48 /Traum/ Prosa: Nachtschreck. Nicole Makarewicz
Nicole Makarewicz
Nachtschreck
Du hast einen Traum. Nacht für Nacht schreckst du hoch, schreiend, angsterfüllt, schweißgebadet. Dein Herz rast, du ringst keuchend nach Luft, krallst dich ins Bettzeug, versuchst den Kontakt zur Wirklichkeit wieder herzustellen. Der Traum ist immer derselbe. Das weißt du, doch mehr weißt du nicht. Du kannst dich nicht erinnern, wovon du träumst, und deine Versuche, es herauszufinden, sind nur halbherzig. Du hast Angst vor deinem Traum. Angst vor dem, was er über dich verraten könnte.
Ich schlafe schlecht, bin in ständiger Alarmbereitschaft, denn dein Traum ist auch mein Alptraum. Jede Nacht reißt du mich aus dem Schlaf, unterbrichst ihn mit deinem Entsetzen. Wenn du dich aus deinem Traum befreit hast, wieder zu dir gekommen bist, musst du reden. Und du brauchst jemanden, der dir zuhört, weil die beruhigenden Belanglosigkeiten, die du von dir gibst, für dich nur dann ihre Wirkung entfalten können. Ich lausche den Banalitäten, die zu deinem allnächtlichen Beschwichtigungsritual gehören. Kämpfe mit Langeweile und Schlafbedürfnis. Krampfhaft halte ich mich wach, um mit leisen Lauten meine Anteilnahme zu bekunden, dir zu zeigen, dass ich da bin für dich.
Wenn du irgendwann, viel später, wieder eingeschlafen bist, liege ich neben dir, unfähig, wieder zur Ruhe zu kommen. Ich habe mich für dich so lange gegen das Wegdriften gewehrt, dass mir das Einschlafen unmöglich geworden ist. Ich lausche dem Sekundenzeiger, der quälend langsam, aber trotzdem zu schnell das Verstreichen kostbarer Nachtstunden intoniert. Klack um Klick nähert sich unbarmherzig der Morgen. Die Schatten verlieren an Tiefe, die Dämmerung ebnet dem Tageslicht den Weg. Ich liege wach.
Meine Beine wetzen unruhig über das Leintuch. Rastlos wälze ich mich von Seite zu Seite, zerknülle den Polster, ziehe die Decke zurecht, die sich ständig verheddert, um meine Füße schlingt, kalte Luft an meinen überreizten Körper lässt. Meine Augen, die nicht geschlossen bleiben, die sich scheinbar von selbst öffnen, tränen. Mein Kopf pocht, mein Körper schmerzt. Ich bin hellwach und todmüde zugleich. Alle paar Stunden zwingt mich ein dringendes Bedürfnis, auf bloßen Füßen ins Dunkel zu tappen. Die Kälte des Fliesenbodens auf der Toilette lässt mich schaudern. Zurück in der Wärme des Bettes lausche ich deinem Atem und warte auf Erlösung. Das Läuten des Weckers beendet meinen erfolglosen Versuch, weiterzuschlafen.
Die Müdigkeit macht mich mürrisch. Kleinigkeiten werfen mich aus der Bahn. Ich bin reizbar und wehleidig, kaum in der Lage, mich dem Alltag zu stellen. Du behandelst mich mit zärtlicher Dankbarkeit, versuchst meine Gedanken zu erraten, mir meine Wünsche von den Augen abzulesen. Deine übertriebene Aufmerksamkeit macht mich aggressiv. Ich will nicht behütet und verzärtelt werden. Ich brauche Schlaf. Und den bekomme ich nicht. Nicht, bevor du dich deinem Traum gestellt hast.
Die Ringe unter meinen Augen sind schwarz. Manchmal laufen mir vor Müdigkeit die Tränen über die Wangen, gähne ich so heftig, dass meine Kiefergelenke knacken. Oft zittern meine Hände, sind meine Bewegungen fahrig, engt sich mein Gesichtsfeld ein. Ich bin geschwächt, der Schlafentzug macht mich krank. Du machst mich krank. »Du brauchst Hilfe«, sage ich. Wieder einmal. Aber diesmal reagierst du anders als sonst. Du nickst. Das verschlägt mir die Sprache.
Drei Nächte verbringst du im Schlaflabor. In der ersten Nacht schrecke ich mehrmals auf, angespannt, immer in Erwartung deiner Angst. Die zweite und dritte Nacht schlafe ich durch. Ausgeruht erwache ich erst als der Wecker läutet. Ein ungewohntes Gefühl. Luxuriös. Ich nehme Farben, Gerüche, Geräusche intensiver wahr, kann mich konzentrieren, fühle mich stark und unbesiegbar. Schlaf ist zu meiner Droge geworden. Dann kommst du zurück und ich bin wieder auf Entzug.
Die Überwachung deines Schlafes hat nichts ergeben. Dir wird nahegelegt, dich in psychologische Behandlung zu begeben. Du lächelst spöttisch als du davon erzählst. »Es ist nur ein Traum«, sagst du, »deswegen brauche ich noch lange keinen Seelenklempner.« Ich beiße mir auf die Zunge, um nicht frustriert aufzustöhnen. Aber ich sage nichts, denn jedes Wort von mir würde dich in deiner abwehrenden Haltung bestärken. Du bist stur. Unfassbar stur. Ich bleibe also stumm und hoffe, dass du nachgibst. Mir graut vor der nächsten Nacht.
Die Müdigkeit hat mich schnell wieder im Griff. Je schwerer meine Lider werden, desto wütender werde ich auf dich. Deine Weigerung, dich dem Traum zu stellen, beginnt meine Liebe abzutöten. Das will ich nicht zulassen. Du schreckst hoch, aber ich bin nicht da. Ich liege auf der Couch im Wohnzimmer, angespannt lauschend, dein Entsetzen mitlebend. Ich kann dir nicht beistehen. Ich muss dich quälen, weil es unsere einzige Chance auf eine gemeinsame Zukunft ist. Du redest halblaut vor dich hin. Belanglosigkeiten als Beschwörungsformeln, um den Traum in Schach zu halten. Ohne mich sind es sinnlose Worthülsen, die deine Angst nicht vertreiben können. Nacht für Nacht habe ich dir zugehört, beigestanden. Auch heute ist es mir nicht möglich wegzuhören. Verkrampft liege ich auf der Couch und sehne mich nach unserem Bett, Schlaf und dem Ende dieses Alptraums. Du schläfst nicht wieder ein. Es ist die längste Nacht meines Lebens. Fast eine Woche dauert mein Kampf gegen den Traum. Dann gibst du auf. Die Schlaflosigkeit hat dich mürbe gemacht.
Die Therapie reibt dich auf, treibt dich bis an deine Grenzen. Du weinst heimlich. Isst und trinkst und rauchst zu viel. Du bist aggressiv, schlägst mit Worten um dich, willst verletzen und tust es auch. Ich versuche, es dir nicht übel zu nehmen, obwohl es mir schwer fällt und ich zurückschlagen will. Ich kann nur erahnen, was in dir vorgeht, wie schlimm es für dich sein muss. Doch du hältst durch. Das hilft mir durch die Nächte, in denen du hochschreckst, mich aus dem Schlaf reißt, und ich für dich da bin, Beschwichtigendes murmelnd, abwartend. Nacht für Nacht. Woche für Woche.
Erschöpft, aber erleichtert kommst du nach Hause. Ich sehe dir in die Augen, sehe das Leuchten, das ich so lange vermisst habe. Du hast den Traum besiegt. Wovon er handelt, erzählst du mir nicht. Ich schlafe ungestört. Mehr muss ich nicht wissen.
Nicole Makarewicz
Geb. 1976 in Wien, Journalistin und Autorin, studierte Kommunikationswissenschaft, Soziologie und Psychologie. Veröffentlichungen: „Tropfenweise“. Roman. Seifert Verlag, 2009; „Jede Nacht“ Erzählband, 2010. Gewinnerin des „Forum Land Literaturpreises 2009“, der „12. Münchner Menülesung“ und des Krimistipendiums „Tatort Töwerland“ 2012. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien.
LitGes, etcetera Nr. 48/ Traum/ Mai 2012