Helga Futter: Nur vier Monate

Helga Futter
Nur vier Monate


Ich öffne die Tür und sehe einen Säugling auf dem kalten Steintisch liegen. Sofort fröstelt es mich. Der Säugling ist nackt. Ich erkenne ein Mädchen. Die Kleine hat ihre Beine in der Hüfte und in den Knien abgewinkelt, die Arme liegen ausgestreckt zur Seite, so als ob es tief entspannt im Gitterbett liegen würde, aber ohne eine Windel, ohne einen Strampler und ohne eine Decke. Ich würde sie am liebsten an meine Brust nehmen und wärmen, aber ich muss es obduzieren. Ich bin die Pathologin. Es ist der 3. März 1987.

Auf dem Totenzettel der Kinderabteilung steht „Verdacht auf Plötzlichen Kindstod“. Eine Katastrophe, die etwa einhundert Mal pro Jahr über eine Familie hereinbricht. Vermutlich hat die Mutter in der Früh ihr Baby leblos im Bett gefunden und sofort den Notarzt gerufen. Der wird es vergeblich zu reanimieren versucht haben. Auf der Kinderabteilung wird man nach einer Zeit die Wiederbelebung abgebrochen haben. Jeder involvierte Arzt wird gleichzeitig und sorgfältig nach Hinweise auf Fremdverschulden geschaut haben, aber das war kein Mädchen, das die Eltern misshandelt oder erstickt haben. Das hier ist ein Mädchen, eine Anna, das von ihren Eltern geliebt worden ist. Da bin ich mir sicher. Es ist so hübsch und wohlgenährt. Ihre kurzen Haare sind weißblond und groß gelockt, ihre Fingernägel schön rund geschnitten. Vermutlich hat sie blaue Augen. Ich öffne ihre Lider aber nicht. Ich will ihre Ruhe nicht stören. Das mag im Zusammenhang mit meiner Aufgabe, ihr Gehirn, Herz und Lunge zu untersuchen, seltsam klingen, aber mir käme es unnötig herzlos vor.

Liebe Anna, das muss sein. Vielleicht finde ich eine andere Todesursache, eine eindeutige, die nicht zu erkennen gewesen ist, die den Schmerz deiner Eltern ein wenig lindert. Das Nicht-Wissen, warum so etwas Fürchterliches passiert ist, ist oft das Schlimmste. Mit meinem Skalpell schneide ich am Kopf vom Haaransatz an der Stirn auf beiden Seiten knapp oberhalb der Ohren nach rückwärts und ziehe die Haut von vorne nach hinten ab. Mit eine Schere eröffne ich die weiche Schädeldecke. Ich nehme vorsichtig das Gehirn heraus und lege es sanft auf eine Schneidefläche. Auf den ersten Blick kann ich nichts Falsches erkennen. Ich schneide weiter, aber alles ist perfekt. Ach, Anna, was für ein Mensch wärest du geworden?

„Was für einen Frosch haben wir denn da heute?“, sagt meine Kollegin, als sie in den Seziersaal kommt. Sie lacht, als ob Anna, wie sie da daliegt, sie wirklich an Amphibien erinnert. Ich kann sie nicht anschauen, sonst müsste ich „ich weiß nicht was“ tun. Ihre Aussage überrascht mich aber nicht. Sie mag eine gute Pathologin sein, aber menschlich komme ich mit ihr schon lange nicht klar. Sie hat einmal auf das Schlimmste gegen mich intrigiert, aber das ist eine andere Geschichte. Sie setzt sich auf ein Kasterl in der Nähe, schlägt ihre Beine übereinander, als ob wir diese bewundern müssten, und schaut mir zu. Ich kann sie nicht hinauswerfen, sie steht in der Rangordnung der Abteilung über mir.

Ich schneide weiter, von der rechten Schulter leicht bogenförmig zur linken und anschließend von der Mitte nach unten bis zum Schambein. Mit der Schere eröffne ich den Brustraum und nehme Herz und Lunge im Ganzen heraus. Das Herz ist kleiner als meine Handfläche, die Lunge so schön, wie ich sie noch nie gesehen habe. Anna, sage ich, da ist alles in Ordnung. Trotzdem muss ich von der Lunge ein Stück abschneiden, weil es später unter dem Mikroskop beurteilt werden soll. Das will der Chef der Pathologie so. Er wird dann etwas von Lungenunreife schreiben und ich werde mich ärgern. Nirgendwo sonst in Europa gibt es solche schriftlichen Befunde. Die medizinische Wissenschaft kennt den Grund des Plötzlichen Kindstodes nicht. Ich kenne keine mikroskopischen Lungenschnitte von Säuglingen, die an einer anderen Ursache verstorben sind und die wir zum Vergleich hernehmen könnten. Es ist schlimm, wenn man dem Chef nicht vertrauen kann. Zwischen uns herrscht ein stummer Krieg, aber das ist auch eine andere Geschichte.

Alles an Anna ist in Ordnung und trotzdem ist sie gestorben. Die Medizin weiß noch lange nicht alles. Ich lege die inneren Organe in die Körperöffnungen zurück und nähe die Schnitte fein säuberlich zu. Zum Schluss ziehe ich ihr das weiß-gelb getupfte Hemdchen, den leuchtend gelben Strampler und die weiß-gelb gestreifte Haube an,das die Eltern für die Beerdigung auf unser Institut gebracht haben.

Jetzt kann ihr niemand mehr die Obduktion ansehen. Trotzdem wird der Sarg üblicher Weise verschlossen bleiben. Ich werde die Bestattung nicht sehen, wenn sie Anna in einem kleinen Sarg abholen wird. Ich werde auch keinen Kontakt mit den Eltern des Mädchens haben. Trotzdem bin ich in Gedanken bei ihnen.

Drei Monate später, mit Ende meiner Ausbildung, verlasse ich die Pathologie.


Helga Futter
Geb.1957 in Bludenz, Vorarlberg. Seit 1980 verheiratet und daher
wohnhaft in St. Pölten. Berufstätig als Pathologin, Allgemeinmedizinerin
und Psychotherapeutin. Seit meiner Pension mit Leidenschaft
schreibend Teilnahme an verschiedenen Schreibwerkstätten,
aktuell in der Leondinger Akademie für Literatur.