srach.lust/etcetera 32/Mai 08

 
VORWORT

Liebe Leserinnen, liebe Leser!

Ohne Sprache geht es nicht. Wir beschäftigen uns ja stets mit Sprache, beziehungsweise immer mehr mit der Sprachlosigkeit. “Der Mensch benötigt sie zur Menschwerdung, zu seinem Menschsein“, sagte Robert Schindel 2001 im „etcetera“ Nr. 6 SPRACHEN, das wir damals anlässlich des europäischen Jahres der Sprachen herausgaben. Im heurigen internationalen Jahr der Sprache haben wir wieder die Lust in/an der Sprache gesucht - und gefunden.

Die Sprache vernetzt, trennt/vereint und überlebt uns nicht nur, sondern ist Medium und gleichzeitig Objekt, ein lustvolles Objekt, das der Kreativität im wörtlichen Sinne keine Grenzen setzt. Nicht nur der Dadaismus und die Konkrete Poesie der 60er-Jahre feiern wieder Auferstehung, das Spiel geht weiter und endet in der Visualisierung der in den Barcode umgesetzten Texte Eugen Gomringers durch den Künstler Josef Linschinger. Vielseitig - verspielt und ernst - sind die Literaten und Essayisten unterwegs, ausgewählt vom neuen Obmannstellvertreter Heinz Pusitz, der somit sein Debüt als „etcetera“-Heftredakteur gibt.
Genießen Sie den Ausritt auf dem aufgebrochenen Rücken der Sprache!
Ihre
Eva Riebler

 

 

Heinz Pusitz interviewt
SPRACH.LUST IN EINER PERSPEKTIVE

getrieben vom energiewerk der sprache und der lust zeigt sich im bild der ausgangspunkt für ein interview, das unbedingt stattfinden müsste.

ich setze ein interviewbild – ein mann vor einer gruppe männer und frauen, die ihn erwartungsvoll anblicken, dreht zwischen daumen und zeige- und mittelfinger eine blume und...

kein wort fällt, der mann macht keine anstalten zu einer erklärung oder zu einer aussage oder zu einem wortklang anzusetzen, auch die anwesenden männer und frauen schweigen...

dennoch: ein wattbild ist geschaffen, die grundierung und fundamentalisierung von kommunikation im schweigen. aus dem und im schweigen sprach.lust sich ertrachten, in den grenzgebieten von totalem sprachlichen, vorsprachlichem und schweigenkeiten.

das bild der gezwirbelten blume ist die frage1 – hier einige antworten aus der gruppe (das personenschutzgeheimnis bleibt gewahrt, niemand weiß, wer was geantwortet hat):²

– mir ist das lächeln vergangen: die ereignisse in amst. führen sprache als instrument der verschleierung und unterdrückung vor, - bei intelligenter handhabung der sprache wird jeder gewünschte lustgewinn durchsetzbar gemacht; die sprache ist eine soziale maske, die mit lust an einschränkung, zunehmender kränkung und vernichtung gehandhabt wird. schmuck zeichnet dies in dem nun erschreckend aktuellen artikel für das russland der 30er jahre nach. in einem abschnitt des prozesses scheint sprachlosigkeit, verstummen die folge zu sein.

– die körperlichkeit der blume ist karnevalesk. erfolgreich wird die unterscheidung von
offiziell-karnevalesk unterlaufen in charlotte roches text „feuchtgebiete“. der groteske körper

wird nicht mehr widerständig als ausdruck einer volkstümlichen lachkultur dem offiziellernstem entgegengesetzt, hier funktioniert er als teil der offziellen reality-lachkultur, in der die genauigkeit aller ausscheidungen nur mehr komisch ist.

– berdel konzeptualisiert den laut als laut im wienerischen. awadalla geht in diese richtung. ein interview müsste folgen.

– in abwandlung des sich als anwendung eines oulipo-verfahrens verstehenden beitrags margret kreidls wäre +7 beim wort „blume“ auf das alphabet bezogen: ISBTL, -7: UENFX. ein eigener bedeutungsraster müsste gefunden werden, annäherung an die kabbalistik.
Oulipo – L‘ Ouvroir de Littérature Potentielle, die werkstatt für potentielle literatur, geht von einer bewussten formalen selbstbeschränkung des sprachlichen materials aus.

– breton gab dem automatischen text größere breitenwirkung. soll ich es mit blume versuchen? skrletas écriture automatique mit nachtautomaTISCHmen im gefolge des surrealismus. man weiß auch um die verkleidungen hugo balls.

– in den spuren unica zürns, ein anagrammgedicht. thomas havlik bildet aus einem begrenzten buchstabenreservoir wörter im zeilentakt.

– extreme verdichtungen, visuell – ein wort pro zeile, peter waugh und das ganze.

– pusitz scheint auf: auch in den folgen eines sfd-seminars mit gerhard rühm:
story-geschichte & wittgenstein. eine rein visuelle umsetzung ohne einen mehrwert an bedeutung ist nicht konkrete poesie – wie der berühmte apfel döhls mit dem wurm. rühm: „nur eine illustrative verdopplung der aussage“, etwa apollinaires calligramme. und --- rühm: „so wurde in der konkreten poesie das hierarchische prinzip der syntax aufgebrochen und das wort als autonom verfügbares gestaltungselement freigesetzt.“

– linschingers konkrete kunst steht im gefolge eugen gomringers. 1930 manifestieren carlsund, van doesburg, hélion, tutundijan und wantz:

– das kunstwerk ist universal.
– das kunstwerk sollte genau konzipiert und geistig geformt sein, bevor es aufgeführt wird. Es sollte keine natürliche form, keinerlei sensualismus und sentimentalität enthalten. wir beabsichtigen lyrizismus, dramatik, symbolismus und dergleichen zu vermeiden.
– das gemälde sollte vollständig aus rein plastischen elementen konstituiert sein, das heisst aus flächen und farben. ein bildnerisches element hat keine andere bedeutung als sich selbst.
– die konstruktion eines gemäldes und seiner elemente sollte von einfacher und unmittelbarer anschaulichkeit sein.
– absolute klarheit sollte angestrebt werden.

daran hat sich nichts geändert.

– sysak denkt großbuchstaben mit: „Ich verlasse die dominante Gehirnhälfte, begebe mich auf die andere Seite, und die kosmische Übertragung beginnt. Alles ergibt sich scheinbar von SELBST, meine Hände gehorchen einem höheren Prinzip. Diese Herangehensweise ermöglicht mir den Weg in eine komprimierte Sprache, ich kann so die Worte zurück ins Universum schleudern (language is a virus from outer space). Und alles löst sich auf.“

– die blume als zeichen auf der haut. die frequenzerhöhung von chinesischen zeichen auf der haut. eine unabsehbare verzeitlichung im sinne fenollosas.

– felix mendelssohn spricht im originalzitat:
„wir können nicht alle genies sein, aber wir können ‚genießen‘. Die lust an der sprache weist uns den weg dorthin.“

– heftigste austrahlungen von allem der text von ashman. die erweiterung des bloomsdays. nichts geringeres.

– wenn in japan gesagt wird, wildschweine hören den ton und menschen die zwischenräume, dann ist das ein erster hinweis auf den wert des schweigens.

– kubaczeks zentrum ist das schweigen. ein teich wie im haiku, in dem sprache we(l)lt.

– wenn das gesagte vermehrt wird, erhöht sich auch das ungesagte. Das schweigen, das gemeint ist, ist ein schweigen, in dem die dialektische gegen- und widerseitige steigerung aufgehoben ist. ein schweigen ist ein schweigen, ist schweigen. maintenant, die sprache, der fall.



anmerkungen:
1. wir haben hiermit das genre des monosigetischen pikturalinterviews eingeführt,
– eine durch ein bild ausstrahlende frage und die daraus gewonnenen antworten

2. ein weiteres merkmal des monosigetischen pikturalinterviews. es harrt, das muss gesagt werden, noch der ausschöpfung.

 

INHALT etcetera 32 sprach.lust

03 Vorwort

INTERVIEWS

04 Heinz Pusitz: sprach.lust in einer perspektive
06 Amrit Metha: Österreich in Indien – Engagement und Blüte

ESSAYS

08 Felix de Mendelssohn: The Joys of Freud and Joyce (und Jacques Lacan)
09 Thomas Schmuck: Die Sprache überdauert den Körper

BILDENDE KÜNSTLER

07, 43 John Angelo Ashman
13-29, 44/45 Josef Linschinger
29, 44/45 Heinz Gappmayr
37 Wolfgang Sysak

PROSA & LYRIK

05 Bernadette Grabner: wortschatz
14 Margret Kreidl: plus minus sieben
15 Martin Kubaczek: AVOCADO
16 Daniela Beuren: 3 Lyriken
17 Markus Köhle: Verweiger mal wieder!
19 Hahnrei Wolf Käfer: für elfriede jelinek
19 John Angelo Ashman: Bl°°msday & zu:rück
21 Heinz Pusitz: III. Teil der Rechtschreibreform 08 Fasz. 6/1
22 Peter Waugh: 2 Lyriken
24 Erich Skrleta: nachtautomaTISCHmen
25 Manfred Chobot: Modelleisenbahnbauer
28 Dieter Berdel: drei weanarische lautgedichta
30 El Awadalla: dichdtn en baagg
32 Alexandra Berlina: Mind your head
33 Andrea Heinisch-Glück: 2 Lyriken
34 Sascha Wittmann: Sprachfrust
35 Eszter Váci: in der Regeneration
35 Thomas Havlik: Adam Hutscher hisst so
36 Wolfgang Sysak: Thorazin Lohengrin 13
38 Karin Schöffauer: weiter im gut! geht!
39 Martin Dragosits: LUFTQUADRAT
40 Nadja Bucher: sprechlust
40 Karin Ivancsics: GEWISSE GENE
42 Leonhard F. Seidl: Das Geständnis
44 Nikolaus Scheibner: ismael crickett – so ich werde

LitArena

46 Malte Borsdorf: Augustin

REZENSIONEN

48 grauenfruppe: Das Lexikon der Lust
50 Carina Nekolny: Stimmen/Ränder
50 Felix Mitterer: Der Panther
50 Franzobel, Sibylle Vogel: Moni und der Monsteraffe
51 Roman David-Freihsl/Christian Fischer: Rückkehr zur Strudelhofstiege
51 Michael Schnepf (Hrsg.): Verlagsführer Österreich 2008
52 Norbert Silberbauer: Sieben Sündenfälle
52 Beppo Beyerl: Als das Lügen noch geholfen hat
53 Batya Horn & Christian Baier (Hrsg.): Pedanten und Chaoten
54 Maria Eliskases: Quellenweg
54 Anton Szyanya: Heilige Scheine.
Marco d’Aviano, Engelbert Dollfuß u. der österr. Katholizismus
55 Alfred Warnes: Ortsfestes Hoch – Tief
55 Jürg Amann: Pornographische Novelle