. Anthologie Santa-Claus-Preis 2009, Podium 153/154 (2009), Wienzeile 56 (2010), Wortwerk 05/01 (2010).