Stein / Etcetera 89 / Prosa / Friederike Zelesko: Steinerne Spuren

…Hitze und Betäubung, und Vordringen zu einer Sprache, die jemand spricht dort hinter der dicken Mauer aus Kern von Stein … (aus „Aufschreibung aus Trient“ von Franz Tumler)

Weinstöcke und Apfelbäume, nicht höher als ein erwachsener Mensch, am rasch fließenden milchigen Wasser der Etsch seit Jahrhunderten diesseits und jenseits des Flussufers wachsend, vermitteln Wohlstand und fruchtbare Fortpflanzung – …dort wo aus schmaler Felsenkluft / der Eisack springt heraus / von Sigmundskron der Etsch entlang / bis zur Salurner Klaus…, heißt es im Bozener Bergsteigerlied. Die Bahn fährt manchmal eng am Fluss, manchmal eng an Bergfelsen mit ihren Brüchen vorbei.
Fast jeder Ort entlang des Tals hat seinen Bruch – Marmor: weiß, rosa, gelb, ganz früh auch schwarz und jede Menge Granit und roter Kalkstein. Trient wurde aus den Brüchen der Berge erbaut, sein buntes Straßenpflaster, Palazzi, das Castello del Buonconsiglio. Aus Steinen mit großer Wucht bis in alle Ewigkeit.
Dieses Ewigkeitsgefühl saß mit mir bereits in der Südtirolbahn ab Bruneck in Richtung Trient, nachdem ich im Bärenhotel in Olang im Pustertal zwei lustvolleTage mit Familie und Enkeln verbrachte.
Auf die Weite des Blicks von der Terrasse meines Zimmers aus war ich nicht vorbereitet – den Kronplatz mit der Höhe von 2275 im Rücken und das Tal mit Blick auf die drei Zinnen der Dolomiten vor mir, die Einschnitte anderer Täler erkennbar, wie das Pragser Tal mit dem Pragser Wildsee.
Der smaragdgrüne See wurde immer wieder als Filmkulisse benutzt. In der Welt der Sagen spielt er auch eine Rolle, wie ich später erfuhr, denn mit einem Boot kann man angeblich das unterirdische Reich der Fanes erreichen.
Das steinerne Tor zur Unterwelt befindet sich am Südende des Sees, dort wo der Seekofel den See überragt. Nicht umsonst trägt dieser bei Bergsteigern begehrte Gipfel der Pragser Dolomiten den Namen “Sass dla Porta”, also Torberg.
Ein Tor hatte sich für mich geöffnet, zeigte eine bisher nicht geschaute Landschaft, eine Stadt mit Erfahrens werter Geschichte.
Ich wäre noch in diesem Wohlfühlhotel geblieben, hätte ich mich nicht mit einem Gehängten im Castello del Buonconsiglio in Trient verabredet. Er geistert durch den Roman „Aufschreibung aus Trient“ von Franz Tumler.
Der österreichische Schriftsteller, in Südtirol geboren und in Berlin gestorben, kehrte dorthin immer wieder zurück, auch in seiner heute fast vergessenen Literatur.
Dieser Gehängte mit Namen Cesare Battisti, 1875 in Trient geboren, war sozialistischer Abgeordneter im österreichischen Reichsrat und im Tiroler Landtag. Er trat mit Kriegsbeginn 1915 auf Seiten Italiens in den Krieg gegen Österreich ein. Im Zuge des wachsenden Nationalitätenkonflikts innerhalb des Vielvölkerstaates Österreich-Ungarn wendete sich Battisti vom sozialistischen Internationalismus ab und lief ins Lager der italienischen Irredentisten über. Die Zerstörung der italienischen Rechtsfakultät an der Universität Innsbruck im Jahr 1904 (fatti di Innsbruck) galt als Schlüsselereignis, welches ihn darin bestärkte, dass die soziale Lage im Trentino nur durch Loslösung von Österreich und einer Angliederung an Italien zu verbessern sei. Er warb aktiv für einen Kriegseintritt, um das Trentino von Österreich-Ungarn loszulösen und an Italien anzuschließen.
Er forderte nicht den strategisch bedeutenden Brennerpass als nördliche Staatsgrenze Italiens, sondern eine Grenzziehung entlang der sprachlich-kulturellen Linie zwischen deutschem und italienischem Kulturraum an der südlicher gelegenen Salurner Klause – eine Forderung, die sich nach Ende des ersten Weltkrieges auf den Friedensverhandlungen von Saint-Germain nicht durchsetzte.
1916 wird er von österreichischen Kaiserjägern gefangen genommen und in Trient wegen Hochverrats nach einem nur zweistündigen Prozess noch am selben Tag am Würgegalgen hingerichtet. Heute ist Battisti ein italienischer Nationalheld.
Ich war im dreißig Grad heißen Trient unterwegs und hatte nun fast die ganze Altstadt im Auge. Alles zentral und wenn man um eine Häuserecke ging, dann öffnete sich das alte, historische Trient mit den Palazzi und der wunderbaren Basilika Vigilio oder einer anderen architektonischen Überraschung. Am Castello vorbei, das noch still und verträumt dalag, setzte ich meine Spurensuche fort zur Piazza Venezia, dem zweitgrößten Platz hier - der größte ist Piazza Dante. Viele Blumen, hohe Bäume. Bänke luden zur Rast ein. Kleine Brunnen, wo eiskaltes Quellwasser ununterbrochen herauslief. Es war weich und schmeckte nach Mineralien, die aus den Steinen der Berge herausgewaschen wurden.
Es war kühl im Schatten der Bäume. Nach einer kurzen Pause ging ich weiter zur Largo Porta Nuovo, einem verkehrsreichen Platz, mit einer kleinen Kirche. Ich erfrischte mich im Caffe Venezia mit einer Porzioni palline aspor con panna - Zitroneneis mit Sahne. Während ich an einem kleinen Tisch am Straßenrand saß, beobachtete ich die vorübergehenden Menschen. Die Straße, die von der Basilika weiterführt, ist voller Läden und Ristorante. Auf der Piazza Fiera stand ein weißes Zelt aus der Musik drang.
Eine Frauenstimme sang. Sonst war der Platz fast leer, nur ein Händlerstand mit im sanften Wind flatterndem Linnen, Tischtüchern, Schürzen und weichen Handtüchern wartete auf kaufwillige Kunden.

Auf der linken Seite der Piazza Fiera steht noch die alte Stadtmauer aus Kern von Stein. Sie ist ca. 20 m hoch. Wie lang sie ist, weiß ich nicht, denn gegenüber der Mauer strömte ein herrlicher Essensduft aus dem Ristorante Patelli. Nach einem Teller Spaghettoni Diavolo war kein Abschreiten der Mauer mehr möglich.

Trittsteine
Indem er die Trittsteine in einem runden Schwung durch den Garten gelegt hatte, verriet er sein enges Verhältnis zur Natur. Jetzt, wo sie nicht mehr Wildnis war, sondern begehbar, und die kugelförmig geschnittenen Büsche auf beiden Seiten jederzeit erreichbar, wurde sie zum Gleichnis. Er hatte die Steine, die aus einer anderen Landschaft kamen, so tief in die Erde gesetzt, dass sie noch sichtbar waren und sich in ihre neue Architektur fügten, als wären sie schon immer da. Ihr fester Platz war wohltuend und die nacktgeschliffenen Flächen ihrer tausendjährigen Versteinerung verrieten willig ihr frohes farbiges Geheimnis.
Die überaus große Bescheidenheit bei der Gestaltung seines Gartens drückte seine Weltabgewandtheit aus, markierte seine vollkommene innere Stille. In der äußeren, unvollkommenen Stille war Stein nur Stein, Busch nur Busch, und das am Stein enganliegende figurbetonte Grün, nur Grün. Die Steinwege, die bei Regen volltrunken dem Garten ein magisches Leuchten gaben, waren in ihrer Geschlossenheit eine einzige Erholung.

Granit
Als ich die Granittreppe hochsteige, mein Atem immer schwerer wird, ich meinen Herzschlag im Hals spüre, weiß ich: Das ist nicht der Wald meiner Kindheit. Er ist nicht sanft. Er ist bedrohlich. Der Farn zwängt sich durch Granitspalten. Die Tannen halten sich mit ihren Wurzeln an Steinblöcken fest. Der Schweiß auf meiner Kopfhaut beißt sich an den Haarwurzeln fest. Der Schrei, den ich ausstoßen möchte, würde vom Stein abprallen mir ins Gesicht springen, wieder zurück in meine Kehle schlüpfen. Also schreie ich nicht. Die Waldschlucht horcht an den Stämmen hoch, um in der Totenstille das Rauschen der Baumkronen zu hören. Nur die weiße Quelle der Ohe springt von Stein zu Stein und weiß nicht, dass sie später im Tal schwarz wird wie einer, der im Moor gebadet hat.
Die Zeit ist aus meiner Uhr, der Tag aus dem Gelenk gesprungen. Ich steige die steinerne Himmelsleiter hinauf, über die Baumgrenze und stehe am Blockmeer des Lusen. Der Granit, der Himmel und ich lehnen am Gipfelkreuz. In der Schutzhütte lehne ich meinen Rücken an den Kachelofen. Seine Wärme wächst durch meine Knochen wie der Farn durch die Spalten des Steins.

 

Friederike Zelesko
Geb. in NÖ, lebte ab1969 in Deutschland und arbeitete als Hochschulsekretärin an der Bergischen Universität Wuppertal, Schreibt Lyrik und Prosa. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften, Anthologien und im Funk (WDR) seit 1984. Lyrikband „Von den Tafelfreuden“, NordPark Verlag Wuppertal 2011. Heute lebt sie wieder in Böheimkirchen, NÖ.