59/Gier/Prosa: Hanspeter Ausserhofer: Der Beinklotz

Hanspeter Ausserhofer

Der Beinklotz

Ich sehe es Ihnen an, an der der Art und Weise, wie sie diese Zeilen lesen. Sie sind gierig. Aber Sie wollen es nicht sein. Sie haben Angst vor der Gier. Vergessen sie diese Angst. Die Gier beißt nicht. Nicht sofort. Es ist umgekehrt, die Gier hat Angst vor ihnen. Sie hat Angst davor, daß sie von ihnen missbraucht wird. Sie haben eine latente Neigung zur Maßlosigkeit. Die Gier weiß das. Aber Sie, Sie wissen davon nichts. Doch Sie ahnen es; befürchten es. Darum haben Sie Angst. Angst vor sich selbst. Das Problem ist nicht die Gier. Sie sind das Problem. Sie und ihre Maßlosigkeit. Na sieh mal einer an, Sie haben mit dieser Einsicht ein Problem? Dann nehmen Sie sich ein Beispiel an Dagobert Duck. Herr Duck ist gierig. Und es ist ihm schnurz-piepegal! Stimmt’s Dagobert? Nein Dagobert, bitte sag jetzt nichts!

Pssst, psst,…räusper,…! Rücken Sie mal ‘n Stück näher. Ihnen kann ich es ja sagen: Dagobert spricht nur gegen Bezahlung. Sein Vortragshonorar? Völlig abgehoben. Für mich unbezahlbar. Schon seine Anwesenheit kostet mich ein Vermögen. Doch das ist es mir wert.

Sehen Sie wie Dagobert seinen Schnabel zusammenpresst? Er möchte gerne reden. Reden über die Gier. Doch die verbietet ihm das Reden. Vortragen ohne Honorar? Niemals! Seine Gier wird ihm zum Beinklotz. Die Gier ist das Tier in mir. Es bringt mich voran. Ich weiß mit ihm umzugehen. Ich zügle es, halte es im Zaum, gebe ihm die Sporen. Letzteres nur ganz sachte. Ich achte darauf, was es will, was es braucht. Es weiß, was ich brauche. Dieses Tier hat Verstand, aber kein Herz. Jetzt, in diesem Moment spüre ich dieses Tier in mir. Ich spüre die Gier. Die Gier mich auszubreiten, aufzublasen, mich wichtig zu machen. Die Gier mehr zu sagen, mehr zu schreiben, als es zu sagen und schreiben gibt. Ich spüre ihn, diesen Beinklotz. Alles ist gesagt, alles geschrieben. Finito! Dagobert!! Wir gehen!

Hanspeter Ausserhofer
Mein Name, Hanspeter Ausserhofer. Jahrgang ̓62, verheiratet,
Tischler, Durchschnittsbürger, Niemand, und Jedermann. Veröffentlichungen?
Eine Leistungsschau? Ein Abgesang auf vergangene
Heldentaten? Wozu? Dient dies der Gier nach Selbstdarstellung?
Selbstfindung? Selbsterfindung? Was zählt, ist das, was
steht. Hier und jetzt. Sonst nichts.