55/verloren/Prosa: Artur Rosenstern - Variationen über eine glückliche Bratpfanne

Artur Rosenstern

Variationen über eine glückliche Bratpfanne

Mein Leben, also mein zweites Leben, begann am 3. Oktober 1990 ganz unspektakulär am Flughafen in Frankfurt am Main, als ich zum ersten Mal den deutschen Himmel erblickte, die deutsche Luft einatmete und den ersten Schritt auf den deutschen Boden setzte. Das Himmelzelt war azurblau gestrichen. Die Oktobersonne lächelte mich an, mutete aber künstlich an - wie verschleiert. Es war kein wohlgesonnenes Lächeln. Der kühle Wind streifte meine Wangen und wirbelte mein Haar durcheinander. Die Stewardess wies stumm den Weg zum Bus. Ein Kind mit einem Schnuller presste sich an die Schulter seines Vaters und verschlief das Ankommen in seinem neuen Leben. Ich machte mir Sorgen um meinen Koffer, um Mutters Bratpfanne darin und die neuen Schlüpfer. Ich hoffte, die Bratpfanne war mit demselben Flugzeug geflogen wie ich. Ich hatte nicht gesehen, wie man meinen Koffer ins Flugzeug geladen hatte. Es war keine einfache Bratpfanne, sondern eine wohlgeartete Gusseisenbratpfanne meiner Mutter. Es war ein Erbstück! Fürs Leben gemacht. Sie hatte die Bratpfanne von ihrer Mutter geerbt. Und diese hatte das gute Stück wiederum von ihrer Mutter bekommen. Es war eine alte, echte deutsche Bratpfanne. Und langsam bekam ich Hunger. Beide Teile Deutschlands hatten sich gerade wieder vertragen. Und in mir setzte die Spaltung meiner Identität ein. Mein Ich und mein Es gerieten in Konflikt miteinander und entfernten sich immer mehr voneinander. Ich hatte mein früheres Leben hinter mir gelassen. Endgültig! Ich wollte ein neuer Mensch sein. Vor allem ein freier Mensch. Ein Mensch, der mit seiner Bratpfanne fliegen und fahren kann, wohin er will. Das konnte in meinem ersten Leben nicht jeder. Ich konnte das nun und war sehr glücklich darüber. Wie würde das Leben auf dem vereinten Planeten Germania sein? , fragte ich mich. Natürlich wollte ich voll und ganz dazu gehören. Aber nun gut. Es wurde mir zügig klar, dass ich hier bloß ein Kind war. Ein Kind mit dem Schnuller! Ich konnte nicht sprechen wie die Deutschen, ich konnte nicht lächeln wie sie, konnte nicht riechen, nicht hören und nicht fühlen wie sie. Und pissen im Sitzen sowieso nicht. Die Gusseisenbratpfanne konnte mir in dieser Sache nicht weiterhelfen. Man nennt es Kulturschock! Ich bitte daher um Nachsicht, sollte ich mich nicht präzise ausdrücken. Ich habe einen gemeingefährlichen, den fiesesten Schock meines Lebens erlitten. Und ich leide immer noch unter den Folgen. Es war schließlich meine zweite Geburt. Die Geburten sind stets schmerzvoll, sind nie ohne Folgen, auch wenn die Mütter hinterher von Glückshormonen überschwemmt werden. Das Pissen im Sitzen - wo hat man das schon gesehen? Jemand hatte in meinem ersten Leben erzählt, ich sei ein Deutscher. Meine Großeltern waren angeblich Deutsche und die Eltern natürlich auch. Ich hatte daher nie Zweifel an dem Umstand gehegt. Ich zählte die Tage und Stunden. Ich sehnte mich jahrelang danach, nichts anderes zu sein, als ein waschechter Deutscher. Doch scheiterte ich immer wieder kläglich. Nun, aus der Ferne betrachtet sieht die Sache anders aus. Auch die menschliche Nähe sieht aus der Ferne betrachtet ganz anders aus. Das hatte jemand schon früher behauptet. Wer? Ich komme nicht drauf. Schuld daran ist der Kulturschock. Die Bratpfanne kann nix dafür. Da bin ich mir sicher. Sie wollte eben auch nur dazu gehören. Wer wollte das nicht? Ich kaufte mir das deutsche Lexikon. Duden heißt es - sozusagen die germanische Bibel. Es war dunkelblau wie das ägäische Meer während der Abenddämmerung und roch nach Druckerfarbe. Ich setzte mich, zählte einst und einst zusammen und las es durch, von einem Deckel bis zum anderen. Als ich fertig war, wusste ich es: Es waren bloß sechsundzwanzig Buchstaben. Ganz leicht, sagte ich mir. Ich spitzte die Feder und begann zu schreiben. Ein Buch über den Planeten Germania. Die Bratpfanne war dort die glückliche Heldin! Zwanzig Jahre sind es her seit meiner zweiten Geburt. Ob ich glücklich bin? Ob ich mich immer noch danach sehne, ein Deutscher zu sein. Hm … eine schwierige Frage. Kann ein Mann, der im Sitzen pissen muss, in seinem tiefsten Inneren wirklich glücklich sein? Ich empfinde es als Freiheitsberaubung. Das sind feste Indizien für das aufkommende Matriarchat! Männer, packt eure Bratpfannen und geht auf die Straßen! Lasst es euch nicht gefallen, sonst werdet ihr todunglücklich! Ich hatte mir Mühe gegeben. Ich hatte mich angepasst, mich assimiliert, bin mutiert. Ich habe alles gelernt, was man von mir verlangt hatte, um ein waschechter Deutscher zu sein. 

Ob ich es bin? Jemand hatte zu mir einmal gesagt: Kann aus einem Frosch je ein Elefant werden? Ich bin nicht echt. Ich bin bloß eine Kopie. Aber von wem? Eine Kopie würde ihr Leben dafür geben, um einen Augenblick lang für das Original gehalten zu werden. Nach nichts anderem sehnt sie sich. Dabei will sie nicht einmal in echt das Original sein. Die Bratpfanne hin oder her. Wahrhaftig glücklich kann von uns beiden einzig die Bratpfanne werden, denn sie ist ein Originalstück. Gute deutsche Arbeit, das sag ich euch!

Artur Rosenstern
Geb. in Kasachstan. Seit 1990 in Deutschland, studierte Musik-, Medienwissenschaft und Belletristisches Schreiben. Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften wie ALFA, Autorenträume, Driesch, LOG. Mehr unter: www.artur-rosenstern.de

Erschienen im etcetera Nr. 55 / verloren / März 2014