37/ Prosa: Spiegelei und Pommes. Emily Walton

Emily Walton
SPIEGELEI UND POMMES

 

Du warst so hässlich.

Das ist das einzige, was mir meine Mutter je über meine Geburt erzählt hat.

Es war im Juni, der 26. des Monats, ein Sonntag vor 29 Jahren. Um 2.05 Uhr hat sie mich im Kreissaal des Diakonissenkrankenhauses aus sich herausgepresst. Danach wollte sie mich nicht sehen. „Weg“, schnaufte sie, als der Arzt mich auf ihre Brust legen wollte.

Mit einer erschöpften  Handbewegung winkte sie mich fort.

 

Ich entsprach nicht ihren Vorstellungen. Ich passte nicht zu ihrem Wunschbild, das sie halluziniert hatte bei jeder  Kontraktion der Gebärmutter, bei jeder Anspannung der Bauchmuskeln, bei jedem Atemprusten und  jedem Schrei, den sie ausstieß, als sie mich Millimeter für Millimeter durch den Muttermund presste.

Statt des ersehnten glucksenden Wesens mit Pfirsichwangen und Penatenduft kam ich zur Welt. Ich. Ein von Blut, Zellflüssigkeit und ihrem eigenen Ausfluss beschmiertes Wesen. In den Falten meiner zerknitterten Haut sammelte sich der Schleim, mein blonder Flaum war von ihrem Käse verklebt.

 

„Du musst das verstehen. Sie hat sich vor Blut geekelt“, sagt  mein Vater.

Er sitzt mir gegenüber und taucht zwei Pommes in Ketchup. Es kracht, er schmatzt und ich sehe den rot-weißen Brei in seinem Mund. Jedes Mal wenn mein Vater Spiegelei mit Pommes isst, erzählt er von meiner Geburt.  Dass ich sie 20 Stunden lang quälte: meine Mutter, die Ärzte, die Hebamme, ihn. 38 Stunden hat er nichts gegessen und sein Bauch knurrte so laut, dass er meinen ersten Schrei beinahe überhörte. Zu Hause machte er sich Spiegelei mit Pommes. Dann, erst beim Essen, erzählte er es den Großeltern, Tanten und seinem besten Freund am Telefon.

Es ist immer die gleiche Geschichte.

 

„Hatte sie Hunger?“, frage ich. Mein Vater sagt, er wisse es nicht.

Er weiß auch nicht, wie sie sich gefühlt hat, als mein Kopf sich durch ihre Vagina drängte und die Haut sich wie ein Regenschirm dehnte. Er weiß nicht, wie sich das Loch in ihrem Körper anfühlte, als der Uterus nach neun Monaten plötzlich leer war wie ein schlapper Infusionsbeutel. Er weiß nicht, ob ihre Kehle vom Stöhnen kratzte, ob sie die verklebten Härchen an der Innenseite ihrer Oberschenkel spürte, oder ob sie sich schäbig fühlte, weil sie nach saurem Schweiß und Fruchtwasser roch.

 

„Du warst so hässlich.“ Nur das hat meine Mutter mir zu meiner Geburt gesagt. Oft lachte sie über ihren Ekel. Und manchmal legte sich ihre Stirn in Falten und sie rümpfte die Nase, als könne sie die ausgestoßene Plazenta noch riechen.

 

Wusste sie schon bei der Ejakulation meines Vaters  (es muss im Oktober gewesen sein), dass sich eines seiner Spermizide bald in ihrer Eizelle einnisten würde? Hat sie auf ihre Hand gepinkelt, als sie auf den Plastikstab des Schwangerschaftstests urinierte? Kam ihr die Galle hoch, als der Frauenarzt ihr beim Ultraschall mit kaltem Gel über den Bauch strich?

Hat es sie gekitzelt?

 

Wir haben nie darüber geredet. 27 Jahre nicht.

Seit 11 Wochen bin ich schwanger, seit zwei Jahren ist meine Mutter tot.

Ich vermisse sie.

 

Emily Walton: Geboren 1984 in Oxford/ England, zog 1992 nach Salzburg. Studierte Journalismus und Medienmanagement in Wien und arbeitet heute bei der Tageszeitung "Kurier". Daneben schreibt sie für Lifestyle-Magazine, Theater-Zeitschriften und Feuilleton-Magazine sowie seit kurzem auch Prosa und Lyrik. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien.