50/Wozu Literatur?/Prosa: Aha! Claudia Paal

Claudia Paal
Aha!
oder Der Fluch des falschen Deutsches

„Jeden Abend sitzt du hier und liest.“
„Was soll ich denn sonst tun?“

„Du könntest mit mir fernsehen.“
Krieg und Frieden im Fernsehen? Die Buddenbrooks als Doku-Soap? Undenkbar.
An manchen Tagen kommt die Inspiration wie von alleine. Ich sitze in der Straßenbahn, finde eine Essensmarke auf der Toilette oder schnappe einen Gesprächsfetzen auf. Nicht wenigstens den Ansatz zu notieren wäre tödlich.
„Warum liest du ständig?“

„Um zu schreiben.“
„Hä?“
„Ein guter Schreiber ist zuerst ein interessierter Leser.“
„Aha.“
Aha. Ja. Ich kann seine Gedanken ahnen, kann in den Wirren seines Kopfes lesen. Für die nächste Frage benötigt er dennoch Minuten. Diesmal will ich ihn ausreden lassen.
„Langsam bekommen wir Platzprobleme.“
„Find ich nicht.“
„Ich würde sagen, du schwenkst statt der Schwarten mal auf das Kindle um.“
Ich sehe ihn entsetzt an. Die Bücher in meinem Regal, nach Autoren sortiert, nach Jahr geordnet, Staub befreit, eingeschlagene Seiten, abgefärbte Druckerschwärze, ein Kaffeefleck, die Faser des Holzes, der Geruch von alt. Seiten, über die ich strich, faltete, aufgeregt umschlug, Buchstaben, unter denen ich langfuhr und die vielleicht meine Enkelkinder noch berühren. Elektronische Bucherlebnisse? Undenkbar.

***

Ich gehe durch die Kleiderabteilung des Shoppingtempels.
„Das macht keinen Sinn!“, brüllt der Kunde den Verkäufer an.

„Ergibt“, sage ich etwas lauter als gewollt in der Schlange hinter ihnen. Sie drehen sich um. Sie begreifen nicht. Als und wie korrigiere ich schon lange nicht mehr. Trotzdem bei falschem Deutsch, mir krempeln sich die Fußnägel hoch.
„Ist doch egal“, sagt mein Freund.
„Ist es nicht.“
„Wieso?“
„Weil es Sprachregeln gibt. Beim Rechnen kannst du ja auch nicht einfach falsche Zahlen hinschreiben. Es gibt Gesetze, es gibt Verkehrsregeln und es gibt Sprachregeln.
„Aha.“
Aha. Ja. Der Fluch des falschen Deutsches.

***

>Der Genitiv ist dem Dativ sein Tod<
Ich falle ihm um den Hals, während ich die Reste des Geschenkpapiers zusammenfalte.
„Ist es das Richtige?“
Ich strahle ihn an.
„Was bedeutet das?“
„Der Titel?“
„Ja. Kapier ich nicht.“
„Der Titel ist ja schon die Ironie. Es müsste heißen:
>Der Genitiv ist des Dativs Tod.<
„Wegen was ist das sein Tod?“
„Weswegen.“

„Aha.“
„Genau.“

„Aber des Dativs? Klingt komisch.“

Claudia Paal
Geb. 1983 in Halberstadt. Nach erweitertem Realschulabschluss, Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellten. Studiert heute Kommunalverwaltung und staatliche allgemeine Verwaltung. Schreibt hauptsächlich Prosa, manchmal auch Gedichte oder irgendetwas dazwischen.

LitGes, etcetera Nr 50/ Wozu Literatur?/ November 2012