46/ arbeits-los/ Prosa: Ein Tag aus dem Leben eines Arbeitslosen. L. St.

L. St.
Ein Tag aus dem Leben eines Arbeitslosen

„Mmh, noch ein paar Minuten“, dachte er sich und wälzte sich im Bett auf die linke Seite. „Hab’ ja ohnehin nichts zu tun. Bin ja arbeitslos!“, schoss es ihm in den Kopf. Außerdem wollte er noch nicht aus dem warmen Bett in die kalte Wohnung. Denn in diesen Tagen, kurz vor Weihnachten hatte der Winter voll zugeschlagen und das Land mit eisigen Winden im Griff. Und das Durchheizen seiner kleinen Wohnung, oder besser gesagt seiner Wohnungsruine, konnte sich der Arbeitslose nicht mehr leisten. Deswegen, und weil die Behausung auch nicht ordentlich isoliert war, stieg das Thermometer nie höher als auf 17 Grad. Aber gut angezogen ließ sich das aushalten. Der Mensch gewöhnt sich ja an sehr vieles, vor allem wenn er muss. Denn an einen Umzug war aus Geldmangel auch nicht zu denken.

Mühsam versuchte sich der Mann an die heutigen Erledigungen zu erinnern, doch sein schlaftrunkenes Gehirn driftete immer wieder in Gedanken an seine triste Situation ab.

Selbstkündigung wegen Burn-out, seit fast einem Jahr arbeitslos, kein Geld, keine Perspektiven, keine Aussicht auf einen neuen Job, schon gar nicht in dem Bereich, den er sich vorstellte und keine Chance auf Weiterbildung. Denn niemand braucht einen abgehalfterten Gastronomen mit Pflichtschulausbildung. Und, obwohl der Sozialminister im Rundfunk von sich gab, Pflichtschulabsolventen hätten einen Bildungsdefizit und bedürften einer dringenden schulischen Ergänzung, sind die vom Staat bereitgestellten Mittel zur Unterstützung eines zweiten Bildungsweges zum Leben nicht ausreichend.

Kurzfristig drang Hass auf die völlig unfähigen und teilweise sogar böswilligen Politbonzen in das dösige Gehirn des Aufwachenden, doch war dies nur ein Aufblitzen im rasanten Wirbel seiner Gedanken. Gleich taumelte er hinüber zur Rekapitulation seiner bisherigen, eher glücklosen Existenz und der schwarze Mahlstrom der Gedanken, die zur Depression führen, begann sich schneller zu drehen.

Die Gefährlichkeit des schwarzen Fahrwassers erkennend, und fast dankbar über das polternde Aufstehen der Nachbarin in der Wohnung über ihm, riss es den Mann förmlich aus dem Bett. Er erhaschte einen Blick auf seinen Wecker, merkte, dass wieder nur knappe zehn Minuten seit seinem Aufwachen vergangen waren, torkelte aufs WC und war, als seine Oberschenkel die kalte Klobrille berührten, schlagartig hellwach.

„Schön, der Tag kann beginnen!“, sagte er laut zu sich.

Dann ließ er sämtlichen Müll vom Vortag aus sich heraus. Als das Wasser im Kocher zu blubbern begann, schaltete er ihn aus, goss sich seinen Instantkaffee auf, machte das Radio an und nahm seine täglichen Antidepressiva ein, die er nun schon seit Jahren brauchte, um überhaupt gesellschaftsfähig zu sein.

Seit er begonnen hatte, über sich selbst zu reflektieren, begleiteten ihn dunkle Gedanken durch seine Existenz, verstärkt noch durch seine unmögliche Berufswahl als Kellner und später als Einzelhandelskaufmann. Tabletten gegen die Depressionen nahm er aber erst seit ein paar Jahren. Sie halfen, mal besser, mal schlechter. Nur in schweren Krisen, wie der jetzigen, schien die Wirkung komplett zu verblassen.

Er nahm sie trotzdem weiter, aus reiner Gewohnheit. Aus dem gleichen Grund steckte er sich auch eine Zigarette an, die ihm zwar nicht schmeckte, aber ohne sie bekam er unglaubliche Aggressionen, mit denen er nicht umgehen konnte. Da rauchte er lieber. Dann ging er seine heutigen Termine durch und ihm fiel auf, dass um 9 Uhr wieder ein Besuch in einem dem AMS beigefügten Beratungsinstitut fällig war. Er hasste diese für ihn demütigenden Ausgänge in die Öffentlichkeit, noch dazu, wo er sie als völlig sinnlos empfand. Denn seine erste Erfahrung bei der Jobsuche war, nicht der, der die besten Qualifikationen für die jeweilige Stelle hatte, bekam sie, sondern der, der sich am billigsten verkaufte, machte das Rennen.

Trotzdem übte der Mann sich bei den Treffen in Geduld. Erstens brauchte er das Geld und was hatte er auch sonst zu tun? Er war ja arbeitslos!

Das Radio, in dem gerade Frühnachrichten gesendet wurden, riss ihn aus seinen Gedanken. Unter all den Meldungen von Naturkatastrophen, Selbstmordattentaten und diversen wirtschaftlichen Krisen, die ihn nicht mehr wirklich berührten, verlas der Sprecher auch, dass wieder soundso viele neue Jobs in Österreich geschaffen worden waren. Höhnisch dachte er: „Ah, ja! Und wo sind diese Jobs? Ganz sicher nicht in St. Pölten! Wer verzapft nur so einen Schmarrn! Und was hab´ ich von einer Stelle, von der ich zwei annehmen muss, um einmal davon leben zu können?“

Wütend drückte er seine Zigarette aus und holte sich ein Buch. Er begann zu lesen und beruhigte sich wieder. So war es schon immer gewesen. Sobald er ein Buch in Händen hielt, konnte er seine ihn anwidernde Umgebung vergessen und sich ganz darin verlieren. Er erinnerte sich an seine Lehrzeit, als er, von seinen Kollegen drangsaliert, mit dem Lesen seine strapazierten Nerven beruhigte. Das aus seiner Privatbibliothek angeeignete Wissen nutzte ihm im Berufsleben jedoch gar nichts, denn da er nie maturiert oder gar studiert hatte, folglich auch keine dies beweisenden Dokumente vorlegen konnte, waren ihm sämtliche Arbeitsstellen in diese Richtung verschlossen.

Nach Leerung seiner Kaffeetasse begann der Mann das morgendliche Ritual der Körperpflege. Er erledigte es schnell, gründlich und gedankenverloren. Nur einmal, als er sein Gesicht im Spiegel bewusst wahrnahm, erschien es ihm alt, krank und müde. Andererseits verwunderte ihn dies nicht, denn er war seiner Existenz schon mehr als müde. Fertig angekleidet, die Gunst der freien Stunde bis zum Pflichttermin nutzen wollend, beschloss der Mann das Ärgernis seines wöchentlichen Einkaufs auf sich zu nehmen. Er verabscheute dieses lebenswichtige Muss, da es dabei zwangsläufig zu Kontakten mit anderen Menschen kam und er das Panoptikum ihrer Charakterschwächen in seinen bisherigen Berufen bis zur Genüge kennengelernt hatte. Deshalb erledigte er öffentliche Ausgänge so früh wie nur irgend möglich, um zu den Hauptverkehrszeiten wieder in der schützenden Wohnung sein zu können.

So sah man den Arbeitslosen mit hochgezogenen Schultern, gesenktem Kopf und überaus angewiderter Miene eiligst durch den Supermarkt gehen, hier einen Preis vergleichend und dort die Qualität einer verbilligten Ware prüfend. Kurz darauf, an der Kassa, vermied er jeden Augenkontakt, blieb mürrisch und begab sich sofort nach Hause in seine Wohnung. Beim Verstauen seiner Einkäufe stellte er mit Befriedigung fest, wie wenig der Mensch eigentlich zum Leben braucht, wenn er genügsam ist. Der einzige Luxus, den er sich leistete, waren sein mittäglicher Apfel, dessen Geschmack er liebte und hie und da einen Kanten verbilligten Käses. Ansonsten lebte er von Butterbroten, zwei, drei Stück jeden Tag. Sonntags gönnte er sich eine dicke Suppe, allerdings nur während des Winters, denn im Sommer war ihm auch das Kochen zu heiß. Überhaupt hatte ihm seine Karriere in der Gastronomie sämtliche Küchentätigkeit verleidet, obwohl er sich erinnern konnte, früher ganz gern den Kochlöffel geschwungen zu haben. Für eine Person zu kochen war auch unnötiger Zeitaufwand, so empfand er.

„Und haben Sie schon in Erwägung gezogen, ein arbeitsloses Grundeinkommen zu beziehen und stattdessen ihr Leben sinnstiftend einzurichten?“, fragte die ihm gegenübersitzende junge Frau, eine Magistra (FH), die ihm vom Institut als Betreuerin zugewiesen war.

Diese Aussage ließ den Mann aufhorchen. Nachdem das bisherige Gespräch eher an ihm vorbei geplätschert war, zeigte ihm dieser Satz plakativ sein totales Versagen als Arbeitnehmer und er fühlte sich mit seiner „Schande“ aufs Schärfste konfrontiert. Sofort nahm er eine Abwehrhaltung ein.

„Aber, das kann es doch auch nicht sein!“, entgegnete er, „Ich bin noch nicht mal vierzig und will und kann ja arbeiten! Es ist doch nicht möglich, dass es in dieser Stadt keine Stelle gibt, die meinen Vorstellungen nahe kommt.“

„Naja, offensichtlich schon, Herr S., zumal man für eine Stelle, so wie Sie sie sich denken, Beziehungen braucht, die Sie nicht zu haben scheinen.“

Diese Antwort verärgerte ihn immer wieder neu, obwohl er sie schon kannte und genau wusste, dass für einen Job seiner Wahl nur Beziehungen und das richtige Parteibuch vonnöten sind. Qualifikationen gelten da nur als Nebensache.

„Ich weiß, ich kenne nur die falschen Leute.“, seine Stimme kippte ins Sarkastische, „Dann bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als wieder einen mies bezahlten Sklavenjob anzunehmen. Was anderes gibt es ohnehin nicht für einen minderqualifizierten Pflichtschulabsolventen.“

„Nun seien Sie nicht gleich so pessimistisch!“, entgegnete ihm seine Betreuerin, „Irgendwo wird sich schon was finden lassen, das Ihnen entspricht, Herr S.!“

Ein Gefühl tiefster Resignation machte sich in dem Mann breit und er antwortete nur mit einem stumpfen: „Ja, ich weiß.“

Als der Mann die Straße betrat, schlug es vom nahen Rathausturm gerade Dreiviertel. Wieder hatte er nur eine gute halbe Stunde in dem Institut verbracht, obwohl eigentlich eine ganze Stunde vorgesehen ist und von diesem dem AMS auch in Rechnung gestellt wird. Zur Mittagsstunde fand man den Arbeitslosen, einen Apfel essend, vor seinem Computer und seine E-Mails durchsehend. Die tägliche Wohnungsentstaubung war geleistet, die Post durchgesehen, wobei natürlich wieder keine Antworten auf seine postalischen Bewerbungen der letzten Wochen dabei waren. Zum Glück forderten nicht mehr viele Firmen eine schriftliche Bewerbung an, denn solche Sendungen kosteten immer einiges Geld und zu einer Kontaktaufnahme kam es in den seltensten Fällen, ganz zu schweigen von einer Retournierung seiner Unterlagen. Auch auf telefonische Nachfragen wurde nur ausweichend oder überhaupt abweisend reagiert, so dass er es sich abgewöhnt hatte, Bewerbungen per Post abzuschicken.

Hier bot das Internet eine gute Alternative, denn wofür er früher oft ganze Vormittage hatte aufwenden müssen, vollbrachte er mittlerweile in einer guten halben Stunde. Dann war eine fertige Bewerbung abgesendet. Und die meisten Stellenanbieter reagierten sogar auf die Nachrichten! Auch wenn bisher alle Antworten abschlägig waren. Negativ blieb allerdings die geringe Qualität und Quantität der Stellenangebote.

Auch heute war es dasselbe. Nach eineinhalbstündiger Recherche hatte der Arbeitslose gerade mal 12 freie Stellen gefunden, die seinen Anforderungen entsprachen und nachdem diese ausgefiltert waren, blieben noch drei Firmen übrig, mit denen er Kontakt aufnehmen könnte. Alles andere war auf Fachhochschul- oder Studienabsolventen zugeschnitten und für ihn nicht geeignet. Und auch die ausgesuchten Firmen verlangten neben sehr guten EDVKenntnissen die perfekte Beherrschung zumindest einer Fremdsprache.

Bei der Kontaktaufnahme mit den Firmen stellte sich der altbekannte Frust beim Arbeitssuchenden sofort wieder ein, denn die vorgesehene Entlohnung entsprach in keinster Weise den Anforderungen, wie es dem Mann schien. Geboten wurden nicht einmal 1000 Euro netto, was auch für einen Alleinstehenden zum Leben zu wenig ist. Trotzdem schickte er, wenn auch mit wenig Hoffnung auf Erfolg, die drei Bewerbungen ab und widmete sich dann der weit befriedigenderen Aufgabe seiner Hobbies.

Die Möglichkeit, sich öfter seinen Vergnügungen widmen zu können, stellte einen sehr positiven Aspekt seiner langen Arbeitslosigkeit dar. Nun konnte er seinen kreativen Neigungen, die während der Arbeit immer mehr verschüttet gingen, wieder mehr Zeit und Raum geben und hatte im Allgemeinen mehr neue Ideen als früher. Sogar seine Bücher las er nun mit mehr Aufmerksamkeit, was seinem Allgemeinwissen sehr zugute kam.

Diese Stunden des Tages, in denen er seinen Gedanken freien Lauf lassen konnte, liebte er und wollte sie sich auch von seiner miesen Lage nicht verderben lassen. Das Telefon klingelte. Ein Freund rief an, lud ihn zum abendlichen Ausgehen ein. Er lehnte dankend ab, schob terminliche Gründe vor. In Wahrheit war es ihm peinlich, sich von seinen Freunden aushalten lassen zu müssen und er scheute größere Menschenansammlungen, hatte sogar Angst davor! Es graute ihm vor den abschätzigen Blicken seiner Bekannten, wenn er wieder und wieder gefragt wurde, „Und, was machst jetzt?“ und er nur sein arbeitsloses Dasein bestätigen konnte. Die Verachtung, die er dann aus ihren Gesichtern zu lesen vermeinte, schreckte ihn ab. Als weit schlimmer empfand er es aber, wenn man ihm Mitleid entgegenbrachte. Sein Versagen als nützliches Element der Gesellschaft schien nun so offensichtlich zu sein, dass er vor Scham am liebsten im Boden versunken wäre. Deshalb vermied er es, so gut es ging, sich in Gesellschaft zu begeben. Die daraus folgende Vereinsamung störte ihn nicht besonders. Er war sein ganzes Leben allein gewesen und hatte sich daran gewöhnt.

Durch den unvermittelten Anruf von seinen „Freizeitaktivitäten“ weggerissen, und weil der Tag ohnehin schon fortgeschritten war, schmierte der Arbeitslose sich ein paar Butterbrote, wusch ab und holte sich danach sein Buch, um den Rest des Tages lesend zu verbringen.

Als er den allabendlichen Toilettengang seiner Nachbarin über ihm hörte, beschloss er, diesen weiteren, fast sinnlosen Tag zu beenden. Er zog sich den Pyjama an und begab sich zu Bett.

„Es hat mich wieder niemand gebraucht“, seufzte der Arbeitslose, brachte sich in Einschlafposition und driftete mit einem Gefühl tiefster Resignation hinüber.

L. St.
Geb. 1971 in Purgstall (Niederösterreich); Ausbildung in der Gastronomie mit langjähriger Praxis, danach Buchhändler;

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