KIND / etcetera 35 / März 2009

 

 

 

 

 

 

 

   
 

VORWORT


Liebe Leser! Liebe ehemalige Kinder!

Die Kindheit steht auf dem Prüfstand. Ist/war es erhebend, ein Kind zu sein? Wird das Kindsein erst angenommen, wenn man keines mehr ist? Wurde man aus der Kindheit hinausgeworfen oder bewerkstelligte man dies aktiv? Ist die Kindheit wie in der Erzählung von Claudia Bitter eine rote Kugel, die geheimnisvoll glänzt, wenn man sie gegen das Licht hält? Welche Rolle spielen Kindheitsfotos? Verändern sie die Wahrnehmung?

Zum Thema KIND bekamen wir doppelt so viele Zusendungen, als ins Heft aufgenommen werden konnten. Vor allem handeln zahlreiche Prosa- und Lyriktexte von negativ geprägten Kindheitserinnerungen. Sie zeugen von Kindesmissbrauch, beiderseitigem Unverständnis, dem Unvermögen zu erziehen oder schlicht und einfach von Wehrlosigkeit, Herabwürdigung oder Leid, großem, prägendem Leid.

Das Kinderbuch hat Tradition. Bereits Kaiser Franz I. hatte eine Kinderbuchsammlung. Nicht nur Thomas Bernhard, Friederike Mayröcker oder Peter Handke waren Kinderbuchautoren auch Elfriede Gerstl, Daniel Glattauer oder Michael Stavarič, wie sie sich anhand der Rezensionen überzeugen können. Andere rezensierte Werke verpacken die eigene Kindheit, fokussieren oder bauen auf ihr auf.

Stellt doch die Erinnerung, geschönt oder nicht, stets einen Fundus dar, aus dem man sich auch als Nichtliterat bedienen kann. Bedienen Sie sich…

PS.: Genauso bunt und spannend wie das Heft wird am 04.03.09 um 19 Uhr die Lesung im Freiraum St. Pölten sein. Wir freuen uns auf Ihr Kommen!

Eva Riebler

 

 

 

 

 

 

 



Ingrid Reichel

DIE STILLEN ZEUGEN


Eine Theorie besagt, das Leben sei nichts anderes, als eine Verarbeitung der eigenen Kindheit.

Viele Texte und Lyriken unserer Autoren und Autorinnen bestätigen dies. Ob es ihre eigene Kindheit oder die eines oder einer anderen ist, von der sie erzählen, spielt keine Rolle. Und dann gibt es noch andere Bestätigungen … es sind die stummen Zeugen, die wir in Alben, Schachteln und mittlerweile digitalen Ordnern ablegen. Sie warten geduldig auf Wiederentdeckung. Nicht selten ist es der Tod unserer Nächsten, ob geliebt oder ungeliebt, der uns auf eine Reise führt, zurück in unsere Vergangenheit, in unsere Kindheit und Jugend. Die Rede ist von den Familienfotographien. Seit über 100 Jahren dokumentieren sie unser Leben und das unserer Intimsphäre. Zu den anspruchsvollen und vielseitigen Texten in dieser Ausgabe bieten sie gemeinsam mit den Bildern der Künstlerin Helga Hofer die Ergänzung.

Mein Dank gilt:

- unserem Layouter Gerhard Axmann, der wieder einmal in seinem reichhaltigen Fundus gegraben hat und Fotos von seinem Großvater, der während der K & K Zeit bei der Gendarmerie Fotograph war, entdeckt hat.

- Maria Budweiser und ihrer Mutter Hermine Ulrich, für die für sie ganz selbstverständliche Bereitstellung der Fotos Josef Ulrichs. Josef Ulrich wurde 1921 geboren und verstarb nach langer geduldig ertragener Krankheit im September 2008. Der engagierte Finanzbeamte spielte lange Jahre die 2. Geige im Musikverein St. Pölten und war bekannt als leidenschaftlicher Fotograph, wofür er viele Preise erhalten hatte. Doch trotz seiner vielen Interessen blieb die Familie mit seinen sechs Kindern das Zentrum seines Lebens. Im Nachlass ihres Vaters hat Maria Budweiser eine ganz persönliche Entdeckung gemacht: Es ist der distanzierte Blick des Vaters durch seine Kamera, der über seine Fotos seine Liebe zu seinen Kindern verewigt hat.

Weiters sind Fotos von meiner Familie zu sehen. Die Absicht war Fotos aus vier Generationen, vom Anfang des 20 Jhdts. bis zur Gegenwart, zusammenzutragen, die einerseits ganze Kriege, Familiendramen und
-freuden überlebt haben und Belege glücklicher Zeiten und Momente sind und andererseits die Evolution der Familienfotographie dokumentieren. Kinderfotos vom Beginn des 20. Jdts. von Eltern sind selten, von Großeltern eine Rarität. Dank der technischen Entwicklung wurde es möglich von einstigen statischen und daher gestellten Bildern zu den revolutionären Schnappschüssen zu gelangen, die emotionale als auch körperliche Regungen festhalten können. Doch was auch immer Familienfotos ausdrücken mögen, sie erwecken unsere Erinnerungen und wühlen uns gefühlsmäßig auf. Oft rücken sie Dinge wieder ins rechte Licht, wenn wir verdrängt haben oder uns das Gedächtnis einen Streich gespielt hat. Wie oft sehen wir uns als Fremden, erkennen uns auf einem Foto selbst nicht wieder und schließen erst nach Jahren Frieden mit diesem stillen Zeugen? Wie oft hat uns eine Fotographie unsere Nächsten näher gebracht, sie uns begreiflich gemacht oder eben das Gegenteil bewirkt? Wie oft trügen uns die Sinne, wie oft ist ein Foto trügerisch? Es gibt sie nicht die einzige, von so vielen Menschen angestrebte, Wahrheit. Eher gibt es viele verschiedene Perspektiven und Meinungen. Das Foto auf dem Cover verdeutlicht dies. Dieses Foto widerspiegelt auf eigentümliche Art und Weise nicht nur die Ambiguität, die die Gesellschaft gegenüber ihren Jüngsten trägt, sondern auch die gesellschaftspolitische Situation der damaligen Zeit. Auf der Rückseite des Fotos ist der Vermerk „Erlaufsee b. M. Zell“, datiert mit August 1939. Seit über einem Jahr gehörte Österreich zum Dritten Reich. Eine niederösterreichische Familie macht einen Ausflug nach Maria Zell, dem Wallfahrtsort. Vielleicht die letzte bevor der Krieg endgültig zu einem Weltgeschehen wird. Sie macht eine Bootsfahrt am Erlaufsee. Zu sehen sind der Vater am Heck des Bootes mit den Rudern in der Hand und zwei seiner Kinder. Der Sohn, der Erstgeborene, vorne, das Mädchen zwischen den beiden. Sie steht. Sie hält die Hände straff an den Körperseiten gepresst, die Beine fest zusammengestellt, den Körper steif, den Kopf gesenkt. Sie ist sechs Jahre alt. Was auch immer auf diesem Boot geschehen ist, wir wissen es nicht. Wir können nur Vermutungen anstellen. Beim Betrachten können Sie Zeuge eines seelisch verletzten oder eines bockigen Kindes geworden sein, oder Sie bilden sich ein, dass dieses Kind gar schon die schwere Last spürt, welche in den nächsten Jahren auf es zukommen wird: Tod und Verwüstung, Reparatur- und Wiederaufbauzahlungen, Restitutionskosten, etc. … Vielleicht sind Sie aber auch der Ansicht, dass stehende Kinder in der Art auf einem Ruderboot etwas Gängiges sind …?

Wahrscheinlicher ist, dass meine Großmutter mit der dreijährigen Tochter auf dem Schoß am Bug saß und diesen Schnappschuss tätigte, um meiner Mutter eines Tages in Erinnerung zu rufen, dass sie sich und gegen den Willen ihrer Eltern, möglicherweise aus Scham, in einem schaukelnden Ruderboot zum Stehen verurteilt hat, weil sie wegen Blödelns im Boot getadelt worden war.

Enttäuscht? Oder doch erleichtert über meine Interpretation?

Aber vielleicht fällt Ihnen lieber Leser und liebe Leserin eine ganz andere Geschichte dazu ein … wie Sie wissen: irren ist bekanntlich menschlich …

 

Zum Inhalt

 

 

 

 

 

 

 

INHALT etcetera 35 KIND


EDITORIAL


03 Impressum


NACHRUF


04 LitGes Zum Gedenken an Christian Schwetz
05 Christian Schwetz: Dodekalog


VORWORT


06 Ingrid Reichel: Die stillen Zeugen


INTERVIEWS


07 Helga Hofer: Das Kind in mir
11 Hermine Reisinger: Der kleine Bericht zum großen Kindesmissbrauch
13 Artur Becker: Kraft der Erinnerung
15 Vincent E. Noel: Von romantischen Schönredereien


PROSA


17 Beppo Beyerl: Der Rudl
19 Axel Karner: Kind.Tot
20 Waltraud Holzner: Befreiung
24 Gerald Jatzek: Geburt
25 Thomas Laessing: Ich will werden
26 Dominic Angeloch: Kinderspiel
27 Reinhold Schrappeneder: Das Grab
28 Claudia Bitter: Bravo, kleines Fräulein!
32 Annett Krendlesberger: Erfüllung
37 Christa Nebenführ: Mutters Mythos
38 Wolfgang Mayer-König: Der Koffer der Adele Kuzweil
43 Linda Wortmann: Ein Freitag
45 Harald Kerner: Winterreim
47 Dagmar Holley: Der zweite Blick
49 Marco Frohberger: Der Raum
52 Yvonne Giedenbacher: Untertag


LYRIK


23 Christoph Janacs: Milch
25 Klaus Roth: Brösel auf dem Tischtuch
27 Niketa Stefa-Missagli: Kind der Scheidung
30 Hahnrei Wolf-Käfer: Kyoka
36 Marlene Kühnel: Kindheit
42 Ingrid Elmadfa-Rahlf: Mamakind
68 Christoph Janacs: Auszählreim


LitArena


54 Marlies Eder: Für eine Handvoll Euro
55 LitArena 4: LitGes Literaturwettbewerb 2009


REZENSIONEN


16 Vincent E. Noel: Opferkind

56 Klaus Trabitsch: Butzemann

56 Cornelia Travnicek: Die asche meiner Schwester

57 Walter Wippersberg: Eine Rückkehr wider Willen

58 Artur Becker: Wodka und Messer

58 Michael Stavaric: Biebu

59 Daniela Seebacher: Nina

60 Friedrich Hahn: Egal

61 Ruth Klüger: Unterwegs verloren

62 Adrian N. Leblanc: Zufallsfamilie

63 Elfriede Gerstl: Die fliegende Frieda

63 Helmut Pfandler: Des Lebens große und kleine Abenteuer

64 Kerstin Schneider: Maries Akte

66 Milena Michiko Flasar: [Ich bin]

65 Reinhold Bilgeri: der Atem des Himmels

67 Inge Maria Grimm: Es war einmal ...

67 Daniel Glattauer: Rainer Maria sucht das Paradies