76-77/Stern/Unstern/Prosa/Sabine Brandl: Du - Desaster - ich ...?

Ich war mal ein richtig guter Mensch. Und jetzt würde ich dich gern umbringen. 

Wobei - Umbringen war nie meine erste Wahl. Das muss ich zu meiner Ehrenrettung gleich an den Anfang stellen. Aber auf den Mond schießen geht ja nicht. Und wenn doch, würden wir uns dort vielleicht wiedersehen - so oft wie du mich wohl auch schon auf den Mond gewünscht hast. Wenn es da oben überhaupt eine Auffangstation für unerwünschte Menschen gäbe. Also eine Siedlung oder Stadt … ach, das wäre inzwischen eine Millionenstadt! Es wären sogar mehrere Millionenstädte, bestimmt wäre der Mond bald übersäht mit Dörfern und Städten Auf-den-Mond-Geschossener. So gesehen wäre es doch nicht so wahrscheinlich, dir dort wieder zu begegnen, wenn das mit dem Auf-den-Mond-Schießen so einfach ginge.

Was für skurrile Ideen ich habe, wenn ich an dich denke. Ziemlich verrückt. Aber ich hätte dich nun mal so gerne los. Zunächst einmal ohne etwas Verbotenes und Schlechtes zu tun. Diese Mond-Sache wäre nämlich gar nicht böse, wenn man da oben ordentlich leben könnte. An ein Heim für Menschen - ähnlich einem Tierheim - habe ich anfangs auch schon gedacht. Es wäre eine Art Pension mit gutem Essen und bequemen Betten, man könnte Menschen da abgeben wie Haustiere. Müsste sie nicht an verlorenen Orten aussetzen oder gar töten. Quasi als Präventionsprojekt: Menschen mit Mordgedanken könnten ihre potentiellen Opfer dort straffrei abgeben. Dann müsste ich dich vorher nur ein bisschen betäuben. Oder nein – noch besser - die vom Präventionsprojekt hätten einen Bringservice: man könnte sie anonym anrufen, ihnen die Adresse des verhassten Menschen mitteilen und sie würden den – also dich – dann einfach abholen und wegsperren. Bei der Aktion hätte ich auch gar kein schlechtes Gewissen. Damals, als ich Wulbi, mein Meerschweinchen im Tierheim abgegeben habe, war ich mir auch sicher, nichts Schlechtes zu tun. Obwohl es etwas weh tat bei Wulbi, weil ihn mochte ich – dich mag ich überhaupt nicht mehr.

Nachdem das mit dem Mond und dem Heim aber nicht geht, muss ich mir etwas anderes überlegen. Nichts tun ist keine Option. Du hast mir nämlich das Schönste und Wichtigste in meinem Leben genommen: meinen Mann, meinen Erwin, meinen absoluten Lieblingsmenschen. Du hast mein Leben zerstört, mein Glück. Lange hast du subtil darauf hingearbeitet, hast mit ihm auf Freundschaft gemacht und auf unschuldig, wenn ich in der Nähe war – Erwin ebenso - und ich? Ich armer Tropf habe zugeschaut und wollte euch nicht im Weg stehen. Versuchte euch zu glauben, versuchte es als Freundschaft zu sehen und doch war zwischen euch schon immer mehr als das. Glaubte sogar noch daran, dass du mir eine Freundin wärst, so gut konntest du schauspielern. Ich war zu gut, zu naiv, zu dumm, zu passiv. Wollte, dass mein Erwin auf nichts verzichten muss, hoffte, er würde stets zu mir stehen, genau wie ich zu ihm. Und jetzt? Jetzt ist er bei dir und der angestaute Hass in mir so groß, dass ich bald nicht mehr gut sein kann. Wahrscheinlich bin ich jetzt schon kein richtig guter Mensch mehr, weil ich so über dich denke und weil ich diese Fantasien habe. Ja, ich habe nicht mehr nur den Wunsch, dich in die Ferne zu schicken – inzwischen habe ich auch süße Träume, dir etwas anzutun. Einfach weil du immer noch da bist und einfach nicht verschwindest. Je länger du weiterhin da bist - desto mehr hasse ich dich. So simpel ist das. 

Angefangen haben jene Fantasien eher harmlos, ich wünschte dir kleine Unannehmlichkeiten und Peinlichkeiten, stellte mir vor, wie du bei einem deiner affektierten Künstler-Auftritte stolpern und ins Publikum stürzen würdest. Hab mir schon überlegt, deine Stöckelschuhe zu präparieren. Hab es dann doch nicht getan. Hab mir auch überlegt wie es wäre, dich zu verfluchen. Ich hätte zunächst einen ulkigen Fluch gewählt und dir einen schmerzhaften Pickel an den Arsch gewünscht, der nie wieder weggeht. Habe mir dies und ähnliche Dinge ganz fest vorgestellt, mit der ganzen Kraft meines wuterfüllten Bewusstseins - viele schlaflose Nächte lang - aber mir fehlt nun mal jede Magie. Auch die affigen Voodoo-Puppen brachten nichts. Doch all diese Fantastereien waren vergleichsweise niedlich, wenn man meine heutigen Gedanken betrachtet. Dazu gehören Pläne dich zu vergiften, zu erschießen, zu erwürgen, zu ertränken, zu erschlagen, vom Balkon zu stoßen … Und ich sehe und höre mit Genuss dich dabei: deine überraschten Augen, deinen verzerrten Mund, dein elendes Würgen, dein leises Röcheln, deine hervortretenden Halsvenen, das quellende oder spritzende Blut, das harte Aufschlagen deines Körpers auf Asphalt – ach - die Bilder sind so plastisch geworden, so real, so wohltuend.

Du bist mein Desaster, meine Misère, mein Unstern, meine Wut. Und ich werde dir immer wieder begegnen – nein, ich komme dir nicht aus, weil wir die gleichen Freunde haben, in den gleichen Kreisen verkehren. Natürlich bin ich auch wütend auf mich, weil ich so brav und gutgläubig war, so nett und dämlich. Aber ich bin schon gestraft genug. Im Gegensatz zu dir. Das Blöde ist: wenn ich dich umbringe, dann schadet es auch mir. Zum einen wär da das Schuldgefühl, das würde sicher kommen, einfach weil es jeden Mörder überfällt, jedenfalls, wenn er - wie ich - kein Soziopath ist. Und dazu folgt womöglich lebenslange Haft, wenn ich erwischt werde. Oder könnte ich es glaubhaft wie einen Unfall aussehen lassen? Vielleicht auch einen Unfall provozieren, ohne dass es gleich ein richtiger Mord ist? Oder dir etwas in die Schuhe schieben, sodass du ganz lange, also möglichst ewig in den Knast musst? Hach, da müsst ich mal genauer …

Du siehst, ich brauche unbedingt Erlösung. Erlösung von dir. Ich könnte natürlich auch fliehen - das geht rein theoretisch fast immer - also irgendwo ein neues Leben beginnen, mir eine neue Wohnung suchen, einen neuen Job, einen neuen Partner, neue Freunde und dir das Feld – mein Feld - überlassen. Aber das kommt nicht in Frage. Ich werde dich wohl doch töten müssen. Erst einmal auf Papier. Meine Therapeutin sagt, manche Belastungen fühlen sich leichter an, wenn man sie aufschreibt. Dabei stößt man manchmal sogar auf eine Lösung. Bisher hat meine Therapeutin - der ich natürlich immer nur von der harmloseren Hälfte meiner Gedanken berichte - mir nicht viel gebracht. Aber ich werde das trotzdem mal versuchen, mit dem Schreiben. Bin gerade dabei, mich warmzuschreiben. Vielleicht entsteht daraus ein ganzer Roman. Ein echt fieser Psycho-Thriller. Womöglich stoße ich literarisch auch auf einen genialen Plan. Und wenn Wörter alleine doch nicht genügen …

 

 

Sabine Brandl

Geb. 1977 in München, hat in den Jahren 2010 bis 2016 drei Romane veröffentlicht, ihr vierter Liebesroman wird 2019 erscheinen. 2004 gründete sie den Künstlerverein REALTRAUM e.V., dessen erste Vorsitzende sie seitdem ist. Sie hat in den letzten Jahren zahlreiche Kurzgeschichten und Gedichte in Anthologien und Zeitschriften veröffentlicht und bereits mehr als 100 Lesungen bestritten. Außerdem arbeitet sie als Herausgeberin für verschiedene Buchprojekte. Durch ihre zahlreichen kulturellen Aktivitäten hat sie sich in der Münchner Kulturszene sowie in der deutschen lesbischen Literaturszene einen Namen gemacht.
www.sabinebrandl.net