37/ Prosa: Die lieben Kritiker. Andreas Gruber
Andreas Gruber
DIE LIEBEN KRITIKER
Ein Dichter ist ein Wesen,
das imstande ist, ein Pferd zu verschlucken
und dafür eine Dampflokomotive auszuspucken.
Jean Cocteau (1889 – 1963)
Warum setzt man sich stundenlang an den PC, riskiert eine Sehnenscheidenentzündung im Handgelenk, eine Thrombose in den Beinen, eine Ozonvergiftung vom Laserdrucker, Migräne vom Bildschirmflimmern, oder riskiert einen Herzinfarkt, weil das Scheiß-Word-Programm wieder einmal abgestürzt ist, ohne die genialen Änderungen der letzten Stunde gespeichert zu haben? Warum kämpft man verzweifelt mit HTML-Codes, weil sich die Fuck-Webseite nicht updaten lässt, bekommt nie Geld überwiesen, weil man signierte Bücher leutselig ohne Rechnung verschickt, kommt zu Lesungsterminen, um festzustellen, dass das Mikro nicht funktioniert und die dämliche Buchhändlerin vergessen hat, die eigenen Bücher zu bestellen, obwohl man ihr fünf e-mails mit allen Titeln und ISBN-Nummern geschickt hat? Warum reißt man sich täglich den Arsch auf, um die Texte zum elften, zwölften und dreizehnten Mal zu überarbeiten, bis sie einem wie eine vertrocknete Spaghetti aus dem Hals hängen, während sich die Familie auf der Liegewiese des Freibads bräunen lässt, abends im Kino Nicknacks futtert oder sich mit Freunden bei einem Grillfest mit Cola Rum zuschüttet, hängt stundenlang am Telefon, um sich von seinem Literatur-Agenten voll labern zu lassen, weil das neue Manuskript ein Crossover-Projekt ist, das sich in keine Schublade einordnen lässt, aber der Folge-Entwurf, der sich zwar schubladisieren lässt, zu wenig erfrischend ist? Ihr Manuskript ist gut und originell. Nur sind die guten Teile nicht originell, und die originellen nicht gut. Samuel Johnson wusste, wie man Autoren zur Sau macht!
Warum zum Teufel tut man sich das also an? Damit ein pickelgesichtiger Rezensent, der gerade mal zwanzig Jahre alt geworden ist, im Gymnasium eine fünf in Deutsch hatte, selbst nur verkorkste Lyrik schreibt, die er niemandem zeigt, und als Vergleich bloß die Verfilmungen von Das Parfum, Schlafes Bruder und Fräulein Smillas Gespür für Schnee vom Hören-Sagen kennt, solche Urteile im Internet postet, wie „die Handlung ist nicht einmal so unoriginell, der nicht untalentierte Autor hat eine gar nicht einmal so unspannende Story geschrieben.“ Ha, ich könnte kotzen!
Eigentlich wollte ich nicht darüber schreiben, aber wenn ich es nicht tue, kommt mir die Galle hoch! Könnt ihr nicht schreiben, die Handlung sei originell? Müsst ihr schreiben die Handlung sei nicht einmal so unoriginell? Ja was ist denn das für eine Methode, ein Buch zu vernichten? Nicht unoriginell, nicht unwitzig, nicht uninteressant, nicht niveaulos, nicht einfallslos, nicht unstrukturiert, nicht an den Haaren herbeigezogen. Welcher Eindruck bleibt da beim Leser hängen? Unoriginell, unwitzig, niveaulos, an den Haaren herbeigezogen!
„Oh, wie fiel eigentlich die Rezension des neuen Buches aus?“
„Nun, es war keine nicht un-negative Besprechung.“
Und falls ihr Rezensenten mal auf die Idee kommt, etwas Positives auch positiv zu formulieren, dann klingt das meist so: Die Handlung ist durchaus interessant, mitunter spannend, insgesamt recht gut gelungen, bietet einige originelle, kurzweilige Ideen und kann eigentlich im Großen und Ganzen durchaus weiterempfohlen werden. Bullshit! Was zum Teufel heißt denn bitte durchaus und eigentlich? Solche Wörter verwenden nur meinungs- und rückgratlose Opportunisten! Wir Autoren nennen es beim Namen, andernfalls wären wir Politiker oder Stadträte geworden! Entweder wir finden etwas gut oder nicht. Punkt! Stellen Sie sich nur folgenden Dialog zwischen dem künftigen Ehepaar am Vorabend der standesamtlichen Trauung vor:
„Willst du mich immer lieben, achten und ehren, solange du lebst?“
„Mitunter.“
„In guten wie in schlechten Zeiten?“
„Durchaus.“
„Und zur Frau nehmen, bis dass der Tod uns scheidet?“
„Bisweilen.“
„Liebst du mich?“
„Eigentlich schon.“
„Findest du mich attraktiv?“
„Du bist zumindest nicht unhübsch.“
Peng! Der Koffer schnappt zu, und sie sitzt schon im nächsten Zug zur Mama.
Liebe Leser, glaubt bitte nicht alles, was von Leuten verzapft wird, die meinen, alle Bücher zu kennen und gelesen zu haben. Das Problem der Kritiker ist ja nicht, dass ihnen ein Buch oft missfällt, sondern dass sie so tun müssen, als wüssten sie auch, warum.
Andreas Gruber: Geboren 1968 in Wien, lebt verheiratet in Grillenberg in Niederösterreich. Veröffentlichung zahlreicher Kurzgeschichten in Magazinen und Anthologien. Dreifacher Gewinner des Deutschen Phantastik Preises, zuletzt mit dem Roman „Der Judas-Schrein“ (Festa Verlag). Arbeitsstipendium Literatur 2006 und 2008 des österreichischen Bundeskanzleramts.