56/wunder/Prosa: Roman Schweidlenka: Fin und der Kopfhörer
Roman Schweidlenka
Fin und der Kopfhörer
Da lag er nun. Direkt unter der kleinen Tanne, die als Weihnachtsbaum diente; mit bunten Kugeln, gelben, bereits etwas verblichenen Strohsternen, dünnen weißen und gelben Kerzen in wackeligen Kerzenhaltern aus der Steinzeit, und allerlei essbarem Süßem, eingewickelt in einfallloses, glitzerndes Papier, geschmückt. Der neue Kopfhörer. Ein Geschenk meiner Söhne. Schwarz und elegant hob er sich von dem roten Teppich ab, der den alten Holzboden verdeckte. Ein Kopfhörer; einer der guten Sorte. Qualität, mit allerlei Raffinessen verziert, deren pikanten Klang ich musikliebende Banause wohl nie so richtig schätzen werde, da mir dazu das nötige künstlerische Sensorium fehlt.
Wie auch immer. Mein alter Kopfhörer litt seit langen Monaten an einem Wackelkontakt, wodurch der Ton immer wieder wie durch Geisterhand bewegt verschwand, zumindest ein Kanal fiel permanent aus. Stress beim Musikhörern zu später Stunde war hiermit vorprogrammiert. Kein Wunder: Ich freute mich über das neue gute schwarze Ding, drehte es verzückt hin und her und beschloss, dieses Highlight der Technik am nächsten Tag, sobald es die Zeit erlauben würde, auszuprobieren.
Nach dem Frühstück, es muss so um zwei Uhr nachmittags gewesen sein, stapfte ich mit übervollem Bauch, wie es in dieser Feiertagszeit so der Brauch ist, in das Wohnzimmer, das nun nicht nur der unvermeidliche Flachbildschirm-Fernseh-Apparatschik, sondern auch besagte Weihnachtstanne schmückten. Ich blickte unter den leicht nach Erde duftenden Baum, wo üblicherweise die Geschenke lagen, um mir den schwarzen Kopfhörer zu schnappen, doch … der Platz dehnte sich behaglich in gähnender Leere aus. Verwundert ging ich in die Knie, tapste leicht senil mit den Händen den roten Teppich ab, hob ihn auf, blickte darunter, der nackte Holzboden winkte mir zu. Ich stand auf, drehte mich auf der Suche nach meinen Kopfhörern im Kreis, hob achtlos weggeworfenes Verpackungspapier auf, drehte Polster um, blickte hinter Kästen und auf den großen weißen Kachelofen, ja, in meinem weihnachtlichen Dilt schüttelte ich sogar den geschmückten Baum, in der verrückten Annahme, dass vielleicht der Kopfhörer herunter fallen könne; was er natürlich nicht tat.
Ratlos, fassungslos, leicht verärgert, begann ich einen Rundgang durch das Haus, in der Annahme, dass irgendein unberufener Kerl den Kopfhörer geschnappt hätte und damit widerrechtlich Musik hörte. Ich inspizierte erfolglos die Zimmer, kam endlich in die langgezogene Küche mit dem großen rechteckigen Tisch, der auch König Arthurs Tafelrunde beherbergt hätte, wäre er rund gewesen. Und da, unter dem Tisch, sah ich ihn: Fin, der kleine schwarze Hund meines ältesten Sohnes, saß schuldbewusst da, die Kopfhörer übergestülpt, die er an ein Handy angeschlossen hatte, und nickte mit heraushängender Zunge zum Takt irgendeiner bescheuerten Hip Hop-Musik. Als ich ihn strafend fixierte, fing er zu winseln an und klopfte verzagt mit dem kurzen Schwanz auf den Boden. Begleitet von einem Schwall der antibürgerlichsten Schimpfwörter zog ich Fin den schwarzen Kopfhörer von seinen schwarzen Hundeohren, riss den Stecker des Kabels aus dem Handy heraus und eilte, ohne den Hund noch eines Blicks zu würdigen, aus der Küche, um sodann das kostbare Gerät mit einer Grateful Dead-CD zu erproben. Wahrhaftig, ein königlicher Soundgenuss.
Die Sache mit Fin vergaß ich schnell. Der kleine Beller war ja für allerlei Unfug bekannt. Eine Labrador-Pintscher Mischung, die die angenehme Eigenschaft aufwies, als Staubsauger das gesamte Haus zu säubern, d.h. sämtliche zu Boden gefallene Essensreste, und seien sie auch noch so alt und bereits im Zustand der Verwesung verweilend, blitzschnell zu eliminieren und einen sauberen, aufgeschleckten Boden zurück zu lassen.
Am nächsten Tag, es handelte sich, wie der aufmerksame Leser zu Recht vermutet, um den 26. Dezember, spazierten Freunde und ich durch das Dorf, um die drückende Kalorienlast der Festtage in kalter, frischer Luft ein wenig zu liften. Der gefrorene Schnee klirrte vor Kälte, die schweren Bergschuhe knirschten unverfroren, Raureif umhüllte wie feine Schleier aus tausendundeiner Nacht die Äste und Zweige der erstarrten Bäume, von einigen Hausrauchfängen quollen sich kräuselnde, weißgraue Wölkchen. Wie auf eine Leinwand gebannt schien der Fluss unter Eismalereien zu verstummen, ein paar Krähen erhoben sich laut schimpfend, als wir uns dümmlich schwatzend und blöde lachend nährten.
Da bog mein ältester Sohn samt Freundin um die Kurve, die die Straße aus unbekannten Gründen vollzog. Neben ihnen, an der Leine, mit dem Kopf rhythmisch wippend, trottete Fin. Doch nicht nur er. Mit ihm trottete, über seine spitzen Ohren gezogen, mein schwarzer Kopfhörer. Hip Hop. Eindeutig. Was hatte der Hund nur für einen verkommenen Geschmack! Fin blickte triumphierend, erschrak, als er mich wahrnahm und wechselte übergangslos in eine devote, schuldbewusste Stellung mit dezent verschämtem Augenaufschlag. An seinem Halsband sah ich ein Handy angehängt, das er sich dort vermutlich befestigt hatte, das wieder mit einem Kabel mit den Kopfhörern verbunden war.
„Unerhört!“, brüllte ich und drei Spaziergänger, vermutlich deutsche, sahen mich verschreckt an und beeilten sich, schneller weiter zu gehen.
„Was ist?“, fragte mein Sohn verblüfft.
Ich deutete auf das Corpus Delicti, auf Fin, den Dieb, den Räuber, den Frevler, der von keiner Moral gehemmt mit meinen neuen schwarzen Kopfhörern unterwegs war. Mein Sohn, der offensichtlich erst jetzt bemerkte, welche Ungeheuerlichkeit sich da ereignete, schüttelte Fin am Halsband und löste mit einem schnellen Griff die Kopfhörer von den Hundeohren. Leicht grinsend reichte er mir sie:
„Er hört halt so gerne Musik“, sagte er, um sogleich zur Labrador-Pintscher-Mischung gewandt laut auszurufen:
„Pfui, Fin, Pfui!“
Wieder blickten uns neu aufgetauchte Touristen schreckensbleich an, diesmal handelte es sich, sollte ich mich nicht getäuscht haben, um leibhaftige Holländer, die, wie ihre deutschen Kollegen, schnell das Weite suchten. Immerhin konnten derart brüllende Menschen – so der Volksglaube – schnell gewalttätig werden. Kopfschüttelnd, aber auch befriedigt nahm ich die neuen schwarzen Kopfhörer an mich, fest entschlossen, sie in der Nacht, nach einem weiteren üppigen Mahl, erneut zu testen.
Am frühen Nachmittag des nächsten Tages, wieder erkennt der aufmerksame Leser zu recht, dass es sich bereits um den 27. Dezember handelte, packten meine Söhne und ihre Freundinnen nach dem Frühstück mit Toast, Salat, Eiaufstrich, Honig, Marmelade, Sesampasta und geräucherten Lachsscheiben sowie etlichen Runden Brot, Tee und Kaffee wieder ein und beluden ihren alten, aber gestylten VW-Bus. Wir verabschiedeten uns im Vorraum, wobei derartige Verabschiedungen bis zu einer Stunde dauern konnten, da ständig irgendwer noch irgendetwas vergessen hatte. Die neuen schwarzen Kopfhörer lagen entspannt auf der großen, mit einem bestickten grünen Tuch überzogenen Holztruhe, in der Getreide und Nudeln getreidemottenfrei aufbewahrt wurden.
Schließlich kam auch die Reihe an Fin, sich zu verabschieden. Artig reichte er mir seine Pfote, ließ die feuchte Zunge achtlos aus dem Maul baumeln und blickte freundlich in irgendeine Richtung, nur nicht in meine. Dann erspähte die Labrador-Pintscher-Mischung die Kopfhörer. Da senkte sich große Trauer in Fin‘s Blick, seine Schnauze wurde heiß und sein Fell schien jede gesunde Farbe, jeden Glanz zu verlieren. Wieder blickte er trostlos zu den Kopfhörern, dann begann ein langgezogenes, qualvolles Heulen, schlimmer als eine Kreissäge, die sich ständig an Nägeln im Holz reibt. Nichts und Niemand konnten Fin beruhigen. Er klagte und jaulte und heulte und litt und die ersten Nachbarn kamen gelaufen und blickten besorgt über den Zaun. Was um alles in der Welt geschah hier! Wurde da Einer umgebracht?! Tierquälerei gar? Fünfzehn Minuten heulte, flennte und zeterte der Labrador-Pintscher. Endlich fasste ich mir ein Herz, nahm den schwarzen Kopfhörer von der Truhe und reichte ihn Fin.
Da sprang er mit einem triumphierendem Bellen, mit einem freudedurchzogenen Heulen in die Höhe, wedelte wie besessen mit seinem dünnen, kurzen Schwanz und rannte was das Zeug hielt zu dem wartenden VW-Bus. Dort sprang er auf seinen Sitz mit der löcherreichen, hellbraunen Hundedecke, ergriff das Handy eines meiner Söhne, betätigte die Tastatur, steckte den Kopfhörer an das Handy an, setzte ihn auf und blickte siegessicher und stolz zu uns.
Als sie losfuhren, sah ich Fin, der, in seliger Ekstase versunken, mit dem Kopf monoton zu seinen Hip Hop-Rhythmen nickte.
(BM, 1 / 13)
Erschienen im etcetera Nr. 56 / wunder / Mai 2014